Chemie und Chemiedidaktik in Äthiopien Von Hans-Dieter Barke und Günther Harsch
Seit zehn Jahren engagieren sich Chemiedidaktiker aus Münster für die Chemikerausbildung in Afrika, denn eine gute naturwissenschaftliche Ausbildung ist essenziell für eine positive Entwicklung.
"Food is the moral right of all who
are born into this world". Mit diesen
Worten begann Belay Kassa, Präsident
der Haramaya University in
Harare, Äthiopien seinen Plenarvortrag.
Auf Einladung der Chemical Society
of Ethiopia (CSE) nahmen wir
im Februar am Jahreskongress der
Gesellschaft teil. Es ging um das Thema,
welche Rolle die Chemie in der
Landwirtschaft übernimmt, um die
Nahrungsmittelversorgung in Äthiopien
sicherzustellen.
In seinem Vortrag wies der Präsident
auf positive Entwicklungen in
Äthiopien hin: Benötigten im Jahr
2003 noch elf Millionen Äthiopier
Nahrungsmittelhilfe (Food Assistance),
waren es in diesem Jahr nur etwa
fünf Millionen. Auch steigert der
Staat stetig seine Aufwendungen für
die Entwicklung der Landwirtschaft - im Gegensatz zu anderen afrikanischen
Staaten. Allerdings beklagte
Belay, dass die Bevölkerung Äthiopiens
um zwei Millionen Menschen
pro Jahr wächst: Heute hat Äthiopien
etwa 80 Mio Einwohner, für das Jahr
2050 erwartet man 150 Millionen.
Dies bringt gewaltige Probleme mit
sich und es sind deshalb noch viele
Jahrzehnte Lebensmittel einzuführen,
ehe Äthiopien von der Ernährungssicherheit
zur Ernährungssouveränität
gelangt.
Belay Kassa betonte, dass zur Besserung
der Lage Äthiopiens die höhere
Bildung auszuweiten ist. Es war
deshalb kein Zufall, dass der Kongress
erstmals einen vollen Nachmittag
der Ausbildung von Chemielehrern
widmete: Wir waren eingeladen,
um über "Fehlvorstellungen der
Schüler und deren Prävention" und über "Entdeckendes Lernen und vernetztes
Denken" zu referieren.
Nur wenige Bachelor-Absolventen studieren weiter und erwerben den Master of Science oder gar den PhD in Chemie. Dies sind dann die Chemiker, die in die wenigen Großbetriebe des Landes gehen. Für die meisten ist allerdings der Weg als Dozent an die neuen Universitäten des Landes vorgezeichnet: Mit Hilfe der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit sind in Äthiopien mehr als zehn neue Universitäten im Aufbau, für die man demnächst eine große Zahl an Dozenten benötigt.
Yonas Chebudie, der in Wuppertal studiert hat und ausgezeichnet deutsch spricht, kennt die Probleme der Chemikerausbildung: Zunächst sind es die Unterkapazitäten der Mitarbeiter in dem Department und der zu geringe Etat. Problematischer erscheint es ihm, dass es keine Experimentalvorlesungen und schon gar keine Grundpraktika gibt, wie sie in Deutschland Standard sind. Und wenn es gilt, für besondere Forschungszwecke Geräte und Chemikalien aus Drittmitteln zu bestellen, dann dauert es bis zur Lieferung oft ein Jahr - und wenn bezahlt wird, will der Staat den Rechnungsbetrag noch einmal als Steuern. So bleibt es in der Forschung oft bei Produkten aus Äthiopiens reichhaltiger Natur und deren Analyse. Tarekegn Gebreyesus begann zum Beispiel mit maritimer Forschung am äthiopischen Ozean; seit der Abspaltung Eritreas von Äthiopien musste er sie aber einstellen.
Artikel zum Thema Gehalt chemische Industrie
Durch ein Tansania-Projekt von Wolfgang Czieslik, Gymnasium Bad Schwartau, und mit Spenden der chemischen Industrie reisten wir im Jahr 2003 mit der Chemielehrerin Hilde Wirbs nach Moshi in Tansania, um dort Chemielehrer an Experimentierboxen auszubilden. Diese Boxen im Wert von etwa 150 Euro enthielten das Material für Low-cost-Experimente und Strukturmodelle, um damit einige Schulthemen lebendig werden zu lassen. Nach dem Seminar erhielten die Teilnehmer die Boxen. Zum Abschluss des Projekts brachten wir einige der Experimentierboxen auf Einladung des damaligen Dekans des Departments Chemie Tarekegn nach Addis Abeba, um dort ebenfalls ein Seminar durchzuführen. Die Boxen sind dort vervielfältigt worden und dienen noch heute in manchen Schulen für den Experimentalunterricht in Chemie.
Damals bat uns nach einem experimentellen Workshop für Chemielehrer der Masterstudent Sileshi Yitbarek um eine Einladung für ein Promotionsstudium an unserer Uni in Münster, die wie gerne aussprachen. Damit und nach ausführlichen Interviews zu seinen Forschungsplänen erhielt er vom DAAD ein Stipendium, um bei uns zu promovieren. Sileshi Yitbarek, unser zweiter Promotionsstudent aus Äthiopien, hatte übrigens bei Temechegn Engida seine Masterarbeit zu "Misconceptions in Chemistry" verfasst.
Nach seiner Heimreise initiierte er mit Kollegen ein erstes Doktorandenseminar in der Chemie- und Physikdidaktik an der AAU: Man will die Didaktik der Naturwissenschaften schnell besetzen, um die Lehrerausbildung an den neuen Universitäten im Lande zu verbessern. Deshalb erhielten wir für Februar dieses Jahres eine Einladung (bezahlt durch die Swedish International Development Agency), das Seminar für Doktoranden in der Chemie- und Physikdidaktik mit einem Ausbildungsmodul zu starten. Wir wollen unsere Arbeit fortsetzen, denn es bleibt auch für die nächsten Jahre genug zu tun, um Doktoranden auszubilden, Dissertationen zu betreuen und mündliche Doktorprüfungen abzunehmen.
Über die Autoren
Hans-Dieter Barke ist seit dem Jahr 1996 Universitätsprofessor am Fachbereich Chemie und Pharmazie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Günther Harsch ist seit dem Jahr 1990 Professur für Didaktik der Chemie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Oktober 2010
Chemiedidaktik und Chemikerausbildung in Äthiopien
Am Rande des Kongresses erläuterten uns der Präsident der CSE, Yonas Chebudie, und sein Vorgänger Tarekegn Gebreyesus die Struktur und Situation der Chemikerausbildung an der Universität Addis Abeba (AAU), an der beide als Professoren lehren und forschen. Die Universität ist die einzige des Landes, die Chemiker ausbildet. Das Department Chemie ist eingebettet in die Fakultät für Chemie und Physik (Abbildung 1). Es bildet mit etwa 30 Professoren und Dozenten ungefähr 120 Studierende pro Jahr aus, die mit dem Bachelor of Science die Universität verlassen. Sie werden Laboranten und Mitarbeiter in kleinen chemischen Betrieben - und nach einem weiteren Jahr Ausbildung Chemielehrer (Postgraduated Studies in Chemical Education).Nur wenige Bachelor-Absolventen studieren weiter und erwerben den Master of Science oder gar den PhD in Chemie. Dies sind dann die Chemiker, die in die wenigen Großbetriebe des Landes gehen. Für die meisten ist allerdings der Weg als Dozent an die neuen Universitäten des Landes vorgezeichnet: Mit Hilfe der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit sind in Äthiopien mehr als zehn neue Universitäten im Aufbau, für die man demnächst eine große Zahl an Dozenten benötigt.
Yonas Chebudie, der in Wuppertal studiert hat und ausgezeichnet deutsch spricht, kennt die Probleme der Chemikerausbildung: Zunächst sind es die Unterkapazitäten der Mitarbeiter in dem Department und der zu geringe Etat. Problematischer erscheint es ihm, dass es keine Experimentalvorlesungen und schon gar keine Grundpraktika gibt, wie sie in Deutschland Standard sind. Und wenn es gilt, für besondere Forschungszwecke Geräte und Chemikalien aus Drittmitteln zu bestellen, dann dauert es bis zur Lieferung oft ein Jahr - und wenn bezahlt wird, will der Staat den Rechnungsbetrag noch einmal als Steuern. So bleibt es in der Forschung oft bei Produkten aus Äthiopiens reichhaltiger Natur und deren Analyse. Tarekegn Gebreyesus begann zum Beispiel mit maritimer Forschung am äthiopischen Ozean; seit der Abspaltung Eritreas von Äthiopien musste er sie aber einstellen.
Artikel zum Thema Gehalt chemische Industrie
Chemische Entwicklungshilfe
Das noch schwerer wiegende Problem in der Ausbildung von Chemielehrern liegt darin, dass keine Experimentalpraktika und insbesondere keine Praktika für Experimente der Schulchemie stattfinden. Das war für uns im Jahr 2000 der Anlass, um - mit DAAD-Kurzzeitdozenturen ausgerüstet und mit mehreren Kisten Experimental- und Modellmaterial bepackt - an die AAU zu reisen und solche Praktika anzubieten. Den Anstoß gab damals die Rückkehr unseres NRW-Stipendiaten Temechegn Engida, der nach vier Jahren in unserem Institut für Didaktik der Chemie an der Uni Münster promoviert worden war. Er ist heute als Unesco-Beamter zuständig für die Lehrerausbildung in 46 Ländern Afrikas - und vermittelt mit dem Hintergrund der münsterischen Chemiedidaktik seine Kenntnisse an viele Kollegen. Er ist gegenwärtig auch gewählter Präsident der Federation of African Societies of Chemistry und wird in dieser Funktion den Iupac-Kongress im Februar 2011 in Addis Abeba ausrichten. Temechegn Engida kam seinerzeit mit einem Besuchsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Deutschland - Winfried Schäker, Professor von der Uni Leipzig, lehrte in diesen Jahren an der AAU und initiierte den Besuch und andere Austauschaktivitäten für äthiopische Studierende.Durch ein Tansania-Projekt von Wolfgang Czieslik, Gymnasium Bad Schwartau, und mit Spenden der chemischen Industrie reisten wir im Jahr 2003 mit der Chemielehrerin Hilde Wirbs nach Moshi in Tansania, um dort Chemielehrer an Experimentierboxen auszubilden. Diese Boxen im Wert von etwa 150 Euro enthielten das Material für Low-cost-Experimente und Strukturmodelle, um damit einige Schulthemen lebendig werden zu lassen. Nach dem Seminar erhielten die Teilnehmer die Boxen. Zum Abschluss des Projekts brachten wir einige der Experimentierboxen auf Einladung des damaligen Dekans des Departments Chemie Tarekegn nach Addis Abeba, um dort ebenfalls ein Seminar durchzuführen. Die Boxen sind dort vervielfältigt worden und dienen noch heute in manchen Schulen für den Experimentalunterricht in Chemie.
Damals bat uns nach einem experimentellen Workshop für Chemielehrer der Masterstudent Sileshi Yitbarek um eine Einladung für ein Promotionsstudium an unserer Uni in Münster, die wie gerne aussprachen. Damit und nach ausführlichen Interviews zu seinen Forschungsplänen erhielt er vom DAAD ein Stipendium, um bei uns zu promovieren. Sileshi Yitbarek, unser zweiter Promotionsstudent aus Äthiopien, hatte übrigens bei Temechegn Engida seine Masterarbeit zu "Misconceptions in Chemistry" verfasst.
Nach seiner Heimreise initiierte er mit Kollegen ein erstes Doktorandenseminar in der Chemie- und Physikdidaktik an der AAU: Man will die Didaktik der Naturwissenschaften schnell besetzen, um die Lehrerausbildung an den neuen Universitäten im Lande zu verbessern. Deshalb erhielten wir für Februar dieses Jahres eine Einladung (bezahlt durch die Swedish International Development Agency), das Seminar für Doktoranden in der Chemie- und Physikdidaktik mit einem Ausbildungsmodul zu starten. Wir wollen unsere Arbeit fortsetzen, denn es bleibt auch für die nächsten Jahre genug zu tun, um Doktoranden auszubilden, Dissertationen zu betreuen und mündliche Doktorprüfungen abzunehmen.
Über die Autoren
Hans-Dieter Barke ist seit dem Jahr 1996 Universitätsprofessor am Fachbereich Chemie und Pharmazie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Günther Harsch ist seit dem Jahr 1990 Professur für Didaktik der Chemie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Oktober 2010
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