Gottgefällige Banker VON SABRINA EBITSCH
Die Universität Straßburg bietet einen internationalen Studiengang für islamisches Finanzwesen an.
© ROBERT ROBINSON - iStockphoto.comJährlich spezialisieren sich 20 bis 30 Studenten an der Universität Straßburg auf die Arbeit im islamischen BankwesenWeill forscht schon länger zum Einfluss der Religionen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Da traf es sich gut, dass die Regierung in Paris begann, die Etablierung des islamischen Finanzwesens zu fördern. Gleichzeitig meldeten Banken aus dem Mittleren Osten verstärkt Interesse am französischen Markt an. Die Gründung des Studiengangs war trotzdem keine Reaktion auf die weltweiten Turbulenzen in der Finanzwirtschaft. Von ihnen profitiert haben die Straßburger aber durchaus. »Das islamische Finanzwesen ist ein Gewinner der aktuellen Finanzkrise, weil das Interesse an ihm wächst«, sagt Weill. Und natürlich ist die Aufmerksamkeit auch deshalb so groß, weil es aufgrund seiner religiösen Vorschriften von der Krise nicht betroffen war. Sein Fundament ist der Glaube, dass mit Geld selbst kein Geld verdient werden soll - ein Prinzip, das umgekehrt in der Finanzkrise wie ein Brandbeschleuniger gewirkt hat. »In der Praxis bedeutet das, dass spekulativer Handel und Derivate nicht erlaubt sind«, sagt Weill. Neben Risikogeschäften und Spekulation sind aber auch Geschäfte mit Unternehmen tabu, die zu hohe Schulden haben oder zu wenig Eigenkapital mitbringen. Auch Leerverkäufe sind untersagt, weil dem Bankenhandel stets reale Güter zugrunde liegen müssen.
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»Wir haben außerdem Studenten, die gezielt in den Golfstaaten oder in Nordafrika arbeiten wollen oder auch in Großbritannien, wo es viele islamische Finanzinstitutionen gibt«, sagt Weill. Im vorigen Jahr wurde außerdem die Chaabi Bank gegründet, die erste islamisch orientierte Bank in Frankreich, die wohl einige Straßburger Studenten übernehmen wird. Dass sich bisher noch kein deutscher Student nach Straßburg verirrt hat, liegt auch daran, dass die Banken hierzulande bislang eher zögerlich auf das islamische Finanzsystem reagieren. Aber das Interesse steigt. 2010 hat mit der Kuveyt Türk Bank in Mannheim die erste Bank er öffnet, die ausschließlich Scharia-konforme Anlagen anbietet. Die eigene Religion spielt bei der Bewerbung um einen Studienplatz in Straßburg oft eine Rolle. »Viele unserer Studenten sind Muslime, die wissen wollen, wie Finanzgeschäfte im Einklang mit dem Islam funktionieren können«, sagt Weill. Einer von ihnen ist Amine Nait-Daoud, Franzose mit marokkanischen Wurzeln. »Die Spezialisierung hat mich gereizt, auch weil es das erste Studienprogramm dieser Art in Frankreich mit renommierten Dozenten war«, sagt er. »Ich wollte zur Entwicklung eines neuen Geschäftsfelds beitragen. Es kann viel tun für diese neue Welt, die infolge der Systemkrise gerade entsteht.« Vor zwei Jahren gehörte er zu den ersten Studenten, die ihr Diplom erworben haben. Heute ist er 25 und Mitbegründer der Groupe 570, einem auf islamisches Finanzwesen spezialisierten Finanzdienstleister in Paris.
Er profitiere sehr von dem, was er in Straßburg gelernt habe, sagt Nait-Daoud. »Das Studium hat Türen aufgestoßen, die sich mir sonst nie geöffnet hätten - etwa Kontakte und Aufträge in der Golfregion oder in London.« Die Nische hinter diesen Türen wächst. Gut 800 Banken verwalten weltweit 800 Milliarden Dollar gemäß islamischen Prinzipien - Tendenz steigend. Vielleicht auch deswegen, weil sich unter dem Strich aus vermeintlichen Einschränkungen eine solide konservative Finanzpolitik ergibt - mit höheren ethischen Standards, zumal nicht nur Investitionen in Produkte untersagt sind, die Muslimen verboten sind wie Alkohol oder Schweinefleisch; auch der Handel mit Waffen ist nicht erlaubt. Die Islamic Bank of Britain etwa wirbt genau damit neue Kunden an. Auch Nait-Daouds Groupe 570 behauptet von sich, »ethische Finanzen mit der Sensibilität des Islams« anzubieten. »Die Krise hat die Welt gezwungen, sich alternative ökonomische Modelle und Finanzsysteme genauer anzuschauen«, sagt der junge Finanzexperte. »Das islamische Bankwesen kann da eine Alternative sein, solange wir nicht versuchen, einfach nur die gängigen Praktiken Scharia-konform zu kopieren. Wir müssen die alten ökonomischen Denkmuster bei ihren Wurzeln packen.«
Aus DIE ZEIT :: 26.01.2012
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