Neue Wege: der Aachener Modellstudiengang Medizin Von Johannes Noth
Auch die RWTH Aachen nutzte die Novellierung der Approbationsordnung und entwickelte im Jahr 2003 einen eigenen Modellstudiengang Medizin. Ein wesentlicher Kritikpunkt der alten Ordnung galt der Praxisferne des Studiums. Was ist das Besondere am Aachener Modell und wie wird es von den Studierenden beurteilt?
© RWTH AachenRWTH AachenDie Mehrzahl der Studienanfänger entscheidet sich aus humanitär-sozialen Erwägungen für das Medizinstudium. Da bedeuten vier naturwissenschaftliche Anfangssemester ohne Patientenkontakt Motivationsprobleme und Frustrationen. Klinische Lehre in relevantem Umfang zeitlich vorzuziehen, ist aber durch den bundeseinheitlichen Ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung nach dem 4. Semester mit seinem gewaltigen Stoffkatalog unmöglich.
Als die Novellierung der Approbationsordnung für Ärzte 2002 mit § 41 eine Modellstudiengangsklausel vorsah, stellte die RWTH Aachen bei der Landesregierung den Antrag auf Genehmigung eines Modellstudiengangs.
Was wurde geändert?
Eine wesentliche Prämisse der Planung war, dass der Modellstudiengang nicht für eine Untergruppe von Studierenden parallel zum Regelstudiengang durchgeführt wird, sondern den gesamten Jahrgang umfasst. Nur damit läuft das Modell unter realistischen finanziellen, personellen und infrastrukturellen Bedingungen. Ein Experiment mit einem Teil des Jahrgangs, das im Erfolgsfalle aus Kostengründen dennoch nicht auf die gesamte Jahrgangsstärke ausgedehnt werden kann, sollte vermieden werden.Der Aachener Modellstudiengang Medizin wurde nach intensiver Vorarbeit unter der Leitung von Herrn Professor Peter Kaufmann zum Herbst 2003 für alle Aachener Studienanfänger aufgenommen. Er weist folgende Neuerungen auf:
- Die starre Grenze zwischen Vorklinik und Klinik ist aufgehoben. Der Unterricht wird von der naturwissenschaftlichen Basis bis zur klinischen Anwendung interdisziplinär gestaltet (s. Abb. 1).
- Die klinisch-praktische Ausbildung von notfallmedizinischen Einführungswochen über Untersuchungskurse, interdisziplinäre Systemblöcke, klinische Blockpraktika und klinische Kompetenzkurse bis zum Praktischen Jahr wurde wesentlich intensiviert.
- Das Studium wird im Sinne einer Lernspirale in vier Abschnitte unterteilt: Zwei propädeutische Einführungssemester zur Angleichung des Wissensstandes; vier Semester mit interdisziplinären Organ/System-Blöcken; vier klinisch-praktische Semester; das Praktische Jahr. Der Übergang zum 2. Abschnitt sowie zum Praktischen Jahr setzt jeweils den erfolgreichen Abschluss des vorherigen Abschnitts voraus (s. Abb. 2).
- Eine von der Aachener Fakultät ausgerichtete universitäre Prüfung nach dem 6. Semester, die Ärztliche Basisprüfung (in Form einer Objective Structured Practical Examination - OSPE) ist Zugangsvoraussetzung für den dritten Studienabschnitt.
- Die vorklinisch-klinische Verzahnung in den organbezogenen Blöcken gewährleistet schon früh den Praxisbezug und eine direkte Gewichtung der gelehrten Theorie durch die klinische Praxis.
- Die Umstrukturierung des Studiums und der Einsatz studentischer Tutoren ermöglichen, bei unveränderter Jahrgangsstärke und unverändertem Lehrkörper, neben den traditionellen Vorlesungen, Praktika und Seminaren vermehrt Kleingruppenunterricht wie fallorientierte Seminare, tutorzentrierten Unterricht und problemorientiertes Lernen (POL) einzusetzen.
Die Individuellen Qualifikationsprofile
des Aachener Modellstudiengangs
Medizin nehmen zehn Prozent
des Stundenplans ein. Es sind Wahlpflichtfächer
aus Bereichen wie z.B.
Molekulare Medizin, Klinische Neurowissenschaften,
Medizin und Ethik, Infektiologie
oder Medizin und Technik.
Sie ermöglichen eine wissenschaftliche
Schwerpunktsetzung im Studium, die
z.B. in eine Promotion münden kann.
Im Skillslab "AIXTRA" (Aachener
interdisziplinäres Trainingszentrum für
medizinische Ausbildung) werden klinisch-
praktische Fertigkeiten trainiert.
Den Dozenten stehen Räume mit modernen
Trainings- und Simulationsmodellen
(z.B. High Fidelity Patient Simulatoren)
und eine entsprechende
Medienausstattung
zur Verfügung.
Mit Laien-Schauspielern
als Simulationspatienten
wird das Arzt-Patienten-
Gespräch unter Einsatz
von Videofeedback geübt.
AIXTRA wird durch
Medien-Skills-Räume
mit Büchern, Mikroskopen,
PCs mit Internetzugang
und Demonstrationsmodellen
ergänzt.
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![]() Abb. 1: Aufbau des Aachener Modellstudiengangs Medizin mit einer frühen Verzahnung von Theorie und Praxis. |
Das Qualitätsmanagement Lehre umfasst zudem Teach-the-Teacher-Programme, einen Progress Test Medizin, die Bewertung der Lehrveranstaltungen durch die Studierenden sowie regelmäßige Evaluierungen und Klausursitzungen.
Positive Bilanz
| Nach fünf Jahren Aachener Modellstudiengang Medizin hat die Fakultät im Herbst 2008 eine erste Bilanz gezogen: Die Freiheiten der Modellstudiengangsklausel der Approbationsordnung wurden genutzt, um das Studium der Medizin in Aachen zu verbessern. Der von neun Fakultäten vergleichend durchgeführte Progress Test Medizin unterstreicht diese Einschätzung. Ein Spitzenergebnis im CHE-Ranking belegt, genauso wie eigene Umfragen, die Zufriedenheit der Studierenden. |
![]() Abb. 2: Schema der vierfachen Lernspirale des Aachener Modellstudiengangs Medizin |
Über den Autor
Professor Johannes Noth ist Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen.
Aus Forschung und Lehre :: Mai 2009
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