Weder Junior noch Professor Von Martin Spiewak
Anders als geplant, hat die Juniorprofessur die Karrierechancen deutscher Nachwuchswissenschaftler kaum verbessert.
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Die Juniorprofessur sollte den Nachwuchswissenschaftlern nicht nur zu mehr Eigenständigkeit verhelfen, sondern ihnen auch halbwegs gesicherte Berufsaussichten eröffnen. Sechs Jahre lang durften sie ohne Vormund und mit eigenem Budget Studenten unterrichten, Prüfungen abnehmen und ihr eigenes Forschungsprofil entwickeln, um sich so für eine Lebenszeitprofessur zu qualifizieren. Als Anreiz für die Universitäten spendierte das Bundesforschungsministerium für jede neue Juniorprofessur eine Grundausstattung von anfangs 76 000, später 60 000 Euro. Sieben Jahre später haben nun die ersten Juniorprofessoren ihre Zeit hinter sich gebracht. Aber die Revolution der wissenschaftlichen Karriere ist ausgeblieben. Zwar haben alle Bundesländer die neue Position mittlerweile in ihre Hochschulgesetze übernommen. Der Versuch, die Juniorprofessur als einzigen Weg zur Professur per Bundesgesetz festzuschreiben, scheiterte aber bereits 2004 beim Bundesverfassungsgericht. 800 Professuren wurden zu Beginn geschaffen - mehr sind es bis heute nicht geworden.
Der steile Anstieg neuer Stellen endete jäh, als die Bundesförderung auslief. Während wenige Hochschulen wie Bremen, Göttingen oder die Humboldt- Universität zu Berlin mehrere Dutzend neuer Juniorprofessuren einrichteten, ignorierten andere Universitäten den neuen Weg nahezu völlig. Heidelberg etwa zählt gerade einmal sieben Juniorprofessuren, Tübingen nur vier. Fleißig habilitiert wird dagegen in Deutschland immer noch, im vergangenen Jahr 1800-mal. Paradoxerweise unterziehen sich sogar viele Juniorprofessoren dieser Prozedur - um ihre Chancen auf dem akademischen Arbeitsmarkt zu erhöhen.
Denn ihr größtes Versprechen hat die Reform nicht eingelöst: die bessere Planbarkeit einer wis senschaft li chen Laufbahn. »Sehr wenige Universitäten bieten ihren Juniorprofessoren eine berufliche Perspektive an«, kritisiert Andreas Taubert von der Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur. In der Regel folgt selbst bei bester Bewährung in Forschung und Lehre nach sechs Jahren die Entlassung. Denn nur ganze acht Prozent der neuen Nachwuchsstellen sind mit einem sogenannten Tenure Track ausgestattet. Dieses Verfahren - es stammt aus den USA - bedeutet: Wer viel leistet und positive Gutachten bekommt, wird mit einer unbefristeten Professur belohnt. In weiteren zwölf Prozent der Fälle existiert immerhin eine unbefristete Planstelle, für die sich der Juniorprofessor jedoch gegen Bewerber von außen durchsetzen muss (»kompetitiver Tenure Track«).
Andreas Taubert, der vor drei Jahren eine Nachwuchsstelle an der Universität Potsdam übernahm, darf auf keine der beiden Chancen hoffen. Die groteske Konsequenz: Vom ersten Tag seiner Juniorprofessur an bewarb er sich wieder weg. Nicht dass der Chemiker in Potsdam unglücklich wäre. Im Gegenteil, wie die meisten Kollegen schätzt Taubert seine Unabhängigkeit beim Forschen und Unterrichten. Er verfügt über eigene Räume und Mitarbeiter. Bei wichtigen Sitzungen der Fakultät, in denen es um Geld oder Stellen geht, sitzt Taubert mit am Tisch. Und für die Studenten ist der 36-Jährige ein Professor wie jeder andere. Von solchen Freiheiten konnte er auf seinem vorherigen Posten, wo er als Habilitand einem anderen Hochschullehrer zugeordnet war, nur träumen. Die mühsam aufgebaute Forschungsarchitektur nach sechs Jahren wieder abzubauen erscheint ihm als »reine Verschwendung«. Doch bisher ist keine Position in Sicht, die er nach seiner Juniorprofessur übernehmen könnte. Aus Angst, in drei Jahren vor dem Nichts zu stehen, studiert Taubert deshalb Stellenanzeigen, verschickt Bewerbungen und spricht bei anderen Universitäten vor. »Das kostet viel Kraft, die ich lieber in meine Forschungen stecken würde«, sagt Andreas Taubert.
Doch er hat keine Wahl. Wer als entlassener Juniorprofessor keine Anstellung an einer anderen Universität findet, dem droht das gleiche Schicksal wie den Tausenden von Habilitanden ohne Stelle. Für den freien Arbeitsmarkt sind sie mit Ende dreißig oft zu alt, ihre hohe Spezialisierung macht sie schwer vermittelbar. Entweder wandern sie ins Ausland ab, oder sie müssen sich mit eigenen Projekten über Wasser halten. Doch während Habilitierte immerhin noch mit einem Titel belohnt wer den und als Privatdozenten selbstständig lehren und forschen dürfen, bleibt Juniorprofessoren diese Möglichkeit häufig versperrt. Was als Sprungbrett gedacht war, wird zum Weg in die Sackgasse. Die Planungsunsicherheit hat zudem eine verhütende Wirkung. Fast die Hälfte aller Juniorprofessoren hat keine Kinder, so das Ergebnis einer neuen Untersuchung. Betrachtet man alle Nachwuchswissenschaftler zusammen, zählen die Kinderlosen in Nordrhein-Westfalen sogar rund 80, in Berlin 69 Prozent. »Die langen Qualifizierungszeiten machen - wenn überhaupt - erst eine späte Familiengründung möglich«, sagt Inken Lind, Projektleiterin der Studie Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft, die vergangene Woche in Bonn vorgestellt wurde.
Dabei hatten Fachleute in unzähligen Kommissionen und Expertisen immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Juniorprofessur als konkrete Karriereperspektive nicht attraktiv genug ist. Jedes Jahr reisen Politiker und Hochschulfunktionäre in die USA, um die große Gemeinde deutscher Wissenschaftsflüchtlinge zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Und jedes Jahr geben ihnen die Umworbenen die gleiche Antwort: Wir freuen uns, dass sich die Forschungsbedingungen dank der Exzellenzinitiative in der Heimat verbessert haben - doch eine sechsjährige Probezeit ohne Chance auf Weiterbeschäftigung ist weiterhin eine Zumutung. Auch Kurosch Rezwan wäre ohne Aussicht auf einen festen Job niemals nach Deutschland gekommen. Der Schweizer promovierte mit Auszeichnung an der ETH Zürich. Nach seiner Zeit als Postdoc am Londoner Imperial College erhielt der Fachmann für keramische Werkstoffe mehrere hoch dotierte Angebote aus der Industrie. Doch trotz geringerer Bezahlung entschied sich Rezwan für die Wissenschaft - und für Bremen. Die Universität der Hansestadt veredelt als eine der wenigen Hochschulen alle Juniorprofessoren, die nicht über Drittmittel finanziert werden, mit einem Tenure Track. Fünfzehn ehemalige Nachwuchsforscher haben mittlerweile eine reguläre Professur übernommen, vier Verfahren laufen gerade. Bremen habe die Einführung der Juniorprofessur als ein »strategisches Projekt der ganzen Universität« verstanden, sagt Uni-Rektor Wilfried Müller.
Am wichtigsten sei es dabei gewesen, so Müller, die Dekane für die Reform zu gewinnen. Denn es sind die Fachbereiche, die sicherstellen müssen, dass die Probeprofessoren nach sechs Jahren auf eine frei werdende Planstelle rücken können. Eine strenge Evaluation nach drei Jahren, bei der die Universität das Urteil von internationalen Gutachtern einholt, soll Fehlgriffe verhindern. »Das Verfahren ist aufwendig und erfordert ein geschicktes Personalmanagement«, sagt Müller. Wohl deshalb scheuen die meisten deutschen Universitäten den Tenure Track. Sie wollen sich möglichst lange alle Optionen offenhalten und sich erst spät auf eine Person festlegen. »Heute können sich die Hochschulen das noch leisten«, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat. Auf die meisten Ausschreibungen bekommen die Universitäten schließlich genug Bewerbungen. Um eine freie Stelle in den Geisteswissenschaften buhlen oft gleich mehrere Dutzend Interessenten. In den Naturwissenschaften dagegen sieht das schon anders aus. Und vielen Ingenieursfakultäten, die im Wettbewerb mit der Industrie stehen, fehlt schon jetzt der Forschernachwuchs. Kein Wunder, dass die wenigen Tenure-Track-Stellen in diesen Disziplinen angeboten werden. Die ausländischen Juroren des Exzellenzwettbewerbs, sagt Behrenbeck, äußerten ihre Überraschung darüber, wie viele deutsche Universitäten ihren wissenschaftlichen Nachwuchs in jahrelanger Unsicherheit halten. International konkurrenzfähig sei dieses Vorgehen nicht.
Im Fall von Kurosch Rezwan hat sich die Langzeitplanung jedenfalls gelohnt. Drei Jahre nach seiner Berufung schaffte der 34-Jährige, was nur ganz wenigen deutschen Forschern gelang: Er gewann einen der begehrten Nachwuchspreise des Europäischen Forschungsrats und holte 1,5 Millionen Euro nach Bremen. Als Anerkennung für seine Leistungen hievte die Universität Rezwan schon vor Ablauf der Sechsjahresfrist auf eine frei gewordene Professur. Der Übergang sei völlig reibungslos verlaufen, lobt der Forscher: »Ich konnte die gesamte Ausstattung meines Vorgängers übernehmen.«
Aus DIE ZEIT :: 15.10.2009
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