Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

661 Jahre jung - die Prager Karls-Universität


Von Kilian Kirchgeßner

An der Karls-Universität zu studieren, der ältesten Hochschule Mitteleuropas, ist eine Auszeichnung.

661 Jahre jung - die Prager Karls-Universität© Avfedorenko ? cs.wikipedia.orgFakultät für katholische Theologie, Karls-Universität Prag
Das Herz der Karls-Universität schlägt im Hinterhof, versteckt in einem Gewirr von Gassen mitten in der Prager Altstadt. Es ist dezent gesichert mit einer Videokamera, hinter der sich das Reich von Michal Svatos öffnet - das Archiv der Universität, das einer gewaltigen Zeitmaschine gleicht. Um sieben Jahrhunderte kann es die Zeit zurückspulen, vorbei am früheren Prager Professor Albert Einstein und dem böhmischen Reformator Jan Hus bis hin zu Karl IV. Es ist die Geschichte eines wichtigen Teils der abendländischen Bildung, die hier bei konstanter Luftfeuchtigkeit verstaubt; die Geschichte der ältesten Universität im deutschsprachigen Raum.

Zwischen all den alten Bullen, Dekreten und Thesenpapieren ist der Schreibtisch von Michal Svatos kaum zu sehen. Sein kleines Büro ist überladen mit Büchern, die Wände sind bis hoch zur Decke mit Regalen zugestellt, und auf der Tischplatte stapeln sich Papiere. Die Möbel sind allesamt Antiquitäten, so wie heute wird es auch schon vor 100 Jahren ausgesehen haben hier in der kleinen Kammer neben dem Archiv. »Die Karls-Universität «, sagt Svatos, »hat die ganze Region in Mitteleuropa geprägt.« Seit mehr als 35 Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte seiner Hochschule, die eine ganze Mannschaft an Forschern aufbietet, um die eigene Tradition zu durchforsten. Für die Uni ist das Wissen um die glorreiche Vergangenheit ein entscheidendes Kapital: Seit der politischen Wende steht sie plötzlich wieder im akademischen Wettbewerb, sie muss sich neu orientieren. Deshalb ringt sie derzeit mit den Lasten des Massenbetriebs, mit dem Erbe der sozialistischen Bildungspolitik und dem Anspruch auf elitäre Höhenflüge, zu dem allein schon ihre Vergangenheit verpflichtet.

Die Patina des Sozialismus ist in einigen Ecken noch da

Das alles merken die Studenten in ihrem Alltag: Wer an der Karls-Universität studiert, für den ist das eine Auszeichnung. In Tschechien, aber auch in der benachbarten Slowakei gilt die Prager Universität als die eine Akademie schlechthin, die alle anderen Unis in die Regionalliga verweist. Und es ist auch die modernste unter den Hochschulen des Landes: Aktuelle Computertechnik und neue Labors sind allenthalben zu finden, aber noch schaffen sie es nicht ganz, die Patina des Sozialismus zu verdrängen. An den historischen Gebäuden blättert oft noch der Putz, die Treppenhäuser sind seit Jahrzehnten nicht renoviert worden. Und auch die Budgets für Forscher wirken wie von gestern: Ein gestandener Professor verdient in Tschechien weniger als 1000 Euro im Monat. Die Gehälter im öffentlichen Dienst zählen im ganzen Land zu den magersten, und den Universitäten fehlt es am Geld, um die Gehälter aus dem eigenen Budget aufzustocken. »Wer hier unterrichtet«, sagt einer der Wissenschaftler, »der hat entweder nichts anderes gefunden - oder er brennt einfach für seine Arbeit.«

In den nächsten Jahren wird sich aber auch das auf westliches Niveau einpendeln, da sind sich alle Tschechen sicher. Und ohnehin ist gerade in Prag die Tätigkeit an der Universität eher Berufung als Beruf. »Hier in der Universität«, sagt Chefhistoriker Michal Svatos, »spiegelt sich die ganze europäische Geschichte seit dem Mittelalter wider.« Er sagt es mit einem stolzen Blick, denn für die Tschechen ist ihre Universität ein nationales Symbol: Als Karl IV., böhmischer König und später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Jahr 1348 die Akademie gründete, war es die erste Universität nördlich der Alpen und östlich von Paris. Unterrichtssprache war Latein, die Studenten kamen aus Bayern, aus Sachsen, Böhmen, Mähren oder Schlesien. Später wurde die Universität ebenso wie der Rest Europas in religiösen Konflikten zwischen Reformern und Traditionalisten aufgerieben, sie geriet unter österreichisch-ungarischen Einfluss und stand im 19. Jahrhundert wegen des aufkeimenden Nationalstaatsgedankens an der Frontlinie im Kampf zwischen Deutschen und Tschechen. 1882 führte das sogar zur Spaltung der Hochschule - in einen deutsch- und einen tschechischsprachigen Teil, beide mitten in Prag.

Die Karls-Universität von heute wirkt an einigen Stellen wie ein Freilichtmuseum, das mitten in der tschechischen Hauptstadt gelandet ist. Draußen strömen die Touristen vorbei auf ihrem Weg vom Altstädter Ring hinüber zum Pulverturm, die Blicke nach oben auf die prachtvollen Barockfassaden gerichtet und zu beiden Seiten der Gasse auf die Schaufenster, in denen die kitschigsten Vasen aus böhmischem Kristall ausgestellt sind. Der Eingang zum Karolinum, zum historischen Kern der Universität, bleibt für alle verschlossen, die nicht nach ihm suchen: Nur ein unscheinbares Messingschild kündet von einer der ältesten Universitäten Europas. An der schweren Holztür gleich daneben prallt der touristische Trubel ab, im Innern herrscht Stille. Hier ist der Eingang zu einem Komplex, der einen ganzen Straßenblock umfasst und so verzweigt ist, dass selbst Eingeweihte sich noch verlaufen. Dicht an dicht sind die historischen Gebäude aneinandergefügt, schmale Wege führen durch den Innenhof zu immer neuen Eingängen. Ein Kreuzgang ist noch erhalten mit seinem ursprünglichen gotischen Gewölbe, und dort oben, hinter den Fenstern, liegt die große Aula mit ihrem historischen Gobelin. Ein Stückchen weiter ist der berühmte Vaterlandssaal untergebracht und im Erd geschoss der Kaisersaal. In einem der Kellergeschosse unter dem Komplex liegt feuerfest verstaut die Gründungsurkunde von Karl IV., dem großen Herrscher des Heiligen Römischen Reichs. Draußen vor der Tür des Komplexes steht die riesenhafte Statue von Jan Hus, dem böhmischen Reformator, der auch Professor und Uni-Rektor war. Hier, mitten in der Altstadt, präsentiert sich die Karls-Universität mit ihrer gesammelten historischen Wucht.

Das Prag von Matthias Schöberl ist meilenweit entfernt von solchem Glanz. Blau und grau ist die Fassade des Hochhauses angemalt, in dem er wohnt, unter dem neuen Anstrich sind noch die einzelnen Betonplatten zu erkennen. »Herzlich willkommen im anderen Prag«, sagt er zur Begrüßung, er hat einen festen Händedruck und ein breites Lächeln. Matthias Schöberl kommt aus Deutschland, mit seinen 22 Jahren macht er bald den Bachelor in Medienwissenschaft. Er ist während seiner Monate im Ausland zum echten Prag- Fan geworden und hat sich weit vorgearbeitet in die Teile der Stadt, die noch nie ein Tourist gesehen hat. Sein Zimmer hat er am Rand von Prag: Mit der Straßenbahn, die in Tschechien tramvaj heißt, geht es immer weiter raus aus dem Zentrum, dreißig, vierzig Minuten geradeaus. Mit jeder Querstraße werden die Häuser grauer und kantiger, die beiden Waggons der alten sowjetischen tramvaj rumpeln hart über die Schienen. Von der End station im Vorort Hostivar aus sind es noch fünf Minuten zu Fuß bis zum Hochhaus von Matthias Schöberl. »Kolej« steht mit großen Buchstaben unten an der Tür - Studentenwohnheim. Von seinem Zimmer im dritten Stock aus blickt Schöberl auf eine triste Kulisse, Plattenbauten bis zum Horizont, unter seinem Fenster leuchtet abends die farbige Werbetafel der örtlichen Bierschenke. Drei mal vier Meter misst das Zimmer, Schöberl teilt es sich mit einem Kommilitonen aus Spanien. Doppelzimmer sind in Tschechiens Wohnheimen üblich. Dafür kostet das Bett nur 3000 Kronen im Monat, um gerechnet knapp 120 Euro - Warmwasser und Heizung inklusive.

»Als ich zum ersten Mal hierhin gekommen bin, war es mir schon ein wenig mulmig«, sagt er. Dabei war es seine eigene Entscheidung, ausgerechnet hier draußen zu wohnen. »Ich wollte so leben wie die meisten tschechischen Studenten.« Seitdem pendelt er jeden Tag ins Prager Zentrum, sein Fakultätsgebäude steht direkt am Ufer der Moldau, und aus dem Vorlesungssaal schweift der Blick hinüber auf die Prager Burg. Das mit der tschechischen Sprache fällt Schöberl noch schwer, die Seminare jedenfalls hört er lieber auf Englisch. Um die aktuelle Politik in Mitteleuropa geht es darin, um die tschechische Kinematografie seit der Wende oder auch um die Minderheitenpolitik der EU - ein speziell zugeschnittenes Kursangebot, bei dem die Gaststudenten etwas über ihre Wahlheimat lernen. »Was wir hier an Veranstaltungen geboten bekommen, ist mindestens so gut wie zu Hause an der Universität«, sagt Schöberl.

Genau das hat ihm an seiner Heimathochschule in Passau zunächst kaum jemand geglaubt. Den Universitäten in Mittelosteuropa haftet in Deutschland oft ein zweifelhafter Ruf an, in dem Skepsis mitschwingt und bisweilen auch etwas Herablassendes. »Wenn jemand mal nach Tschechien fährt, dann, um hinter der Grenze billig zu tanken. Diese Klischees haben sich immer noch gehalten«, sagt Schöberl. Passau ist nicht einmal eine Stunde von der tschechischen Grenze entfernt, und trotzdem saßen im universitären Tschechischkurs gerade einmal zehn Studenten - das Spanischseminar hingegen war rappelvoll. Dass er ausgerechnet in Prag studieren will, konnte am Anfang kaum einer seiner Kommilitonen verstehen. Nur um sich da billige Zigaretten zu kaufen, hielt ihm einer entgegen, brauche man doch nicht gleich Tschechisch zu lernen.

Das ist das Dilemma, vor dem die Karls-Universität heute steht. Michal Svatos, der Historiker, seufzt nur auf, wenn er daran denkt. »Was im Kommunismus passiert ist«, sagt er, »war der brutalste Eingriff in das Leben der Universität seit ihrer Gründung.« Offiziell hatte das vorher heilige akademische Leben auf einmal nur noch dienende Funktion gegenüber der Staatsideologie, der Kontakt zu den Wissenschaftlern im Westen brach ab. Und trotzdem rettete ausgerechnet die Karls-Universität den Nationalstolz, der in Tschechien untrennbar mit der ältesten Akademie Mitteleuropas verbunden ist: In den historischen Sälen, in denen schon der spätere Märtyrer Jan Hus dem römischen Diktat trotzte, formierte sich auch der Widerstand gegen den Sozialismus. Es waren dieselben Säle, in denen Jan Palach studierte, ein junger Mann, der nach der brutalen Niederwerfung des Prager Frühlings mit seiner Selbstverbrennung ein Fanal setzte. Heute hat er, der früher namenlose Student, an der Karls-Universität einen Platz in der Ehrengalerie, in fast jedem tschechischen Ort sind Straßen und Plätze nach ihm benannt. Als dann, zwanzig Jahre später, die sozialistische Macht zu bröckeln begann, waren es wieder die Studenten der Karls- Universität, die aus ihren Wohnheimen im Plattenbau ausströmten, um zu Tausenden das Regime hinwegzufegen.

Für die Karls-Universität von heute sind das die Legenden, die bei der Wiederauferstehung aus der sozialistischen Zeit helfen. Und manchmal mutet es fast wie eine Ironie des Schicksals an, dass ausgerechnet in den 40 Jahren Sozialismus heute ein wichtiges Kapital der Uni ruht: Für die akademische Welt in Osteuropa, für die Slowaken, Bulgaren, Ukrainer, für die Serben und die Russen, steht in Prag die östlichste Universität Westeuropas. Das ist schlicht eine Frage der Perspektive: Mit ihrer Tradition, mit ihrem jahrhundertealten Ruf gehört sie zum Westen, dank ihrer slawischen Wurzeln ist sie auch im Osten fest verankert. Ein Studienplatz in Prag ist deshalb in vielen Ländern eine prestigeträchtige Auszeichnung - und genau darin liegt die Chance für die Karls-Universität, die gerade schon dabei ist, sich als akademische Mittlerin zwischen Ost und West zu etablieren. Vom neuen Selbstbewusstsein, das die Prager gewonnen haben, zeugen auch die Entwicklungsprojekte, die das Rektorat stolz präsentiert. In einer Hochglanzbroschüre sind alle neuen Gebäude und Labors gezeigt, die in den kommenden Jahren entstehen sollen - als Computeranimationen inmitten einer blühenden Landschaft. Schon jetzt sind die Einrichtungen der Karls-Universität auf 160 verschiedene Gebäude im weiteren Umkreis von Prag verteilt; so rasant war das Wachstum über die Jahrhunderte, dass rund um die Keimzelle mitten in der Stadt einfach kein Platz für die Ex pansion mehr war.

Zur politischen Wende waren 20 000 Studenten eingeschrieben. Heute, nur 20 Jahre später, sind es knapp 50 000. »Wir müssen die Balance zwischen dem neuartigen Massenbetrieb und unserer Tradi tion als Forschungsuniversität noch finden«, sagt Michal Svatos in seinem Archiv. Dann schließt er kurz die Augen und sagt: »In ihren fast 700 Jahren hat die Karls-Universität so viele Änderungen und Transformationen mitgemacht, da werden wir auch die jetzige Phase bestens überstehen!«

Aus DIE ZEIT :: 26.02.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote