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"Am Ende wird es niemand gewesen sein" - Protest gegen Bologna-Reformen

 

Der katholische Hochschullehrer für Neues Testament an der Universität Mainz, Marius Reiser, hat aus Protest gegen die Bologna-Reformen sein Amt vorzeitig niedergelegt. Was sind die Hintergründe? Fragen und Antworten.

"Am Ende wird es niemand gewesen sein" - Protest gegen Bologna-Reformen© Prof. Dr. ReiserProf. Dr. Marius Reise
Forschung & Lehre: Warum haben Sie Ihr Amt als Hochschullehrer vorzeitig niedergelegt?

Marius Reiser: Ich liebe die akademische Freiheit und ohne sie hätte ich diesen Beruf nie ergriffen. Ab dem nächsten Semester müsste ich mich an einem modularisierten Studiengang beteiligen und mich in Vorgaben fügen, die ich für unsinnig halte.

F&L: Welche Vorgaben meinen Sie konkret?

Marius Reiser: Lehramtsstudenten mussten bisher eine dreistündige Einleitungsvorlesung hören, zu der auch eine Einführung in die Umwelt des Neuen Testaments, in Zeit und Kulturgeschichte gehörte. Jetzt soll ich für den Bachelor- Teil nur noch eine einstündige Vorlesung halten, d.h. Zeit- und Kulturgeschichte fallen weg. Ich soll das Neue Testament sozusagen in den geschichtslosen Raum hineinhängen. Für Seminararbeiten im Bachelor-Teil dürfen nur Themen vergeben werden, die in 14 Tagen zu bewältigen sind.

Da ist eine Einführung in wissenschaftliches Arbeiten nicht einmal ansatzweise möglich. Viele historische und literaturwissenschaftliche Aspekte des Neuen Testaments sind in den Vorgaben nicht unterzubringen. Das alles hängt mit der - rein theoretischen - Aufteilung des Studiums in einen nominell selbständigen Bachelorund einen daraufgesetzten Masterteil zusammen. Ich darf wegen dieses Widersinns das Studium nicht mehr als Ganzes planen.

F&L: Seit der Antike ist die Idee der Wahrheitssuche oder die Bildung "um ihrer selbst willen" umstritten. Schiller kritisierte die Brotgelehrten, die Humboldt- Schleiermachersche Universitätsreform richtete sich dezidiert gegen das fachschulorientierte französische Modell. Nietzsche sagte einmal: "Die Zeit der Sophisten - unsere Zeit". Gibt es heute eine grundlegend andere Situation?

Marius Reiser: In der Tat liegt das liberale, humanistisch bildungsorientierte Modell mindestens seit dem 18. Jahrhundert im Streit mit einem utilitaristischausbildungsorientierten Modell akademischer Bildung. Auch John Henry Newman setzt sich gründlich mit dieser Gegenposition auseinander. Im 19. Jahrhundert gewann aber das liberale Modell das Feld. Jetzt wird, ohne dass eine öffentliche Diskussion unter den Gelehrten und Sachverständigen stattfindet, den Universitäten das andere Modell aufgezwungen, und dies in einer unausgegorenen Form. So etwas hat es in der bisherigen Geschichte Europas meines Wissens noch nicht gegeben. Was die Sophisten angeht, scheint mir vor allem ihre Charakteristik durch Karl Jaspers sehr aktuell: Danach sind Sophisten Leute, die Interessen haben und ein bestimmtes Ziel verfolgen, dieses Ziel ist aber nicht unbedingt die Wahrheit. Die Wahrheit suchen sie nur so weit, als es ihren Zielen dient. In der Wissenschaft aber sollte es um die Wahrheit gehen und um nichts anderes.

F&L: Wer ist für den Ruin der Universität verantwortlich?

Marius Reiser: Das ist schwer zu sagen. Die Verantwortlichen können, so weit ich sehe, nicht eigentlich namhaft gemacht werden. Am Ende wird es wieder einmal niemand gewesen sein. Mir scheint jedoch, dass die Hauptverantwortlichen Politiker sind, die sich von einer rigorosen Verschulung wirtschaftliche Vorteile versprechen, die nur an das glauben, was gut verkäuflich und lukrativ ist. Aber das ist im Hinblick auf die Geisteswissenschaften und möglicherweise auch die Naturwissenschaften eine Milchmädchenrechnung, jedenfalls aber eine, die ohne den Wirt gemacht wird. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Politik sich immer mehr zu einem Lakai der Ökonomie entwickelt. Für diesen Ruin sind aber auch die Hochschulrektoren, die Leitungsorgane der Universitäten und nicht zuletzt die Professoren verantwortlich. Sie alle sind in einer merkwürdigen Naivität befangen. Die einen bilden sich ein, man könnte den Universitäten ein so revolutionäres System aufzwingen, ohne dass die Betroffenen groß mucksen, und die anderen bilden sich ein, man könnte sich schon irgendwie arrangieren. So war es in der Geschichte noch nie.
F&L: Was ist Ihrer Ansicht nach die Aufgabe der Universität?

Marius Reiser: Die Universität soll alle Bedingungen dafür bereitstellen, dass junge Menschen zu selbständig denkenden, urteilenden und handelnden Menschen werden können. Sie soll das Wissen um die jeweiligen Quellen der Erkenntnis vermitteln, die Fähigkeit zur kritischen Behandlung einer Sachfrage und die Freude an geistigen Erkundungsfahrten und Abenteuern. Ein Bibelwissenschaftler des 16. Jahrhunderts, Gaspard de Grajal, hat die Aufgabe der Universität einmal sehr schön umschrieben mit: "das Gewisse vom Ungewissen zu scheiden und das Wahrscheinliche von dem, was keinerlei Wahrscheinlichkeit hat".

F&L: Wie haben Ihre Kollegen reagiert? Gab es eher Zustimmung oder Ablehnung?

Marius Reiser: Meine unmittelbaren Kollegen reagieren zurückhaltend. Die meisten sind meiner Meinung, glauben aber, dass Widerstand sinnlos ist und dass man unter jedem System gute Vorlesungen halten kann. Ich habe aber auch eine Fülle von Zuschriften erhalten, die mir nicht nur uneingeschränkt zustimmen, sondern auch ihren Zorn und ihren Willen zum Protest ausdrücken. Ich schätze, dass mindestens 80 Prozent aller Professoren das alte System für besser halten und sich dem neuen nur widerwillig unterwerfen.

F&L: Was sagt das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium?

Marius Reiser: Nichts. Der Universitätspräsident hat mich nur bestellt, um mir seine Empörung über den Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kundzutun.

F&L: Die deutschen katholischen Bischöfe und der Vatikan haben sich am Bologna-Prozess beteiligt...

Marius Reiser: Leider. Der Vatikan wie die Bischofskonferenz wussten aber offenkundig nicht, was sie taten und worauf sie sich eingelassen haben. Die Kirche verkündet derzeit allerorten, dass wir uns an der Vernunft orientieren und den Menschen in den Mittelpunkt stellen sollen. Der Bologna-Prozess tut aber eher das Gegenteil. Damit hat die Kirche ihre Chance vertan, als Hort der intellektuellen und das heißt auch: der akademischen Freiheit aufzutreten. Aber sie kann es ja noch machen wie der verlorene Sohn im Gleichnis.

F&L: Werden Sie weiter wissenschaftlich arbeiten?

Marius Reiser: Das habe ich vor. An Projekten fehlt es mir nicht.

F&L: Was hat Ihre Familie zu diesem Schritt gesagt?

Marius Reiser: Meine Frau ist ganz einverstanden.


Über den Menschen
Marius Reiser ist seit 1991 Professor für Neues Testament an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Johannes- Gutenberg-Universität Mainz.

Aus Forschung und Lehre :: März 2009

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