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"Bildung macht immer Ärger"

Interview: Matthias Krupa und Martin Spiewak

Studentendemos, Elternproteste: Ministerin Annette Schavan über die Frage, warum Schulen und Hochschulen zum Kampfplatz geworden sind.

"Bildung macht immer Ärger"© Deutscher Bundestag - Liesa Johannssen/photothek.netDr. Annette Schavan, Bundesbildungsministerin, CDU
DIE ZEIT: Frau Schavan, hat die CDU die Bildungspolitik aufgegeben?

ANNETTE SCHAVAN: Wie kommen Sie denn darauf?

ZEIT: Können Sie uns profilierte Bildungspolitiker aus Ihrer Partei nennen?

SCHAVAN: Das hat mit Paul Mikat und Wilhelm Hahn begonnen, setzt sich fort mit Ministern wie Hans Maier, Bernhard Vogel oder Hans Zehetmair ...

ZEIT: Lauter Ehemalige!

SCHAVAN: Heute heißen sie Wöller, Olbertz, Rau, Heister-Neumann, Sommer ...

ZEIT: Ob im Saarland, Hamburg, Thüringen oder Schleswig-Holstein - überall dort, wo die CDU neue Koalitionen geschlossen hat, hat sie das Amt des Bildungsministers preisgegeben.

SCHAVAN: Im Bund ist das anders, wie Sie wissen. In den Ländern zeigt das, wie begehrt das Amt des Bildungsministers mittlerweile ist.

ZEIT: Umso wichtiger wäre es doch, den Posten für sich zu reklamieren.

SCHAVAN: Ich hätte es mir anders gewünscht. Nun ist es so, wie es ist. Aber darin liegt auch die Chance, über Parteigrenzen hinweg ideologische Gräben zu überwinden.

ZEIT: Unser Eindruck ist: Der CDU fehlt in der Bildungspolitik nicht nur das Personal, sondern auch das Profil. In einigen Bundesländern schafft sie die Hauptschule ab, in anderen kämpft sie für ihren Erhalt. Mal will sie die Grundschulzeit verlängern, mal nicht. Wofür steht heute christdemokratische Bildungspolitik?

SCHAVAN: Unsere Politik setzt auf ganzheitliche Bildung und Leistungsbereitschaft. Wir verstehen Bildungspolitik nicht als Sozialpolitik, sondern wollen den Einzelnen befähigen, selbstbewusst und selbstbestimmt sein Leben zu führen und seine Talente zu entwickeln.

ZEIT: Das könnte ein SPD-Politiker ähnlich formulieren. Worin besteht der Unterschied?

SCHAVAN: Ganz sicher im Erfolg. Ob in den Schulen oder den Universitäten: Überall, wo die CDU regiert, bei Pisa oder der Exzellenzinitiative, haben wir bessere Ergebnisse vorzuweisen.


ZEIT: Ihre Partei hat in den vergangenen Jahren alle Reformen mitgemacht, gegen die viele Schüler und Studenten jetzt protestieren: das Turbo-Abitur, die Einführung der Studiengebühren, die Verschulung der Lehre an den Hochschulen. Die Schüler und Studenten sehen darin eine Ökonomisierung der Bildung und setzen dagegen das Humboldtsche Bildungsideal. Dieser Vorwurf müsste doch gerade eine christdemokratische Ministerin umtreiben?

SCHAVAN: Wenn er denn richtig wäre. Er ist es aber nicht. Studiengebühren sind keine Frage der Ökonomisierung von Bildung, sondern der Gerechtigkeit. Ein Studium ist eine Investition in die Zukunft, an der auch die Nutznießer eines akademischen Abschlusses sich mit einem Beitrag beteiligen sollen. Sie bleiben richtig.

ZEIT: Obwohl die CDU sie im Saarland und in Hessen schon wieder abschafft oder bereits abgeschafft hat. Und die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre ...

SCHAVAN:... ist eine notwendige Modernisierung. Zum einen klagten nicht nur die Wirtschaftsvertreter, sondern auch viele Eltern, dass man in Deutschland im Schnitt erst mit 19,7 Jahren Abitur machte. Zum anderen gilt für das G 8 an den Schulen das Gleiche wie für die Bologna-Reformen an den Hochschulen: Ein Gymnasium für 50 Prozent eines Schülerjahrgangs muss anders aussehen, als wenn, wie früher, nur fünf Prozent diese Schulform besuchen. Deshalb habe ich in Baden-Württemberg als Kultusministerin die Verkürzung mit neuen Bildungsplänen verbunden, und ich kenne Hunderte Gymnasien, die sagen heute: Die Reform ist uns gut gelungen.

ZEIT: Für Bologna lässt sich das kaum behaupten.

SCHAVAN: Doch, durchaus. Denn es gibt unzählige Fachbereiche - gerade an Fachhochschulen -, welche die Umstellung auf Bachelor und Master hervorragend gemeistert haben. Aber grundsätzlich gesprochen: Stellen Sie sich doch vor, Deutschland hätte sich als einziges Land in Europa nicht an Bologna beteiligt. Sie würden jeden Monat einen saftigen Kommentar schreiben über die Vergangenheitsbesessenheit der deutschen Bildungspolitiker, die sich einbilden, mit Humboldts Schriften, die verfasst wurden, als nur ein Prozent eines Jahrgangs studierte, die Universität des 21. Jahrhunderts zu gestalten!

ZEIT: Ist Humboldt denn nicht mehr zeitgemäß?

SCHAVAN: Humboldt ist die Keule der Strukturkonservativen, die von denen herausgeholt wird, die nichts verändern wollen. Wir müssen ihn neu denken. Denn schauen wir uns doch die Situation vor der Bologna-Reform an: Es gab Abbrecherquoten von bis zu 80 Prozent, von denen viele erst nach acht Semestern festgestellt haben, dass es nicht ihr Fach ist. Es kann doch nicht sein, dass 80 Prozent der Juristen zum privaten Repetitor gehen müssen, um ihr Studium erfolgreich zu bestehen. Mehr Berufsorientierung zum Beispiel im Lehrerstudium war dringend nötig. Genau diese Chance liegt in den neuen Studiengängen.

ZEIT: Bologna war richtig - Punkt, aus?

SCHAVAN: Natürlich haben alle Beteiligten auch Fehler gemacht. Manche Studiengänge sind zu eng geschnitten, es gibt zu viele Prüfungen, manche Fächer kommen mit sechs Semestern nicht aus.

ZEIT: Wo hat die Politik Fehler gemacht?

SCHAVAN: Es war 1999 ein Fehler, den Hochschulen, begleitend zur Studienreform, nicht mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Die neuen Studien gän ge sollten eine bessere Betreuung der Studierenden garantieren, etwa durch Kleingruppen oder häufigere Prüfungen. Ohne zusätzliche Mittel geht dies aber nicht. Bund und Länder hätten sich die Kosten teilen sollen, haben es aber nicht gemacht.

ZEIT: Werden Sie das Versäumte nachholen?

SCHAVAN: Wir müssen jetzt alles tun, um die Betreuung der Studenten zu verbessern. So wird die Lehre in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative eine bedeutende Rolle spielen müssen. Auch ein Sonderprogramm von Bund und Ländern schließe ich nicht aus.


ZEIT: Kommende Woche treffen sich die Verantwortlichen aus Bund und Ländern zum Bildungsgipfel. Sie haben den Ländern zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Woran denken Sie?

SCHAVAN: Der Bund ist bereit, höhere Investitionen zu leisten. Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass wir drei Milliarden Euro pro Jahr an zusätzlichen Mitteln für die Bildung und Forschung zur Verfügung stellen. Mit einem Teil davon werden wir die Länder unterstützen, und zwar auf Dauer. Ob darüber hinaus Spielräume bestehen, muss man sehen. Eines muss jedoch klar sein: Die höheren Investitionen des Bundes dürfen die Länder nicht dazu verleiten, ihren Anteil an den Bildungsausgaben zurückzufahren.

ZEIT: Eigentlich sollte die Föderalismusreform die Eigenständigkeit der Länder in der Schulpolitik weiter stärken. Darf der Bund ihnen überhaupt helfen?

SCHAVAN: Es war richtig, die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern neu zu ordnen. Falsch war es, die Zusammenarbeit zwischen beiden zu verbieten. Insofern war das sogenannte Kooperationsverbot ein Fehler, den heute nur noch eine Handvoll Politiker wiederholen würde. Moderne föderale Systeme fördern vielmehr das gemeinsame Arbeiten von Kommunen, Ländern und der Bundesebene an einem Ziel: bessere Bildung.

ZEIT: Wie kam der Fehler zustande, und sollte man ihn nicht korrigieren?

SCHAVAN: Er ist ein Beispiel dafür, dass man aus einer momentanen Missstimmung heraus - in diesem Fall Meinungsverschiedenheiten zwischen Bund und Ländern - nicht das Grundgesetz ändern darf. Da ist damals ein Crash passiert. Ich war Landesministerin, habe mich aber an dem Kooperationsverbot nicht beteiligt. Das ging mir von Anfang an zu weit. Es jetzt wieder rückgängig zu machen ist vermutlich zu früh. Vielmehr müssen wir Wege finden, wie der Bund seinen Beitrag leisten kann, die Qualität der Bildung zu verbessern.

ZEIT: Alle Parteien betonen, wie wichtig Bildung sei. Aber lassen sich mit der Bildungspolitik überhaupt Wahlen gewinnen?

SCHAVAN: Die Kultusminister stehen seit Pisa einer grundsätzlich skeptischen Öffentlichkeit gegenüber. Es gibt keinen Konsens mehr über Inhalte und Ziele der Bildung. Deshalb ist es egal, was eine Landesregierung macht, sie bekommt immer Ärger. Insofern lassen sich mit Bildungspolitik eher Wahlen verlieren, wie manche Regierungschefs feststellen mussten.

ZEIT: Spielen Sie auf Ihre Kollegen Roland Koch und demnächst vielleicht Ole von Beust an?

SCHAVAN: Zu einzelnen Landesregierungen sollte die Bundesministerin gar nichts sagen. Nur so viel: Die Vereinbarungen, die jetzt in den Bundesländern beschlossen werden, betreffen überall die Strukturen des Schulsystems. Das ist ein Mangel, weil Strukturveränderungen bei Eltern zu großer Verunsicherung und in den Schulen zu einer gigantischen Unruhe führen. Dabei kommt es nicht auf die Strukturen an, sondern auf die Inhalte: Wie sehen die pädagogischen Konzepte aus? Wie gelingt die individuelle Förderung?

ZEIT: Ist es also egal, ob Kinder im Gymnasium oder in der Gesamtschule lernen, ob sie vier oder sechs Jahre zur Grundschule gehen?

SCHAVAN: Das stimmt schon deshalb nicht, weil die Gesamtschule, wie wir seit Pisa wissen, nicht die Ergebnisse gebracht hat, die sich ihre Befürworter erhofft haben. Andererseits ist das Anliegen einer Stadt wie Hamburg, durch das längere gemeinsame Lernen eine bessere Antwort auf soziale Desintegration zu finden, legitim. Nur muss man als Regierungschef oder Kultusminister auch die Schulpolitik im Nachbarland im Blick haben. Zurzeit führen die Strukturveränderungen zu einer Verschiedenheit der einzelnen Bildungssysteme, die mit Wettbewerb nichts mehr zu tun hat. In solcher Form fördert der Föderalismus die Kleinstaaterei und ist kein Freund der Globalisierung.

Aus DIE ZEIT :: 10.12.2009

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