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"But we are Oxford!" - Wider den Akkreditierungswahn

Von Walter Krämer

Die Akkreditierung der Bachelor- und Masterstudiengänge durch Agenturen soll nach dem Willen der Hochschulpolitik die Qualität der Studiengänge sichern. Nach Ansicht der Kritiker befördert das aktuelle deutsche Akkreditierungswesen allerdings das Gegenteil. Es sei zielwidrig und teuer. Es unterstütze Schablonendenken und widerspreche dem Geist einer echten Universität. Ein Plädoyer gegen den Akkreditierungswahn.

"But we are Oxford!" - Wider den Akkreditierungswahn© Sam Shapiro - Fotolia.com
Letztens kam einer meiner Kollegen von einem Besuch aus Oxford zurück. Er berichtete von einem Gespräch über neue Studiengänge dort. "Wo lasst Ihr euch denn akkreditieren" hatte er gefragt. Der Brite sah den Deutschen an, als käme der vom Mond: "But we are Oxford!" war die einzige Replik. Damit haben wir Punkt 1: Nur zweitklassige Institutionen lassen sich akkreditieren. Erstklassige haben es nicht nötig, und drittklassige fürchten sich davor. Akkreditierung steht für die Regression zum Mittelwert. Oder wie das der große Literat Gilbert Keith Chesterton in seiner Ansprache zur Hundertjahrfeier des Imperial College London im Jahr 1927 einmal formulierte: Die große Gefahr für die westliche Zivilisation, für die Kultur des Abendlandes, für den erfolgreichen Fortbestand unserer freiheitlichen Lebens- und Gesellschaftsordnung ist weder der Bolschewismus noch der Faschismus, auch nicht die Gier der Banker oder die Reizüberflutung durch moderne Medien (damals nur das Kino und das Radio), es ist die allgegenwärtige Standardisierung auf niedrigem Niveau.

Standards (in der Wissenschaft, nicht bei Schrauben oder Briefumschlägen) sind das Gegenteil von Exzellenz. Exzellenz fällt immer aus dem Rahmen. In der Forschung, aber in der Lehre ebenso. Die berühmte Akademie des Plato im alten Griechenland hätte vor bundesdeutschen Akkreditierungsbürokraten keine Chance. Und wären diese Regelsetzer zu den Gründerzeiten des europäischen Hochschulwesens schon aktiv gewesen, würde heute noch auf Kathedern aus Büchern vorgelesen. Der berühme Mathematiker Richard Courant berichtet in seinen Lebenserinnerungen, wie er bei dem noch berühmteren Kollegen Hilbert in Göttingen promovierte. Hilbert lud ihn mit einem Freund zum Abendessen ein, die drei plauderten ein wenig, nicht nur über Mathematik, dann schüttelte Hilbert seinem Studenten die Hand und sagte: Ab jetzt können Sie sich Doktor nennen. Auf einer Etage tiefer hat gerade einer meiner eigenen Doktoranden seine Doktorarbeit abgeben. Er ist 23 Jahre und hat rund drei Monate dafür gebraucht. Noch ist das erlaubt, aber wenn auch in Deutschland, wie vielfach gefordert, Promotionsstudiengänge zwangsweise für alle eingeführt und auch noch, was Gott verhüten möge, akkreditiert werden sollten, wird es solche Karrieren nicht mehr geben.

"Aber wir garantieren doch nur Qualität!"

Punkt 2: Dieses ewig gleiche Argument für Lizenzen aller Art ist grober Unfug. Darauf hat schon der große Milton Friedman in seinem Klassiker "Capitalism and Freedom" von 1962 hingewiesen (wo er unter anderem auch fordert, einem jeden, der sich das zutraut, ohne weitere Überprüfung die Ausübung des Arztberufes zu gestatten; die Zahl der Kunstfehler und sonstigen medizinischen Katastrophen ginge nach Friedman dadurch langfristig zurück).
Auch ohne Friedman bis dahin zu folgen: Fest steht, Akkreditierung garantiert vor allem Gleichbehandlung und Einheitsbrei, aber keine Qualität. Innovation und Fortschritt, also auch zukunftsweisende Studiengänge und bahnbrechende Organisationsformen an Universitäten wie auch anderswo, entstehen durch das ewige Spiel von Versuch und Irrtum, durch das Aussortieren schlechter und das Überleben der besseren Modelle. Autobauer und EDV-Erfinder wissen das schon lange. Und wer sich dem entgegenstellt, zementiert den Status quo und bremst Innovation. Denn die ist nur mit dem Risiko des Scheiterns zu erkaufen. Und wer dieses Risiko ausschaltet, schaltet damit auch den Fortschritt aus. Vermutlich hätte Bill Gates, der ja sein Studium ohne Abschluss abgebrochen hatte - sozusagen eine verkorkste Existenz -, in Deutschland noch nicht einmal eine Lizenz für das Ausbilden von Lehrlingen bekommen. Wie in vielen anderen Lebensbereichen ist das Akkreditierungs- und Lizenzierungsunwesen vor allem ein Trick der Etablierten, Satten und Faulen, sich die Konkurrenz von jungen, innovativen Konkurrenten vom Leibe zu halten.

"Aber dann ist doch dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet."

Punkt 3: Akkreditierung verhindert nur den Schaden, der bei der Akkreditierung schon abzusehen ist. Bzw. von den nicht immer qualifizierten Akkreditierern tatsächlich auch erkannt wird. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Aller Akkreditierung zum Trotz gibt es in Deutschland unstudierbare Studiengänge zuhauf, widersprüchliche Studienordnungen, unlösbare Klausuren, didaktisch unfähige Hochschullehrer und riesige Qualitätsunterschiede aller Art. Ob die Vorlesung X von Professor Y oder Professor Z gehalten wird, ist für den Erfolg der Lehre meist von weit größerer Bedeutung, als ob dafür drei, sieben oder zehn Wochenstunden vorgesehen sind. Wie kann ein Mensch, der sich bei vollem Verstand befindet, allen Ernstes glauben, der Erfolg und die Qualität einer Lehrveranstaltung sei durch das Modulhandbuch garantiert? Darüber könnte man noch lachen, wenn es nicht auch noch so teuer wäre. Abgesehen von den unverschämten Gebühren für die diversen Akkreditierungsagenturen fällt für die betroffenen Hochschulen und Hochschullehrer ein enormer, bisher selten quantifizierter Arbeitsaufwand an. Ich habe das für die Akkreditierung der Studiengänge Datenanalyse und Datenwissenschaft an meiner eigenen Fakultät in Dortmund einmal überschlagsmäßig nachgerechnet. Hier waren zehn Hochschullehrer zusammen mit ebenso vielen Mitarbeitern sowie mehreren Verwaltungskräften ein halbes Jahr mit durchschnittlich rund vier bis fünf Stunden die Woche beschäftigt, die diversen Unterlagen zusammenzustellen und die Akkreditierung vorzubereiten. Das sind je acht Mann-Monate Hochschullehrer sowie Mitarbeiter oder in Geld gerechnet rund 90 000 Euro. Bei republikweit über alle Fächer rund 1 000 Akkreditierungen pro Jahr summiert sich das auf jährliche Kosten von 90 Millionen Euro, dem kompletten Jahresetat (ohne Drittmittel) einer kleineren deutschen Universität wie etwa Oldenburg. Vermutlich sind die wahren Kosten aber weitaus höher.

Fazit: Das aktuelle deutsche Akkreditierungswesen ist zielwidrig und teuer; das darin institutionalisierte Schablonendenken steht dermaßen orthogonal zum Wesen einer echten Universität, dass man sich wahrlich fragen darf, wieso die komplette Klasse der Hochschullehrer schon wieder einmal republikweit kollektiv versagt, trotz besseren Wissens passiv mitläuft und sich ohne großen Widerstand von allen möglichen selbsternannten Reformern wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Manege ziehen lässt.


Über den Autor
Walter Krämer lehrt Statistik und Empirische Wirtschaftsforschung an der TU Dortmund. Er ist Träger des Deutschen Sprachpreises 1999 sowie Gründer und Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache e.V.


Aus Forschung und Lehre :: November 2009

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