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"Deutsch ist das Problem"

Das Interview führte Georg Etscheit

Die Universitäten müssen internationaler werden, finden der Präsident der TU München und seine chinesische Stellvertreterin. Im Gespräch erzählen sie, wie das gelingen kann.

Deutsch ist das Problem© Hanquan Chen - iStockphoto.com
DIE ZEIT: Frau Meng, Ihre Berufung zur Vizepräsidentin der Technischen Universität München hat einiges Aufsehen erregt. Fühlen Sie sich als Aushängeschild?

LIQIU MENG: Lassen Sie mich einen Begriff aus der Geodäsie gebrauchen: Ich bin eine Anomalie, ein ungewöhnliches Phänomen. Zuerst war ich zehn Jahre lang die erste chinesische Professorin an einer ingenieurwissenschaftlichen Fakultät. Und seit einem Jahr bin ich die einzige Chinesin in einer deutschen Hochschule auf Leitungsebene.

WOLFGANG A. HERRMANN: Frau Meng ist zuallererst einmal eine brillante Wissenschaftlerin. Das ist sehr wichtig, wenn es um die Glaubwürdigkeit der TUM in der wissenschaftlichen Community geht. Außerdem ist sie eine starke Persönlichkeit. Ihre integrative Kraft hat sie bereits auf dem Lehrstuhl für Kartographie bewiesen, ohne dass sie dort ein Leitungsamt innehatte.

ZEIT: Was sind ihre Aufgaben?

HERRMANN: Frau Meng verantwortet alles, was mit der weiteren Internationalisierung unserer Universität zu tun hat. Außerdem vertritt sie mich in vielen Gremien, regelmäßig zum Beispiel in der Hochschulrektorenkonferenz.

ZEIT: Spielt Ihr Heimatland China bei der Internationalisierung der TUM eine besondere Rolle?

MENG: Sogar eine Vorreiterrolle. Bei uns sind zurzeit 824 Chinesen eingeschrieben, das ist die größte Ausländergruppe an der TUM. Auch im Vergleich mit anderen deutschen Universitäten liegen wir, was die Zahl der immatrikulierten Chinesen betrifft, in der Spitzengruppe.

HERRMANN: Die TUM hat über Jahrzehnte konsequent Promotionsstudenten aus China nach München geholt, etwa über die Humboldt- Stiftung. Die sind dann wieder nach Hause gegangen, sind dort Professoren geworden und schicken jetzt ihre Schüler zu uns. Wir wollen die besten Köpfe aus aller Welt und können es uns nicht leisten, das intellektuelle Potenzial von 1,3 Milliarden Menschen in China zu vernachlässigen.

ZEIT: Ist Internationalisierung nicht in erster Linie eine Prestigefrage?

HERRMANN: Sie ist eine zwingende Notwendigkeit. In etwa zehn Jahren werden wir, wie jeder weiß, vor einem demografischen Knick stehen. Dann werden wir unsere Studienplätze verstärkt mit den besten Ausländern besetzen. Unter ihnen werden viele Chinesen sein.

ZEIT: Können denn chinesische Eltern ihren Kindern überhaupt ein Studium in Deutschland finanzieren?

MENG: Die Studiengebühren von zurzeit 500 Euro pro Semester sind für wohlhabende chinesische Familien - und von denen gibt es immer mehr - überhaupt kein Problem.

HERRMANN: Auch wenn ich mich damit nicht beliebt mache: Wir werden mittelfristig unsere Studien plät ze nicht mehr verschenken können. Mehr englischsprachige Angebote mit höherer Betreu ungsdichte und andere univer sitäre Dienstleistungen wie das Welcome Center oder unser Verbindungsbüro in Peking gibt es nicht zum Nulltarif.

ZEIT: Die Studierendenzahlen gehen zurück, und Sie denken an höhere Gebühren.

HERRMANN: Warum gehen die besten Leute nach Stanford, ans MIT, nach Australien? Weil es dort für gutes Geld eine hervorragende Ausbildung gibt. An der TUM steigen die Erstsemesterzahlen rapide an, seit wir Gebühren verlangen und einen Teil unserer Studierenden selbst auswählen. Noch mal: Qualität gibt es nicht umsonst. Und immer mehr junge Leute wissen das. Allerdings gebe ich zu, dass wir aus der Universität heraus ein leistungsfähiges und identitätsstiftendes Stipendiensystem brauchen.

ZEIT: Gibt es an der TUM Probleme bei der Integration der ausländischen Studenten in den Studienalltag?

MENG: Ja, es gibt Abschottungstendenzen, »nationale Inseln« etwa in der Mensa oder im Hörsaal. Wir wollen an das Problem stufenweise herangehen. Zunächst sollen unsere nichtdeutschen Studierenden nach dem Motto »Ausländer helfen Ausländern« untereinander besser klarkommen; sie haben ja ähnliche Probleme. In einem weiteren Schritt sollen Ausländer auch in Gremien wie den Fachschaften besser sichtbar werden, wo bislang fast nur Deutsche sitzen. Es wird aber noch dauern, bis sich die Multinationalität in echte Internationalität verwandelt hat.

ZEIT: Was ist denn die größte Hürde, die chinesische Studierende in Deutschland zu meistern haben?

MENG: Eindeutig die Sprache. Ich habe immer wieder erlebt, dass meine Landsleute bei ihren Betreuern als eher durchschnittlich oder unauffällig gelten, aber in Kanada oder Australien Riesenerfolg hatten. Englisch fällt den meisten Chinesen doch leich ter als Deutsch. Außerdem sind Einwanderungsländer wie die USA, Kanada oder Australien integrativer.

HERRMANN: Dass in den meisten Studiengängen noch Deutsch die Unterrichtssprache ist, halte ich für das Schlüsselproblem bei der Internationalisierung. Das muss auf längere Sicht nicht so bleiben. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass auch deutsche Studierende zunächst mit Englisch anfangen. Das Examen sollte dann aber wieder auf Deutsch sein. Die deutsche Sprache ist Teil unserer Wissenschaftskultur. Aber die Hürden für Ausländer müssen niedriger werden.

ZEIT: Wird die Bologna-Reform zu mehr Internationalität führen?

MENG: In China, wo es das zweistufige angelsächsische System von Bachelor und Master schon lange gibt, ist die Reform sehr begrüßt worden. Chinesische Bachelorabsolventen haben jetzt viel bessere Schnittstellen, um in Deutschland studieren zu können, ohne die umständlichen Anerkennungsverfahren. Auch das Interesse deutscher Studierender an einem Studium oder Praktikum in China steigt, obwohl es noch viele Vorurteile über das Leben dort gibt.

ZEIT: Wie viele Professoren aus dem nichteuropäischen Ausland arbeiten eigentlich an der TUM?

HERRMANN: Vielleicht zehn von 420. Wir haben gerade einen Inder auf einen Lehrstuhl für Elektrotechnik berufen und sind auch an einem Chinesen dran. Da gibt es Nachholbedarf - während uns der brain gain deutschstämmiger Wissenschaftler aus Europa und den USA mittlerweile gut gelingt.

MENG: Es ist schon ein Erfolg, wenn wir es schaffen, Deutsche, die ins Ausland abgewandert sind, zurückzuholen.

ZEIT: Ist es für chinesische Topleute schwer, in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen?

MENG: Zumindest hier in Bayern läuft das ziemlich reibungslos. Kein Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren. Ich bin nach meiner Promotion an der Universität in Hannover nach Schweden ausgewandert, weil ich es einfach leid war, alle drei Monate das Visum verlängern zu lassen.

HERRMANN: Bayern ist eben ein weltoffenes Land. (lacht) In China finden Sie übrigens flächendeckend Brauingenieure, die an der TUM in Weihenstephan ausgebildet wurden. Die ganze chinesische Bierbranche spricht Bayerisch. Zum Teil produzieren die chinesischen Brauereien sogar nach dem bayerischen Reinheitsgebot - ein kulturelles Markenzeichen, wenngleich nicht unser wichtigstes.

Aus DIE ZEIT :: 30.04.2009

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