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"Es ist an der Zeit" - über die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten

Bislang gibt es in Deutschland keine flächendeckende universitäre Ausbildung von Imamen und muslimischen Religionslehrern. Der Wissenschaftsrat hat nun einen raschen Aufbau empfohlen. Ist dies in dem gewünschten Tempo möglich? Gibt es geeignete offizielle Verbände des Islams in Deutschland, die den christlichen Kirchen vergleichbar wären? Wie stehen Muslime zu einer wissenschaftlichen Erforschung des Korans?

"Es ist an der Zeit" - über die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten© ErikdeGraaf - iStockphoto.comDer Wissenschaftsrat empfiehlt den Ausbau islamischer Studien an deutschen Hochschulen
Forschung & Lehre: Der Wissenschaftsrat hat den Ausbau islamischer Studien an den deutschen Hochschulen empfohlen. Damit soll u.a. die wissenschaftlich fundierte Ausbildung von muslimischen Religionslehrern und Imamen in Deutschland etabliert werden. Eine überfällige Entscheidung?

Bülent Ucar: Der Islam ist die Religion von rund vier Millionen Menschen in Deutschland, und sie leben nun dauerhaft seit fast einem halben Jahrhundert hier. Lange gingen die politischen Eliten, Entscheidungsträger und Intellektuellen davon aus, dass die Gastarbeiter bald in ihre "Heimatländer" zurückkehren würden. Die Integrationsdebatte, die weltpolitische Situation sowie aktuelle Studien zur Religiosität von Muslimen in Deutschland haben es zwingend gemacht, sich auch mit dem Thema Islam zu beschäftigen. Denn die religiöse Erziehung der rund 900 000 muslimischen Schüler wird seit den 1970er Jahren völlig den Moscheen überlassen. Der Religionsunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche existiert weitgehend entweder gar nicht oder wird nur über kleine Schulversuche geführt. Zudem werden seit Dekaden die Imame als Staatsbeamte der Türkei nicht ohne Grund hierher entsendet. Es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland in diesen Bereich investiert wird. Der niedersächsische Innenminister Schünemann hat bereits letztes Jahr angekündigt, 2012 ein Institut für Islamische Theologie mit fünf zusätzlichen Lehrstühlen in Osnabrück einzurichten.

F&L: Der Rat schlägt vor, an den entsprechenden Hochschulen theologisch kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten. Es gehe um die "Prüfung, ob aus religiösen Gründen Einwände gegen die von der Universität ausgewählten Personen geltend gemacht werden". Doch gibt es in Deutschland keinen einzelnen Verband, der die Mehrheit der Muslime vertreten kann. Wie kann das funktionieren?

Bülent Ucar: Wo ein Wille ist, findet man immer Wege. Vieles wird "learning by doing" sein. Man darf jedoch die Fehler von Münster nicht wiederholen, sondern muss viel sensibler vorgehen. In der Vergangenheit waren selbst die Berufungskommissionen problematisch besetzt, es saßen dort in der Regel Nichtmuslime und Wissenschaftler, die selbst keine islamischen Theologen und Experten gewesen sind. Dies muss sich ändern. Wissenschaftliche Kriterien müssen auch hier eingehalten werden. Die Verbände kann man - selbst wenn es gewollt wäre - nicht ausklammern, da genau für die Moscheen dieser Verbände Imame ausgebildet werden müssen. Die ausgebildeten Imame müssen auch durch die Moschee-Gemeinden am Ende eingestellt und bezahlt werden.

F&L: An der Universität Münster ist das Beiratsmodell gescheitert. Muslimische Verbände rieten Studenten davon ab, bei einem Islamwissenschaftler zu studieren, weil er die Existenz Mohammeds bezweifelte und auch, dass der Koran das Wort Gottes sei. Wird eine solche Konfrontation eine Ausnahme bleiben?

Bülent Ucar: Dies ist sicherlich ein Spannungsverhältnis. Es kommt meines Erachtens auf die Haltungen und Ansichten der Bewerber an, Theologie ist schließlich keine Religionswissenschaft. Sie beansprucht für sich, über den theologischen Diskurs religiöse Praxis zu beeinflussen und weiterzuentwickeln. Dafür braucht man eine gewisse Glaubwürdigkeit. Falls Dozenten lehren, die die Grundlagen des Islams leugnen, werden solche Lehrstühle nicht ernst genommen, und sie werden von Anfang an ein Autoritätsproblem haben. Andererseits kann man auch keine ultrakonservativen Theologen und Extremisten berufen, da damit das genaue Gegenteil von dem erreicht würde, was bezweckt ist. Deshalb müssen Wissenschaftler aus der Mitte der islamischen Bildungstradition gefunden und berufen werden, alles andere wäre eine Fehlinvestition und Totgeburt. Im Übrigen kann man im Rahmen der Islamwissenschaften oder der Religionswissenschaften ebenfalls den Islam studieren und lehren, freilich mit anderen Zielsetzungen und unter anderen Rahmenbedingungen.


F&L: Der gläubige Moslem sagt, dass der Koran göttliche Rede, heiliges Wort sei. Kann ein historisch-kritischer, also wissenschaftlicher Umgang mit dem Koran von gläubigen Muslimen akzeptiert werden?

Bülent Ucar: Extremisten versperren sich gern rationalen Argumenten; viel leichter fällt es, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und zu verallgemeinern. Die Aufgabe von authentischen Theologen muss es sein, die hergebrachte Glaubenstradition wissenschaftlich zu reflektieren, zu systematisieren und möglicherweise neue Prioritäten zu setzen. Die Glaubensgrundlagen bleiben jedoch hiervon unangetastet, schließlich ist dies nicht der Bereich der Wissenschaft, sondern gehört in den Rahmen der Prämissen, die wissenschaftlich nicht beweisbar sind. Hierzu können sich Theologen jeweils perspektivisch und immer subjektiv positionieren. Die Auslegung dieser Texte unter veränderten Rahmenbedingungen bleibt jedoch dem Ermessen der Gelehrten überlassen. Die Geschichte liefert den Beweis dafür, dass Theologie unter Wahrung des angewachsenen Konsenses immer kontextuell zu verstehen ist.

F&L: Die Attentate vom 11. September 2001 haben das Bild vom Islam in der westlichen Welt nachhaltig verändert. Hatte dies auch Folgen für die Islamwissenschaft in Deutschland?

Bülent Ucar: Ja, ich selbst bin habilitierter Islamwissenschaftler und als ich noch in den 90er Jahren Ausschau nach einer Universität gehalten habe, an der Islamwissenschaften religionsspezifisch gelehrt werden, war ich ziemlich perplex, wie wenig Alternativen da waren. Die Islamwissenschaften sollten meines Erachtens umbenannt werden in Orientwissenschaften, da sie sich tatsächlich zu Regionalwissenschaften entwickelt haben, freilich u.a. auch mit religionsspezifischem Schwerpunkt. Seit jeher existieren in der deutschen Islamwissenschaft auch hervorragende Wissenschaftler, die wirkliche Islam- Forschung betreiben. Seit dem 11. September und vor allem vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der muslimischen Community in Deutschland sehe ich eine Verlagerung in Richtung gegenwartsbezogene Forschung.

F&L: Dem Islam wird oft ein "Modernisierungsdefizit" vorgeworfen, ja, Islam und Demokratie seien nicht vereinbar. Müsste "der Westen" Abstriche bei seinen Grundwerten vornehmen, um die Integration der Muslime zu erleichtern?

Bülent Ucar: Der Islam ist so vielfältig, wie die Muslime selbst. Daher halte ich wenig von Dichotomien, wie Islam contra Westen. So wie es "den" Westen nicht gibt, existiert auch "der" Islam nicht. Viele Muslime verteidigen die demokratischen Grundwerte aus Überzeugung und sehen keinen Widerspruch zu ihrer Religion. Ich persönlich halte übrigens die freiheitlich demokratische Grundordnung in Deutschland vor dem Hintergrund der vielen Diktaturen in der islamischen Welt für einen Exportschlager. Was mir allerdings in Deutschland Sorge bereitet, ist die immer professionellere Agitation manch radikaler Imame. Um die Jugendlichen vor solchen "Rattenfängern" zu schützen, müssen wir daher zum einen den Religionsunterricht flächendeckend einführen und zum anderen aufgeklärte Imame an deutschen Universitäten ausbilden. Mit dem Angebot eines universitären Weiterbildungsprogramms werden wir daher an der Universität Osnabrück dieses Jahr einen entscheidenden Schritt vorwärtsgehen.

Aus Forschung und Lehre :: März 2010

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