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"Schluss mit dem Zirkus" - warum der Deutsche Hochschulverband das Akkreditierungssystem radikal umgestalten will

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat die Fehlentwicklungen der Bologna-Reform und des Akkreditierungswesens frühzeitig erkannt und massive Kurskorrekturen gefordert. Obwohl sich die Stimmen, die eine Reform der Reform fordern, mittlerweile mehren, beurteilt der DHV die aktuelle Situation an den Hochschulen weiter kritisch. Fragen an den Präsidenten des DHV.

"Schluss mit dem Zirkus"© Stephen Morris - iStockphoto.com
Forschung & Lehre: Zehn Jahre Bologna-Reform und Akkreditierungsrat. Eine Erfolgsgeschichte?

Bernhard Kempen: Leider nein. Zehn Jahre nach der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Nur der beharrlichen Stimme des Hochschulverbandes und den studentischen Protesten ist es zu verdanken, dass Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Bologna 2.0, die "Reform der Reform", für notwendig erachten und jetzt auch angehen wollen. Ohne massive Kurskorrekturen werden die begrüßenswerten Ziele der Studienstrukturreform, wie bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse, mehr Mobilität und geringere Abbrecherquoten, Makulatur bleiben. Bologna ist in Deutschland an einer administrativen Überregulierung gescheitert, die sich insbesondere im Akkreditierungswahn manifestiert. Der Deutsche Hochschulverband hält das bislang installierte Akkreditierungssystem für ineffizient, teuer und rechtlich fragwürdig. F&L: Programm-, Prozess-, System- und Clusterakkreditierung - warum werden die Hochschulen von einer "Akkreditis" heimgesucht?

Bernhard Kempen: Der Politik fehlt leider der Mut, Universitäten und hochqualifizierten Wissenschaftlern Vertrauen zu schenken. Universitäten können die Qualität ihrer Studiengänge sehr gut selbst organisieren. Niemand will zurück in die Zeiten staatlicher Genehmigung von Studiengängen. Aber unser derzeitiges Akkreditierungssystem ist demgegenüber eine Verschlechterung, keine Verbesserung. Wie kann die Politik Autonomie der Hochschulen propagieren und sie gleichzeitig einem bürokratischen Popanz ausliefern? Das passt nicht zusammen. Der Thüringische Rechnungshof hat übrigens Ende letzten Jahres zu Recht festgestellt, dass Akkreditierungsverfahren nicht nur erheblichen Aufwand und Ausgaben verursachen, sondern darüber hinaus weder zu vergleichbaren noch zuverlässigen Ergebnissen der Qualitätssicherung führen. Die Akkreditierung eines einzelnen Studienganges kostet mindestens 15 000 Euro. Darin eingerechnet sind noch nicht einmal die Aufwendungen, die langwierige und mehrstufige Akkreditierungsverfahren indirekt verursachen. Dazu gehört auch die Zeit, die Hochschullehrer in Gremien statt für ihre Kernaufgaben in Forschung und Lehre verbringen. An den Universitäten sind gerade einmal ein Drittel aller Bachelor-Studiengänge und nur fast jeder zweite Master-Studiengang akkreditiert worden. Alle anderen Studiengänge laufen ohne Genehmigung und ohne Beanstandung. Ihnen fehlt ein Siegel, das sie in Wirklichkeit nicht brauchen. Die Qualität der Verfahren sind sehr unterschiedlich, oftmals sehr schlecht. Wenn Gutachter über kein ausreichendes Fachwissen verfügen und beispielsweise ein Sprachwissenschaftler juristische Studiengänge begutachtet, wird das Verfahren zur Farce.

F&L: Der Akkreditierungsrat setzt große Hoffnungen auf die Systemakkreditierung als "neuem Instrument zur Qualitätsentwicklung". Was haben Sie dagegen?

Bernhard Kempen: Dieser Schritt bleibt auf halber Strecke stehen. Bisher stehen die Akkreditierungsarten nicht im Verhältnis der Alternativität, sondern der Kumulierung. Damit wird alles nur schlimmer. Immerhin ist der Ansatz richtig, ein gesamtes Qualitätsmanagementsystem zu errichten. Nach meiner Überzeugung reicht es vollständig aus, die Universitäten dazu per Gesetz zu verpflichten. Originäre Aufgabe von Hochschulen war und ist es, Studieninhalte festzulegen und neue Studiengänge einzurichten. Eine staatliche oder halbstaatliche Lizensierung, die dazu auch noch periodisch und kostenpflichtig erneuert werden muss, ist schlichtweg überflüssig.


F&L: Wie beurteilen Sie die rechtliche Legitimation der Akkreditierung?

Bernhard Kempen: Die rechtliche Legitimation steht auf sehr dünnem Eis. Die Durchführung eines Akkreditierungsverfahrens stellt einen Eingriff in die durch Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetztes verbürgte Lehr- und Wissenschaftsfreiheit dar. Schon die heterogene Regelungsdichte in den landesgesetzlichen Vorgaben trägt zur juristischen Unklarheit bei. Akkreditierungen werden in den meisten Bundesländern per Gesetz vorgeschrieben, in wenigen Ländern beruhen sie lediglich auf einer Zielvereinbarung oder ministerieller Richtlinie. Die privatrechtlich organisierten Akkreditierungsagenturen üben mit der Genehmigung von Studiengängen eine hoheitliche Verwaltungsaufgabe aus und bedürfen daher einer besonderen rechtsstaatlichen Sicherung durch einen förmlichen Beleihungsakt, der bis heute noch nicht erfolgt ist.

F&L: Sie plädieren für Qualitätsmanagement-Systeme. Aber auch deren Aufbau dauert mehrere Jahre und bindet erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen. Würde hier nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben?

Bernhard Kempen: Keineswegs. Jede Universität kann - auch das ist Wettbewerb - dann selbst entscheiden, welche Ressourcen sie in ein Qualitätssicherungssystem investieren will. Das wird ganz unterschiedlich ausfallen, nach Größe der Hochschule, aber auch nach Maßgabe ihrer Profilbildung. Wenn gleichzeitig Höchststandards - übrigens eine Aufgabe der Fachgesellschaften und der Fakultätentage - formuliert und zertifiziert werden, wird sich jede Universität sehr genau überlegen, was ihr die Qualitätssicherung bringt und was sie tun muss, um Höchststandards zu erreichen. Das ist ein wettbewerbliches Akkreditierungssystem, das lebt und sinnvoll ist. Mit dem bisherigen Zirkus der Scheingenauigkeit muss bald Schluss sein.

F&L: Sollten die Akkreditierungsagenturen und der Akkreditierungsrat abgeschafft werden?

Bernhard Kempen: Nicht unbedingt. Die Aufgaben der Akkreditierungsagenturen wären aber nach dem Wegfall der Programm- und Systemakkreditierung neu zu definieren. Sie könnten die Hochschulen bei der Implementierung und Weiterentwicklung von Qualitätsmanagementsystemen beraten. Zudem sollten Akkreditierungsagenturen zukünftig nicht mehr Mindest-, sondern Höchststandards zertifizieren. Autonomie bedeutet, dass die Hochschulen selbst entscheiden, ob sie ein solches Verfahren in Anspruch nehmen wollen, um sich im Wettbewerb unter den Hochschulen zu profilieren.


Aus Forschung und Lehre :: November 2009

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