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"Schneid sie schon mal auf" - Medizinstudenten im Ausland

Von Marike Frick

In Deutschland stehen sie oft nur daneben - im Ausland dürfen sie untersuchen, behandeln und assistieren: Drei Medizin-Studenten erzählen von ihren Erfahrungen.

Medizinstudenten im Ausland© Tomasz Kozlowski - iStockphoto.comEine Drainage ziehen
»Willst du mir helfen, die Drainage aus dem Kopf des Patienten zu ziehen?«, fragte mich eines Tages eine Krankenschwester. Es war während meines Aufenthalts in einem australischen Krankenhaus, und ich fand es toll, dass ich assistieren sollte. Dann aber gab mir die Schwester plötzlich die Handschuhe. Ich sollte die Drainage selbst entfernen - dabei war ich gerade mal im zweiten Semester! Jetzt bloß nicht zeigen, wie aufgeregt du bist, dachte ich, tu so, als hättest du das schon hundertmal gemacht. Schließlich stand die gesamte Familie des Patienten um uns herum. Denen sagte ich, ich sei aus dem Ausland, deshalb müsse mir die Schwester alles genau erklären. Letztendlich konnte ich nicht viel falsch machen. Es sind genau solche Erlebnisse, die Medizinstudenten das Selbstvertrauen geben, das sie später als Ärzte brauchen. In Mexiko sollte ich einmal nach einer Geburt einen Dammschnitt nähen. Ich hatte bisher nur an Stoffen und Attrappen geübt. In dem Moment habe ich mich so beschenkt gefühlt, weil man mir zutraute, das auch an einer echten Wunde hinzubekommen. So wie man mir vorher zugetraut hatte, eine Geburt zu leiten. Die Ärztin fand es unglaublich, dass ich so etwas noch nie gemacht hatte. In Deutschland geht es darum, Fakten einzupauken, wir werden zu wandelnden Lexika ausgebildet. Und vor jeder Untersuchung wird betont, wie wichtig und anspruchsvoll das sei - da wird man natürlich vorsichtig, sogar ängstlich. In vielen anderen Ländern stehen die Studenten ganz anders da, wenn sie fertig sind: Sie sind kompetenter und handwerklich besser. Weil der Unterricht dort quasi auf der Station stattfindet. Ich habe Spritzen gesetzt, Punkturen gemacht, Wunden versorgt, bei Operationen assistiert. Dadurch sinkt die Hemmschwelle vor der Praxis. Ich brauchte das, auch deshalb bin ich insgesamt viermal ins Ausland gegangen.

Eine Lunge punktieren

In Gabun habe ich einmal eine Patientin drei Wochen lang begleitet. Ich untersuchte sie bei der Einlieferung, diagnostizierte ihre Leberzirrhose und behandelte sie. Natürlich waren die Ärzte immer ansprechbar. Aber verantwortlich war ich. Das hat mich angespornt: Fast jeden Abend habe ich in Fachbüchern nachgeschlagen, um die beste Therapie herauszufinden. Dadurch habe ich in kurzer Zeit viel gelernt. Man wird hier viel früher praktisch eingesetzt. Natürlich hat es auch etwas mit dem Personalmangel in der Klinik zu tun, dass Studenten hier Aufgaben übernehmen wie jeder Arzt. Das finde ich manchmal bedenklich. Einmal fragte mich ein Student im fünften Studienjahr, ob ich ihm bei einer Lungenpunktion helfen wolle. Dabei muss man mit einer ziemlich großen Nadel einen infizierten Erguss treffen. Ich fragte ihn, ob er das schon mal gemacht habe. Er sagte: »Nein, aber ich habe schon oft zugeschaut.« In Deutschland nutzt man Ultraschall, um die Nadel genau zu verfolgen. Er aber hat im Prinzip blind punktiert. Da war mir wirklich unwohl! Ich als Patient würde auf keinen Fall wollen, dass jemand meine Lunge punktiert, der das noch nie gemacht hat. Die Gabuner Patienten haben mehr Vertrauen: Wer einen weißen Kittel anhat, ist ein docteur und weiß alles. Deshalb schauen mich einige auch komisch an, wenn ich lieber noch mal bei einem Facharzt nachfrage. Völlig richtig finde ich aber, dass ich Platzwunden nähen oder eine gynäkologische Untersuchung machen darf. Da kann nicht viel schiefgehen - in Deutschland durfte ich das in acht Semestern trotzdem nicht ein Mal machen. Zu Hause ist Nähen noch nicht mal Pflichtfach. Und auch was Medikamente angeht, lernt man zwar, was bei welchen Symptomen verschrieben wird, aber kaum etwas über die Dosierung und darüber, wie Medikamente interagieren. Ich wünsche mir für die Ausbildung einen Mittelweg: dass man nicht überfordert wird, aber trotzdem Patienten komplett begleiten darf.

Bei einer Geburt helfen

Gleich an meinem ersten Tag in einem indischen Krankenhaus durfte ich eine gynäkologische Untersuchung machen. Eine Ärztin zeigte mir, worauf ich achten musste. Man muss sensibel sein, aber viel falsch machen kann man eigentlich nicht. Die deutschen Ärzte sehen das offenbar anders: Sie lassen mich meist nur daneben stehen. In Indien war ich allerdings manchmal überfordert. Einmal desinfizierte ich mir die Hände, um bei einem Kaiserschnitt zu assistieren, als der Arzt zu mir kam und sagte: »Die Patientin ist jetzt vorbereitet - geh und schneid sie schon mal auf!« Ich hatte gerade mein zweites Semester abgeschlossen, ich wusste nicht mal, wo welche Organe liegen und wie sie funktionieren. Ich weiß nicht, ob der Arzt das als Witz gemeint hat. Gemacht habe ich es nicht. Ich bin in Indien bei vielen Geburten dabei gewesen. Die ersten drei Male schaute ich nur zu. Es war furchtbar, die Babys kamen jedes Mal tot zur Welt. Beim vierten Mal durfte ich assistieren: Ich sollte auf den Bauch der Mutter drücken. Als das Baby da war, musste ich es halten, weil die Schwestern damit beschäftigt waren, die Mutter zu beruhigen - es war ein Mädchen, ihr fünftes. Als ich das Kind dem Vater zeigte, fing auch er an zu weinen. Das hat mich unheimlich wütend gemacht. Erst später habe ich verstanden, dass dieses Baby seinen finanziellen Ruin bedeutete. Denn für jede Tochter muss er irgendwann eine Mitgift bezahlen. Manchmal war ich nur ratlos. Zum Beispiel, als ich einem Mäd chen in den Hals schaute - und darin Würmer herumkrabbelten. Ich habe mir Fragen gestellt: Warum sind vermeidbare Krank heiten in einigen Regionen längst besiegt, und in meinem Krankenhaus sterben noch Menschen daran? Es ist frustrierend zu merken, dass medizinisches Wissen oft nicht reicht. Ich bin für politische Themen sensibilisiert worden, mit denen ich in Deutschland kaum in Berührung gekommen wäre.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2009

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