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"Wir wollen in die Top Zehn"

Interview: Cornelius Pollmer und Stefan Schirmer

Der Rektor der TU Dresden, Hermann Kokenge, über die erneute Bewerbung als Elite-Uni, finanzielle Radikalschnitte und seinen Ruf als Bedenkenträger.

"Wir wollen in die Top Zehn"© Pressestelle TU DresdenProf. Hermann Kokenge ist Rektor der TU Dresden
DIE ZEIT: Herr Kokenge, wie viel Macht hat ein Rektor?

HERMANN KOKENGE: Wenig, etwa im Vergleich zum Geschäftsführer eines Unternehmens. Die Kunst besteht darin, für eigene Ziele Konsens zu erreichen.

ZEIT: Jeder Geschäftsführer einer Schraubenfabrik hat also mehr Entscheidungsfreiheit als Sie?

KOKENGE: Er hat wahrscheinlich nicht so ein anregendes Umfeld wie ich - aber sicher mehr Möglichkeiten, Vorhaben direkt umzusetzen.

ZEIT: Warum machen Sie den Job trotzdem gern?

KOKENGE: Es reizt mich, die Uni unter schwierigen Rahmenbedingungen nach vorne zu bringen.

ZEIT: Nun bewirbt sich die TU Dresden erneut bei der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Letztes Mal scheiterte Ihr Zukunftskonzept. Was machen Sie diesmal anders?

KOKENGE: Wir waren die erfolgreichste Ost-Uni, doch es stimmt: Unser Zukunftskonzept kam nicht zum Tragen. Diesmal haben wir mehr Zeit, unsere Vorstellungen davon, was die TU Dresden sein soll, zu entwickeln und genügend in der Universität zu diskutieren.

ZEIT: Was ist die TU Dresden?

KOKENGE: Wir sind eine technische Universität mit Ingenieur- und Naturwissenschaften, aber auch mit Medizin und Geisteswissenschaften - in dieser Kombination und Breite ist das einzigartig in Deutschland.

ZEIT: Das war bei der Bewerbung 2006 nicht anders.

KOKENGE: Ja, aber wir konnten nicht genügend klarmachen, dass wir diese breite Aufstellung der Uni als Chance sehen und beibehalten wollen. Für uns ist sie ein Vorteil, den wir nutzen werden.

ZEIT: Die TU Dresden war erfolgreichste Ost-Uni im Wettbewerb, wie Sie sagen. Zugleich gab es großes Geschrei, weil keine Hochschule aus den neuen Ländern »Eliteuniversität« wurde. Beides zusammen kann Ihnen doch nur recht sein!

KOKENGE: Zunächst: Wir haben nicht mit geschrien. Zweitens wird die Exzellenzinitiative rein nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden, die geografische Lage spielt da sicher keine Rolle.

ZEIT: Dennoch haben Sie darauf hingewiesen, dass der Westen 40 Jahre Vorsprung bei der Entwicklung der Unis habe, die Ausgangsbedingungen in Ost und West unterschiedlich seien.

KOKENGE: Das waren und sind sie auch. Wir hatten stärker darauf gesetzt, dass eines mehr berücksichtigt wird: die Entwicklungsdynamik.

ZEIT: Also doch ein Ost-Bonus?

KOKENGE: Nein, wenn man unter Entwicklungsdynamik nicht nur eine kurzzeitige Entwicklung versteht, sondern einen längeren Zeitraum. Das hat nichts mit Ost-Bonus zu tun.


ZEIT: Aber es ist ein indirekter Ost-Bonus, weil die Entwicklungsschritte der TU Dresden natürlich größere sind als die einer saturierten West-Uni mit 60 Jahren Kontinuität.

KOKENGE: Dieser Nachholprozess wirkt nur kurzzeitig, nicht über 20 Jahre. Sonst müssten sich alle Ost-Unis ähnlich entwickeln. Das tun sie nicht.

ZEIT: Zwar erhält eine Ihrer Professorinnen nun den renommierten Leibniz-Preis, doch im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft erreicht die TU nur Platz 18. Darf man sich da schon als Elite fühlen?

KOKENGE: In anderen Ranglisten stehen wir besser da. So belegen wir im Forschungs- und Entwicklungsranking des Bundes Platz eins. Man sollte aber auch bedenken, dass wir seit 1990 von 12 000 auf 36 000 Studierende gewachsen sind. Das bindet Kräfte, etwa für die Or ga ni sation der Lehre. Kaum eine andere Uni hatte so eine Entwicklung zu verkraften. Platz 18 ist also nicht schlecht, aber damit sind wir nicht zufrieden. Mittelfristig, das ist klar unser Ziel, wollen wir in die Top Zehn aufsteigen.

ZEIT: Eine Exzellenzbewerbung schafft, so sie erfolgreich ist, in der Uni auch Verlierer. Wie kriegen Sie alle unter einen Hut: geförderte Bereiche der Spitzenforschung und jene, die leer ausgehen?

KOKENGE: In einer Uni dieser Größe kann man nicht erwarten, dass sich alle Gebiete stets gleich entwickeln. Allen - selbst den Bereichen, die scheinbar leer ausgehen - muss klar sein: An einer erfolgreichen Universität wird es ihnen besser gehen.

ZEIT: Wer sich unter Professoren umhört, könnte meinen: Die Mehrheit hat gar keine Lust auf eine neue Bewerbung bei der Exzellenzinitiative.

KOKENGE: Das sehe ich anders. Den allermeisten ist klar, dass wir mitmachen müssen. Erfolgreich.

ZEIT: Nach Bewerbung eins gab's an der TU Klagen, der Freistaat habe sie zu wenig unterstützt.

KOKENGE: Dank der Ankündigung eines Landesexzellenzfonds hoffe ich, dass das diesmal besser läuft, finanziell und personell.

ZEIT: Sachsens Wissenschafts- und Kunstministerin muss in diesem Jahr etwa 24 Millionen Euro einsparen. Wird es auch Ihr Haus treffen?

KOKENGE: Was das angeht, stochern wir noch im Nebel. Wir brauchen aber Planungssicherheit auch abseits der Exzellenzinitiative, schon weil wir einem Studienanfänger garantieren müssen, dass er sein Studium hier auch zu Ende führen kann. Ich hoffe, dass die Regierung die Bedeutung der Universitäten und insbesondere der TU Dresden für die Zukunftssicherung dieses Landes erkennt.

ZEIT: Als gelernter Gärtner wissen Sie mit der Heckenschere umzugehen. Schauen wir uns mal die TU Dresden an: Ist da kein Kürzungspotenzial?

KOKENGE: Wenig, ganz wenig. Um im Bild zu bleiben: Es gibt den Radikalschnitt, der wird angewendet, wenn man etwas ausrotten will. Es gibt aber auch die Möglichkeit des Erziehungsschnitts, um einem Baum bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Ich gehe von Letzterem aus. In den vergangenen Jahren wurde allerdings so viel gekürzt, dass es nun kein Totholz mehr gibt, das man entnehmen könnte. Das Betreuungsverhältnis hat sich deutlich verschlechtert. Weitere Einschnitte wären nur auf Kosten der Substanz möglich. Dann müssten wir Leistungen reduzieren und uns überlegen: Was wird abgeschafft?

ZEIT: Hilft es Ihnen eigentlich, dass die Ministerin, Sabine von Schorlemer, eine Exkollegin ist? Bis 2009 war sie hier Professorin für Völkerrecht.

KOKENGE: Es ist sicher nicht schlecht, einen anderen Zugang zur Ministerin zu haben. Ich sehe aber nicht, dass die TU Dresden bevorzugt wird.

ZEIT: Sie selbst saßen früher im Ruderachter der TU. Teilen Sie den Eindruck, dass hier nicht immer alle im selben Takt und in dieselbe Richtung rudern - zum Beispiel Rektor und Kanzler?

KOKENGE: Dazu vielleicht ein Beispiel aus der Geschichte: Es gab dort, wo die Briten nach 1945 in Deutschland die Besatzungsmacht stellten, eine andere Gemeindeverfassung. Neben dem Bürgermeister wurde zudem ein Stadtdirektor installiert - das hat man nach und nach wieder abgeschafft, weil es nicht funktionierte. Es lag nicht an den Personen, sondern an der Doppelstruktur.


ZEIT: Was heißt das für die TU Dresden: Gehört der Kanzler abgeschafft oder der Rektor?

KOKENGE: Ich wünsche mir, dass die Aufgaben und Zuständigkeiten konkreter gefasst werden.

ZEIT: Klingt nach Studenten-WG, in der man sich ja oft uneinig ist, wer wann aufräumt.

KOKENGE: Da ist was dran. In der Studenten-WG herrscht Gleichberechtigung, und diese führt dazu, dass nicht immer alle synchron vorgehen.

ZEIT: Wir wollen die Zuständigkeiten anhand eines Beispiels konkreter fassen: Wer kümmert sich an der TU Dresden um Fundraising?

KOKENGE: Das ist Aufgabe der Universitätsleitung, vor allem des Rektors. Es kann aber nicht Sache einer Einzelperson sein, daher ist eine Unterstützung aus der Universität notwendig.

ZEIT: So wichtig Fundraising für die Zukunft der Hochschulfinanzierung ist: Glauben Sie, die Strukturen der TU Dresden sind dafür gut ausgebildet?

KOKENGE: Zugegeben: Nein, sie könnten besser sein.

ZEIT: Warum?

KOKENGE: Weil man nicht alles zur selben Zeit machen kann. Unsere Prioritäten sind jetzt andere. Wir müssen uns künftig intensiver um Fundraising kümmern.

ZEIT: Ein persönliches Projekt von höchster Priorität ist Ihre Wiederwahl als Rektor. In einem Interview sagten Sie mal: »Ich verstehe es als meine Hauptaufgabe, Schaden von der Universität abzuwenden.« Das klingt defensiv. Sind Sie, so Ihr Ruf, ein Bedenkenträger?

KOKENGE: Nicht in meiner Wahrnehmung. Nehmen Sie etwa die Besetzung eines Hörsaals hier bei den Studentenprotesten im Dezember. An anderen Universitäten wurden Säle geräumt - das habe ich abgelehnt. Weil ich es für falsch halte, unseren Studenten und damit »Familienmitgliedern« mit der Polizei zu kommen. Das kann man auch als Führungsschwäche auslegen, aber da bin ich anderer Meinung.

ZEIT: Viele im Land, so schien es, hatten starke Sympathien für die Proteste.

KOKENGE: Das habe ich mit Erstaunen festgestellt. Wenn ich mir unsere Uni anschaue, war der Anteil derer, die protestiert haben, sehr gering. Im Übrigen belegen neue bundesweite Studien, dass erstaunlich viele Studierende mit den Bachelorund Masterstudiengängen zufrieden sind.

ZEIT: Sie fanden also die Proteste nicht so toll?

KOKENGE: Das pauschale »Bologna ist Mist« ist eindeutig die falsche Botschaft. Einzelne Forderungen kann ich aber durchaus nachvollziehen.

ZEIT: Es hieß, Sie fühlten sich als »Sündenbock für die Versäumnisse der Politik«.

KOKENGE: Ja, denn die Umstellung der Studiengänge mussten wir ohne zusätzliche finanzielle Mittel stemmen. Es gab unkluge Beschlüsse der Kultusministerkonferenz, die diese Umstellung mit sehr engen Regularien begleitet haben. Natürlich haben auch wir als Uni Fehler gemacht, etwa was die Prüfungsdichte angeht. Wobei die angeblich höhere Belastung der Studierenden sich nur in sehr geringem Maß belegen lässt.

ZEIT: Wären Sie heute gerne Bachelorstudent?

KOKENGE: Mit Blick auf die Möglichkeiten und die Flexibilität, die damit verbunden sind: ja.

ZEIT: Sie selbst haben den Beruf des Gärtners erlernt. Ein langer Weg bis zum Hochschulrektor.

KOKENGE: Ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung als Vorbereitung aufs Studium gemacht. Und eine Zeit lang erlebt, was es bedeutet, wenn man auch bei miesem Wetter tagelang draußen zu tun hat. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen, ebenso wenig die Zeit, in der ich außerhalb der Universität als Landschaftsarchitekt gearbeitet habe - das verschafft einen anderen Blick und macht einen freier.

ZEIT: Sind Sie besser als Rektor oder als Landschaftsarchitekt?

KOKENGE: Ich weiß in etwa, welchen Stellenwert ich in der Landschaftsarchitektur habe, als Rektor weiß ich das nicht so genau. Ich habe meine Vorstellung davon, was gut ist für die TU Dresden und was ich erreichen will. Diese Vorstellungen teilen sicher nicht alle, ich hoffe aber, eine Mehrheit teilt sie.

Aus DIE ZEIT :: 11.03.2010

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