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(Zu) hoch gesteckte Erwartungen - Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG

Von Andrea Kottmann und Jürgen Enders

Wie unterscheiden sich die Qualifizierungsbedingungen von Absolventen der Graduiertenkollegs von denen anderer Promovierter? Wie sind die Ausbildungsergebnisse dieser beiden Gruppen im Vergleich einzuschätzen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes, das am Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) durchgeführt wurde.

(Zu) hoch gesteckte Erwartungen - Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG© DFGDFG Gebäude in Bonn
Die Anfang der 1990er-Jahre eingeführten Graduiertenkollegs (GRK) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben sich in zweierlei Hinsicht als erfolgreiches Modell der Nachwuchsförderung bewährt: Zum einen beenden jährlich etwa 900 bis 1 000 Kollegiaten ihre Promotion, dies sind etwa sieben bis acht Prozent aller abgeschlossenen Promotionen in Deutschland (ohne Humanmedizin). Zum anderen hat sich das Modell der GRKs hochschulpolitisch etablieren können. In der jüngeren Vergangenheit sind, im Zusammenhang mit der Neustrukturierung der Promotionsphase, verschiedene strukturierte Formen zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlern ins Leben gerufen worden, bei denen das Konzept der GRKs Pate stand. Die Zahl der Nachahmer und erfolgreichen Absolventen entscheidet aber nicht allein über den Erfolg einer neuen Ausbildungform. Von Bedeutung ist, in welchem Ausmaß sich diese von den traditionellen Modellen abheben kann. Inwiefern sich die Qualifizierungsbedingungen in den GRKs von anderen Qualifizierungszusammenhängen für Promovierende unterscheiden, war einer der Gegenstände unserer Untersuchung.

Den empirischen Kern der Untersuchung bildete eine standardisierte Befragung ehemaliger Doktoranden, die in 2005 durchgeführt wurde. Sie richtete sich an zwei Zielgruppen: Zum einen an alle ehemaligen Kollegiaten, die zwischen 1990 und 2000 an einem GRK teilgenommen haben (ca. 8 500 Personen). Zum anderen richtete sie sich an Promovierte, die sich im gleichen Zeitraum in anderen Qualifikationszusammenhängen (im Folgenden: andere Promovierte) qualifiziert haben (ca. 4 300 Personen). Die Rücklaufquote betrug ca. 36 Prozent. Die Promovierten wurden aus einem breiten Fächerspektrum ausgewählt (ohne Medizin/Tiermedizin und Rechtswissenschaft). Für den Vergleich beider Gruppen wurde ein spezielles Teilsample gebildet, in dem aus beiden Gruppen Befragte mit ähnlichen Fachgebieten und ähnlichen Promotionszeitraum eingeschlossen wurden. Bei den ehemaligen Kollegiaten wurden nur Befragte ausgewählt, die mindestens 24 Monate duch ein DFG-Stipendium gefördert wurden.

Mehr Transparenz?

Die Zielsetzung, mit den GRKs mehr Transparenz über Promotionsmöglichkeiten zu schaffen, wurde nur zum Teil realisiert. 47 Prozent der ehemaligen Kollegiaten haben sich auf ausgeschriebene Stipendien beworben, bei 41 Prozent der ehemaligen Kollegiaten war es immer noch der Hochschullehrer, der dem Absolventen das Angebot eines Stipendiums im GRK machte. Allerdings wechselten die ehemaligen Kollegiaten etwas häufiger die Hochschule für die Durchführung der Promotion (47 Prozent gegenüber 32 Prozent der anderen Promovierten).

Betreuung

Ein weiterer wichtiger Baustein in der Konzeption der GRKs besteht darin, interdisziplinäre, interinstitutionelle und - sofern möglich - internationale Betreuerteams für die Doktoranden einzurichten. Ehemalige Kollegiaten geben häufiger (47 Prozent) als die anderen Promovierten (38 Prozent) an, dass ihre Dissertation von zwei oder mehr Hochschullehrern betreut wurde. Bei 45 Prozent der ehemaligen Kollegiaten und 36 Prozent der anderen Promovierten, die zwei oder mehr Betreuer angeben, waren die Betreuerteams interdisziplinär besetzt, bei jeweils etwa einem Drittel dieser Personen waren die Betreuer an verschiedenen Institutionen tätig. Quantität und Qualität der Beratungsgespräche werden - unabhängig von der Zusammensetzung der Betreuerteams - in beiden Gruppen sehr positiv beurteilt.

(Zu) hoch gesteckte Erwartungen - Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG Promotionsdauer und Alter bei Promotion in Jahren

Sammeln von Forschungserfahrungen

Als temporäre Forschungseinrichtungen gaben die GRKs den ehemaligen Kollegiaten gute Möglichkeiten, erste Forschungserfahrungen zu sammeln und sich mit anderen Wissenschaftlern auszutauschen: 47 Prozent der ehemaligen Kollegiaten haben das eigene Promotionsprojekt in einem starken Ausmaß im Zusammenhang mit einem übergeordneten Forschungsprojekt bearbeitet, für 70 Prozent bestanden in einem hohen Maße Austauschmöglichkeiten mit anderen Wissenschaftlern. Für die anderen Promovierten ergab sich ein geringeres Ausmaß an thematischer und sozialer Integration in den Forschungskontext.

Den ehemaligen Kollegiaten wurde mit dem Studienprogramm der GRKs während der Promotionsphase ein umfangreiches Ausbildungsangebot gemacht. Ingesamt 96 Prozent der ehemaligen Kollegiaten verweisen darauf, dass sie regelmäßig an Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen teilgenommen haben. Von den anderen Promovierten geben dies nur 54 Prozent an.

Promotionsalter und -dauer

Im Hinblick auf die Dauer der Promotion und das Alter während der Promotion ergeben sich zwischen den beiden Gruppen Unterschiede. Allerdings fallen die Unterschiede nicht so deutlich aus, wie es häufig implizit für die GRKs erwartet wurde. Die Promotionsdauer der ehemaligen Kollegiaten beträgt 3,6 Jahre, beim Abschluss der Promotion waren sie etwa 30,6 Jahre alt. Dabei ist dieses jüngere Promotionsalter in einem gewissen Ausmaß auf die zeitweilige Begrenzung des Zugangsalters zu den GRKs auf 28 Jahre zurückzuführen. Mit 3,8 Jahren war die Promotionsdauer der anderen Promovierten nur geringfügig länger, mit 31,1 Jahren waren sie nur geringfügig älter. Lediglich in der zeitlichen Strukturierung der Promotion zeigen sich zwischen den beiden Gruppen Unterschiede. Andere Promovierte unterbrachen häufiger und länger als die ehemaligen Kollegiaten wegen anderer beruflicher Verpflichtungen die Arbeit an der Promotion.

(Zu) hoch gesteckte Erwartungen - Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG Thematische und soziale Einbettung der Dissertationsarbeiten an der Hochschule bzw. Forschungseinrichtung

Gemischte Bilanz

Insgesamt konnten mit den GRKs Veränderungen in der Doktorandenausbildung erreicht werden. Fachgebietsspezifische Auswertungen zeigten, dass sich durch die GRKs vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in den Lebenswissenschaften eine deutliche Veränderung der Qualifikationsbedingungen (Betreuungsstrukturen, Integration der Promovierenden in den Forschungszusammenhang der Hochschule) ergeben hat. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften ist der Effekt der GRKs im Hinblick auf die Qualifikationsbedingungen dagegen gering, da mit den GRKs hier keine wesentlich anderen Promotionsbedingungen geschaffen wurden.

Über die Autoren
Andrea Kottmann ist Soziologin und arbeitet am Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) an der Universität Twente, Niederlande.

Jürgen Enders ist Professor für Hochschulforschung und Direktor des CHEPS.

Aus Forschung und Lehre :: Juli 2009

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