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Aktuelle Verteidigungs- und Sicherheitsforschung: der Forscherverbund der Fraunhofer-Gesellschaft


Von Nicola Kuhrt

Klaus Thoma lässt seine Mitarbeiter sprengen und schießen - alles für einen guten Zweck.

Aktuelle Verteidigungs- und Sicherheitsforschung: Der Forscherverbund der Fraunhofer-Gesellschaft© Ernst-Mach-InstitutProf. Dr. Klaus Thoma
Angst, sagt Klaus Thoma, sei nicht seine Sache. "Übertriebenes Schutzbedürfnis ist für mich ein Zeichen von Schwäche. Das mag ich nicht." Entspannt sitzt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Kurzzeitdynamik am Besprechungstisch seines Büros, und man glaubt ihm, dass er sich nicht so schnell fürchtet.

Doch so unaufgeregt die Stimmung im Arbeitszimmer des höflichen 59-Jährigen in diesem ruhigen Freiburger Wohnviertel auch ist: Die Forschung, die der Physiker von seinem Schreibtisch aus koordiniert, ist hochexplosiv. Klaus Thoma ist der Architekt der deutschen Sicherheitsforschung, das Freiburger Büro dessen inoffizielle Zentrale.

Seine Mitarbeiter erforschen, wie Wohnhäuser, Munitionslager oder Botschaftsgebäude bombensicher, zivile Autos crashtauglich und Militärfahrzeuge, Schiffe oder Flugzeuge kugelfest gemacht werden können. Mauerwerk wird zerbombt, Karosserieteile werden geschrottet. Zu Testzwecken. "Die Sprengungen machen wir nicht hier", sagt Thoma, dafür habe man spezielle Außengelände.

Früher arbeitete das Institut überwiegend für das Militär. Doch mit Ende des Kalten Kriegs musste es sich neu orientieren. Zwar gibt es weiterhin militärische Projekte, aber mehr und mehr dominiert die zivile Auftragsforschung. Gebäudeschutzspezialisten des Instituts beraten nicht mehr nur Bundeswehr und Ministerien, sondern auch Industrieunternehmen, wie man sichere Gebäude baut. Die Fraunhofer-Gesellschaft macht inzwischen gute Geschäfte auf dem zivilen Sicherheitsmarkt. Umgekehrt sollen neue Technologien aus ziviler Forschung auch die Wehrtechnik stärken. Unter anderem um diesen Wissenstransfer zu fördern, gründete die Fraunhofer-Gesellschaft einen Forscherverbund zur Verheiratung der Verteidigungs- mit der Sicherheitsforschung. Dessen Sprecher: Klaus Thoma.

Dass Thoma den Doppelnutzen der Sicherheitsforschung früh erkannt hat, liegt an seiner Vergangenheit. In der Industrie, bei Messerschmidt- Bölkow-Blohm, sammelte er Erfahrungen in führenden Positionen. Heute lehrt er an der Universität der Bundeswehr in München. Beim Bund war er nie, aus gesundheitlichen Gründen.

Um scharf zu schießen, hat er heute eigene Leute, keine halbe Stunde von seinem Büro entfernt. In Efringen-Kirchen, einem kleinen Ort an der deutsch-schweizerischen Grenze, umgeben von Feldern und Weinbergen, werden Bombenanschläge simuliert. Vor der wuchtigen Wand eines alten Steinbruches liegt die Außenstelle von Thomas Institut, mit Werkstätten, Sprengplatz, Bunker. Wenn es richtig knallt hier, wird der Verkehr auf der nahen Bundesstraße gestoppt. Man weiß ja nie, wie weit Explosionsteile fliegen. Heute ist alles still, fast gespenstisch. Die blauen Metalltüren zu den vielen Hallen, in denen Beschleunigungsapparaturen, Prüfanlagen und eine Sprengkammer untergebracht sind, bleiben geschlossen. Auch die Stoßrohr-Anlage ruht, ein monströses Testgerät von zwölf Metern Länge. Mit ihrer mannshohen Röhre lassen sich Fenster, Türen und andere Bauteile auf Druckbelastungen testen, die Detonationen von 100 bis 2500 Kilo TNT entsprechen in Abständen von 35 bis 50 Metern.

Seit Thoma das Institut leitet, habe sich viel getan, heißt es in Efringen- Kirchen. Alle Gebäude wurden modernisiert. Gerade wird gebaut für ein Tunnelforschungsprojekt. "Da hat der Thoma wieder einen Geldtopf aufgetan", freuen sich Mitarbeiter. Auch im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium freut man sich. Wie er Wissenschaft und Wirtschaft verknüpfe und Netzwerke schaffe, bringe ihm Respekt ein, sagt ein Ministerialdirektor.
Jeder, der sich mit Sicherheitsforschung in Deutschland beschäftigt, landet früher oder später bei Thoma. Bereits 2004 machte er sich auf eu ro päischer Ebene stark für Sicherheitsforschung, später beriet er die Bundesregierung. Das 2007 gestartete deutsche Programm ist zu einem guten Teil sein Verdienst. "Meine Mission ist es, dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft sicherer wird", sagt er. Dafür alles getan zu haben vermittle ein gutes Gefühl.

Im Alltag bedeutet dies, eigentlich ständig mit dem Kampf gegen unsichtbare Gefahren beschäftigt zu sein: Kriminalität, Terror, potenzielle Naturkatastrophen. Explosionshemmende Baustoffe zu entwickeln oder Methoden für den ballistischen Schutz von Fahrzeugen und Gebäuden - dabei fühlt sich nicht jeder Wissenschaftler wohl. Thoma sieht seine Arbeit nicht als etwas Besonderes an. Auch seine Freunde oder seine Familie fänden das ganz normal. "Und wenn es mal Kritik gibt, dann setze ich mich hin und erkläre alles."

Dann erzählt er von der Welt, wie er sie sieht. Von einer Gesellschaft, die ihre Menschen zwar besser denn je versorgt, aber auch neue Risiken birgt. Terroristische Anschläge, aber auch Naturkatastrophen könnten so viel zerstören: "Alles ist vernetzt. Ob Strom, Gas, Informationstechnologie oder Chemiefirmen, das sind doch kritische Infrastrukturen." Alles nur Panikmache? Keineswegs. Dass auch in Deutschland Gefahr drohe, bewiesen der verhinderte Anschlag im Sauerland 2007 oder die versuchte Kofferbomben-Attacke in einer Regionalbahn ein Jahr zuvor.

Die Ereignisse des 11. September 2001 hätten eine veränderte Sicherheitslage geschaffen. Nur schlage sich das in der Forschungspolitik nicht überall gleich schnell nieder. Das mit 123 Millionen Euro ausgestattete deutsche Sicherheitsforschungsprogramm sei ein richtiger, aber später Schritt. In Großbritannien etwa sei es schon lange normal, etwas für den Schutz von Bevölkerung und Infrastrukturen zu tun. Dort lägen selbstverständlich Risikolandkarten mit gefährdeten Infrastrukturen wie Erdöl- und Gasleitungen vor. In Deutschland werden sie gerade erst erstellt. In den USA gebe es Pläne, nicht nur Fluggäste, sondern auch den Güterverkehr genau zu kontrollieren: etwa Container mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten. Falls das Gesetz würde, sagt er - zum ersten Mal mit lauter Stimme -, und die Europäer entwickelten nicht rechtzeitig die dafür nötige Sicherheitstechnik, dann müssten sie diese eben bei den Amerikanern kaufen.

Die 123 Millionen Euro für das deutsche Sicherheitsforschungsprogramm reichten nicht aus. Er hofft, dass das Programm auch nach 2010 fortgesetzt wird. Schließlich gehe es um mehr als nur die deutschen Sicherheitsinteressen. "Der zivile Markt in Deutschland ist begrenzt", sagt er. Zuerst müsse sich der Markt in Europa entwickeln, dann in der übrigen Welt. China werde eine wichtige Rolle spielen. "China hat viel Angst." Und Indien nun vermutlich auch.

Aus DIE ZEIT :: 04.12.2008

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