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Alle zum Einzeltraining - individuelle Förderung an Schulen?

Von Martin Spiewak

Die Unterschiede zwischen Schülern wachsen, die Vorstellung von homogenen Klassen ist überholt. In Zukunft sollen die Lehrer mehr moderieren, weniger dozieren - und die Fähigkeiten jedes Einzelnen fördern.

Alle zum Einzeltraining - individuelle Förderung an Schulen?© Monika Wisniewska - iStockphoto.com
In ihrem Alter ist es nicht cool, aufgeregt zu sein. Aber ein bisschen nervös sei sie schon, sagt Lena. Schließlich trägt man mit elf Jahren nicht alle Tage ein Theaterspiel vor - auf Englisch und Französisch, vor mehr als 50 Zuschauern. Fast zwei Monate lang haben das Mädchen und ihre drei Klassenkameraden den Auftritt vor Eltern, Lehrern und Mitschülern vorbereitet: Informationen gesammelt, die Dialoge geschrieben, an den fremden Vokabeln gefeilt. »In der Woche vor der Aufführung haben wir fast nichts anderes gemacht «, sagt das Mädchen. Für das Rollenspiel gibt es nicht einmal Zensuren. »Doch für die Schüler ist die Präsentation wichtiger als jedes Zeugnis«, sagt Schulleiterin Ortrud Meyhöfer.

Sie selbst hat ganz ähnliche Prioritäten. Wenn die Schüler der Voltaire-Schule vor Publikum ihr »Monatsthema« vorstellen, dann präsentieren sie zugleich das Ergebnis eines pädagogischen Experiments: So stellen sich die Lehrer der Potsdamer Gesamtschule den Unterricht der Zukunft vor. »Wir müssen den Schülern mehr Chancen geben, ihre individuellen Talente zu entfalten«, sagt Meyhöfer. Seit einiger Zeit erprobt die Voltaire-Schule in den unteren Klassen deshalb ein neues Konzept. Mehrmals im Jahr stimmen Lehrer ihre Stunden aufeinander ab und einigen sich auf ein gemeinsames Thema. »Berlin - London - Paris« hieß das Motto vor Kurzem, das Deutsch, Französisch, Englisch und Kunst verband. Die Schüler erarbeiten ihr Projekt über mehrere Wochen weitgehend eigenständig. »Unterricht, in dem alle das Gleiche machen, wird immer mehr der Vergangenheit angehören «, sagt die Rektorin.

Die Schule entdeckt den einzelnen Schüler. Ob auf Fortbildungen oder Lehrerkonferenzen, in bildungspolitischen Statements oder wissenschaftlichen Vorträgen: Kein Thema steht derzeit so häufig im Mittelpunkt wie die »Individualisierung des Unterrichts«. Was bislang nur an Vorzeigeschulen und einigen deutschen Grundschulen gelingt, sollen bald alle Lehranstalten des Landes können: die Unterschiede der Schüler als Vorteil anstatt als Belastung zu betrachten.
Nicht mehr der »imaginäre Durchschnittsschüler «, sagt der Schulforscher Andreas Helmke, gelte als Leitbild der Lehrer. In Zukunft soll ihr Unterricht die Talente und Interessen des Einzelnen fördern. In Nordrhein-Westfalen könnten Eltern seit Kurzem sogar einen solchen Unterricht für ihr Kind einklagen. Gleich im ersten Satz verspricht das neue Schulgesetz des Landes »individuelle Förderung « für jeden.

Wenn es nur so einfach wäre! Hinter dem bildungspolitischen Appell steckt der Aufruf zu einer Revolution im Klassenraum. Bisher gilt dort das Gesetz der pädagogischen Einfalt. Vorn steht ein Lehrer, der nach einem Lehrplan und einem Notenraster eine Gruppe beschult. Nun soll der Unterricht plötzlich der Vielfalt frönen. »Das ist ein Generationenprojekt«, sagt Kurt Reusser, Didaktikprofessor an der Universität Zürich.

Manche können lesen, andere erkennen nicht einmal einzelne Buchstaben

Der Ruf nach stärker differenziertem Lernen hat viele Gründe. Das gute Abschneiden der deutschen Grundschulen durch individualisiertes Lernen bei internationalen Leistungstests gehört dazu; ebenso Veränderungen der Schulstruktur in einigen Bundesländern (siehe Kasten unten). Auch Befunde der modernen Lernpsychologie stützen die Erkenntnis, dass Lehrer am erfolgreichsten sind, wenn sie Schüler zur Eigenständigkeit anregen.
Am stärksten stellt die wachsende Vielfalt im Klassenzimmer das alte Pauken im Gleichschritt infrage. Schon bevor Kinder die Schule betreten, sind die Unterschiede enorm. Zwischen Jungen und Mädchen, schnellen und langsamen Lernern, Einwandererkindern und Einheimischen. Während die einen bereits lesen können, erkennen die anderen nicht einmal einzelne Buchstaben. Von Jahr zu Jahr driften die Schüler weiter auseinander. Diese wachsende Heterogenität, meint der Pisa- Forscher Jürgen Baumert, sei die größte pädagogische Herausforderung der Zukunft.

Hundert Jahre Reformpädagogik haben den Unterricht kaum verändert

In der Vergangenheit kannte die deutsche Schule vor allem eine Antwort auf die Ungleichheit der Schüler: ihre frühe Aufteilung auf Gymnasium, Real- und Hauptschule. Bis heute leben viele Lehrer mit der Illusion, vor einer homogenen Klasse zu stehen. Fast zwangsläufig ergibt sich daraus das didaktische Mittel der Wahl: klassischer Frontalunterricht, der alle Schüler gleichzeitig anspricht.
Mehr als hundert Jahre Reformpädagogik - von Jena plan über Montessori bis hin zu Waldorf - haben dem lehrergeführten Ganzklassenunterricht wenig anhaben können. Wissenschaftliche Abhandlungen über »Binnendifferenzierung« und »kooperative Lernformen «, die seit den siebziger Jahren die didaktische Literatur beherrschen, haben die traditionelle Unterrichtsform kaum erschüttert.

Dabei zeigten schon immer einzelne Schulen, wie es auch anders geht. Jedes Jahr krönt der Deutsche Schulpreis die besten Werkstätten der Neugier. Die Bodensee-Schule in Friedrichshafen zum Beispiel, wo sich die Schüler morgens selbst mit dem Lernstoff versorgen. Oder die Montessori-Schule in Potsdam, in der Lehrer die Tafeln aus den Klassenräumen verbannt haben, da sie Pädagogen zu zeigefingersteifer Belehrung verführen.
Bislang jedoch strahlen diese Leuchttürme des Lernens einsam vor sich hin. Das legen Videostudien von typischen Unterrichtssituationen nahe. Schulforscher vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel dokumentierten den Physikunterricht an Gymnasien und Realschulen. Dabei habe man eine »überaus starke Dominanz des Lehrers« festgestellt, berichtet Tina Seidel, Mitautorin der Studie. Egal wie groß die Klasse war oder wie weit die Leistungen der Schüler auseinanderlagen - die Monokultur des Lehrers als Alleinunterhalter zog sich durch alle Aufnahmen. Eine Studie zum Englischunterricht ergab, dass pro Unterrichtsstunde alle Schüler zusammen genommen nur elf Minuten reden. Die Hälfte der 45 Minuten spricht der Lehrer.

Die Befunde werden von der Osnabrücker Schul forscherin Claudia Solzbacher bestätigt. Sie befragte Lehrer zu ihrem Unterrichtsstil. Zwar bezeichnen alle Pädagogen die »individuelle Förderung « als wichtiges Ziel. Doch die meisten probieren alternative Unterrichtsformen allenfalls »hin und wieder« aus (siehe Tabelle). Noch am weitesten verbreitet scheinen Nachhilfestunden für lernschwache Kinder und Jugendliche zu sein. Sie stehen in vielen Bundesländern mittlerweile auf dem offiziellen Lehrplan. Sämtliche Schüler individuell zu fördern halten jedoch rund 90 Prozent der Befragten für unmöglich. »Von einer veränderten Lernkultur sind wir noch weit entfernt«, resümiert Solzbacher.
Doch nun machen die Bildungsministerien Druck. Als wichtiges Instrument des Wandels dient ihnen die Schulinspektion. In vielen Bundesländern bewerten seit einiger Zeit Inspektoren - Kultusbeamte, ehemalige Schulleiter oder Lehrer - die Schulen. Auch die Voltaire-Schule in Potsdam erhielt vor zwei Jahren Besuch. Drei Tage lang streiften die Experten durch Klassen und Lehrerzimmer. Mit dem anschließenden Zeugnis konnte die Gesamtschule zufrieden sein. Das Schulklima und die Zusammenarbeit mit den Eltern erhielten Bestnoten, das Engagement der Lehrkräfte sei vorbildlich. Nur einen Kritikpunkt gab es: Die Schule, hieß es im Inspektionsbericht, berücksichtige »Niveauunterschiede der Schüler« zu wenig. Zu häufig langweilten sich gute Schüler, oder Leistungsschwächere kämen nicht mit.

»Völlig überraschend kam das Urteil nicht«, sagt Schulleiterin Meyhöfer. Zwar bietet die Schule seit Langem Nachhilfe in Mathematik und Deutsch an, für die Besten gibt es Zusatzstoff am Nachmittag. Im Unterricht jedoch hatte sich nur wenig getan. Das sollte sich nun ändern, die neuen Klassen machten den Anfang.

Schon der Fünftklässler weiß, wann er reif ist für die Prüfung

Montagmorgen, in der Sechsten steht Englisch auf dem Stundenplan. Der erste Schultag nach dem großen Auftritt. Die Schüler müssen ihre Arbeit der vergangenen sechs Wochen bewerten: Kann ich jetzt auf Englisch einen Weg beschreiben? Beherrsche ich das present perfect? Was muss ich bei meiner nächsten Präsentation anders machen? Lena beantwortet die Fragen auf Englisch, ihr Nachbar schafft es nur auf Deutsch.

»Gerade in Englisch sind die Unterschiede riesig, mit denen die Kinder aus der Grundschule kommen«, sagt Lehrerin Stefany Hummel. Da verbiete es sich, allen das identische Programm anzubieten. Nach 20 Minuten sind die Ersten mit der Auswertung fertig und wenden sich den Übungen zu. Stefany Hummel hat dafür unterschiedlich schwierige Aufgaben erstellt und auf verschiedene Schachteln verteilt. Immer wieder gehen die Kinder nach vorn und nehmen sich einen neuen Zettel. Obwohl die Schüler ständig in Bewegung sind, bleibt es erstaunlich ruhig. Nur ganz selten muss die Lehrerin jemanden zum Weitermachen ermahnen. Denn jeder weiß: Wer das Mindestpensum an Aufgaben nicht schafft, muss zu Hause nacharbeiten. Nicht alle Stunden verlaufen so selbstbestimmt, erklärt Stefany Hummel. Muss sie ein neues Kapitel englischer Grammatik einführen, erklärt sie es allen Schülern klassisch an der Tafel. Als es jedoch nach neunzig Minuten zur großen Pause klingelt, hat kaum eines der 25 Kinder zum gleichen Zeitpunkt das Gleiche gemacht.

Mit zwei Schülern hat Hummel im Nebenraum sogar einen mündlichen Englischtest absolviert. Schon Fünftklässler lernen sich selbst einzuschätzen, dabei helfen ihnen sogenannte Kompetenzraster. Sie führen detailliert das Lernpensum in einem Halbjahr auf. Fühlen die Kinder sich in einer Lektion sicher, melden sie sich zur Prüfung. »Das erfordert von ihnen viel Selbstständigkeit«, erklärt Hummel - und von den Lehrern einen guten Überblick. »Manchmal möchte man sich dreiteilen, um alle Schüler genau zu beobachten.«

Der individualisierte Unterricht stellt hohe Anforderungen an die Lehrer. Sie müssen nicht nur neue didaktische Methoden beherrschen, sondern auch die einzelnen Schüler richtig einschätzen können. Warum erfasst der eine Textaufgaben in Mathematik nicht angemessen? Wer soll in einer Kleingruppe gemeinsam Aufgaben bearbeiten, und wer lernt besser allein? Wo sind bei wem Schwerpunkte in der Förderung zu setzen? »Viele Lehrer sind mit solchen Fragen überfordert«, glaubt Rainer Watermann, Schulforscher von der Universität Göttingen. So waren nur wenige Schüler, die bei Pisa weit unter dem Durchschnitt abschnitten, zuvor von ihren Lehrern als schlechte Leser identifiziert worden.

Ohnehin wird die Bedeutung des Lehrers im individualisierten Unterricht häufig unterschätzt. Er sei nur ein Moderator, heißt es, er halte sich zurück. »Dabei ist er höchst aktiv«, sagt der Kasseler Erziehungswissenschaftler Frank Lipowsky. Der Lehrer steuert die Stunde im Hintergrund, passt die Methoden den Schülern an, wechselt immer wieder von Phasen der Freiarbeit zum Lehrergespräch.
In ihrer Ausbildung lernen deutsche Pädagogen all dies bis heute kaum. Schulbücher und Unterrichtsmaterial, die verschiedene Aufgabenniveaus bedienen, gibt es bislang nur für die Grundschule. Die Lehrer müssen sie häufig selbst erstellen. Das geht am besten im Team. Denn im traditionellen 45-Minuten-Takt, isoliert nach einzelnen Fächern, funktioniert das individualisierte Lernen nur schwer. Steht an der Voltaire-Schule etwa ein Monatsthema an, bedeutet dies für die betroffenen Kollegen viele Sitzungen an Nachmittagen und Zusatzarbeit am Wochenende. »Der Aufwand ist gerade in den ersten Jahren enorm«, bestätigt Schulleiterin Ortrud Meyhöfer.

Klassen mit mehr als 30 Schülern machen das Fördern schwer

Zudem erfordert das neue Lernen gute Bedingungen. Kleine Klassen lassen sich einfacher im Blick behalten als große. Gruppenarbeit lässt sich besser organisieren, wenn ein zweiter Raum zur Verfügung steht. Die Voltaire-Schule hat besondere Ressourcen und die besten Lehrer in die Anfangsklassen gesteckt. Doch wenn die Erneuerung des Lernens in den höheren Stufen gelingen soll, muss dies unter normalen Bedingungen geschehen - nicht nur in Potsdam, sondern in allen Schulen.
Mit Klassen von 30 Schülern und nur durchschnittlich engagierten Pädagogen, deren Routinen sich über Jahrzehnte eingeschliffen haben und die nicht daran glauben, dass man jedem Schüler gerecht werden kann.
»Individuelle Förderung setzt eine professionelle Haltung voraus«, sagt Claudia Solzbacher. »Fehlt diese, wird es schwer.« Auf eines jedoch können sich die Reformer verlassen: Schüler, die selbstständigeres Lernen kennen, werden es später einfordern. Weil es sie ernst nimmt und anregender ist. »Unser Unterricht ist fast nie langweilig«, findet Lena. Ein größeres Lob kann eine Elfjährige kaum aussprechen.

Aus DIE ZEIT :: 26.02.2009

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