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Am Seelenmarkt: Was macht die moderne Ökonomie mit unseren Gefühlen?

Von Elisabeth von Thadden

Die Soziologin Eva Illouz untersucht, was der Kapitalismus mit den Gefühlen anstellt. Und umgekehrt.

Am Seelenmarkt: Was macht die moderne Ökonomie mit unseren Gefühlen?Eva Illouz
Eine Frau sitzt allein in einem Café in der Großstadt Berlin, sie hat einen Kaffee getrunken. Sie schaut aus dem Fenster, spiegelt sich in der Scheibe. Man sieht der Frau ins Gesicht. Sie fällt auf. Ein Passant könnte sich im Vorbeigehen für sie interessieren. Nur umsonst ist das nicht. Der Kaffee hat etwas gekostet.

Diese Szene hat unser Fotograf inszeniert, um die Soziologin Eva Illouz in ein Bild zu setzen, das ihr Forschungsthema illustriert. Aber ebenso gut könnte man sagen: Der moderne Kapitalismus hat die Szene möglich gemacht. Das wäre vor 1900 kaum denkbar gewesen: eine Frau allein im Café, wo sie sich etwas Wahrnehmbarkeit kauft und auch andere wahrnehmen kann. Dies ist ein Ausdruck jener europäischen Emanzipationsgeschichte der Neuzeit, in der Individuen freier werden und unverwechselbar sein wollen. Besonders in ihren privaten Gefühlen. Sie wollen der Welt mal entkommen. Und ausgerechnet die Welt der käuflichen Güter hilft ihnen dabei.

Was macht die moderne Ökonomie mit unseren Gefühlen, fragt Eva Illouz, Professorin für Soziologie in Jerusalem, wie prägt sie unsere Individualität, wie machen wir uns für andere und am Markt interessant? Die Quellen, die Illouz durchforstet, sind vor allem solche westlicher Gesellschaften, sie reichen von der Belletristik über klassische Interviews, Frauenzeitschriften, Werbeblätter und Fernsehshows bis zu den Kontaktbörsen im Netz. Illouz zeigt empirisch: Die Konsumkultur, die sozialen Beziehungen und die unverwechselbare Individualität sind heute so eng ineinander verwoben, dass Ökonomie und Gefühle nicht mehr zu trennen sind. Besonders ist die Liebe verstrickt: Als die Soziologin vor ein paar Jahren, bei den Arbeiten zu ihrem Buch Konsum der Romantik, mit dem sie weltbekannt wurde, herausfinden wollte, was Menschen als einen romantischen Augenblick empfinden, haben die Befragten ihr geantwortet, als habe sie sich nach dem ökonomischen Verhalten erkundigt. Romantisch sei es, sagten die Interviewpartner, das alltäglich Übliche hinter sich zu lassen, um einzigartig zu zweit zu sein, und diese Erfahrungen von Einzigartigkeit beschrieben sie als Formen des Konsums von Verbrauchsgütern, von Produkten der Freizeitindustrie.

Wer verliebt ist, kauft Kinokarten, fährt mit dem alten Saab und einem Rotwein an eine einsame Flussböschung, überreicht einen Ring auf der Spitze des Eiffelturms oder öffnet bei Chopin-Klängen eine kostspielige Flasche, je nach Milieu und Geldbeutel. Oder in den Worten eines Arztes, den Illouz befragte und der im Buch wie viele andere zu Wort kommt: »Romantik ist diese Art von Scheißrestaurant in der Park Avenue, Wein und Rosen und Blumen.« Man kauft das alles, um des persönlichen Glücks willen.

Man könnte Eva Illouz eine Utopieforscherin nennen, denn sie will verstehen, wie die persönlichen Utopien des Glücks, der seelischen Gesundheit und des Wohlstands im »emotionalen Kapitalismus«, wie sie ihn nennt, funktionieren. Welche Ungleichheiten sie schaffen. Und warum sie so viel Leid und Zerrissenheit erzeugen. Bisher, sagt Illouz, hat man in der Sozialforschung, etwa der Frankfurter Schule, die Utopie eher gesellschaftlich und politisch verstanden. Sie sollte die bessere Zukunft einer Gesellschaft entwerfen. Überdies war die Forschung zumeist normativ angelegt, sie wusste also vorab, was das Glück ist, das Menschen erlangen sollten. Als empirisch arbeitende Soziologin befragt Illouz hingegen die Menschen selbst, was sie anstreben und für ihr Glück halten, woran sie leiden und was sie gewinnen. Potenziell gewinnen sie durch den emotionalen Kapitalismus sehr viel: Einzigartigkeit, Wohlstand, Arbeit, Bildung, Liebe, Gesundheit, Freunde, Freiheit. Faktisch aber strampeln sie, in lauter leidvolle Widersprüche verstrickt, durch ihr Leben und suchen die Ursachen dafür meist bei sich selbst. Mit ihrer Forschung trifft Illouz einen hochempfindlichen Nerv. Denn inzwischen stehen auf den entgrenzten Märkten Milliarden Menschen vor der Frage, wie sie sich unverwechselbar machen könnten. Natürlich, sagt Illouz, geht jede Gesellschaft der Welt auf andere Weise einen Weg in ihre künftige Form des Kapitalismus, und doch gibt es Muster, die den brasilianischen Jungen in Rio mit dem Mädchen in Peking verbinden. Beiden geht es darum, sich als Individuum zu entfalten und bemerkbar zu machen. Die globalen Gefühls- und Arbeitskraftbörsen im Netz, die Illouz untersucht, entwickeln gemeinsame Muster. Weltweit, immer zahlreicher, will der Homo oeconomicus seine Besonderheit unter Beweis stellen. Und, fernab von allen Routinen, Ruhe finden.

Solche Paradoxa spürt Eva Illouz mit Vorliebe auf. Jetzt ist sie in Berlin, für ein paar Forschungsmonate am Wissenschaftskolleg, und will über das Leiden an der Liebe nachdenken, ein Buch soll draus werden. Die Tür des Gäste-Appartements am Halensee steht beim Klingeln schon offen, »kommen Sie bitte rein«, ruft eine Stimme aus dem Hintergrund. Dann taucht auf dem Flur eine zierliche Frau auf, in warme Brauntöne gekleidet, ihr Wickelrock betont die Taille, sie trägt Stiefel. Sie hat nichts von der verbreiteten Androgynität amerikanischer Intellektueller. Erzählt gleich von schwierigen Visumsanträgen für Indien, setzt Wasser auf für den Kaffee und ist ganz präsent. Bar jeder Attitüde. Löslicher Kaffee ist am praktischsten, zwei Gläser Wasser dazu. Im Regal Bücher zum Thema, auf dem Tisch ein paar Tulpen. Hier wohnt ein Mensch, der dankbar ist, ungestört arbeiten zu dürfen. Wissenschaft ist für sie, im fast mönchischen Sinne ihres Lehrmeisters Max Weber, Beruf. »Worte, Begriffe, Analysen können in ihrer Wirksamkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden«, sagt Illouz. Die Moderne sei nur erfindungsreich, wenn man sie klug kritisiere. Und was würde für die Zukunft mehr gebraucht, als der modernen Rationalität ihre Grenzen zu zeigen? Eine Soziologie, die das soziale Handeln von innen heraus verstehen will, stellt fest, dass Gefühle die vermeintlich rationalen Handlungen »einfärben«. Die Soziologin Illouz entwirft keine Zukünfte, sie ist skeptisch, was sich über Zukünftiges überhaupt sagen lässt. Aber ihre Forschung liefert eine Menge Indizien, womit zu rechnen ist, wenn Milliarden von Menschen sich freier auf Märkten bewegen, die sie miteinander verbinden und auf denen das Management der Gefühle als Motor der Konsumkultur wirkt.

Eva Illouz spricht konzentriert, in einem nuancenreichen amerikanischen Englisch. Gegen Abend wird sie ins Französische wechseln, ihre Muttersprache, mit der sie in den sechziger Jahren im marokkanischen Fes groß geworden ist. Als Tochter eines Juweliers, in einer jüdischen Familie mitten in einer muslimischen Gesellschaft. Vor allem aber lebte sie inmitten von Büchern, Licht, Musik, von Geschwistern. Als sie zehn war, 1971, ging die Familie nach Paris. Deutsch, sagt sie höflich bedauernd, könne sie kaum. Ihre Umgangssprache aber, zu Hause in Jerusalem, ist Hebräisch, das spricht sie mit ihrem Mann, ihren drei Söhnen. Der älteste ist 14, der jüngste ist vier. Nach Berlin ist die Familie nicht mitgekommen. Es wäre mit der Sprache in der Schule schwierig geworden. »Mutterschaft ist einer der letzten Mythen«, sagt Illouz ruhig, als gelte es, einer Frage zuvorzukommen. Vor Kurzem erst hat eine angesehene Philosophieprofessorin sich bei ihr besorgt erkundigt, wie sie den kleinen Sohn denn in Jerusalem allein lassen konnte. »Als wäre er nicht bei seinem Vater in besten Händen, und als käme ich nicht regelmäßig nach Haus.« Eva Illouz lebt in einer jener Forscherehen, in denen alle Aufgaben geteilt werden. Ihr Mann ist Professor für Ökonomie. Im Nachwort zu ihrem Buch Konsum der Romantik, das in den Jahren entstand, in denen sie zwei Kinder bekam, hatte sie ihm für seine »harte Arbeit im Haushalt«, seine »nie nachlassende Unterstützung« gedankt. Zehn Jahre später ist ihm ihr jüngstes Buch über die Errettung der modernen Seele gewidmet. »Wie immer«, heißt es da, »meinem Mann und besten Freund«.

Die Bücher von Illouz sind in zehn Sprachen übersetzt, sie hat in Princeton, in Paris, in Frankfurt gelehrt, und ihre Popularität hat auch einen paradoxen Grund. Sie hat ein Gespür für die Konflikte, die sich leichter beschreiben als auflösen lassen und die jeder kennt: Die Ökonomie erfordert die fortgesetzte Selbstwerdung, es bleibt einem nichts anderes übrig, als hochindividuell zu sein, vor dem Originalitäts- Stress will man sich durch Bindung in Sicherheit bringen - und eines Tages trennt man sich, um der Freiheit willen, die neue Originalität verheißt, sodass man die Haut wieder zu Markte trägt. »Ich glaube nicht, dass die Liebe etwas ist, das in natürlicher Weise mit der Zubereitung des Frühstücks oder dem Wäschewaschen oder solchem Zeug in Einklang zu bringen ist«, hat im Interview eine Befragte ernüchtert über diesen Mechanismus gesagt.

Das moderne Individuum benimmt sich also ebenso vernünftig wie närrisch, kurzum: unmöglich. So fühlt es sich auch, mitsamt den Widersprüchen, die sich auf der Bühne des Selbst austoben und nach balancierendem Management schreien. Und weil heute der emotionale therapeutische Stil das Leben regiert, versteht man sich stets als reparaturbedürftig. Deshalb kauft man Heilmittel ein. Klassisch: den Therapeuten. Aber ebenso: eine Illustrierte, einen Coach, eine Creme, Schokolade. Noch ein Paar Chucks. Das ist teuer. Ungerecht. Ein derart aufwendiges Selbst kann sich nicht jeder leisten. Aber das ist nicht alles. Jeder spricht die Sprache der seelischen Heilung, und demgegenüber hält Illouz fest: »Der therapeutische Diskurs ist von bitterer Ironie. Je mehr Ursachen von Leid im Selbst lokalisiert werden, desto stärker wird das Selbst im Zeichen seiner Notlagen verstanden.

« Das menschliche Leid, das einmal die Gesellschaftsutopien und Weltreligionen als Gerechtigkeitsfrage umgetrieben habe, werde dabei banal, gerinne zu einer »Folge schlecht verwalteter Gefühle oder einer dysfunktionalen Seele«. Der Einfluss des therapeutischen Ethos auf unsere Kultur, schreibt Illouz in der Errettung der modernen Seele, sollte uns deshalb beunruhigen. Wie kommt eine Forscherin auf solche Gedanken? Zunächst durch Selbstbeobachtung, sagt Eva Illouz sehr trocken. Irgendwann, etwa mit zwanzig, merkte sie, dass alle Frauen um sie herum, sie selbst natürlich eingeschlossen, eine ähnliche Sprache sprachen, die ebenso viel verhüllte wie neu verschleierte, die psychologische. »Irgendwann habe ich dieser Sprache kein Wort mehr geglaubt«, bilanziert Illouz, sie hat sich zu langweilen begonnen, und dann war die Distanz da, die man zum Forschen braucht.

Sie hat sich dafür in allen theoretischen Instrumentarien zusammengesucht, was für ihre Zwecke zu brauchen war: Vom Nationalökonomen Max Weber hat sie die Frage nach der Rationalität im sozialen Handeln geerbt, von dem französischen Soziologen Luc Boltanski den Respekt vor dem kritischen Potenzial jedes Menschen, aus Émile Durkheims Religionssoziologie übernimmt sie das Verständnis der Liebe als irdischer Sphäre des Heiligen, bei Pierre Bourdieu findet sie die Mittel, um die soziale Ungleichheit in der menschlichen Ausstattung zu beschreiben. Und unter den lebenden Zeitgenossen hält sie sich methodisch an den Pariser Wissenssoziologen Bruno Latour, bei dem man lernen kann, sich moralischer Urteile über soziale Akteure zu enthalten. Es ist aus alledem eine nüchterne, sehr menschenzugewandte, eine besorgte und doch der Freiheit des Individuums gewogene Theorie des emotionalen Kapitalismus geworden. Sie weist auf die Widersprüchlichkeit im menschlichen Handeln hin, auf eine Kreativität, die destruktiv sein kann. Und die doch so vielversprechend wirkt, dass sie sich weltweit ausdehnt. Am Ende kommt es einem nur kapitalistisch-natürlich vor, dass der Kongress, zu dem Eva Illouz nun aufbricht, um dort über die Liebe zu sprechen, im indischen Delhi stattfindet, wo circa 15 Millionen Menschen wohnen, die kapitalistische Zukünfte vor sich haben, die sie auch durch ihre Gefühle antreiben werden. Aber wenn der Kongress um ist, fährt Illouz nach Hause, nach Jerusalem, zu Mann und Söhnen, zu ihren Studenten, an das Zentrum zur Erforschung der Rationalität.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2009

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