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Amerikanische Universitäten müssen einen brutalen Sparkurs einschlagen

Von Jan-Martin Wiarda

Die Wirtschaftskrise hat auch die amerikanischen Universitäten schwer getroffen. Jetzt treten ihre jahrelang ignorierten Schwächen zu Tage.

Amerikanische Universitäten müssen einen brutalen Sparkurs einschlagen© Earl Robbins - Fotolia.comUniversity of Florida
Das Gator-Fest war das erste Opfer. Jedes Jahr zog die traditionsreiche Erstsemesterparty, benannt nach dem alligatorartigen Uni-Maskottchen, tausende Studenten auf den Campus von Gainesville. Bei Burgern, Popkonzerten und umjubelten Auftritten ihrer Sportstars feierte die Universität von Florida vor allem sich selbst und ihren allmählichen Aufstieg unter Amerikas beste staatliche Hochschulen. Doch dieses Jahr hat Uni-Präsident Bernie Machen die Party abgeblasen. Kein Geld mehr. Schuld ist die Regierung von Florida: Sie hat den Zuschuss an die Uni um 47 Millionen Dollar gekürzt.

Jahrzehntelang galten die Universitäten in den Vereinigten Staaten als Vergleichsmaßstab, wenn in Deutschland wieder einmal der brutale Sparkurs im Bildungssystem beklagt wurde: Pro Studienplatz gäben die Amerikaner dreimal so viel aus wie die Deutschen, hieß es dann - was bislang tatsächlich so war.

Doch möglicherweise müssen sich die Streiter für die überfällige Sanierung der hiesigen Hochschulfinanzen bald ein neues Paradebeispiel suchen. Die Wirtschaftskrise trifft viele US-Universitäten mit einer Härte, die mancherorts sogar europäische Verhältnisse schaffen könnte. Von New York über Georgia und Kalifornien bis nach Arizona versuchen die Bundesstaaten krampfhaft, verfassungskonforme Haushalte aufzustellen und die Neuverschuldung zu begrenzen. Fast immer landen sie auf ihrer Suche nach Einsparungen bei den staatlichen Universitäten, denn anders als bei den Schulen ist deren Budget nicht festgeschrieben und kann fast beliebig gedrückt werden. Mit weit dramatischeren Folgen als die Absage von Erstsemesterpartys. Beispiel Gainesville: Die Universität von Florida musste rund zehn Prozent ihrer Anfängerplätze streichen, dazu 80 Dozenten entlassen und 70 weitere Uni-Angestellte.

"Die Budgets schrumpfen, die Ausgaben explodieren", fasst Claire van Ummersen vom Hochschulverband American Council on Education die Misere zusammen. Gerade die Energiekosten seien aus dem Ruder geraten. "Viele Hochschulen reagieren, indem sie ihre Studiengebühren drastisch anheben." Ohne es zu wollen, setzen sie so eine Abwärtsspirale in Gang: Die meisten Studenten bestreiten einen Teil der Gebühren aus Beihilfen der Bundesregierung, doch die hat ihren 80-Milliarden-Dollar-Etat für Stipendien und zinsgünstige Darlehen, vergleichbar dem deutschen Bafög, in den vergangenen Jahren kaum erhöht. So wächst die Lücke zwischen den Hilfen und der Gebührenrechnung; von 2002 bis 2006 stieg sie nach Berechnungen des ACE von 5300 auf fast 8100 Dollar. Die Konsequenz: Eine immer größere Zahl junger Leute kann sich ein Studium nicht mehr leisten und bleibt weg.

Auch wenn das amerikanische Hochschulsystem international noch immer als vorbildlich gilt, werden in der Krise auch andere Defizite deutlich, auf die Experten schon seit Jahren hinweisen:

Die zunehmende Spaltung in eine Minderheit unvorstellbar reicher Universitäten und eine Mehrheit kaum noch ausreichend finanzierter Hochschulen

Unter den 61 Unis, die 2006 ein Stiftungsvermögen von mehr als einer Milliarde Dollar angehäuft hatten, befanden sich nur 17 in staatlicher Trägerschaft. Spitzenreiter der Rangliste war das private Harvard mit fast 29 Milliarden, was bei rund 25 000 Studenten Rücklagen von mehr als einer Million Dollar pro Kopf entspricht. Zum Vergleich: Florida hatte eine knappe Milliarde auf der hohen Kante - bei doppelt so vielen Studenten. Dieses in deutschen Ohren immer noch gewaltig klingende Vermögen relativiert sich weiter, wenn man bedenkt, dass staatliche Unis in den USA mittlerweile die Hälfte ihrer Budgets und mehr selbst einwerben müssen - oder eben von ihrem Gesparten leben. "Jede Rezession hat dazu geführt, dass sich die Bundesstaaten stärker aus der Finanzierung ihrer Hochschulen zurückgezogen haben", sagt Gerhard Casper, ehemaliger Präsident der Stanford University, der drittreichsten Hochschule im Land.

Die enorme soziale Ungleichheit an den amerikanischen Hochschulen

2007 hatten zwei Drittel aller Weißen mindestens ein paar Semester studiert, aber nur die Hälfte der Schwarzen und ein Drittel der spanischsprachigen Minderheit. Zudem leiden gerade die sogenannten Community Colleges, an denen vor allem Kinder von Nichtakademikern die ersten beiden Uni-Jahre fast gebührenfrei absolvieren, unter dem Sparkurs. Auch ihre Absolventen, die sich für die letzten zwei Jahre bis zum Bachelor als transfer students an normalen Colleges bewerben können, haben es schwer: Ihre hoch subventionierten Studienplätze sind die ersten, die dem Rotstift zum Opfer fallen. So auch in Gainesville, wo ausschließlich Transfer- Studienplätze abgebaut werden. "An den Hochschulen herrscht immer noch das Ideal der needblind admission, der Zulassung allein aufgrund der Leistung und nicht der finanziellen Möglichkeiten der Bewerber", sagt Hans N. Weiler, der ebenfalls in Stanford lehrt. "Doch die Wirklichkeit sieht vor allem bei den weniger wohlhabenden privaten Colleges anders aus. Und auch manch staatliches College bemüht sich mehr und mehr um zahlungskräftige Studenten."

Die ungleichen Anforderungen an die Studienbewerber

Der einzige Ort auf dem Campus, wo weder der Geldbeutel noch die akademische Leistung zählen, ist die Turnhalle. Weil die Colleges mit Football, Basketball & Co Milliarden an Übertragungsrechten verdienen, haben sie sich eine laxe Zulassungspraxis für Sportler angewöhnt. Während etwa an der ansonsten wählerischen University of North Carolina normale Bewerber im Schnitt 1220 von 1600 möglichen Punkten im US-weiten Aufnahmetest SAT erzielen, landen die Basketballer bei durchschnittlich 905 Punkten.

Die hohen Abbrecherquoten und überlange Studienzeiten

Die Hälfte der Studenten an Community Colleges geht laut US-Bildungsministerium ohne Abschluss ab, an den übrigen Hochschulen sind es um die 30 Prozent. Damit haben die USA die höchste Abbrecherquote aller OECD-Staaten. "Das größte Problem der amerikanischen Hochschulen sind die amerikanischen Schulen", sagt Hans N. Weiler, der zeitweise Rektor der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) war. "Sie bereiten ihre Absolventen nicht einmal mehr in Ansätzen auf die Anforderungen eines Studiums vor." Dass die öffentlichen Schulen in den USA von den Gemeinden und Kreisen getragen werden, kommt verschärfend hinzu. Die Qualität einer Schule hängt so sehr stark von der Finanzkraft ihrer Umgebung ab - was sich auch auf die Studiendauer auswirkt. Die Studienanfänger an Community Colleges stammen fast ausschließlich von staatlichen Schulen. Auch müssen sie häufiger neben dem Studium arbeiten und zu allem Überfluss auch noch nach zwei Jahren den Wechsel aufs normale College schaffen. Das Ergebnis: Sie brauchen deutlich länger, bis sie ihren Bachelor in der Tasche haben, im Mittel fast zwölf Semester statt der theoretisch vorgesehenen acht - wobei die auch an den übrigen Colleges kaum einer erreicht. Nimmt man den Durchschnitt aller US-Studenten, verlieren sie auf dem Weg zum Bachelor zwei Semester - und lassen es damit ähnlich geruhsam angehen wie ihre deutschen Kommilitonen.

Die krisenanfällige Struktur der US-Forschungsförderung

"Das Schöne am deutschen System ist, dass es eine Grundförderung durch die Universität gibt", sagt der Chemieprofessor Dirk Trauner, der gerade von Berkeley an die Universität München gewechselt ist. "Man hat einen Puffer, wenn ein Forschungsantrag nicht durchgeht. In den USA dagegen ist man als Forscher abhängiger von Modeerscheinungen und politischem Einfluss." Zurzeit sei alles in, was mit Energieeffizienz zu tun habe. "Darum muss man bei den Anträgen tricksen, bestimmte Schlüsselwörter hineinschreiben, um sie durchzubekommen." Projekte werden im Schnitt für einen kürzeren Zeitraum gefördert als in Deutschland, sodass das Geld häufig nicht für einen kompletten Promotionszyklus reicht. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit der Forscher von der Privatwirtschaft: Eben weil sie einen großen Teil ihrer Budgets über private Spenden und Fördergelder einwerben müssen, gehen vor allem die staatlichen Unis Kompromisse bei der wissenschaftlichen Schwerpunktsetzung ein und folgen den Moden, etwa in der Pharmaindustrie.
Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die amerikanischen Hochschulen fertig werden müssen - für deutsche Besserwisserei besteht auch in Zukunft kaum Anlass. Einwanderer, finanzschwache oder bildungsferne junge Menschen haben in Deutschland immer noch deutlich schlechtere Chancen, einen Hochschulabschluss zu erreichen, als in den USA. Was mit der fast doppelt so hohen Studierquote zu tun hat: In Deutschland nehmen rund 37 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf, in den USA über 60 Prozent - vor allem dank der Community Colleges, wie Gerhard Casper hervorhebt. "In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares", sagt er. "Wer sich über die akademische Qualität dieser Institutionen erheben will, hat nichts verstanden. Ein Studium ist in jedem Fall besser als kein Studium." Hinzu kommt: Selbst wenn die Bundesstaaten nur noch die Hälfte zum Budget ihrer Hochschulen beitragen, geben sie pro Student um Längen mehr aus als die deutschen Länder. Und was die Forschungsförderung angeht, auch dort gibt es eine andere Seite der Medaille: Seit Anfang des Jahrtausends hat die US-Regierung die Fördergelder fast jedes Jahr um zehn Prozent aufgestockt - ein Wert, von dem die Deutschen nur träumen können. Und auch wenn das bewilligte Geld möglicherweise nicht immer für eine ganze Promotion reicht - in den USA haben es junge Wissenschaftler dank eines ausgeklügelten Karrieresystems leichter, eine Professur samt Daueranstellung zu erreichen - während in Deutschland viele hoch gebildete junge Wissenschaftler ihr Leben auf Hartz-IV-Niveau fristen müssen. Bestes Beispiel sind die Lebensläufe von Casper, Weiler und Trauner: Sie alle haben in Deutschland studiert und sind dann nach Amerika gegangen, um Karriere zu machen. Dass Dirk Trauner jetzt nach Deutschland zurückkehrt, ist für ihn auch kein Zeichen der US-Schwäche, sondern einer neuen deutschen Stärke nach der Exzellenzinitiative. "Die Deutschen haben endlich begriffen, dass sie stärker um ihre Forscher werben müssen. Das machen die Amerikaner schon lange."

Bildungspolitik im aktuellen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf: Die gefährliche Nähe Barack Obamas zum akademischen Establishment

Amerikas Universitäten zählen zu seinen Hochburgen: Für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, Harvard-Absolvent und ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität von Chicago, ist die begeisterte Unterstützung seitens vieler Studenten und Professoren im Lande allerdings nicht nur Grund zur Freude. Seine Popularität in den Hörsälen und Bibliotheken haben Obamas politische Gegner von Anfang an genutzt, um ihn als Kandidat der Akademiker und nicht der arbeitenden Masse darzustellen, abgehoben sei er und wirklichkeitsfremd. Wohl auch aus diesem Grund hat sich der Kandidat bislang kaum über hochschulpolitische Themen geäußert. Wenn überhaupt, so tat dies seine Frau Michelle, die dank eines Stipendiums erst in Princeton und dann ebenfalls in Harvard studiert hat. Eine solche Erfolgsgeschichte sei wohl nur in den USA möglich, sagt sie häufig.

Aus DIE ZEIT :: 11.09.2008

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