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Auch der Chef darf sich bewerben

Das Gespräch führte Jan-Martin Wiarda

Thomas Strothotte hatte sich als amtierender Rektor der Universität Rostock um die Leitung der Uni Regensburg beworben. Das gab Ärger.

Auch der Chef darf sich bewerben: Thomas Strothotte© Universität RostockProf. Dr. Thomas Strothotte, 49, wird im April Rektor der Universität Regensburg
DIE ZEIT: Sie haben sich als amtierender Rektor der Universität Rostock um die Leitung der Universität Regensburg bewerben sollen. Da war der Ärger doch programmiert.

THOMAS STROTHOTTE: Also erst mal habe ich mich nicht beworben, sondern bin von einem Headhunter angesprochen worden. Das waren viereinhalb Monate des Bangens und Wartens, das hält so leicht keiner aus. Und außerdem kann es doch nicht sein, dass man sich als Uni-Rektor nicht mehr weiterentwickeln darf.

ZEIT: Die Senatsmitglieder in Rostock waren anderer Meinung und haben Sie zum Rücktritt gedrängt, als Sie Anfang September vergangenen Jahres Ihr Interesse an Regensburg bekannt gaben. Und dann ist auch noch Ihre Wahl in Regensburg im ersten Durchgang gescheitert und hat erst im zweiten Anlauf Mitte Januar geklappt. Zwischendurch sah es wochenlang so aus, als könnten Sie am Ende ohne alles dastehen.

STROTHOTTE: Auch das stimmt nicht. Schließlich habe ich noch einen schönen Beruf als Professor an der Universität Magdeburg. Aber es stimmt schon, diese monatelange Hängepartie war eine unkomfortable Situation für mich. Sei's drum, jetzt fange ich ja am 1. April in Regensburg an, genau dort, wo ich von Anfang an hinwollte.

ZEIT: Können Sie denn inzwischen die Reaktion der Rostocker verstehen?

STROTHOTTE: Ich kann sie nachvollziehen, wobei ich nicht mit derart heftigen Ausschlägen gerechnet hatte. Ich habe nicht für möglich gehalten, dass ein ganzes Gremium wie der Akademische Senat so im Affekt handeln würde. Innerhalb von Stunden, nachdem ich ihn offiziell unterrichtet hatte, haben die Mitglieder meinen sofortigen Rücktritt verlangt. Dabei hatte der Senat sowohl davor als auch danach immer zu erkennen gegeben, dass er mit meiner Arbeit als Rektor mehr als zufrieden gewesen sei. Der Prozess hat aber eine Eigendynamik entwickelt, die sogar manch ein Senatsmitglied überraschte.

ZEIT: Wirklich? Es fällt doch nicht schwer, in Ihrem vorzeitigen Weggang eine Zurückweisung der Rostocker gegenüber den Regensburgern zu sehen.

STROTHOTTE: Nicht unbedingt, schließlich hätte der Senat auch stolz darauf sein können, dass sein Rektor ein gefragter Mann ist! Der Lebensmittelpunkt unserer Familie hat sich nun einmal nach Süddeutschland verlagert. Genau in der Situation hat der Headhunter angerufen, den ich zuvor schon mehrfach zurückgewiesen hatte. Das war für uns einfach die Lösung, nach der wir so fieberhaft gesucht hatten.

ZEIT: Vorhin sprachen Sie auch davon, sich weiterzuentwickeln.

STROTHOTTE: Sicher, es steht außer Frage, dass eine bayerische Universität zu leiten eine besondere Herausforderung darstellt. Die Hochschulen im Freistaat haben sehr hohe Standards, und sie stellen sich dem wissenschaftlichen Wettbewerb - nicht nur bei der Besetzung ihrer Rektorenämter. Zudem ist Regensburg eine sehr dynamische Region mit einer tollen und wettbewerbsfähigen Uni.

ZEIT: Noch mal: Bei derart schwärmerischen Sätzen ist es kaum glaubhaft, dass in Ihrer Entscheidung nicht auch eine Abwertung der Rostocker liegt.

STROTHOTTE: Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt und in Regensburg kein schlechtes Wort über die Rostocker gesagt, dazu habe ich auch gar keinen Grund. Ich war in der Hansestadt sehr zufrieden, und das wissen auch die Rostocker.

ZEIT: Sind Sie denn jetzt umgekehrt auch enttäuscht von Ihrer ehemaligen Universität?

STROTHOTTE: Natürlich war ich enttäuscht, dass das Thema vom Senat im Affekt behandelt wurde und das Gremium das Gespräch mit mir nicht suchte. Das ist auch insofern ironisch, weil ich mich in meiner Amtszeit mit aller Kraft um eine neue Gesprächskultur an der Universität Rostock bemüht habe. Ich habe möglichst viele Leute in Richtungsentscheidungen miteinbezogen, habe alle wichtigen Fragen mit den verschiedensten Gruppen und Kollegen ausdiskutiert. Dass man dann im Umkehrschluss nicht mit mir sprechen wollte, das hat mich schon enttäuscht.

ZEIT: Welche Lehren haben Sie aus der ganzen Affäre gezogen? Womöglich, dass sich das Spiel mit offenen Karten nicht auszahlt? Immerhin haben Sie dadurch um ein Haar alles verloren.

STROTHOTTE: Im Gegenteil. Offenheit und Ehrlichkeit sind auch in solch einer Situation unabdingbar. Genau aus diesem Grund wäre es jedoch wichtig, künftige Besetzungsverfahren deutlich zu verkürzen - und nur noch diejenigen in die Personalie einzubeziehen, die das Gesetz vorschreibt. Es ist doch kein Wunder, dass sich bislang noch kaum ein amtierender Uni- Rektor um ein anderes Amt beworben hat. Die Gefahr, wenn aus der Bewerbung am Ende doch nichts wird, beschädigt zu werden, ist einfach zu groß.

ZEIT: Das läuft auf ein weniger transparentes und weniger demokratisches Wahlverfahren hinaus.

STROTHOTTE: Da bin ich anderer Meinung. In den USA oder in Kanada beispielsweise ist es üblich, dass nur das Wahlgremium die Bewerber kennt. Gleichzeitig ist das Prozedere aber unglaublich transparent, weil jeder Professor, jeder Ehemalige und jeder Student über die Kriterien Bescheid weiß und Kandidaten vorschlagen kann. Und weil die Universität die Öffentlichkeit immer über den Stand des Verfahrens auf dem Laufenden hält - aber eben, ohne die Namen zu nennen. So wird die Stelle mit dem besten Kandidaten besetzt, auch wenn sich der nicht dem Risiko einer öffentlichen Bewerbung aussetzen will.

ZEIT: Glauben Sie, dass Ihre Erfahrungen andere Rektoren davon abschrecken werden, ihre Ambitionen auszuleben?

STROTHOTTE: Nein. Mittlerweile sind immer mehr Hochschulräte in Deutschland dabei, ebenjenes Wahlprozedere einzuführen, das ich gerade beschrieben habe - oder andere Varianten, die Bewerber schützen. Aber zugegeben: Der Abschreckungseffekt wäre sicherlich größer gewesen, wenn ich in Regensburg nicht gewählt worden wäre.

Aus DIE ZEIT :: 19.02.2009

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