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Auf dem Weg ins digitale Niemandsland?

Im März 2009 wurde der "Heidelberger Appell" veröffentlicht, der sich gegen die Digitalisierung urheberrechtlich geschützter Werke durch Google und gegen den Zwang wendet, dass Wissenschaftler auf Open-Access-Plattformen veröffentlichen müssen.

Auf dem Weg ins digitale Niemandsland?© geopaul - iStockphoto.com
Forschung & Lehre: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Vorwürfe, man würde mit der Open-Access-Initiative die Rechte der Urheber missachten, dezidiert zurückgewiesen. Der Vorwurf einer "Enteignung der Urheber" entbehre "jeder Grundlage". Wo liegt also noch das Problem?

Roland Reuß: Das eine ist das, was die DFG und die Allianz mündlich beteuern, das andere ist das, was sie faktisch betreiben. Die Berliner Erklärung und die Antwort auf unseren Appell, die drei Tage nach dessen Veröffentlichung erfolgte, sind nicht vom Tisch, und es liegt in der Konsequenz dieser Papiere, dass in den Geisteswissenschaften die Abkoppelung des Wissenschaftlers von einer professionellen Verlagsszene, seine Atomisierung, und in deren Konsequenz die Zerschlagung der gesamten mittleren und kleineren Verlagsszene angestrebt oder zumindest billigend in Kauf genommen wird. Das Ganze geht natürlich nur, wenn die vom Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit missachtet wird - und hieran wird die Open Access-Initiative der Allianz scheitern.

F&L: Heftige Kritik! Die Allianz setzt sich doch für die Freiheit der Wissenschaft ein...

Roland Reuß: Formale Bekenntnisse zur Autorenfreiheit nützen hier überhaupt nichts, es muss klar, eindeutig und glaubwürdig testiert werden, dass dieser Weg der Aushöhlung des Urheberrechts nicht mehr begangen wird. Die Persönlichkeitsrechte der wissenschaftlichen Autoren dürfen nicht angetastet werden, vor allem natürlich dasjenige nicht, das die Souveränität des Autors garantiert, über den Ort der Publikation frei entscheiden zu können - und zwar ohne den leisesten Hauch einer Gängelung.

F&L: Ist der Heidelberger Appell also noch aktuell und gültig?

Roland Reuß: Ja, obwohl sich schon einiges zum Positiven gewendet hat. Schließlich sind wir bereits einen großen Schritt weitergekommen. Es hat eine Bewusstseinsbildung eingesetzt, die unverzichtbar war, um Widerstand gegen die sich abzeichnenden Eingriffe in Fundamentalrechte leisten zu können. Das Programm, Wissenschaft ausschließlich nach Kostengesichtspunkten lenken zu wollen und dabei bereit zu sein, basale Freiheitsrechte außer Kraft zu setzen, ist damit zwar noch nicht zurückgezogen, aber die Solidarisierung, die eingesetzt hat, wird über kurz oder lang dazu führen, dass dieser Lenkungswahn im Publikationswesen, der auch über die Leiche eines unabdingbaren Individualrechts gehen würde, seinen Offenbarungseid leisten muss.

F&L: Die Allianz fordert eine für den Leser kostenlose Publikation (Open Access) ausschließlich von Forschungsergebnissen, die durch den Einsatz öffentlicher Mittel und damit zum Nutzen der Forschung und Gesellschaft insgesamt erarbeitet wurden. Sie will also dem Leser, Wissenschaftler und Staatsbürger, der ja die Forschung auch finanziert habe, nutzen und ihm Anteil geben am wissenschaftlichen Fortschritt. Ist das nicht im besten Sinne Aufklärung und äußerst demokratisch gedacht?

Roland Reuß: Das Argument ist doch: Öffentliches Geld, ergo: Recht des Staates, über die Publikationsform zu bestimmen. Wissenschaft ist aber keine Ware und seriöse selbstbestimmte Forschung keine Auftragsarbeit. Es gibt eine essentielle, vom Gesetz ausdrücklich geschützte Verantwortung des Autors für sein Werk, und die erstreckt sich eben auch auf die sorgfältige Wahl des Publikationsorts. Das ist keine merkantile oder ideologisch- kommunitaristische Frage.
F&L: Ist es wenigstens demokratisch und nutzerfreundlich?

Roland Reuß: Mit Demokratie hat das wenig zu tun, das sind Eingriffe in Grundrechte, Kostendämpfungmaßnahmen, Opportunismus gegenüber der Netzcommunity und nackte Angst, die neueste Ansage aus dem IT-Bereich nicht rechtzeitig nachbuchstabieren zu können. Die Implikate der Forderungen der Allianz sind glatt grundgesetzwidrig. Aufklärung sieht anders aus. Es täte der Open- Access-Initiative der Allianz gut, sich selbst einmal von einem unabhängigen Urheber- und Verfassungsrechtler über den verqueren Ansatz, den sie verfolgt, informieren zu lassen, das wäre Aufklärung. Spätestens vor dem Verfassungsgericht würde dieses unkluge Verhalten als Irrweg offenbar werden. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wieso mit so vielen klugen Leuten besetzte Gremien nicht die Kraft einer Selbstinfragestellung aufbringen können. Es ist doch ganz offensichtlich, dass hier auf der Basis falscher Grundannahmen Strukturentscheidungen getroffen wurden, die einer Kritik zuzuführen sind.

F&L: Sie werfen den Befürwortern von Open Access auch vor, die wahren Kosten des Unternehmens zu verschweigen.

Roland Reuß: Selbst neoliberale Juristen sind alles andere als davon überzeugt, dass Open Access tatsächlich Kosten spart. Uwe Jochum hat das ja auch an einigen Fällen en detail durchgerechnet. Das hat aber nur dazu geführt, dass die Allianz sich nach meinem Dafürhalten nun wieder ein Gutachten bestellt, von dem sie schon vorher weiß, wie es ausgeht.

F&L: Sie meinen, die DFG gibt Gutachten mit Hinweis auf das gewünschte Ergebnis in Auftrag?

Roland Reuß: Ja, bei jemandem, der auch schon den englischen Open-Access- Publikationssektor schöngerechnet hat. Souveränität sieht anders aus. Offenheit und selbstkritisches Verhalten auch.

F&L: Zu dem anderen großen Thema: die Google Buchsuche. Das Projekt nimmt durchaus den alten Menschheitstraum einer "Weltbibliothek des Wissens" auf. Eine wunderbare Sache oder tarnt sich der kapitalistische Wolf im Schafspelz des Gemeinnutzes?

Roland Reuß: Man muss schon sehen, dass das ganze Gerede von fair use, das Google anfangs ins Feld führte, nur die äußere Rechtfertigung dafür abgab, über die Mitwirkung von Bibliotheken so etwas wie die Aura von Gemeinnützigkeit zu erschleichen. Google hat ja mittlerweile selbst eingeräumt, dass es die digitalen Objekte (die übrigens in einer kläglichen Qualität vorliegen) vermarkten will - keine große Überraschung, denn man hat es mit einem hocheffizienten Wirtschaftsunternehmen zu tun, nicht mit dem Weihnachtsmann. Die Äußerungen der Netzcommunity zu solchen Diensten wie Google sind derart inkonsistent, dass es einen nur noch wundern kann. Einerseits spricht man beim Vorgehen gegen Kinderpornographie von Zensur und pocht auf Anonymität, andererseits ist man begierig darauf, bei Google Spuren zu hinterlassen. Der immer wieder ins Feld geführte Gesichtspunkt der "Sichtbarkeit", was ist das anderes als der Appell an unverhüllte Eitelkeit? Wenn Dante diese Szenerie gekannt hätte, sein Purgatorium wäre reich mit Fallbeispielen bevölkert gewesen.

F&L: Die Bundesregierung hat sich in das laufende Rechtsverfahren um den Vergleich, den Google mit Autorenverbänden und Verlagen in den USA abschließen will, eingeschaltet. Was erwarten Sie von diesem Einsatz?

Roland Reuß: Ich denke, dass von diesem Vorstoß ein ganz enormer Druck ausgehen wird. Man merkt das ja schon, endlich gibt es eine gemeinsame Position der europäischen Verlegerverbände, die Japaner organisieren sich eben, und auch die Autoren wehren sich. Der New Yorker Richter wird das nicht einfach vom Tisch fegen können. Er ist souverän genug, sich auch über stereotype Erwartungen hinwegsetzen zu können. Der Vergleichstermin ist ja bereits in den Oktober verschoben worden. Das kann doch nur als Signal verstanden werden, der politischen Meinungsbildung außerhalb der USA Zeit zum Sichformieren einzuräumen. Und das heißt für mich: Es gibt auch beim Gericht starke Bedenken.
F&L: Wird das Settlement Google zum mächtigsten Buchhändler der Welt machen?

Roland Reuß: So wie Google gestrickt ist, hätten sie das Projekt nicht betrieben, wenn sie nicht eine solche Position anstrebten. Ich bin aber durchaus optimistisch, dass sie mit ihrer Missachtung der Urheberrechte ihr, dann auch sehr verdientes, Debakel erleben werden.

F&L: Ihre Kritik an der Open-Access- Initiative begründen Sie mit einem Plädoyer für Freiheit und Kultur. Stehen Sie in einem neuen Kulturkampf?

Roland Reuß: Man kann durchaus diesen Eindruck gewinnen. Die Front verläuft aber nicht, wie man das vielleicht meinen könnte, zwischen den Naturund Geisteswissenschaften, obwohl es manchmal sehr unangenehm ist, wenn man sieht, wie von Seiten der naturwissenschaftlich dominierten Förderinstitutionen deren Publikationsformen auf die Geisteswissenschaften übergestülpt werden sollen. Nein, die eigentliche Front verläuft zwischen denen, die neue Erkenntnisse veröffentlichen und um eine Form ringen, die diesen Erkenntnissen angemessen ist, und andererseits jenen, die gerne die Arbeit anderer sich so billig wie möglich unter den Nagel reißen wollen. Das sind die Zweit- und Drittverwerter, die keinerlei Respekt vor freier Produktion mehr haben und meinen, sie hätten ein Recht darauf, sich über die Rechte anderer hinwegzusetzen.

F&L: Sie setzen die Open-Access-Initiative der Allianz und die Google- Buchsuche auf die gleiche Ebene?

Roland Reuß: Ja, wenn man einen Schritt zurücktritt, erkennt man, dass dieses gegenüber den Individualrechten gewaltsam Eingreifende ein gemeinsamer Nenner der Open-Access-Initiative der Allianz und von Googles Scan-Verfahren ist. Die Leute, die uns - z.T. wider besseres Wissen - vorgeworfen haben, wir würden nicht genug differenzieren, sollten selbst erst einmal anfangen, ihr eigenes Differenzierungsvermögen zu schärfen. Es ging beim Heidelberger Appell von Anfang an nicht um sog. Geschäftsmodelle oder um eine Opposition gegen Internet und Digitalisierung, sondern um die Zurückweisung von Eingriffen in die souveräne Verfügungskraft der Autoren. Im Prinzip ist das trivial, aber die Bereitschaft, aktiv misszuverstehen, ist dennoch groß.

F&L: Was bedeutet die zunehmende ausschließliche Digitalisierung von Texten für die Archive und die Weltkultur? Wie sehen Sie die Chancen, dass man im Jahr 2250 einen heute digitalisierten Text noch lesen kann?

Roland Reuß: Zur letzten Frage zuerst: Ich muss bekennen, ich habe keine Ahnung. Niemand hat sie - und weil das so ist, liegt der Verdacht doch nahe, dass bei den Interessengruppen, die die Buchpublikation so gerne als Dinosaurier denunzieren, eine Sicherung durchgebrannt ist. Mein Vertrauen in die Nachhaltigkeit digitaler Überlieferung ist eher beschränkt, deshalb halte ich es für sinnvoll, zweigleisig zu fahren und sowohl Buch- wie Digitalpublikation zu pflegen.

F&L: Ein Beispiel?

Roland Reuß: Unsere Kafka-Edition trat von Anfang an hybrid auf, d.h. zugleich als Buch und mit CD. Beide Überlieferungswege erfüllen jedoch verschiedene Zwecke. Das Buch ist zum Studieren, die CD zur Informationsgewinnung (Index, Faksimilevergrößerung). In letzterem hat die CD ihre Vorteile, in ersterem bis auf weiteres (und ich meine damit noch eine lange Zeit) das Buch. Die Bedingungen seiner Produktion und die Existenz einer freien und durchaus erfolgreichen Verlagsszene mit staatlichen Geldern zu attackieren, ist nicht nur negativer Subventionismus. Es ist auch ein Putsch gegen den gesunden Menschenverstand. Das Buch ist ja dem digitalen Medium gegenüber nicht - wie häufig von den besonders Smarten zu hören - in einer Position wie die Schallplatte zur Audio- CD. Diese hatte ergonomische Vorteile, und deshalb hat sie die Schallplatte weitgehend abgelöst. Dass aber eine einfache pdf- oder XML-Datei irgendeinen ergonomischen Lesevorteil gegenüber einem individuell gestalteten Buch haben sollte, das glauben die Schamanen der digitalen Monokultur doch wohl kaum selbst.

F&L: Also hat das gedruckte Buch eine Zukunft?

Roland Reuß: Uneingeschränkt ja! Wir brauchen das gedruckte Buch (das eben bedeutend mehr ist als eine gedruckte Datei), um unsere Tradition zu pflegen und weiterzuvermitteln, davon bin ich überzeugt. Digitaler Jakobinismus führt ins geschichtslose Niemandsland. Die Allianz sollte ihre Guillotinen endlich entsorgen.


Über den Wissenschaftler
Roland Reuß ist Professor für Literaturwissenschaft, Leiter des Masterstudiengangs Editionswissenschaft und Textkritik an der Universität Heidelberg, Herausgeber der Werke Kleists und Kafkas.


Aus Forschung und Lehre :: September 2009

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