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Aufgeschobene Kinderwünsche, eingeschränkte Perspektiven?

Von Inken Lind

Wissenschaft und Elternschaft miteinander zu vereinbaren, scheint in Deutschland besonders schwierig zu sein. Eine großangelegte Umfrage zeigt nun erstmals, wie Nachwuchswissenschaftlerinnenund -wissenschaftler ihre Situation und ihre Perspektiven einschätzen. Forschung & Lehre berichtet exklusiv über die ersten Ergebnisse dieser Studie.

Aufgeschobene Kinderwünsche, eingeschränkte Perspektiven?© Justin Horrocks - iStockphoto.com
In den letzten Jahren wurde viel über die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft diskutiert und doch wissen wir bislang noch recht wenig darüber, warum gerade in Deutschland die Kinderlosigkeit unter den Wissenschaftlerinnen und zunehmend auch unter den männlichen Wissenschaftlern so deutlich über der in anderen europäischen Ländern liegt. Zudem gibt es kaum großangelegte Studien, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Kindern über ihre Situation und ihre Perspektiven befragen. Was beeinflusst die Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit einer Familiengründung? Welche Bedingungen der Wissenschaftsinstitutionen sind förderlich oder hemmend für Familiengründung und gelungene Vereinbarkeit? Diesen und weiteren Fragen geht die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte und im Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS durchgeführte Studie "Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft" nach. Aus dem noch bis Mitte 2009 laufenden Projekt liegen nun erste deskriptive Ergebnisse vor, von denen eine Auswahl nachfolgend dargestellt wird.

Stichprobe

Die Stichprobe umfasst 8.698 Personen, davon sind 43 Prozent Wissenschaftlerinnen und 57 Prozent Wissenschaftler, die dem an 39.173 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerichteten Aufruf zur Teilnahme an einer Online-Umfrage gefolgt sind (Rücklauf 22 Prozent). Mehrheitlich ist der Wissenschaftliche Mittelbau unterhalb der Habilitation vertreten, 17 Prozent der Befragten sind habilitiert. Entsprechend liegt das Durchschnittsalter bei 38,5 Jahren, fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) befindet sich in einem Lebensalter bis zu 35 Jahren. Eine Professur haben 1.121 der befragten Männer und 404 der Frauen inne. Von allen Teilnehmenden sind knapp die Hälfte Eltern (47 Prozent), wobei die Wissenschaftler doppelt so häufig Kinder haben wie die Wissenschaftlerinnen. Unter den Professoren haben 59 Prozent, unter den Professorinnen 16 Prozent Kinder. Diese Zahlen spiegeln aufgrund der Selbstselektivität der Stichprobe nicht die tatsächliche Kinderzahl aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland wider. Vielmehr ist zu vermuten, dass sich aufgrund der Thematik überproportional viele Eltern an der Umfrage beteiligt haben.

Attraktivität der wissenschaftlichen Laufbahn

Die meisten Befragten dieser Stichprobe (73 Prozent) üben ihre aktuelle wissenschaftliche Tätigkeit auf der Grundlage eines befristeten Arbeitsvertrages aus. Eine wissenschaftliche Karriere ist mit 81 Prozent für die weit überwiegende Mehrheit attraktiv, besonders die Eltern und hier nochmals häufiger die Mütter sehen in der wissenschaftlichen Laufbahn eine "vollkommen attraktive" Berufsperspektive. Auch der Stellenwert des Berufes ist für 96 Prozent aller Befragten "eher hoch" bis "sehr hoch". Für die Wissenschaftlerinnen - ob mit oder ohne Kinder - sowie für die Väter der Stichprobe hat der Beruf häufiger einen "sehr hohen" Stellenwert (35 Prozent bzw. 34,5 Prozent) als für ihre kinderlosen männlichen Kollegen (28 Prozent).

Berufliche Perspektiven und Belastung

44 Prozent aller Befragten geben hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektiven eine verhaltene bis negative Einschätzung ab. Eine besonders pessimistische Sicht haben die Wissenschaftlerinnen und insbesondere diejenigen mit Kindern, die zu 47 Prozent bzw. 54 Prozent ihre berufliche Zukunft negativ beurteilen. Es zeigt sich also für diese Stichprobe, dass gerade die Gruppe der Wissenschaftlerinnen einerseits dem Beruf eine sehr hohe Attraktivität und einen hohen Stellenwert einräumt, gleichzeitig aber die eigenen beruflichen Perspektiven negativer beurteilt als ihre männlichen Kollegen. Gleichzeitig fühlen sich 81 Prozent durch den Beruf deutlich belastet, wobei das Ausmaß der erlebten Belastung von den Eltern höher eingestuft wird als von ihren kinderlosen Kollegen/innen.

Work Life Balance in der Wissenschaft

Für 87 Prozent der Stichprobe stellt eine gelungene Balance zwischen Beruf und Privatleben einen wichtigen Aspekt
ihrer Berufstätigkeit dar, wobei für die befragten Eltern - Väter (92 Prozent) und Mütter (96 Prozent) fast gleichermaßen - die Work Life Balance eine noch höhere Relevanz besitzt. Jedoch stellt es für eine Mehrheit von 70 Prozent keine Option dar, die Wissenschaft aufgrund einer schwierigen Work Life Balance zu verlassen. Unter denjenigen, die sich aus diesem Grund mit Ausstiegsgedanken beschäftigen, sind überwiegend kinderlose Wissenschaftlerinnen vertreten.

Dies ist zunächst kontraintuitiv, da Probleme aufgrund von Kinderbetreuungsaufgaben diese Gruppe (noch) nicht betreffen. Möglicherweise handelt es sich um eine Reaktion auf antizipierte Schwierigkeiten schon lange vor einer möglichen Familiengründung bei den Wissenschaftlerinnen auf niedrigen und mittleren Qualifikationsstufen.

Der hohe Stellenwert des Berufes im Leben und die beruflichen Belastungen scheinen Spuren zu hinterlassen: Mehr als die Hälfte der Befragten ist von Erschöpfungssymptomen in Form von Überarbeitung, Nervosität und Burnout betroffen (63 Prozent). Die Wissenschaftlerinnen machen diese Angaben deutlich häufiger (70 Prozent) als die männlichen Wissenschaftler (58 Prozent). Interessanterweise zeigen die Wissenschaftlerinnen ohne Kinder ein höheres Ausmaß dieser Symptomatik als die Kolleginnen mit Kindern. Auch bei den Männern sind diejenigen ohne Kinder etwas stärker von Erschöpfung betroffen als die Väter. Für beide Geschlechter scheint sich also hinsichtlich einer Erschöpfungssymptomatik ein leichter protektiver Effekt der Elternschaft anzudeuten.

Kinderwünsche

Sowohl bei den Wissenschaftlerinnen als auch bei den Wissenschaftlern ist der Kinderwunsch größer als die realisierte Kinderzahl. 70 Prozent der Kinderlosen beiderlei Geschlechts gaben an, einen Kinderwunsch zu haben. Weitere 17 Prozent sind in dieser Frage noch ambivalent, nur 17 Prozent aller kinderlosen Befragten haben aktuell keinen Kinderwunsch (mehr). Männer und Frauen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Kinderwünsche nicht bedeutsam voneinander, allerdings wohl in der Frage, ob sich eine Familiengründung vermutlich realisieren lässt. Über ein Drittel der Frauen (37 Prozent) sieht nur geringe Chancen, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Männer mit Kinderwunsch schätzen die Realisierungswahrscheinlichkeit dagegen nur zu 12 Prozent als gering ein. In der Teilgruppe der Professoren/innen mit aktuellem Kinderwunsch wird die tatsächliche Umsetzung als noch unwahrscheinlicher eingeschätzt, was vermutlich u.a. mit der Altersstruktur dieser Statusgruppe zusammenhängt: 78 Prozent der Professoren und 87 Prozent der Professorinnen mit aktuellem Kinderwunsch halten die Realisierung für unwahrscheinlich.

Für 62 Prozent derjenigen mit Kinderwunsch wirkt sich die aktuelle berufliche Situation hinderlich auf eine mögliche Familiengründung aus. Dabei sind es sehr viel häufiger die Frauen (71 Prozent), die berufliche Gründe als Barriere für die Familiengründung angeben, als die Männer (54 Prozent).

Interessant für die Balancierung von Beruf und Elternschaft ist auch die Frage, in welchem Ausmaß die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer beruflichen Biographie Kinderwünsche zurückgestellt oder auf Kinder verzichtet haben. Bemerkenswerte zwei Drittel (68 Prozent) aller Wissenschaftlerinnen gaben hierzu an, Kinderlosigkeit oder den Aufschub des Kinderwunsches zugunsten der wissenschaftlichen Laufbahn in Kauf genommen zu haben, um ihre aktuelle Position zu erreichen. Auch die männlichen Wissenschaftler haben knapp zur Hälfte (46 Prozent) dauerhaft oder temporär auf die Realisierung ihrer Kinderwünsche verzichtet. Noch deutlicher zeigt sich dieser Geschlechterunterschied in der Gruppe der Professoren/innen: die Hälfte (51,4 Prozent) aller Professorinnen der Stichprobe gab an, in "sehr starkem" Maße ihren Kinderwunsch zugunsten ihrer beruflichen Laufbahn zurückgestellt zu haben.

In unterschiedlich starkem Maße betraf dies insgesamt 88 Prozent der Professorinnen. Doch auch die Hälfte der heutigen Professoren (50 Prozent) hat diesen Verzicht erbracht, von diesen 35 Prozent in "sehr starkem" Ausmaß.

Auswirkungen der Elternschaft

Zwar konnte die Mehrheit der Eltern keine negativen beruflichen Konsequenzen der Elternschaft feststellen, doch immerhin ein Drittel erlebte konkrete berufliche Nachteile seit der Geburt des ersten Kindes. Wissenschaftlerinnen mit Kindern (48 Prozent) waren davon doppelt so häufig betroffen wie ihre männlichen Kollegen (24 Prozent). Von einer zurückhaltenderen Förderung durch Vorgesetzte (11 Prozent) und einer Abwertung ihrer wissenschaftlichen Leistungen berichten vor allem die Mütter (32 Prozent), deutlich seltener die Väter (2 Prozent und 7 Prozent). Als negative Auswirkung der Elternschaft nannten 41 Prozent der befragten Mütter einen Ausschluss aus beruflichen Netzwerken, auch 15 Prozent der Väter erlebten dies als Konsequenz der Elternschaft. Selbst in der höchsten Statusgruppe, nämlich der der Professoren/innen, gaben die Mütter mehr als doppelt so häufig an (34 Prozent), sich seit der Elternschaft aus beruflichen Netzwerken ausgeschlossen zu fühlen. Zu dieser Einschätzung kommen dagegen nur 13 Prozent der Professoren mit Kindern.

Zu den weiteren negativen Folgen gehört eine geringere wissenschaftliche Publikationsrate: die Eltern sehen mehrheitlich die eigene Publikationsaktivität durch ihre Elternschaft eingeschränkt, auch hier erleben die Mütter die negativen Konsequenzen häufiger (83 Prozent) als die Väter (60 Prozent).

Es gibt jedoch auch positive Effekte der Elternschaft für den Beruf, vor allem in Form einer größeren beruflichen Motivation. Dieser positive Effekt zeigt sich bei den Müttern der Stichprobe stärker als bei den Vätern (62 Prozent zu 59 Prozent). Gleichzeitig hat sich der Arbeitsstil bei der Mehrheit der Mütter (87 Prozent) und Väter (65 Prozent) in Richtung auf eine größere Effizienz verändert.

Schlussfolgerungen

Nicht nur Wissenschaftlerinnen, auch Wissenschaftler mit und ohne Kinder fühlten sich von der Thematik der Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft in hohem Maße angesprochen und haben sich an der Umfrage beteiligt. Insofern liegen nun erstmals Einschätzungen und Angaben für eine sehr große Gruppe von männlichen und weiblichen Wissenschaftlern unterer und mittlerer Statusgruppen vor. Aufgrund der ersten, mit entsprechender Vorsicht zu interpretierenden Ergebnisse, zeigt sich vor allem zweierlei: Es sind nicht ausschließlich Wissenschaftlerinnen von den negativen Konsequenzen der Elternschaft und Schwierigkeiten der Vereinbarkeit betroffen, auch männliche Wissenschaftler mit Kindern geben entsprechende Folgen und Probleme an. Zweitens haben in der Wissenschaft tätige Männer wie Frauen Kinderwünsche, die sie nicht verwirklichen. Für beide Geschlechter wirkt sich die berufliche Situation hinderlich auf eine mögliche Familiengründung aus. Insgesamt wurde deutlich: Vereinbarkeitsfragen betreffen beide Geschlechter, wenngleich von den negativen Konsequenzen der Elternschaft die Wissenschaftlerinnen stärker betroffen sind. In weiteren Analyseschritten gilt es nun, komplexere Zusammenhänge zu erfassen, wie beispielsweise den möglichen Einfluss der Beschäftigungssituation, der Fachkultur, der Institutionen sowie der partnerschaftlichen Situation für eine Familiengründung und die Vereinbarkeit in der Wissenschaft.

Eine Auswahl deskriptiver Ergebnisse ist in Kürze auf der Projekthomepage  www.bawie.de einsehbar. Dort finden sich alle Informationen zu Methodik und Design der Studie. Die vollständige Datenauswertung wird bis Mitte 2009 vorliegen.

Aus Forschung und Lehre :: November 2008

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