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Auswandern aus psychologischer Sicht

Von Dr. Agnes Justen-Horsten

Eine Auswanderung, soll sie gelingen, braucht eine gute Vorbereitung und Planung. Doch nicht nur Organisatorisches will bedacht sein, auch die innere Bereitschaft und Motivation zu diesem Schritt sollte geprüft werden. Was ist aus psychologischer Sicht im Vorfeld sinnvoll zu tun, damit die Auswanderung zu einer positiven Erfahrung wird?

Auswandern aus psychologischer Sicht© Andrejs Zemdega - iStockphoto.com
Laut einer Forsa-Umfrage 2006 würden 71 Prozent der Deutschen lieber im Ausland arbeiten, als auf Arbeitslosengeld oder Hartz IV angewiesen zu sein. Und einer Broschüre der Deutschen Seniorenliga zufolge träumt jeder zweite Bundesbürger davon, seinen Lebensabend im sonnigen Süden zu verbringen. Wollen alle diese Menschen wirklich auswandern?

Zwei der Sehnsucht nach einem Neubeginn in der Fremde elementar inhärente Motive, nämlich die Abenteuerlust und der Wunsch nach Verbesserung der Lebensverhältnisse zeigen sich heute anders: Auswanderung wird, wie man in einer Vielzahl von Dokusoaps (z.B. "Mein neues Leben XXL", "Goodbye Deutschland") bestaunen kann, von einigen Unternehmungslustigen als Event und Ausnahmesituation im Leben betrachtet. Andere Menschen ziehen zur Wahrung und Erhöhung ihrer Lebensqualität (häufig erst im Alter) in fremde Länder. Ich vermute den Hintergrund für diese neuen Formen der Auswanderung zum einen in der allgemeinen Zunahme an Mobilität, zum anderen im relativen Wohlstand unserer Gesellschaft. Diese Segnungen der Globalisierung machen Auswanderung auf unserer Seite der gesellschaftlichen Verwerfungslinien leichter, den Integrationsprozeß jedenfalls auf den ersten Blick unkomplizierter. Romantische Vorstellungen von langen Passagen, Entbehrungen, dem Glück im Einfachen und Ursprünglichen sind so attraktiv wie eh und je, aber in der Umsetzung hat unser Abenteurer Visum, Arbeitsvertrag, Versicherungsschutz und Rückfahrkarte in der Tasche.

Notwendigkeit psychischer Verarbeitungsprozesse

Aber auch wenn Auswanderung heute eine überwiegend freiwillige, vorausplanbare und vielleicht sogar vorläufige Entscheidung zu sein scheint, bedeutet sie eine nicht weniger einschneidende Veränderung im Leben eines Menschen. Der Ortswechsel bewirkt eine Umstellung der Gewohnheiten, eine Trennung vom Freundes- und Familienkreis und den zeitweiligen Verlust von sozio-kultureller Kompetenz. So zwingen die neuen Lebensbedingungen zu multiplen Anpassungsleistungen an ein fremdes Gemeinwesen, eine unbekannte Kultur, in eine Situation ähnlich dem Welterleben eines Kleinkindes - nur dass der Mensch, der sich zeitweise so fühlt, ein in seinen alten Lebensumständen kompetenter Erwachsener ist.

Allgemein gesprochen ist die Auseinandersetzung mit neuen Erlebnissen ein Prozess der Integration von Neuem in den Fundus bereits durchlebter Erfahrungen. Diese kognitive und emotionale Integrationsleistung ist Voraussetzung für seelische Gesundheit, weil sie erst Autonomie, Identität und Handlungsfreiheit ermöglichen kann. Gerade in Übergangssituationen nach großen Veränderungen im Leben - wie nach einer Auswanderung - vollziehen sich diese Verarbeitungsprozesse ganz intensiv. Während dieser Übergänge sind Unsicherheit und das Gefühl von Kontrollverlust groß.

Als einschneidende Lebensveränderung birgt Auswanderung psychische Chancen und Risiken. Was die Psyche anbelangt liegen die Risiken in Enttäuschung, Rückzug, Angst, Depression und körperlichen Symptomen, die Chancen liegen in menschlichem Wachstum, Steigerung der Erlebnisfähigkeit, der emotionalen Sensibilität und der Beziehungs- und Konfliktfähigkeit. Die Ausnahmesituation, in die der Ausgewanderte gelangt, erfordert eine nicht zu unterschätzende psychische Verarbeitungsleistung.

Im Folgenden möchte ich an einigen Aspekten aufzeigen, was aus psychologischer Sicht sinnvoll zu tun ist, um Auswanderung zu einer menschlich bereichernden Erfahrung zu machen.

Motivforschung

So unterschiedlich die individuellen Push-Faktoren sein mögen, eine existentielle Notwendigkeit zur Auswanderung gibt es in unserem Kulturkreis nicht. Die Überzeugung von der Wohlüberlegtheit einer freiwilligen Entscheidung macht möglich, dass sich in den Weg stellende Widernisse im fremden Land nicht als so bedrohlich bewertet werden müssen. Schwankt die Entschlossenheit noch, macht der erste anhaltende Regen, oder die erste ernsthafte kritische Bemerkung am Arbeitsplatz unsicher. Eine besondere Schwierigkeit ist, dass die meisten mit Partner und Familie ausreisen, wobei der Initiator immer entschlossener ist als die anderen.

An dieser Stelle ist es notwendig, die Bedürfnisse aller Beteiligter genau zu erkunden, die zum Wunsch nach Auswanderung geführt haben. Man sollte sich auch selbstkritisch mit der Frage konfrontieren, ob eigenes Fehlverhalten zu Unzufriedenheit geführt hat. Eigene Schwächen werden am neuen Ort nicht auf wunderbare Weise verschwinden. Scheitern und Erfolg ist ein komplizierter Mix zwischen äußeren und inneren Faktoren. Wer gern die Schuld für Versagen im Außen sucht, wird im fremden Umfeld viele "objektive" Gründe dafür finden und sich so die Integration erschweren.

Gewohnheitsschutz

Mit der Motivationsforschung wäre schon ein wichtiger Schritt zur Vorbereitung auf die Übersiedlung getan. Wenn es jetzt um das Einholen von spannenden Informationen über das Zielland geht und die Phantasie weite Flüge in ein Land unbegrenzter zukünftiger Möglichkeiten unternimmt, sollten Auswanderungsbereite sich auch gedankliche Ausflüge in die eigene Lebensgeschichte erlauben, eingedenk der Goetheschen Weisheit, dass der Mensch Flügel und Wurzeln braucht. Sinnvoll ist, sich zu fragen: "Was bedeutet mir so viel, dass es unbedingt so bleiben soll, wie es ist?" Das gewählte Land soll ja nicht nur neue Möglichkeiten eröffnen, sondern auch liebgewordenen Gewohnheiten einen Raum bieten.

Einen guten Abschied finden

Abschied tut weh. Auswanderer verabschieden sich für lange Zeit oder gar für immer aus dem Alltag ihrer erweiterten Familie, ihres Freundes- und Kollegenkreises. Der Impuls, den Schmerz zu vermeiden, indem man sich davonstiehlt oder nach einer Trennung alle Brücken abbricht, ist zwar verständlich, aber die Last, etwas emotional Bedeutsames nicht getan zu haben, nimmt der Auswanderer als Schuldgefühl und Blockade im offenen, herzlichen Kontakt zu Menschen mit. Einen guten Abschied zu finden macht es leichter, neu anzufangen.

Alles ist anders

Antonovskys Vorstellung von Resilienz, d.h. Widerstandskraft, die den einzelnen in die Lage versetzt, psychischen Stress auszuhalten ohne krank zu werden, ist dann erfüllt, wenn der Mensch Kohärenzempfinden erlebt. Wenn wir unsere Umgebung als verstehbar, handhabbar und sinnhaft begreifen, erleben wir Kontrolle und Kompetenz. Dieses Kohärenzempfinden fehlt dem Neuankömmling in großem Maße. Er muss sich darauf gefasst machen, dass nach einer Phase der Euphorie große Verunsicherung eintreten kann, was die eigenen Fähigkeiten, die autonomen Entscheidungen, den Selbstwert, den eigenen Status oder das Eingebundensein in soziale Bezüge angeht. Selbst wenn man die neue Sprache gut beherrscht, bleiben der sprachliche Ausdruck und das Verstehen von emotionalen Feinheiten lange schwierig. Das führt im zwischenmenschlichen Bereich zu Verunsicherung. Zudem spielen kulturelle Besonderheiten gerade im Ausdruck von Gefühlen eine große Rolle. So erlebt man Fremdheit gerade da, wo man am leichtesten kränkbar ist.

Binnendruck

Wenn die Umgebung noch wenig vertraut ist, steigen die Erwartungen an emotionale Unterstützung des Partners oder der Familie. Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit zu ertragen ist ebenso ungewohnt und anstrengend wie später auszuhalten, dass jedes Familienmitglied auf seine Weise flügge wird - und die jüngsten am schnellsten. Die Familiendynamik wird durcheinander gewirbelt. Lebt sich der eine schnell ein, befürchtet der andere, dass er zurückgelassen wird. Die Angst vor Verlust und Trennung führt dann oft zu Klammern und Festhalten am Alten und zum Rückzug vor neuen Erfahrungen. Ambiguitätstoleranz, ein in der Literatur zum Thema viel benutzter Begriff, erklärt, worauf es dann ankommt: Offenheit für unterschiedliche Entwicklungen, auch wenn man für sich selbst diese Entwicklung noch nicht nachvollziehen kann.

Wenn die psychischen Herausforderungen von Auswanderung gemeistert werden, ist der zu erwartende menschliche Zugewinn für den Einzelnen unvergleichlich.


Über die Autorin
Dr. Agnes Justen-Horsten arbeitet als Psychotherapeutin in Berlin. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Beratung für berufsbedingt mobil lebende Menschen und ihre Familien.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

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