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Barack Obama und die Lage der Wissenschaft in den USA

Von Harro Albrecht

Klima- und Grundlagenforschung: Nach frustrierenden Bush-Jahren erwarten US-Wissenschaftler einen Neuanfang mit Barack Obama.

Barack Obama und die Lage der Wissenschaft in den USA© Torbz - Fotolia.com
Der Surgeon General hätte sein Amt als oberster Gesundheitserzieher der USA gern erfüllt: die Bevölkerung über Gesundheitsgefahren aufklären und über heikle Themen informieren. Doch Richard Carmona hatte nicht mit der Bush-Administration gerechnet. Der war so viel freizügige Aufklärung suspekt. Carmona durfte weder über medizinische Aspekte der Stammzellforschung berichten noch die Gesundheitsprobleme in Gefängnissen oder die Gefahren des Passivrauchens ansprechen. Verpönt war auch die umfassende Aufklärung von Teenagern. Und Hinweise auf die Pille danach? Gott bewahre!

Nach vier Jahren im Amt hielt Carmona es nicht mehr aus, er warf den Bettel hin. Im Jahr 2007 sagte er vor einem Senatskomitee über seinen ehemaligen Arbeitgeber: "Alles, was nicht in die ideologische, theologische oder politische Agenda der gewählten
Regierung passt, wird ignoriert, marginalisiert oder einfach begraben."

Damit hatte ein hochrangiger Regierungswissenschaftler öffentlich jene Kritik formuliert, die viele staatliche Forscher in den vergangenen acht Jahren unter der Präsidentschaft von George W. Bush teilten. Ob Klimapolitik, Umweltschutz oder Irakkrieg: Wissenschaftliche Gutachten wurden gering geschätzt, instrumentalisiert oder gar verfälscht, um sie in Einklang mit der politischen Linie zu bringen.

Barack Obama hingegen ist ein Wissenschaftsfan. Schon vor seiner Inauguration am 20. Januar machte er klar, dass er sich mit "aufrichtigen, unparteiischen, hoch qualifizierten Individuen" umgeben wolle, die angesehen seien für "Integrität und Objektivität". Entsprechend berief er eine Schar hochkarätiger Wissenschaftler als Berater, Minister und Leiter von wissenschaftsnahen Großinstitutionen. Zwei Nobelpreisträger sind darunter, Steven Chu als neuer Energieminister und Harold Varmus als Wissenschaftsberater. Viele Forscher hoffen nun, dass wissenschaftliche Erkenntnisse wieder unverfälscht in politische Entscheidungsprozesse einfließen, von der Klimapolitik bis hin zur Biomedizin.

Zunächst aber elektrisiert der neue Aufbruch vor allem die Lobbyisten. Reihenweise formulierten sie in den vergangenen Wochen ihre Wunschzettel: So fordern die Fachärzte für innere Medizin vom Präsidenten, mehr Hausärzte einzustellen. Die Weltraumbehörde Nasa bittet um zwei Milliarden Dollar für die nächste Generation Spaceshuttles. Klimaforscher drängen darauf, dass neue Direktoren die Nasa und die Ozean- und Atmosphärenbehörde einschwören auf intensivere Erd- und Umweltbeobachtung. Naturschützer wollen kontraproduktive Umweltgesetze einkassieren. Die Science Coalition, ein Zusammenschluss von 45 Forschungseinrichtungen, unterbreitete Mitte Dezember ein umfassendes Maßnahmenbündel zur Belebung von Wissenschaft und Wirtschaft: 1,2 Milliarden Dollar für die National Institutes of Health (NIH), damit 3000 bereits geprüfte Projekte endlich finanziert werden, 750 Millionen Dollar für die National Science Foundation (NSF) und zur Verbesserung der wissenschaftlichen Infrastruktur. Weitere 1,8 Milliarden Dollar für NIH und NSF sollen der Förderung junger Wissenschaftler dienen.

Der neue Präsident holt sich streitbare Köpfe ins Haus, keine Ja-Sager

Doch bei einem voraussichtlichen Staatsdefizit von 10 Billionen Dollar bleibt nicht viel übrig für kostspielige Vorhaben. Um den Wünschen der Wissenschaftler entgegenzukommen, hat Barack Obama deshalb zunächst zwei Optionen: Er kann - möglichst kostenneutral - Gesetze ändern lassen; und er kann wissenschaftlich-technische Investitionen anschieben, die sich mittelfristig auszahlen. Die Finanzierung klimarelevanter Forschung gilt als idealer Fall: Moderne, umweltschonende Energietechnik verspricht wirtschaftliche Impulse. Ferner würde eine aktive Klimapolitik international als Signal wirken, dass die USA ihre Isolation aufgeben.

Die jüngsten Verlautbarungen Obamas sprechen ebenso für neue Klimaprioritäten wie die Ernennung seines wichtigsten wissenschaftlichen Personals (siehe Kasten). 150 Milliarden Dollar will der neue Präsident in energiesparende Technologie investieren und den CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent reduzieren. Aber die erste "Klimazarin" Carol Browner dürfte auf Widerstände stoßen.

Denn derzeit vermindert bereits die weltweite Rezession die Treibhausgasemissionen deutlich; und mit dem Sinken der Öl- und Energiepreise sinkt auch die Bereitschaft in den USA, für saubere Energie Dutzende Milliarden auszugeben. So ist der designierte Chef des Nationalen Wirtschaftsrats Lawrence Summers, der ehemalige Harvard- Präsident, bekannt dafür, dass er eine besonders ambitionierte Klimapolitik als Wirtschaftsbremse erachtet.

Obama holt sich also streitbare Köpfe ins Haus, keine Jasager. (Und nur nebenbei fällt auf, dass der Harvard-Absolvent Obama auch auffallend viele Vertreter seiner ehemaligen Universität rekrutiert).

Neben der Klimapolitik hat Barack Obama auch die massive Förderung von Grundlagenwissen im Auge: "Als Präsident werde ich für die Grundlagenwissenschaft in den physikalischen und den Lebenswissenschaften, in der Mathematik und in den Ingenieurwissenschaften das Budget für die kommenden zehn Jahre verdoppeln." Für die Nasa zum Beispiel steht die Erneuerung der Raumfährenflotte an, die 2010 eingemottet werden soll. Sonst wäre bald die Peinlichkeit zu ertragen, nur noch mit russischen Raketen zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegen zu können.

In der Angelegenheit ist noch nichts entschieden, aber schon fordern Stimmen aus dem Übergangsteam, man solle doch die Mauern einreißen zwischen dem militärischen und dem zivilen Arm der Nasa und künftig billigere militärische Raketen nutzen. Der (noch) amtierende Nasa-Chef Michael Griffin lehnt diese Idee billiger, aber riskanter Transporte ins All allerdings kategorisch ab.
Mehr wirtschaftliches Zukunftspotenzial als die bemannte Weltraumforschung bietet die Biomedizin, die mit 30 Milliarden Dollar jährlich den größten nichtmilitärischen Forschungsetat der öffentlichen Hand darstellt. Vor allem die Stammzellforschung bietet Chancen, und es sieht so aus, als würde Barack Obama schon bald das Dauerveto von George Bush aufheben. Dieses hatte zur Folge, dass mit Staatsmitteln nur Forschung an Zelllinien solcher embryonalen Stammzellen (ES) gefördert werden darf, die vor dem 9. August 2001 erzeugt wurden. Obama hatte die ES-Linien im Vergleich mit den adulten Stammzellen als "Goldstandard" dieser Forschung bezeichnet.

Kippt Obama die Stammzellpolitik von George W. Bush?

Mit der Öffnung könnten die staatlichen National Institutes of Health zum ersten Mal groß in diesen Forschungszweig einsteigen, auch kleinere Institutionen fördern und eine Führungsrolle in der Koordination der weltweiten Stammzellprojekte übernehmen. Allerdings existiert mit dem International Stem Cell Forum bereits eine koordinierende Instanz, an der elf Länder beteiligt sind. Wahrscheinlich können die NIH noch einmal eine Vorreiterrolle besetzen, ähnlich jener, die sie schon bei der Entzifferung des Erbgutes innehatten. Eine neue Gesetzgebung wäre auch ein Anreiz für ausgewanderte amerikanische Stammzellforscher, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Obwohl etliche Forscher erwarten, dass der Stammzellentscheid zu den ersten Amtshandlungen von Barack Obama gehören werde, ist das keineswegs sicher. So beschrieb die New York Times, wie bei den Wissenschaftlern Uneinigkeit darüber besteht, ob es besser sei, die Forschung mit embryonalen Stammzellen per Präsidentendekret zu erlauben oder mithilfe des Kongresses die entsprechenden Gesetze zu ändern. Letzteres dürfte allerdings lange dauern, denn auch unter den Demokraten gibt es Widerstand. Nancy Pelosi, demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, favorisiert eine im Gesetz fest verankerte Lösung und hat sich damit für den langen Weg ausgesprochen.

Mit der Besetzung von einigen Spitzenposten in der Administration und mit großen Visionen allein ist der neue Aufbruch der US-Wissenschaft noch nicht gesichert. Wichtig ist es, auch auf anderen Ebenen die Weichen neu zu stellen. Einfallstor für die politische Einflussnahme waren und sind stets die mächtigen amerikanischen Behörden wie die National Institutes of Health, das Energieministerium, die Umwelt- und die Arzneimittelbehörde. Hier entsteht aus wissenschaftlichen Erkenntnissen politisches Handeln, und hier fanden in den vergangenen Jahren die größten Verwerfungen statt.

Für die Bush-Administration waren die Einlassungen der Forscher im Staatsauftrag oft nur lästig, weil sie die ohnehin gefassten Pläne und Vorstellungen behinderten. Man konnte sie aber nicht einfach ignorieren, weil Wissenschaftler anders als Politiker eher den Ruf der Uneigennützigkeit genießen. Die unabhängigen Expertenstimmen haben in der Öffentlichkeit Gewicht. Darum unterwanderte man die Bastionen der Störer nach Kräften.

Die Bush-Administration ließ dabei keinen Trick aus. Der Journalist Seth Shulman hat in seinem Buch Undermining Science ebenso wie die Union of Concerned Scientists akribisch nach gewiesen, dass Daten gefälscht, Dokumente einsei tig überarbeitet, Wissenschaftler eingeschüchtert und zensiert und die Publikationen unliebsamer wissenschaftlicher Ergebnisse verzögert worden sind. Vor zwei Wochen gab zudem der Generalinspekteur des Innenministeriums bekannt, dass im Fish and Wildlife Service 15 von 20 Entscheidungen über bedrohte Tierarten erheblich beeinflusst waren durch persönliche Interessen einer Abteilungsleiterin. Der Bericht zeichnete das Bild einer Art Geheimgesellschaft innerhalb des Innenministeriums, die den Schutz bedrohter Tierarten aushöhlen und die Untaten anderer decken sollte.

Ein solcher Umgang mit wissenschaftlicher Expertise hat Folgen: Im einfachsten Fall bedrohte der Einfluss der Bush-Administration nur die Existenz einer seltenen Forellenart. Schwerer wog, dass verschleppte Kraftwerksumbauten viele Menschenleben durch überhöhte Emissionen gefährdeten. Und im Extrem bedrohte die Missachtung des Expertenwissens den Frieden.

Beispielsweise hieß es, Saddam Hussein hege nukleare Ambitionen, weil er einhunderttausend Aluminiumröhren in China bestellt hatte, die zur Anreicherung von Uran benötigt würden. Für die Regierungsangehörigen war die Sache klar: Die Röhren seien so präzise gefertigt, dass nur eine Verwendung in einer Anreicherungsanlage denkbar sei. Die Technikexperten aus den Behörden kamen zu einem anderen Schluss: Die Röhren seien für diesen Zweck ungeeignet und glichen in ihren Dimensionen vielmehr dem Material, das schon einmal für irakische Kurzstreckenraketen bestellt worden sei. Trotzdem verbreiteten George W. Bush und sein Vize Dick Cheney die Botschaft, Saddam Hussein bastele an der Atombombe.

Es gibt viel zu tun, um die Schäden der Bush-Administration zu beseitigen

Doch jetzt brechen neue Zeiten an. Wie bei jedem Regierungswechsel räumen in den letzten Amtswochen überall in staatlichen Großorganisationen umstrittene Führungskräfte ihre Büros. In der Arzneimittelbehörde FDA, der eine zu große Nähe zur Industrie nachgesagt wurde, hat Andrew C. von Eschenbach seinen Rücktritt angekündigt. Elias Zerhouni von den NIH (dem zumindest Unbeugsamkeit nachgesagt wird) ist bereits gegangen, und die Chefs der Centers for Disease Control und des National Cancer Institute scheiden ebenfalls aus dem Amt. Die neue Leiterin der Umweltbehörde EPA, Lisa Jackson, tritt mit einer spitzen Erklärung an: Im Hinblick auf die Autoindustrie müsse man das Kürzel EPA zurzeit wohl eher deuten als "emission permission agency" (Emissions- Erlaubnis-Behörde).

"Die neuen Wissenschaftler werden viel damit zu tun haben, die Schäden zu beseitigen, die die Bush-Administration hinterlassen hat", sagt Aaron Huertas von der Union of Concerned Scientists. "Es muss wieder so werden, dass Forscher gern in den staatlichen Behörden mitarbeiten. Weil sie wissen, dass sie dort ohne politischen Einfluss den Menschen helfen können." Unter George W. Bush war das Weiße Haus für die Wissenschaft ein frostiger Ort. Kritiker mutmaßen, dass Bush als überforderter Student an der Eliteuniversität Yale einen Groll gegen die geistige Elite entwickelt habe. Er ließ sich lieber von seinem Bauchgefühl und christlichen und industriellen Beratern leiten.

Physiknobelpreisträger John Hall sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Wertschätzung, die Wissenschaft im Weißen Haus erfährt, und der Lust Jugendlicher auf wissenschaftliche Themen. Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Anzahl der Diplomanden in den USA drastisch gesunken ist. Hall hofft, dass die neue Wertschätzung bis in die Grundschule durchsickert. Für den Nachwuchs wäre es auch wichtig, dass Obama eine weitere Absichtserklärung umsetzt: verstärkt Vertreter der Minoritäten an die Universitäten zu bringen.

Gelingt ihm all das und lockert er, wie angekündigt, noch die Einreisebedingungen für Akademiker, könnte die amerikanische Wissenschaft wieder so attraktiv werden, wie sie einst war. Muss damit auch Deutschland befürchten, dass die besten Köpfe zunehmend ins gelobte Wissenschaftsland abwandern? Diese Gefahr könnte dank der Finanzkrise noch für eine ganze Weile ausbleiben. Georg Schütte, Generalsekretär der Alexander von Humboldt Stiftung, ist jedenfalls nicht be unruhigt, dass die deutschen Forscher weglaufen könnten. "An der University of California in Berkeley wurden bisher pro Jahr 150 neue Wissenschaftler eingestellt - jetzt sind es nur noch 50." Wenn das die Botschaft für das neue Jahr sei, müsse man nichts befürchten.

So verschafft gerade die Finanzkrise deutschen Wissenschaftspolitikern eine Atempause im transatlantischen Wettbewerb um die besten Forscher. Wer diese Atempause nicht verspielen will, sollte Obamas Anstrengungen genau beobachten.


Prima Klima im Weißen Haus - Obamas wichtigste Wissenschaftsberater
Eine bestimmte Sorte Menschen geht John Holdren so sehr auf den Geist, dass er sie nur in Anführungszeichen erwähnt: Für "Skeptiker" des Klimawandels hat Holdren nur Verachtung übrig. Der neue Wissenschaftsberater von Barack Obama gilt als unnachgiebiger Kämpfer in der Klimadebatte. Schon in den achtziger Jahren sagte Holdren voraus, bis zum Jahr 2020 werde eine Milliarde Menschen durch Klimakatastrophen sterben. Nun wird der Plasmaphysiker, der Umweltpolitik an der Harvard University lehrt, neuer Direktor des einflussreichen Office of Science and Technology Policy. Neben seinem Einsatz für nachhaltige Energieversorgung hat sich der Wissenschaftler besonders als Atomwaffengegner einen Namen gemacht. Als Wissenschaftsberater stehen ihm der Medizin-Nobelpreiträger Harold Varmus und der Genomforscher Eric Lander zur Seite.

Auch der neue Energieminister Steven Chu will mit allen Mitteln gegen die globale Erwärmung kämpfen. Bisher arbeitete der Physiker und Nobelpreisträger als Direktor des Lawrence Berkeley National Laboratory, dessen Forschungsschwerpunkte er mehr in Richtung Biosprit, Solarzellentechnologie und künstliche Photosynthese verschoben hat. Manche Kritiker irritiert, dass man Chu große Industrienähe nachsagt. Im vergangenen Jahr hat der Physiker mit British Petroleum (BP) eine Förderung über 500 Millionen Dollar zur Erforschung erneuerbarer Energien ausgehandelt. Einige sehen darin Vorboten eines neuen Kurses der öffentlich-privaten Partnerschaft in Energiefragen. Als Direktor des Energieministeriums wird Chu einem der größten Geldgeber der Grundlagenforschung in den USA vorstehen.

Dass sowohl Holdren als auch Chu sich dem Problem der Klimaerwärmung widmen, beschwört Koordinationsprobleme herauf. Für diesen Fall gibt es den neu geschaffenen Posten der "Koordinatorin für Energie und Klimafragen im Weißen Haus". Diesen Posten wird Carol Browner übernehmen. Die "Klima-Zarin" war Chefin der Umweltbehörde EPA unter Bill Clinton (Al Gore war ihr Mentor). In dieser Eigenschaft war sie 2001 allerdings ins Gerede gekommen. Eine Angestellte hatte über Rassendiskriminierung in der Behörde geklagt und auf ihre Bürgerrechte gepocht, was bei der EPA-Chefin nicht gut ankam. Die Angestellte musste gehen. Auch in ihrem neuen Amt dürfte sich Carol Browner, die ein Fan von Hillary Clinton ist, nicht nur Freunde machen.

Aus DIE ZEIT :: 08.01.2009

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