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Baustelle Bologna

Von Jan-Martin Wiarda

Wo die Probleme der Studienreform liegen, was besser gemacht werden muss und wo es Vorbilder gibt.

Baustelle Bologna© Niels Flöter - Wikimedia CommonsBildungsstreik 2009 in Göttingen

1. Mehr Freiraum lassen für die Allgemeinbildung

Wie es jetzt läuft: Nichts gegen Spezialbachelorprogramme à la »Gesundheitsmanagement im Tourismus« oder »Recht mit seinen internationalen Bezügen zu Technik, Politik und Wissenschaft«, doch einige sind so sehr nach den Vorlieben ihrer Professoren gestrickt, dass für Wahlfreiheit und allgemeinbildende Anteile kein Platz bleibt. Die Stundenpläne sind bis zum letzten Semester durchgeplant, durch das Pauken von Detailwissen leidet die Neugier. Allerdings ist das Problem akademischer Enge nicht neu, auch vor der Reform haben etwa Mediävisten selten etwas über Statistik gelernt.

Was sich ändern muss: Gute Bachelorprogramme vermitteln nicht nur Detailwissen, sondern verbessern die Allgemeinbildung. Sie geben den Studenten die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Veranstaltungen nach ihren Interessen auszusuchen und so selbst ihre Schwerpunkte zu finden.

Wo es heute schon anders gemacht wird: An der Leuphana Universität Lüneburg durchlaufen alle Studienanfänger ein gemeinsames erstes Semester. Darin lernen sie die Inhalte und Methoden verschiedener Fächer kennen und setzen sich mit wissenschaftsethischen Fragen auseinander. Erst im zweiten Semester starten sie ihr Fachstudium, wobei sie immer auch ein Nebenfach belegen und ein Sechstel ihrer Studienzeit aus fachfremden Kursen wählen können. Ähnliche Modelle gibt es unter anderem an der privaten Zeppelin University, dazu kommen komplette Studium-generale-Bachelor wie am European College for Liberal Arts.

2. Das Studium im Ausland leichter machen

Wie es jetzt läuft: Es war ein Kernversprechen von Bologna: Durch die Umstellung auf international vergleichbare Abschlüsse sollte der Wechsel ins Ausland und zurück unkomplizierter werden. Zwar haben Bachelor und Master - anders als vielfach behauptet - die Mobilität deutscher Studenten nicht verringert, trotzdem müssen sich die Reformer vorhalten lassen, dass sich ihre Verheißung nicht erfüllt hat: Die vollgepackten Programme lassen kaum Zeit für einen Auslandsaufenthalt, und viele Professoren weigern sich hartnäckig, an ausländischen Hochschulen besuchte Veranstaltungen als gleichwertig anzuerkennen.

Was sich ändern muss: Werden die Studiengänge insgesamt entstaucht (siehe auch Punkt 3), können automatisch mehr Studenten auf Reisen gehen. Ebenso wichtig ist, dass Hochschulen und Professoren sich von ihrer kleinkarierten Anerkennungspraxis verabschieden. Umgekehrt sollten aber auch mehr Studenten bereit sein, auf die einmalige Auslandserfahrung nicht nur deshalb zu verzichten, weil sie ein oder zwei Seminare nicht anerkannt bekommen. Vor Bologna war das ja auch nicht anders.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Die Forstwirtschaftler der Uni Freiburg haben in ihrem Bachelorstudiengang das fünfte Semester für den Gang ins Ausland freigeschaufelt. Zum einen stehen weniger Wahlpflichtkurse oder Projektarbeiten an - und die sind so gefasst, dass sie sehr unkompliziert im Ausland absolviert werden können. Zum anderen heißt das: Auch für die Daheimgebliebenen gibt es weniger Veranstaltungen. An vielen Hochschulen ist es außerdem üblich, möglichst viele feste Partnerschaften mit Universitäten im Ausland einzugehen, die eine automatische Anerkennung sichern.


3. Die Arbeitsbelastung verringern

Wie es jetzt läuft: An vielen Hochschulen hat ein weiteres Ziel der Reform, das eigentlich Entlastung schaffen sollte, zu seinem Gegenteil geführt: die Einteilung des Studiums in inhaltlich zusammenhängende Module, für die es jeweils Credit-Leistungspunkte gibt. Anstatt mehrere Lehrveranstaltungen zu einem Modul zusammenzufügen und mit einer gemeinsamen Prüfung abzuschließen, haben viele Fächer sogar Vorlesungen zu Modulen umdeklariert, die früher freiwillig waren. Das Ergebnis ist ein kaum zu ertragender Prüfungsmarathon.

Was sich ändern muss: Die Anwesenheitspflicht für die Studenten sollte zumindest in einigen Vorlesungen wieder abgeschafft werden. Zu kleinteilige Module müssen sinnvoll erweitert und nur noch einmalig abgeprüft werden. Dafür wiederum gibt es mehr Möglichkeiten als immer nur Klausuren: Projektarbeiten, Essays oder Hausarbeiten können sie, wo sinnvoll, ersetzen.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Viele Fachhochschulen haben sich vom Zeitdruck der Politik nicht beeindrucken lassen und, wo nötig, von Anfang an ein siebtes oder sogar achtes Semester vorgesehen - das entlastet den Stundenplan. Immer mehr Unis ziehen jetzt nach, zum Beispiel Tübingen. Und was die Prüfungsdichte angeht: Die Politikwissenschaftler der Uni Frankfurt zum Beispiel sind großzügig mit der Vergabe von Leistungspunkten. Pro Stunde Seminar oder Vorlesung planen sie zwei Stunden Selbststudium ein, dadurch sinkt die Zahl der Module und Prüfungen erheblich.

4. Die Abbruchquoten senken

Wie es jetzt läuft: Durch die Stufung in Bachelor und Master sollten mehr Studenten einen Abschluss schaffen, indem das Zwischenziel zum ersten Abschluss wurde. In den Geistes- und Sozialwissenschaften klappt das auch, in schon vor Bologna verschulten Fächern wie den Ingenieurwissenschaften dagegen schnellte die Abbrecherquote hoch.

Was sich ändern muss: Die Reformer müssen stärker nach Fächern differenzieren. Hatten die Geisteswissenschaften mehr Struktur nötig, sollte Bologna in den Natur- und Ingenieurwissenschaften zu mehr Wahlfreiheit und Praxisbezug führen.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Die Ingenieure der TU Darmstadt haben ihren Bachelor so gestaltet, dass die Studenten von Anfang an einen Überblick über die unterschiedlichen Fachdisziplinen von der Strömungstechnik bis zur Materialkunde gewinnen. Theorie und Praxis stehen nebeneinander, Kleingruppen beschäftigen sich vom ersten Semester an mit kleinen Forschungsprojekten. Das Ergebnis: Die Zahl der Abbrecher konnte halbiert werden. Als Paradebeispiel in den Sozialwissenschaften gilt der bereits zehn Jahre alte Bachelor gleichen Namens an der Uni Düsseldorf, der eine klare Struktur mit Wahlkursen und der Möglichkeit zum Selbststudium verbindet: Hier sank die Abbrecherquote von 60 Prozent auf nahezu null.

5. Den Zugang zum Master transparent regeln

Wie es jetzt läuft: Die protestierenden Studenten fordern einen offenen Masterzugang. Auch wenn es die kritisierten Quoten formal fast nirgendwo gibt, ist die Verunsicherung verständlich: Häufig werden die neuen Masterstudiengänge erst im letzten Moment eingerichtet, die Zugangsvoraussetzungen für Bachelorabsolventen bleiben allzu lange unklar.

Was sich ändern muss: Die Hochschulen müssen ihren Bachelorstudenten von Anfang an sagen, welche Mindestnote sie für den Master voraussetzen. Die Note darf nicht von Semester zu Semester geändert werden, um doch eine faktische Quotierung zu betreiben. Es muss deutlich werden, dass für jeden Studenten unabhängig, von der aktuellen Bewerberzahl, ein Platz da ist, solange der individuelle Studienerfolg wahrscheinlich erscheint.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Die RWTH Aachen hat neuerdings die Devise ausgegeben, dass sie alle ihre Bachelorstudenten im Master wiedersehen will. Die Zugangsnoten bleiben langfristig stabil. Wer sie reißt, für den soll es »wohlwollende Einzelfallprüfungen« geben. Auch andere Hochschulen begreifen: Eine solche Zusicherung kostet sie nichts, schafft aber das nötige Vertrauen.


6. Studenten und Professoren an der Reform beteiligen

Wie es jetzt läuft: Die Bologna-Krise ist auch eine Imagekrise. Tatsächlich stehen fast jedem miesen Studiengang pfiffige Modelle anderswo gegenüber, und die beruflichen Erfolge der Absolventen können sich sehen lassen. Laut dem repräsentativen Studierendensurvey sind die Studenten so zufrieden wie nie zuvor. Warum all das kaum noch einer glaubt? Weil die Reform bislang zu sehr von oben gemacht wurde. Dadurch haben sich viele Studenten und Professoren als ohnmächtige Opfer eines bürokratischen Monstrums gesehen, von dem sie nichts Positives erwarten.

Was sich ändern muss: Die Wissenschaftsminister haben versprochen, die Unis nicht mehr mit unsinnigen Bologna-Detailvorschriften zu knebeln. Umgekehrt müssen die Rektoren den Hörsaalbesetzern signalisieren, dass sie ihre Forderungen ernst nehmen. Bei den anstehenden Neujustierungen müssen sie den Professoren möglichst freie Hand lassen, die wiederum ihre Studenten an den Tisch holen.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Die Unis in Nordrhein-Westfalen wollen die Studierbarkeit ihrer Programme gemäß den Beschwerden der Streikenden überprüfen. In Potsdam sollen die Studenten gleichberechtigt an der Studiengangsplanung mitwirken. Wie es anderswo längst funktioniert, zeigt ein Beispiel aus Hildesheim: Die dortige Fachschaft für Psychologie hat unter den Studenten Vorschläge gesammelt, wie die Flut von Referaten beendet werden kann. Die Professoren hörten zu - und sprechen sich seither ab: Will der eine Vorträge, ist der andere mit Essays zufrieden. Und die Studenten sind es auch.

7. Mindestens 15 Prozent mehr Geld für die Hochschulen

Wie es jetzt läuft: Wenn die Rektoren sich für die Bologna-Probleme rechtfertigen sollen, zeigen sie gern mit spitzem Finger auf ihre Finanzminister: Die hätten ihnen das zusätzliche Geld vorenthalten, das eine so grundsätzliche Neuausrichtung zwangsläufig koste - in der Hoffnung, über den Bachelor lasse sich ein Sparstudium etablieren.

Was sich ändern muss: Tatsächlich haben Experten errechnet, dass eine vernünftige Bologna-Umsetzung etwa 15 Prozent teurer wäre als der Status quo: Damit die Reform funktioniere, müssten Beratung und Betreuung der Studenten verbessert werden. Verteilt würde das Geld am besten, indem die Politik niedrige Abbrecherquoten an den Hochschulen belohnt.

Wo es heute schon anders gemacht wird: Die Schweiz hat einen besonderen Finanzausgleich geschaffen: Jedes Kanton zahlt für seine Abiturienten - egal, wo sie studieren. Das Prinzip »Geld folgt Studierenden« nimmt den Druck von den Unis, einen Studentenansturm allein bewältigen zu müssen.

Aus DIE ZEIT :: 03.12.2009

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