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Binationalität oder internationaltät an deutschen Hochschulen

Von Gerd Grözinger und Wenzel Matiaske

Der Begriff Internationalität gehört für die deutschen Hochschulen inzwischen zum Standardrepertoire. Doch wann ist ein Studiengang tatsächlich international? Die Wirtschaftswissenschaften bieten hierzu Überlegungen und Verfahren an.

Bi-national oder inter-national?: Deutsche Hochschulen© truebadour - stock.xchng
Wenn Hochschulen oder Fachbereiche die Internationalität ihrer Studienmöglichkeiten hervorheben wollen, nutzen sie gerne zwei Angaben: die Palette der an der Einrichtung vertretenen Nationalitäten und die Zahl von Studierenden mit ausländischer Hochschulzulassung (entweder absolut oder in Relation zur Anzahl aller Studierenden). Beide Dimensionen sind jedoch für einen Vergleich nicht sehr aussagekräftig. Nur die Nationalitäten zusammenzuzählen bringt wenig Erkenntnisgewinn, wenn sehr große sehr kleinen Fächern gegenübergestellt werden. Die gleiche Kritik gilt natürlich für die Angabe der absoluten Zahl der Studierenden mit ausländischer Hochschulzugangsberechtigung. Wird diese Größe jedoch zur Gesamtzahl der Eingeschriebenen in dem Fach gesetzt, scheint der Einwand gegenstandslos. Aber auch eine solche Relation ist nicht zwingend ein guter Indikator für Internationalität. Denn es gibt Studiengänge, die eine privilegierte Zusammenarbeit mit nur
einem anderen Land pflegen, manchmal direkt angestrebt,
manchmal wohl etwas zufällig zustande gekommen

Um wahre Internationalität auszudrücken bedarf es eines Indikators, der sowohl die Quantität - Zahl der ausländischen Studierenden - wie die Qualität - Vielfalt der Herkunftsländer - widerspiegelt. Die Wirtschaftswissenschaften bieten dazu Überlegungen und Verfahren an. Denn im Prinzip ist die Frage analog zu der nach dem Konzentrationsgrad von Märkten. Gibt es nur einen Marktteilnehmer - also in unserem Fall nur deutsche Studierende - oder viele davon, und welchen Marktanteil verkörpern sie jeweils?

Einfache Formel

Ein leicht zu berechnender, sehr robuster und deshalb weit verbreiteter Indikator zur Messung der Marktkonzentration ist der (Hirschman-)Herfindahl- Index, den auch die Monopol-Kommission in ihren Gutachten nutzt. Trotz des beeindruckenden Namens ist die Formel auf der einen Seite einfach genug, dass jede Hochschuladministration mit einer kleinen Tabellenkalkulation ihre jeweiligen Werte extrahieren kann und auf der anderen Seite ausreichend transparent, die Ergebnisse nach innen und außen zu kommunizieren.

Es wird dafür nämlich nur die Summe der Quadrate der Teilnehmergruppen durch das Quadrat aller Teilnehmer geteilt. Dies misst die Konzentration. Um aber umgekehrt die Disparität zu messen, schlagen wir als Internationalitäts-Index' (II) noch vor, diesen Wert von 1 abzuziehen.
Ein Beispiel, das auch den Unterschied von bi-national und inter-national illustriert: von zehn Studierenden (der absolute Umfang eines Studiengangs ist für die Berechnung irrelevant) kommen fünf aus Deutschland und fünf aus einem einzigen anderen Land. Der II errechnet sich aus 1 minus der Größe von 25 plus 25 geteilt durch 100 und beträgt somit 0,5. In einem anderen Studiengang von wieder zehn Studierenden kommen ebenfalls fünf aus Deutschland, aber die anderen fünf verteilen sich nun auf fünf verschiedene Länder. Der II steigt dadurch auf 0,7 (1 minus dem Wert von 25+1+1+1+1+1 geteilt durch 100). Er geht im Maximum gegen eins und könnte in dem Beispiel 0,9 erreichen, wenn also jeder Teilnehmer aus einem unterschiedlichen Land stammte und liegt minimal bei 0, wenn es also nur Abiturienten aus Deutschland gäbe.

Große empirische Unterschiede


Um auch einen ersten Eindruck über die empirischen Verhältnisse zu gewinnen, haben wir einen Datensatz ausgewertet, der uns wegen eines Forschungsprojektes zur Verfügung steht. Darin sind alle Studierenden in Deutschland im WS 2005/06 nach dem Land der Hochschulzugangsberechtigung, dem Fach und der Hochschule enthalten. Das sind Informationen für über 6 000 Studienfach-Hochschul- Kombinationen. Über 1 000 Fächer darin weisen keinen einzigen ausländischen Studierenden auf. Auch danach kommt erst mal ein sehr breiter Bereich mit extrem hoher Monokulturalität bei einigen wenigen Ausländern. Über alle Hochschul-Einrichtungen hinweg ergibt sich für den II auf Fächerebene ein Medianwert von 0,12. Das ist die erste nützliche Vergleichsmarke. Ein Wert darunter bedeutet, dass der Studiengang zur weniger internationalen Hälfte der Studienfächer in Deutschland gehört. Zum obersten Viertel dagegen zählt, wer einen II von 0,24 erreicht. Um unter den besten zehn Prozent zu sein, bedarf es schon eines Werts von 0,44. Und Aufnahme in den Club der ein Prozent Besten findet, dessen II gar 0,83 oder mehr zeigt.

Die fünf "Besten"

Mit der gleichen Methode lassen sich natürlich auch Werte für ganze Hochschulen berechnen. Die Einrichtungen mit dem größten II sind dabei alle sehr klein und eine Mischung aus privaten, musikalischen und theologischen Einrichtungen. Wirft man einen Blick auf die Flagschiffe der deutschen Hochschulen und beschränkt die Auszählung auf Einrichtungen mit über 10 000 Studierenden, lautet die Liste der fünf am meisten international Orientierten so: Universität Stuttgart, TU München, Universität Heidelberg, Universität Karlsruhe, TU Darmstadt. Der Median für alle Hochschulen wird dabei durch einen II von 0,11 beschrieben, und die Bandbreite bei den Großeinrichtungen reicht immerhin von 0,08 bis 0,38.


Autoren: Gerd Grözinger und Wenzel Matiaske
Wie misst man die Internationalität eines Studiengangs?
Wie misst man die Internationalität eines Studiengangs?
Professor Dr. Gerd Grözinger, Zentrum für Bildungsforschung, Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Flensburg



Professor Dr. Wenzel Matiaske, Institut für Personalwesen und Internationales Management, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Helmut Schmidt Universität Hamburg




Aus Forschung und Lehre :: Mai 2008

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