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Bildungsinstitutionen benötigen dringend das Konjunkturprogramm

Von Jan-Martin Wiarda

Mit ein paar Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm sollen Schulen und Universitäten saniert werden. Das wird auch Zeit!

Bildungsinstitutionen benötigen dringend das Konjunkturprogramm© IGS Bracke
Das Ende der Kältewelle löst in Franz Rollinger gemischte Gefühle aus. Einerseits weiß der Schulleiter, dass er nun wieder im ganzen Haus Eimer aufstellen lassen muss, wenn der Schnee auf dem Flachdach taut. Andererseits, und das ist die gute Nachricht, müssen die Schüler der Braunschweiger Wilhelm-Bracke-Gesamtschule jetzt nicht mehr durch Treppenhäuser laufen, in denen das Schwitzwasser von den nur fingerdicken Außenwänden und den Einfachfenstern tropft. Und dank der Plusgrade brauchen einige von ihnen auch nicht mehr zu zittern, nur weil ihr Klassenraum zu weit von der altersschwachen Pumpe im Heizraum entfernt liegt. "Ich bin seit dreieinhalb Jahren an dieser Schule", sagt Rollinger, 52, weiße Haare, Hornbrille. "Seitdem hat sich hier außer ein paar Notreparaturen wenig getan. An Grundsanierungen gar nichts." Während Rollinger durch seine heruntergekommene Schule führt, wird 211 Kilometer entfernt, in den stets geheizten und trockenen Konferenzsälen des Berliner Kanzleramts, zur selben Stunde mit gewaltigen Summen jongliert. Beim alles entscheidenden Treffen der Koalitionspartner am vergangenen Montagabend bestand zumindest über einen Punkt von Anfang an Einigkeit: die Schulen, Kindergärten und Hochschulen im Land sollten ein ordentliches Stück vom 50 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket abbekommen. Wenn schon zusätzliche Schulden gemacht werden sollten, dann wenigstens für eine gute Sache. Etwa 8,7 Milliarden Euro sollen direkt in die Bildung fließen, und zwar schnell und möglichst unbürokratisch. Bundesbildungsministerin Annette Schavan, CDU, feiert den Koalitionsbeschluss als "das größte Investitionsprogramm für Bildung, das es in Deutschland je gab". Bedarf, wiederholt die Ministerin schon seit Wochen, gebe es schließlich genug (siehe Ende des Artikels). Das ist, gelinde gesagt, noch untertrieben: Den Sanierungsstau, den Deutschlands Bildungslandschaft im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat, schätzen Experten allein für die Hochschulen auf mindestens 25 Milliarden Euro. Bei den Schulen ist die Not noch größer, allein bis zum Jahr 2020 gelten 78 Milliarden als realistisch.

Was derlei niederschmetternde Bestandsaufnahmen in der Praxis bedeuten, lässt sich am Beispiel Braunschweig gut beschreiben. Inmitten der Wohnburgen der Weststadt steht die Wilhelm-Bracke-Schule, ein gewaltiger Bau aus den frühen siebziger Jahren mit orangefarbenen Fassadenteilen und schmutzigem Sichtbeton. Die Schule hat 150 Räume und 1300 Schüler, die sich in den weiten Fluchten fast verlieren. In den Fluren wellt sich der genoppte Gummifußboden, an der Decke fehlen die Kunststoffplatten, aus dem Hohlraum darüber lugen Rohre und Kabelstränge hervor. Das Regenwasser hat die Platten durchgeweicht, bis sie runtergebrochen sind.

Eigentlich, erzählt der Hausmeister, sollte da oben noch eine Schicht mit Dämmwolle liegen, "aber davon ist schon seit vielen Jahren nichts mehr übrig". Während er die Tür zu den Werkräumen aufschließt, träumt Schulleiter Rollinger von dem Geld aus dem Konjunkturpaket. Vielleicht, sagt er, ließe sich damit ja die Dachsanierung bezahlen - und muss über seinen eigenen, hemmungslosen Optimismus grinsen. Rechnerisch stehen seiner Schule aus dem milliardenschweren Programm gerade mal einige Hunderttausend Euro zu. Allein ein neues Dach kostet aber drei Millionen. Nein, Rollinger hat längst über eine realistischere Prioritätenliste nachgedacht, die er mit dem Konjunkturgeld abarbeiten würde. Ganz oben: Werkbänke und Hocker. "Schauen Sie sich die traurigen Teile doch mal an", sagt er und steckt seine Hand in das Loch, das fast 40 Jahre in einen der groben Holztische gefressen haben. Dann legt er seine Finger vorsichtig auf die Kanten, die früher einmal der Stahlfuß eines Hockers waren. Der Fuß ist längst abgebrochen, geblieben ist ein messerscharfer Schaft. "Das ist gefährlich", sagt Rollinger. Wer an die Wilhelm-Bracke-Schule kommt, denkt bestürzt: So schlimm kann es also an deutschen Schulen des Jahres 2009 aussehen. Doch plötzlich sagt der Schulleiter Sätze wie diese: "Damit kein falscher Eindruck entsteht, uns geht es vergleichsweise gut, wir haben genug Platz, und die Architektur ist durchdacht. Selbst der Sanierungsbedarf ist anderswo größer."

Braunschweig hat vor einer Weile ein eigenes Investitionsprogramm gestartet, jedes Jahr fließen ein paar Millionen in die Schulen der Stadt. 2011, so hat der Bürgermeister versprochen, sei das Dach der Wilhelm-Bracke- Schule dran - "wenn nichts dazwischenkommt", fügt Franz Rollinger hinzu. Diesen Satz wird er in der nächsten Stunde noch häufiger sagen, wenn er über die von der Stadt versprochenen Sanierungsarbeiten redet. Er war früher selbst mal Kommunalpolitiker, erklärt er. "Ich kenne die Zwänge."
Schon zieht es Rollinger weiter, hinüber in den Trakt mit den naturwissenschaftlichen Fachräumen. Dort bleibt er mit verschränkten Armen im Raum N13 vor einem Experimentiertisch stehen, dessen Türen nicht mehr richtig schließen und dessen Plexiglas an einer Stelle mit Klebeband abgedichtet ist. Die Kacheln, auf denen Lehrer früher ihre Reagenzgläser abgestellt haben, sind abgeplatzt, ein ebenfalls mit Klebeband geflicktes Plastikrohr dient als Entlüftung. "Keine Sorge, der ist nicht mehr in Betrieb", sagt Rollinger. "Aber Ersatz dafür haben wir nicht." Genauso wenig wie für die im Raum verteilten Versuchssäulen, deren kaputte Steckerleisten mit Blech vernagelt sind, damit die Schüler sich nicht verletzen. Nebenan hängt eine Tafel mit abgeplatztem Schieferüberzug, der Kork darunter ist zur Hälfte abgebröckelt. Rollinger, der eigentlich ein paar weitere defekte Experimentiertische zeigen wollte, zuckt mit den Achseln. "So etwas sehe ich gar nicht mehr", sagt er.
Bildungsinstitutionen benötigen dringend das Konjunkturprogramm

Studenten der TU Braunschweig



Dann macht er eine Rechnung auf: vier, fünf renovierte Fachräume, mit neuen Installationen und Möblierung, kosten jeweils 50.000 Euro, wenn alles gut läuft, noch Werkbänke und Hocker dazu, und die paar Hunderttausend Euro aus dem Konjunkturpaket sind weg. Die Wilhelm- Bracke-Gesamtschule hat übrigens zehn naturwissenschaftliche Fachräume. "Das setzt die diskutierten Summen in die richtige Perspektive, oder?", fragt Rollinger und lächelt wieder.

Es ist dasselbe Lächeln, das auch Jürgen Hesselbach an diesem Nachmittag im Gesicht trägt, als er über den Campus seiner Universität spaziert: Ein wenig Hilflosigkeit steckt darin, ein wenig peinliches Berührtsein und ziemlich viel Galgenhumor. Die TU Braunschweig, deren Präsident Hesselbach ist, müsste 20 Millionen Euro ausgeben, um die Gebäude halbwegs in Schuss zu halten - pro Jahr. Das Land gibt rund drei Millionen. Der rechnerische Anteil der TU am Konjunkturpaket könnte sich mit Glück auf weitere zehn Millionen belaufen. "Angesichts solcher Zahlenverhältnisse wird man gelegentlich sarkastisch, zynisch, was weiß ich. Auf jeden Fall bitte ich dafür um Verzeihung", sagt Hesselbach in seinem schwäbelnden Tonfall und lächelt weiter.

In seinen klammen Händen hält er zwei Seiten mit Tabellen, darin sind die zehn dringendsten Bauprojekte verzeichnet. Fünf davon sind gelb markiert, die hat er vor Weihnachten an die Landesregierung gemeldet, als Vorschlag, wofür die TU Braunschweig gern ihren Anteil vom Konjunkturpaket ausgeben würde. Bei allen könnte es sofort losgehen, betont Hesselbach. "Damit wir uns nicht falsch verstehen - natürlich freuen wir uns über jeden Euro." Es ist wie bei Schulleiter Rollinger: Die Freude über die unverhofften staatlichen Hilfen paart sich mit dem Frust über jahrzehntelange staatliche Vernachlässigung. So mutig und richtig die Milliardeninvestitionen in die Bildung sind, sie führen in ihrer Begrenztheit einmal mehr den enormen Bedarf vor Augen.

Jürgen Hesselbach sagt: "Sie sehen ja. Wir brauchen jeden Euro. Dringend." Dabei lässt er sich auf einem der verschlissenen Klappsitze nieder, die in langen, aufsteigenden Reihen im Audimax stehen und einen muffigen Geruch verbreiten. Die Nähte im Stoff sind aufgeplatzt, die einst roten Bezüge sind von einer jahrzehntealten Schmutzschicht überzogen. Die laufende Nummer zwei in seiner Liste ist das würfelförmige Hörsaalgebäude, das bei seiner Eröffnung von Architekturkritikern gefeiert wurde. Das war allerdings bereits 1961. Seitdem ist hier nicht mehr viel passiert. Die Klappsitze sind dabei noch das kleinste Problem; im Hörsaal müsste alles erneuert werden, angefangen von der Decke mit ihren feuchten Stellen über den aufgeplatzten Linoleumfußboden und die losen Balken in der Wandverkleidung bis hin zur Lüftung und der Medienanlage, die letztlich sogar bei einem Besuch von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) streikte. "Hier ist alles Schrott", sagt Hesselbach und hebt die Achseln. Dann sagt er erst mal gar nichts mehr. Kostenpunkt der Sanierung: 4,1 Millionen Euro. Das beste Konjunkturprogramm wäre der Abbau der lähmenden Bürokratie Ein paar Meter weiter fällt der Schrott bereits vom Himmel. Er stammt vom 1956 erbauten Hochhaus der ehemaligen Fakultät für Bauwesen, die als sogenannte Braunschweiger Schule unter Architekten Weltrang erlangte. Jetzt lösen sich von ihrem Wahrzeichen ganze Fassadenteile, die Oberlichter der Fenster sind gleich reihenweise aus ihren Fassungen gestürzt. Zäune sperren das Gelände um das Hochhaus weiträumig ab, Plastikplanen flattern an der Gebäudewand, und Hesselbach wirft einen Blick in seine Liste. 2,34 Millionen kostet die Sanierung, das zugehörige Gutachten der Sachverständigen stammt aus dem Jahr 2003. Ist es ihm nicht peinlich, ausländische Gäste an seiner Uni zu empfangen? "Wissen Sie, mit hochrangigen Gästen im Schlepptau umgehe ich traurige Orte wie diese weiträumig", sagt Hesselbach. "Zum Glück haben wir noch genug schöne Neubauten, mit denen ich ein bisschen protzen kann."
Auf dem Weg zum nächsten Objekt auf der Liste erzählt der Leiter der Bauabteilung, dass die Substanz der Gebäude umso besser werde, je älter sie seien. »Am schlimmsten waren die sechziger und siebziger Jahre, leider ist da auch am meisten gebaut worden.« Es ist eine traurige Ironie der Geschichte, unter der Deutschlands Schulen und Hochschulen zu leiden haben: Was übrig blieb von der Aufbruchstimmung, von der Bildungsexpansion jener Jahre, ist eine Landschaft von Bauruinen, die das Lernen heute vielerorts fast unmöglich macht. Im Falle der TU Braunschweig beläuft sich dieses Erbe auf zugige Fenster, undichte Türen und mangelhafte Isolierung. In manchen Gebäuden herrscht drinnen fast dieselbe Temperatur wie draußen, "wie im Zelt", sagt der Bauabteilungsleiter. An einigen Stellen fällt der Putz gleich quadratmeterweise von der Decke und legt die Holzverschalung ganzer Räume frei, die Wände sind aufgeweicht, und dann sind da Heizungsanlagen, die Tag und Nacht bis zum Anschlag aufgedreht sind und die immer neues Wasser brauchen, von dem keiner weiß, wohin es verschwindet. Das Geld aus dem Konjunkturpaket könnte zumindest in zwei weiteren Gebäuden helfen.

Am Ende des Campus-Spaziergangs wird Uni-Präsident Hesselbach doch noch energisch. "Wissen Sie, was das beste Konjunkturprogramm wäre?", fragt er und fuchtelt mit den Zetteln. "Dass ich nicht jede Baumaßnahme mit fünf voneinander unabhängigen Ämtern und Abteilungen abstimmen müsste. Zu manchen Projektbesprechungen kreuzen 20 Beamte auf. Wir haben 80 Millionen Euro an Neubauten in der Pipeline, das Geld dafür ist schon bewilligt, aber wir kommen nicht über die Planungsphase hinaus. Manchmal über Jahre. Verstehen Sie? 80 Millionen im Vergleich zu den paar Millionen, die wir jetzt vielleicht bekommen." Immerhin: Die Regierungskoalition hat das Problem erkannt und will zumindest für den Zeitraum des Konjunkturpakets ein vereinfachtes Vergabeverfahren für öffentliche Aufträge erreichen. Wie das allerdings funktionieren soll, ist noch unklar.

Ja, ja, die Bürokratie. Die hat auch Franz Rollinger Demut gelehrt. Er starrt auf das schwarz-gelbe Klebeband, das Arbeiter der Stadt Braunschweig vor zwei Jahren auf den Fußboden der Eingangshalle seiner Schule geklebt haben. Es markiert die Ausmaße des neuen Schülercafés, hier sollen halbhohe Zäune mit Blumenkübeln stehen, dazwischen sollen sich silberfarbene Stühle um Bistrotische gruppieren. 2006 hat die Architektin die Baupläne abgegeben und die Kostenschätzung dazu: 10.000 Euro. Sehr schön, hieß es bei der Stadt. Doch die Arbeiter sind nie zurückgekehrt.

"Was nützt all dieses Gerede von der eigenverantwortlichen Schule, wenn man uns selbst die kleinsten Kleinigkeiten nicht selbst in die Hand nehmen lässt", sagt Rollinger und redet sich in Rage: Was sie nicht alles erreichen könnten, wenn man ihnen ein eigenes, bescheidenes Baubudget geben würde, das sie in kleine Reparaturen und Verschönerungen stecken könnten, anstatt ständig Anträge zu schreiben, die dann womöglich in irgendwelchen Schubladen verschwänden. Dann würden auch die Eltern bestimmt noch was dazuspenden, und es sähe in der Wilhelm- Bracke-Schule längst ganz anders aus.


Investition dank Krise - wie Kitas, Schulen und Unis profitieren
Die Spitzen der Großen Koalition haben sich geeinigt: Bis zu 18 Milliarden Euro wollen sie für zusätzliche Investitionen in den Ländern und Kommunen lockermachen. Inklusive der Länderkofinanzierung sollen damit etwa 8,7 Milliarden Euro direkt in Kindergärten, Schulen und Hochschulen fließen, für Baumaßnahmen, aber auch für technische Modernisierungen und die pädagogische Ausstattung. "Das ist genug, um alles umzusetzen, was kurzfristig möglich ist", sagt Bundesbildungsministerin Schavan. Es ist allerdings auch deutlich weniger, als sie selbst noch vor einigen Tagen gefordert hatte: 15 Milliarden wollte sie allein für Schulen und Hochschulen haben, verteilt auf die Jahre 2009 und 2010. "Mir ist auch klar, dass wir damit nicht die nächsten zehn Jahre bestreiten können, aber es ist ein Durchbruch", sagt Schavan. "Dass die Bildung so deutlich im Zentrum gesamtstaatlicher Anstrengungen steht, war vor einem halben Jahr doch noch unvorstellbar." Womit die Ministerin recht hat: Beim Bildungsgipfel im Oktober hatten sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder um konkrete Finanzzusagen für die Bildung herumgedrückt und sie auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben.

Noch vor dem Wochenende hatten die Sozialdemokraten Verwirrung gestiftet. Ihr "Steinmeier-Plan", der die SPD-Position vor den Koalitionsgesprächen absteckte, hatte die Universitäten als mögliche Nutznießer explizit gar nicht erwähnt, wohl aber die Kindergärten und Schulen. Dagegen protestierten selbst die Juso-Hochschulgruppen. Ein redaktionelles Versehen, hieß es daraufhin von der Parteispitze. Die CDU hatte in ihrem "Pakt für Deutschland" allgemeiner nur von Investitionen in die Bildung gesprochen. Im beschlossenen Konjunkturpaket wird die Mittelverwendung laut Schavan jetzt den Ländern überlassen, sie können den Schwerpunkt der Investitionen vor Ort jeweils dort setzen, wo das Geld am nötigsten ist. Was aber auch bedeutet: Jeder Euro mehr für die Hochschulen ist einer weniger für die Schulen und Kindergärten - und umgekehrt.

Aus DIE ZEIT :: 15.01.2009

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