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Bildungsstreik: Nicht verzetteln!

Von Jan-Martin Wiarda

Der Bildungsstreik kann ein Aufbruch werden - es liegt an den Initiatoren.

Bildungsstreik: Nicht verzetteln!© Gremlin - iStockphoto.com
Endlich ein Aufmucken: Nach Jahren des Stillhaltens regt sich der Zorn unter den Schülern und Studenten dieses Landes angesichts einer Bildungspolitik, deren Kreativität sich allzu oft darin erschöpft, Kürzungen als Erfolg zu verkaufen nach dem Motto: Es hätte noch schlimmer kommen können. Ein bundesweiter Bildungsstreik soll nächste Woche Hunderttausende jugendlicher Demonstranten auf die Straßen bringen, getragen von einem breiten Bündnis aus lokalen Schüler- und Studentengruppen bis hin zu Attac und der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie wollen zeigen, dass ihre Generation alles andere ist als angepasst, unpolitisch und egoistisch. Endlich ein Aufmucken - wenn es denn kommt.

Denn seit dem Studentenstreik von 2004 sind die Protestaktionen an deutschen Hochschulen meist daran gescheitert, dass es zwar genügend Mobilisatoren gab, aber keine Massen, die sich mobilisieren lassen wollten. Das lag nicht allein an der vermeintlichen Passivität vieler Studenten, sondern auch an den Initiatoren und ihren Forderungen. Meist gehörten sie vor allem dem extrem linken politischen Lager an, dessen häufig noch revolutionär geprägte Rhetorik die Mehrheit auf dem Campus abschreckt. Die will eben nicht den totalen Systemumbau, die will bessere Studienbedingungen und weniger soziale Hürden.

Die Organisatoren des Streiks stehen mitten in der Gesellschaft, sie haben die einmalige Chance, es besser zu machen - solange sie diesmal der Versuchung widerstehen, die Massen für ihre eigenen Glaubenssätze vereinnahmen zu wollen. Auf mehr Stellen für Lehrer und Dozenten können sich alle Protestler einigen, auf eine verlässliche staatliche Finanzierung der Bildungseinrichtungen ebenfalls. Doch wollen die Organisatoren den Streik auch zum Protest gegen das dreigliedrige Schulsystem, gegen Schulzeitverkürzung, die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master sowie die Exzellenzinitiative erklären. Tun sie es tatsächlich, es wäre einmal mehr die sicherste Garantie, statt einer Massenbewegung nur die üblichen paar Tausend auf die Straße zu bringen. Denn dann könnten Schulleiter nicht mehr guten Gewissens ihren Schülern freigeben, auch Hochschulen würden ihre Mitarbeiter wohl nicht mehr für die Demo freistellen. Die Berliner Uni-Rektoren, die genau dies angekündigt hatten, sind bereits wieder am Zurückrudern. Gelänge es den Initiatoren jedoch, ihre eigene Programmatik dem einen gemeinsamen und übergeordneten Ziel, »Priorität für die Bildung!«, unterzuordnen - dann könnte der Bildungsstreik ein Erfolg werden, ein starkes Signal abseits der kaum erträglichen Rhetorik von Bildungsgipfel und Hochschulpakt. Dann könnte der Streik den Regierenden zeigen, dass sie künftig mit einer schlagkräftigen Bildungslobby rechnen müssen, die nicht länger hinnimmt, dass im Verteilungskampf von Banken, Automobilkonzernen und Sozialverbänden immer die Bildung zu den Verlierern gehört.

Aus DIE ZEIT :: 10.06.2009

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