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Bitte nicht so misstrauisch!

Von Ernst-Ludwig Winnacker

Europas Forschungsförderung wäre vorbildlich - würde sie nicht von unsinniger Bürokratie bedroht. Ernst-Ludwig Winnacker, der erste Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats, zieht am Ende seiner Amtszeit Bilanz.

Bitte nicht so misstrauisch!© DFGErnst-Ludwig Winnacker
Der von der Europäischen Kommission gegründete Europäische Forschungsrat ist eine wirklich große Neuerung. Seine Gründung darf als revolutionär bezeichnet werden. Warum? Weil er erstmals einen europaweiten Wettbewerb um Forschungsmittel allein auf der Basis wissenschaftlicher Qualität erlaubt. Weil allein der individuelle Antragsteller zählt und weil es keinerlei von oben herab definierte Netzwerke oder Fächerschwerpunkte gibt. Anträge können in allen denkbaren Forschungsfeldern gestellt werden, von A wie Archäologie bis Z wie Zoologie.
Allerdings halte ich mittelfristig diesen European Research Council (ERC) in seiner Existenz für extrem gefährdet. Alle Befürchtungen, die man gemeinhin mit der Arbeit der Europäischen Kommission verbindet, sind hier wahr geworden, obwohl uns ganz anderes versprochen wurde. Dass die administrative Führung der Brüsseler Generaldirektion Forschung damit das enorme Risiko eines Scheiterns des ERC eingegangen ist, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben.

Um zu erklären, worum es geht, muss man etwas ausholen: Der Europäische Forschungsrat hat seine Arbeit im Januar 2007 aufgenommen. Er besteht aus einem wissenschaftlichen Rat, dem 22 höchst angesehene Personen angehören, einem Generalsekretär sowie einer Administration, die die Vorstellungen dieses Rats in die Tat umsetzen soll. Der wissenschaftliche Rat hatte sich für den Anfang zwei Förderinstrumente ausgedacht: ein Programm für Nachwuchsforscher sowie eines für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in späteren Phasen ihrer Karriere. In einem als vorbildlich angesehenen Auswahlverfahren wurden inzwischen Hunderte von Wissenschaftlern ausgewählt und mit jeweils etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre gefördert. Insgesamt stehen bis Ende 2013 etwa 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Schon die bisherigen Ergebnisse gelten weithin als Maßstab für vergleichbare Verfahren in den Mitgliedsstaaten und anderswo.

Nur die Exzellenz zählt

Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) wurde 2007 von der Europäischen Kommission zur Finanzierung von grundlagenorientierter Forschung eingerichtet. Grundprinzipien seiner Arbeit sind die völlige Autonomie der Wissenschaft und die Bewertung von Forschungsanträgen allein nach dem Kriterium der Exzellenz in einem eigentlich unbürokratischen und transparenten Verfahren. Einem wissenschaftlichen Rat aus 22 Mitgliedern (unter ihnen die deutsche Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard und der Schweizer Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel) steht eine sogenannte Exekutivagentur zur Seite, die für die praktische Durchführung des Programms verantwortlich ist. Der Generalsekretär ist Bindeglied zwischen Rat und Agentur.

Das Geld ging dorthin, wo die Qualität stimmte

Verantwortlich für diesen Erfolg sind einmal der wissenschaftliche Rat, der sich nicht nur die Förderverfahren ausgedacht, sondern auch die Auswahl der Gutachter besorgt hat, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die mit großer Begeisterung an die Sache herangegangen sind, sowie die Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die begeistert als ehrenamtliche Gutachter mitgemacht haben. Sie haben sich über das ERC mit Europa identifiziert und damit inmitten weitverbreiteter Europaskepsis ein Beispiel gegeben. Ich habe immer wieder erlebt, wie in den Gutachtersitzungen nach wenigen Minuten die unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten vergessen waren und nur noch die Wissenschaft zählte. Das zeigt sich auch im Ergebnis. Das Geld wurde nicht gleichmäßig über den Kontinent verteilt, sondern dorthin, wo die Qualität stimmte. Man kann die Internationalisierung des Gutachterwesens gar nicht hoch genug einschätzen, denn wie leicht entstehen auch in der Wissenschaft Seilschaften? Der schnelle Erfolg des ERC hebt ihn auf eine Ebene mit anderen bewunderten Gemeinschaftsaktivitäten wie dem gemeinsamen Markt oder der gemeinsamen Währung.

Dennoch ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Wie kürzlich durch eine hochrangige Untersuchungskommission unter Leitung der ehemaligen Präsidentin Lettlands, Vaira Vike- Freiberga, festgestellt wurde, leidet das ERC unter mangelnder Autonomie. Das liegt an einem grundlegenden Geburtsfehler, nämlich der völligen formalen Trennung von wissenschaftlichem Rat und Geschäftsstelle. Der wissenschaftliche Rat darf zwar die Förderinstrumente und die Art und Natur der Begutachtung selbstständig bestimmen, die Geschäftsstelle aber ist eine Einrichtung der europäischen Generaldirektion Forschung. Sie setzt die Vorstellungen des wissenschaftlichen Rats in die Tat um, lädt die Gutachter ein, organisiert die Begutachtungen und finanziert am Ende die erfolgreichen Antragsteller. Was aber nützt das schönste Förderinstrument, wenn es der Geschäftsstelle nicht gelingt, es in einer Weise umzusetzen, die der Programmidee entspricht? Die wirklich guten Forschungsförderorganisationen dieser Welt werden von einem kleinen Leitungsteam geführt, das sich die wissenschaftliche und administrative Verantwortung teilt. Nicht so beim ERC. Hier hat die alleinige Verantwortung für alles der Direktor der Geschäftsstelle, letztlich der Generaldirektor der zuständigen Direktion Forschung.

Weil diese politisch motivierte Machtverteilung schon früh abzusehen war, hat man die Position des Generalsekretärs geschaffen, den der wissenschaftliche Rat ernennt und die Kommission bezahlt. Er arbeitet in der Geschäftsstelle in Brüssel, trägt allerdings bis heute keine formale Verantwortung. Verfügt er nicht über persönlichen Einfluss oder ist die Personalkonstellation ungünstig, kann er bestenfalls als »Prediger in der Wüste« wirken, wie es in dem gerade veröffentlichten Bericht der oben erwähnten Untersuchungskommission heißt.
In meiner Amtszeit hat es einigermaßen funktioniert, nicht nur weil der Direktor und ich uns gut verstanden haben, sondern weil wir beide den Ehrgeiz hatten und es als eine Ehre ansahen, diesem Projekt zum Erfolg zu verhelfen. Nun kann und darf der Erfolg von Institutionen nicht allein von Personen abhängen. Sie müssen auch unabhängig von Personen funktionieren. Deshalb hat die Untersuchungskommission vorgeschlagen, die Position des Generalsekretärs mit der des Direktors zu verschmelzen. Dies ist sicherlich ein erster, vernünftiger Schritt, verschafft dem ERC aber noch nicht die dringend nötige Autonomie. Die verhängnisvolle Abhängigkeit der Geschäftsstelle von den Regeln und Vorschriften der Kommission, die Last der viel beschworenen Brüsseler Bürokratie bleibt bestehen. Denn viele europäische Regeln und Vorschriften sind unsäglich komplex und wissenschaftsfremd. Wir hatten trotz allen guten Willens in einem Korsett zu arbeiten, das auf die Dauer die Existenz des ERC gefährdet. Das Problem der europäischen Forschungsförderung ist eine Kultur des Misstrauens, auf die man auch noch stolz ist, die aber jeden Bewilligungsempfänger unter einen Generalverdacht stellt und daher entsprechend aufwendige Kontrollen vorsieht: Natürlich muss die Verwendung öffentlicher Gelder kontrolliert werden. Aber der Aufwand hierzu muss zum denkbaren Missbrauch in einem vertretbaren Verhältnis stehen.

Um überhaupt voranzukommen, wurde das bestehende System ein wenig an die Bedürfnisse des ERC angepasst. Ich kam mir dabei jedoch vor wie ein Doktor, der den Herzinfarktpatienten nicht mit einem Bypass behandeln kann, sondern allenfalls am Blutgerinnsel ein wenig rütteln darf, um damit die Lebensqualität des Patienten kurzfristig zu verbessern. Es ging um die Bezahlung der Reisekosten von Gutachtern, die monatelang nicht erstattet wurden, es ging um die Zulassung von Gutachtern, die zu diesem Zweck Kopien ihres Reisepasses per Post schicken mussten, oder auch um die Finanzierung der erfolgreichen Antragsteller, die behandelt wurden wie alle anderen Geldempfänger der EU auch. Sie mussten Verträge und Abkommen unterzeichnen, die für einen Nachwuchswissenschaftler außerordentlich schwierig zu handhaben sind, wenn ihm seine Universität nicht dabei hilft.
Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle haben im Kampf um die Entbürokratisierung der Begutachtung und Forschungsförderung ihr Bestes gegeben, letztlich ohne viel Erfolg. Das Nein der Generaldirektion war in der Regel unüberwindlich.

Wie lange die Scientific Community diese Bürde noch akzeptiert, ist schwer zu sagen. Die Untersuchungskommission hat diese schwere Belastung für das ERC in ihrem Bericht erkannt und in aller Deutlichkeit benannt. Sie hat deshalb eine Vielzahl von Verbesserungsvorschlägen gemacht, die sofort umzusetzen sind.

Eine 7,5-Milliarden-Euro-Operation lässt sich nicht nebenher leiten

Bei dieser Umsetzung steht in erster Linie nun die Kommission selbst in der Pflicht. Außerdem werden der wissenschaftliche Rat und vor allem sein Präsidium in besonderer Weise aktiv werden müssen. Der Rat wird nicht umhin können, Druck auf die Kommission auszuüben und dafür entsprechende Bundesgenossen zu finden. Zu diesen zählen der Europäische Rat, also die Staatschefs der Mitgliedstaaten, der Wettbewerbsrat, also die zuständigen Forschungsminister, sowie - last, not least - das Europäische Parlament.

Geborene Bundesgenossen sind auch die nationalen Forschungsförderorganisationen in Europa und in Übersee, zu denen es gilt, ein konstruktives Arbeitsverhältnis aufzubauen. Um all dies wirkungsvoll zu leisten, muss sich der wissenschaftliche Rat in seiner Arbeitsweise völlig neu aufstellen, wozu dann auch die Bezahlung seiner Mitglieder und vor allem seines Präsidiums gehört. Dass man eine 7,5-Milliarden- Euro-Operation nicht einfach nebenher und ehrenamtlich leiten kann, versteht sich im Grunde von selbst.

Eine Forschungsorganisation aufzubauen ist eine Sache, die es durchaus rechtfertigt, individuell wie institutionell flexibel zu sein. Jetzt aber beginnt der »Ernst des Lebens«, für alle Beteiligten, die Kommission, die Generaldirektion Forschung, die Geschäftsstelle sowie vor allem für den wissenschaftlichen Rat. Die Untersuchungskommission hat die Defizite nicht nur erkannt und klar benannt. Sie hat auch entsprechende Vorschläge zur Lösung der Probleme gemacht. Man muss der Europäischen Kommission dankbar sein, dass sie diese Untersuchungskommission eingesetzt hat. Kommissar Janez Potocnik hat versprochen, ihre Empfehlungen schnell in die Tat umzusetzen. Ich wage kaum daran zu denken, was passiert, wenn dies nicht gelingen sollte.

Der Autor war vom 1. Januar 2007 bis zum 30. Juni 2009 der erste Generalsekretär des ERC und davor neun Jahre lang Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


Aus DIE ZEIT :: 03.09.2009

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