Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Bologna: offene Rechnung

Von Jan-Martin Wiarda

Bologna muss scheitern, solange die Reform als Sparprogramm läuft.

Bologna: offene Rechnung: Sparprogamm© Deutscher BundestagBundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan
Bundesbildungsministerin zu sein ist nicht leicht in diesen Tagen. Erst hat Annette Schavan Prügel bezogen für ihren in einem Radiointerview geäußerten Satz, die Forderungen der Bildungsstreikenden seien »zum Teil gestrig«. Dann lädt sie Studenten und Hochschulrektoren zu sich an den Runden Tisch im Ministerium, gelobt Besserung, und sofort spottet die Presse über ihren vermeintlichen Anbiederungversuch. Dabei stimmt es ja: Grundlegende Nachbesserungen am Bologna-Prozess, also der flächendeckenden Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, sind dringend nötig.

Zwar verspricht Schavan Dinge, die wie die Lockerung der Masterquoten nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Zumal die CDU-Ministerin, stimmen die Gerüchte, gar nicht mehr im Amt sein wird, wenn der Prozess zur Jahreswende auf die 1999 festgelegte Zielgerade 2010 einschwenkt.

Doch das alles wäre kein Grund, Schavan für ihre Versöhnungsgeste zu kritisieren. Allerdings gibt es etwas, was ihre Äußerungen wirklich ärgerlich macht: Durch Zugeständnisse im Detail, die sie nichts kosten, lenkt sie von der eigentlichen Frage ab. Der Frage nämlich, warum die Umsetzung einer Vision bislang gescheitert ist, die ihrem Wesen nach - ein internationaleres Studium und eine Öffnung der Hochschulen auch für bildungsferne Schichten - fast jede Anstrengung wert ist. Der Frage, warum ihre Umsetzung gerade in Deutschland gescheitert ist, ja scheitern musste - im Gegensatz etwa zu den Niederlanden, Schweden oder der Schweiz.

Ihr Ablenkungsmanöver liegt natürlich in der Antwort begründet, die Annette Schavan sonst geben müsste: Ein wirklicher Neuanfang an den Hochschulen war und ist ohne mehr Geld nicht zu machen. Diese Einsicht mag trivial sein - so trivial, dass viele Bildungsexperten sie schon gar nicht mehr zu äußern wagen. Doch das schmälert nicht ihren Wahrheitsgehalt: Der Geburtsfehler der Bologna- Reform war, dass sie von der Politik als Sparprogramm begriffen wurde. Die Finanzminister hörten nur das Stichwort »kürzere Studienzeiten «, doch den immer wieder beschworenen Weg dahin, die intensivere Betreuung der Studenten, und die erhoffte Folge, deutlich mehr Studienanfänger und weniger Abbrecher, blendeten sie tunlichst aus. Und die Wissenschaftspolitiker, unter ihnen auch die ehemalige baden-württembergische Bildungsministerin Schavan, widersprachen nur halbherzig.

Die Folgen dieses Bologna light haben Tausende Studenten auf die Straße getrieben: Die intensivere Betreuung und Beratung erschöpfen sich vielerorts im Führen unsinniger Anwesenheitslisten und der lückenlosen Überwachung der Studenten durch die Prüfungsämter. Statt inhaltlichen Ballast abzuwerfen und moderne, den Intellekt herausfordernde Studiengänge zu entwerfen, wurden kurzerhand acht Semester Stoff in sechs gepresst. Sicher, die Missstände liegen zum Teil auch am Unwillen einiger Professoren. Aber eben nur zum Teil. Es gibt seriöse Studien, die genau jene Lücke taxieren, die zwischen Reformanspruch und Wirklichkeit klafft: Die Einführung von Bachelor und Master im Geiste der Bologna-Ziele müsste die Kosten pro Student um mindestens 15 Prozent erhöhen. Mit anderen Worten: Wir reden von Milliarden. Zusätzlich zur Exzellenzinitiative. Zusätzlich zum Hochschulpakt, der lediglich die Schaffung neuer Studienplätze finanziert - zu den alten, viel zu niedrigen Sätzen. Angesichts solcher Zahlen kommen ein bisschen Reue und ein paar Versprechungen natürlich deutlich billiger.

Aus DIE ZEIT :: 16.07.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote