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Brauchen wir mehr Studenten?

Ja, sagt Jutta Allmendinger, weil ein Studium ein breites Fundament für die berufliche Weiterentwicklung aller bietet.

Brauchen wir mehr Studenten?© David Ausserhofer - Pressestelle WZBJutta Allmendinger, 53, ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB)
Alle Berechnungen kommen zum selben Ergebnis: Wir brauchen mehr Hochschulabsolventen pro Geburtsjahrgang. Das gilt selbst dann, wenn wir die Zahl der Akademiker in Deutschland nur stabil halten wollen - die im internationalen Vergleich ohnehin schon niedrig ist. Grund ist der sich abzeichnende drastische Bevölkerungsrückgang. Wollen wir zukunftsfähig bleiben, brauchen wir sogar mehr als nur stabile Zahlen, nämlich einen deutlichen Zuwachs bei der Gruppe der Hochschulabsolventen. Denn neue Jobs in Deutschland entstehen überwiegend bei den wissensbasierten Dienstleistungen, und für diese Tätigkeiten ist eine sehr gute und breit fundierte Qualifikation die Voraussetzung.

Deutschland hatte der OECD-Veröffentlichung Bildung auf einen Blick zufolge 2007 eine Studienanfängerquote von 34 Prozent und lag damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 56 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland mehr Bildungsarme als in anderen Ländern. Diese haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nehmen wir die gegenwärtige Hartz-IV-Diskussion. Arbeitslose zögen die staatliche Alimentierung dem eigenen Erwerbseinkommen vor, lautet der Kernvorwurf. Die staatlichen Leistungen müssten gesenkt werden, dann lohne sich Arbeit wieder, und Alg-IIBezieher bemühten sich endlich um Erwerbsarbeit. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Viele Hartz-IV-Bezieher haben ein niedriges Bildungsniveau, andere haben veraltete berufliche Qualifikationen. Welche Arbeit sollen diese Menschen übernehmen? Wer hilft ihnen, in Berufe umzuschulen, in denen wir Fachkräfte brauchen - in der Pflege oder in den Schulen? Wir müssen uns eingestehen, dass wir viele der Hartz-IV-Bezieher einfach links haben liegen lassen. Dafür müssen wir geradestehen; die Betroffenen sind nicht die Schuldigen.

Was wir für die Zukunft brauchen, ist eine gute und breite Bildung. Es kann nicht mehr die eine, berufsspezifische Ausbildungsphase in der Jugend sein, die ein Leben lang tragen muss. Gefragt ist ein belastbares Fundament, das eine spätere Weiterentwicklung in unterschiedliche Bereiche erlaubt. Hierzu bedarf es zunächst einer Grund(aus-)bildung für alle und einer hohen Bildung für möglichst viele. Gemeint ist damit nicht die rein akademische Bildung, die weit entfernt vom realen Berufsleben ist. Eine hohe Bildung bedeutet, theoretisches Wissen mit Erfahrung zu verknüpfen und gleichzeitig soziale Kompetenzen und Gemeinsinn zu entwickeln. Unser duales Ausbildungssystem war jahrzehntelang weltweit ein Erfolgsmodell. Seine Prämisse, die enge Verzahnung von abstraktem Wissen und praxisnaher Anwendung, bleibt bis heute gültig. Hinterfragt werden müssen aber spezifische Elemente dieses Systems: die rund 350 Ausbildungsberufe zum Beispiel und die hoch spezialisierten Berufsbilder, die damit einhergehen. Dass das Ausbildungssystem noch immer stark auf den industriellen Sektor ausgerichtet ist, obwohl gerade hier die meisten Jobs in Deutschland verloren gehen. Dass es nur selten Anschlussmöglichkeiten gibt, die den Weg in die Hochschulen ebnen. Dass sich eine zweite oder dritte Ausbildung - wenn überhaupt - nur nach der Überwindung hoher Hürden bewerkstelligen lässt.

Lesen Sie auch Die Hochschulbildung ist hier breiter angelegt. Zumindest könnte sie es sein. Von den Irrungen einiger zu stark spezialisierter Bachelorund Masterprogramme abgesehen, hat sie das Potenzial, akademisch und dennoch anwendungsbezogen zu bilden. Dafür sind auch Praktika nötig, und sicherlich gehören mehr Berufspraktiker in die Hochschulen und mehr Hochschullehrer in die Betriebe. Wir brauchen Einführungsveranstaltungen, ein Studium generale. Wir brauchen mehr Kraft für die Lehre, mehr Teilzeitstudiengänge, die selbstverständliche Öffnung von Hochschulen für die Weiterbildung, eine bessere Vereinbarkeit von Studium und Familie. Kurzum: An den Hochschulen muss sich noch vieles ändern. Dies alles aber ist zu leisten. Und wir sollten es uns leisten. Technische Innovationen, zentral für die Wirtschaftsdynamik, sind von Hochschulabsolventen zu erwarten, nicht aus der beruflichen Bildung, so wichtig diese auch ist. In den Spitzentechnologien liegt Deutschlands Zukunft.

Die Forderungen nach mehr Studierenden und der Erhaltung des dualen Systems schließen sich nicht aus. Wir reden über einen Standort Deutschland, der sich ein differenziertes, durchlässiges Bildungssystem leisten sollte. Dann können auch mehr dual Ausgebildete studieren: Die Schweiz oder Österreich bieten eine Doppelqualifikation von Berufsausbildungsabschluss und Zugangsberechtigung zur Hochschule an. Möglich ist das aber nur, wenn wir alle mitnehmen. Wir dürfen uns nicht nur über die Exzellenz da oben den Kopf zerbrechen, sondern müssen uns auch um die Bildung da unten kümmern.

Aus DIE ZEIT :: 11.03.2010

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