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Braucht die Wissenschaft eine Frauenquote?

 

Es gibt zu wenig Frauen in den Spitzenpositionen der Wissenschaft. Um dieser allseits beklagten Situation abzuhelfen, wird immer wieder eine Frauenquote vorgeschlagen. Ist das der richtige Weg? Darf sich Wissenschaft, in der es um Spitzenleistungen in Forschung und Lehre geht, eines solchen arithmetischen Instruments bedienen? Oder ist die Lage so dramatisch, dass nur noch eine Quote hilft? Welche Position haben Wissenschaftsinstitutionen in Deutschland? Eine Umfrage von Forschung & Lehre.

Ernst-Ludwig Winnacker

"Die Situation ist beklagenswert und stagniert de facto, gerade bei den Leitungsfunktionen. Wenn andere Maßnahmen nicht greifen, wird man am Ende ohne Quote nicht auskommen. Im Grunde muss man gegen eine Quote sein, denn es wäre letztlich beleidigend für Frauen. Wer möchte einer Wissenschaftlerin die Bezeichnung "Quotenfrau" zumuten? Allerdings, wenn es mit der Dynamik der Entwicklung so weitergeht wie bisher, dann wird es am Ende nicht anders gehen, dann wird man dies am Ende für eine Weile in Kauf nehmen müssen.

Es gibt jedoch viele Alternativen, um Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Zunächst einmal ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Wort "Rabenmutter" gibt es nur im Deutschen. Hier, in Belgien, kann man sich unsere Schwierigkeiten kaum vorstellen. Darüber hinaus sollten mit einzelnen Fakultäten, die dazu bereit sind, konkrete Zielvereinbarungen getroffen werden und hierzu Anreize gewährt werden, beispielsweise in Form zusätzlicher Stellen.

Schließlich muss das Angebot für Wissenschaftlerinnen besser werden. Viele Frauen wollen keine "Lehrstühle", sofern diese mit übergroßen administrativen Aufgaben belastet sind. Besser also wäre es, echte Departments zu schaffen, in denen W3-Stellen auch für diejenigen attraktiv sind (Frauen und Männer), die kleinere Einheiten bevorzugen."

Matthias Kleiner

Eine Frauenquote ist nicht der richtige Weg, die unbefriedigende Situation der Wissenschaftlerinnen in Deutschland zu verbessern. Sie trägt den Gegebenheiten in den einzelnen Fächern und Hochschulen nicht Rechnung, sie setzt hochqualifizierte Frauen dem Verdacht aus, Alibi-Professorinnen zu sein, und sie macht nicht allein wissenschaftliche Qualität zum Maßstab für akademische Karrieren.

Stattdessen sollten Frauen vom Studium bis zur Professur und auf allen Ebenen des Wissenschaftssystems durch gezielte Gleichstellungsmaßnahmen gefördert werden. Hier sind vor allem die Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefragt. Präsidium, Senat und Hauptausschuss der DFG haben den DFG-Mitgliedern dazu jetzt "Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards" vorgelegt und ihnen empfohlen, sich im Juli auf der Mitgliederversammlung dazu zu verpflichten.

Vorgeschlagen wird, dass die Mitgliedseinrichtungen selbst festlegen, wie und in welchem Umfang sie ihren Anteil an Professorinnen oder Postdoktorandinnen fach- und strukturspezifisch erhöhen wollen. Ressourcen sollen innerhalb der Hochschulen stärker unter Gleichstellungsaspekten verteilt werden. Bei Nominierungen für wissenschaftliche Preise müssen Wissenschaftlerinnen stärker berücksichtigt und damit sichtbarer gemacht werden. Auch der Arbeitsplatz Wissenschaft muss familienfreundlicher werden. Ob und wie solche Standards umgesetzt werden, wird künftig bei der Entscheidung über Förderanträge der Hochschulen zunehmend eines der Entscheidungskriterien sein."

Peter Gruss

"Wer Spitzenleistungen in der Wissenschaft erzielen will, muss nach den besten Forschern oder den besten Forscherinnen auf dem jeweiligen Gebiet suchen. Spitzenforschung definiert sich also primär durch ausgewiesene wissenschaftliche Exzellenz und nicht durch das Geschlecht. Daran werden auch Quoten nichts ändern. Richtig bleibt aber auch, dass es immer noch zu wenig Spitzenforscherinnen auf Leitungsebene gibt. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr Schülerinnen im naturwissenschaftlichen Unterricht, mehr weibliche Hochschulabsolventinnen, Doktorandinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen. Die Max-Planck-Gesellschaft engagiert sich seit Jahren aktiv in der Frauen- und Familienförderung. So haben wir im Vergleich mit anderen Forschungseinrichtungen die meisten Wissenschaftlerinnen, gerade bei höheren Positionen arbeiten wir aber hart daran, den Anteil noch weiter zu erhöhen.

Besonders erfolgreich ist unser Minerva-Programm, mit dem wir den Anteil von Frauen in Führungspositionen weiter ausbauen wollen. Und wir unterstützen Institute beim Aufbau einer Kinderbetreuung. Unser Engagement zeitigt Erfolg: So hat sich der Anteil der Frauen am wissenschaftlichen Personal in den vergangenen zehn Jahren von 13,8 Prozent auf 26 Prozent fast verdoppelt. Trotz einer leichten Erhöhung bei den Direktoren von sechs Prozent im Jahr 2007 auf 6,7 Prozent im Jahr 2008 werden wir zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen, damit noch mehr Frauen Direktorinnen werden."

Margret Wintermantel

"Die unzureichende Beteiligung von Frauen bedeutet ein Effizienz- und Exzellenzdefizit für die Hochschulen, denn das in Wissenschaft und Forschung liegende Innovationspotential kann nur dann zur Gänze genutzt werden, wenn herausragende Talente unabhängig vom Geschlecht in möglichst großer Zahl im Wissenschaftsbereich verbleiben. Die notwendige Steigerung der Frauenanteile sollte aber nicht über Quoten betrieben werden.

Eine solche Regelung würde jede Frau in der Wissenschaft - egal wie exzellent sie ist - zur "Quotenfrau" abstempeln, abgesehen davon, dass eine Quotenpolitik nicht das Problem fehlenden weiblichen Nachwuchses lösen und das Problem der gegenseitigen Abwerbung eher noch verstärken würde. Wir müssen eine andere Strategie anwenden. Gleichstellungspolitik muss eine Leitungsaufgabe der Hochschulen sein. Die gleichberechtigte Beteiligung von Männern und Frauen, auf der Basis eines streng qualitätsgeleiteten Auswahlprozesses, muss integraler Bestandteil des Selbststeuerungskonzeptes jeder Hochschule sein.

Ausgangspunkt müssen die heutigen Frauenanteile sein, auf den verschiedenen Stufen der wissenschaftlichen Qualifikation, in den verschiedenen Fachdisziplinen. Auf der Basis dieser Werte müssen Steigerungsraten für bestimmte Zeiträume definiert und Umsetzungsstrategien entwickelt werden, die immer wieder überprüft und fortgeschrieben werden müssen. Dabei sollten durchaus ehrgeizige Ziele formuliert werden, damit der Prozess insgesamt beschleunigt wird."

Bernhard Kempen

"Nein. Exzellente Wissenschaft beruht auf Leistung und nicht Geschlecht. Wer eine Quotenregelung in der Wissenschaft will, muss wissen: Jede Professorin stünde sofort unter dem Verdacht, wegen des Geschlechterproporzes und nicht wegen herausragender Eignung und Befähigung berufen worden zu sein. Wissenschaftlerinnen wollen aber nach wissenschaftsadäquaten Maßstäben beurteilt werden. Aus diesem Grund lehnen die meisten Wissenschaftlerinnen eine Quote als nur vermeintliche Begünstigung ab.

Um die deutliche Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft zu beheben, gibt es andere und bessere Wege als eine Quote. Obwohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein geschlechtsunabhängiges Problem ist, lehrt die Erfahrung, dass gerade in der Wissenschaft Frauen, die vor der Alternative Beruf oder Familie stehen, auf Karriere verzichten. Familiengründung und berufliche Qualifikation durch Promotion, Habilitation oder Juniorprofessur fallen zeitlich zusammen.

Nicht nur aus der Sicht des Deutschen Hochschulverbandes liegt hier die Hauptursache dafür, dass bundesweit gerade einmal jeder siebte Lehrstuhl weiblich besetzt ist. Zu einem höheren Frauenanteil in akademischen Top-Positionen führen Hilfen bei der Kinderbetreuung, flexible Teilzeitlösungen und die Lockerung von dienstrechtlichen Altersgrenzen, kurzum: familiengerechte Arbeitsbedingungen an den Universitäten."

Peter Strohschneider

"Wie sich auch ohne Quote Gleichstellungserfolge im deutschen Wissenschaftssystem erreichen lassen, hat der Wissenschaftsrat im Sommer 2007 differenziert beschrieben. So hat er unter anderem vorgeschlagen, Gleichstellungsziele durch einen Wettbewerb der Hochschulen und Forschungseinrichtungen und darüber zu befördern, dass mit ihm auch über Finanzverteilungen entschieden wird.

Zu den Prinzipien dieses Wettbewerbs, der nach wie vor auf die Eigenverantwortung der Hochschul- und Forschungseinrichtungen setzt, gehören selbst definierte Ziel- und Zeitvorgaben, die Orientierung an qualitativen wie quantitativen Gleichstellungskriterien, regelmäßige Erfolgskontrollen sowie öffentlicher Begründungs- und Rechtfertigungsdruck, wenn die gesteckten Ziele nicht erreicht werden. Je mehr Frauen auch Entscheidungs- und Führungsfunktionen innehaben, um so größer werden Wettbewerbsvorteile und Imagegewinn für die jeweilige Einrichtung sein.

Sollte ein solcher Wettbewerb aber nicht reale Wirkungen zeitigen, sondern Chancengleichheit weiterhin bloß eine Leerformel des institutionellen Selbstverständnisses bleiben, dann allerdings würde sich der Wissenschaftsrat für Durchsetzungs- und Sanktionsmechanismen aussprechen, für welche dann auch die Quoten des Kaskadenmodells orientierend sein könnten."

Jürgen Mlynek

"Seit Jahren reden wir von Frauenförderung in der Wissenschaft, aber bewegt haben unsere Beteuerungen bislang nur wenig. Dabei sind sich die Wissenschaftsorganisationen Deutschlands darüber einig, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft brauchen. Frauenfördermaßnahmen und Gleichstellungsprogramme laufen seit Jahren und haben sicher einigen Frauen geholfen, die ersten Hürden zu nehmen. Aber noch immer stoßen talentierte Frauen oft an harte Grenzen, wenn sie weiter kommen wollen.

Daher plädiere ich für eine Quotenregelung, damit der Frauenanteil auf den höheren Stufen der Karriereleiter nicht mehr so drastisch absackt. Dabei sollte sich die Quote am Anteil der potentiellen Kandidatinnen orientieren; in der Biologie mit einem hohen Frauenanteil wäre die Quote demnach anders zu bemessen als im Maschinenbau.

Da Frauen im Schnitt mindestens so gute Leistungen erbringen wie die männlichen Kollegen, bleibt das Leistungsprinzip gewahrt - der oder die Bessere setzt sich durch. In den skandinavischen Ländern hat die Frauenquote viel bewirkt, auch andere Länder handeln nun, zum Beispiel fordert die National Science Foundation in den USA inzwischen konkrete Erfolge bei der Frauenförderung ein, bevor sie Mittel zusagt. Mit einer Frauenquote auf Zeit und mit Augenmaß könnten wir den Modernisierungs-Prozess beschleunigen und von den Talenten qualifizierter Frauen schneller profitieren."

Ernst Th. Rietschel

"Die jüngsten Zahlen beweisen, dass die hervorragend ausgebildeten Frauen unserer Gesellschaft immer noch im Hintertreffen sind und der Trend nicht durchschlagend genug durchbrochen wird. Die in früheren Jahren gewählte Anreiztaktik und auch die freiwillige Selbstverpflichtung waren nicht erfolgreich. Es bleibt für mich also derzeit nur, eine Frauenquote bei der Vergabe von Führungspositionen verbindlich zu etablieren. Diese Quote sollte eine "Quote auf Zeit" sein, die solange gilt, bis genügend Frauen in Führungspositionen sind und so ihre eigenen Netzwerke knüpfen konnten oder in einer Gesamtnetzwerkstruktur integriert sind. Dabei möchte ich betonen, dass der erste Indikator für die Stellenvergabe immer noch die Leistung ist und bleiben muss - unabhängig vom Geschlecht. Aber ich wünsche mir, dass mit der Quote eine "Bringschuld" der Entscheidungsträger implementiert wird, damit diese sich aktiv um die Förderung von Frauen bemühen müssen.

Neben einer aktiven Berufungspolitik und einer geschlechtergerechten Gremienbesetzung muss auch beachtet werden, dass die Perspektiven der Frauen besonders durch die fehlende Nachhaltigkeit von Positionen beeinflusst wird. Da 32 Prozent aller Junior-Professuren von Frauen besetzt sind, benötigen wir gerade bei der Junior-Professur eine echte tenure-track-Option, die einen Übergang in Spitzenpositionen flexibel gestaltet. Innerhalb der dezentral verfassten Leibniz-Gemeinschaft werden Ideen angestoßen und Chancen genutzt, um vermehrt Frauen in Führungspositionen zu verhelfen. Damit soll ein Zeichen gesetzt werden, dass sich die Leibniz-Gemeinschaft verpflichtet fühlt, den Weg von Frauen in wissenschaftliche Führungspositionen aktiv zu unterstützen."

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2008

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