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CONTRA Forschungsrating in den Geschichtswissenschaften

Von Hartwin Brandt

Nein! Weil das Rating nur die Fiktion einer fairen Bestandsaufnahme böte, sagt Hartwin Brandt.

CONTRA Forschungsrating in den Geschichtswissenschaften© giz - Fotolia.com
Schon die Ausgangsprämisse ist falsch: Es »dürfte weithin unbestritten sein«, dass ein auf vergleichenden Bewertungen basierendes »Wissen über die Leistungen« auch von geisteswissenschaftlichen Disziplinen »unverzichtbar« sei, sagte der Wissenschaftsratsvorsitzende Peter Strohschneider bei der Vorstellung der »Pilotstudie« Forschungsrating Soziologie. Denn man kann man mit guten Gründen bestreiten, dass sich ein derartiges, parametrisiertes »Wissen« mit Blick auf die Geschichtswissenschaften überhaupt erzielen lässt. Und auf unzulängliche Weise gewonnene, aber hochschulpolitisch folgenreiche Befunde sind vor allem eines - verzichtbar.

Dem Wissenschaftsrat ist zuzubilligen, dass er mit einem Informed Peer Review ein Verfahren anbieten möchte, das sich von den seit Jahren üblichen unseriösen Rankings qualitativ unterscheidet: Das evaluierte Fach gestalte die Bewertung selbst, hier finde ein wissenschaftsadäquates, optimiertes Procedere statt. Eine kritische Analyse der Soziologie-Pilotstudie, an der sich auch das Forschungsrating Geschichte orientieren soll, offenbart jedoch schwerwiegende Defizite auf allen Ebenen. So beruht die Ermittlung der »Forschungsqualität« einzelner Einrichtungen auf fragwürdigen Kriterien: der Summe der eingeworbenen Drittmittel, der gutachterlichen Bewertung von Publikationen eines willkürlichen, viel zu kurzen Zeitraumes (2001 bis 2005), wobei - welch eine absurde Idee! - Monografien nur in Auszügen von maximal 50 Seiten zugelassen sind. Als wichtiges Reputationsindiz werden auch »Ämter in anderen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien « gewertet: Auf diese Weise wird der Mangel erzielter Forschungsleistungen jener Strippenzieher, die in jeder Kommission vertreten sind, zum Qualitätsmerkmal veredelt. Und die Einschätzung der Nachwuchsförderung beruht auf dem fantasielosen Zählen vergebener Doktorhüte: Ein Fachbereich, der mit möglichst geringen fachlichen Anforderungen eine möglichst hohe Zahl selbst mäßig benoteter Dissertationen hervorbringt, schneidet besonders gut ab.

Warum sollte sich das Fach Geschichtswissenschaft einem derart fragwürdigen Verfahren aussetzen? Der Vorwurf, die Historiker entzögen sich mit ihrer Absage dem berechtigten Interesse von Öffentlichkeit und geldgebender Politik an einer Leistungsbewertung, verfängt nicht. Kein anderes geisteswissenschaftliches Fach steht so sehr im Fokus öffentlicher Wahrnehmung und Kritik wie die Geschichte; ein Blick in die Feuilletons und Sachbuchrezensionen der großen Zeitungen belegt dies nachdrücklich. Vor allem aber gilt: Das Rating, versehen mit der Autorität des Wissenschaftsrates und dem angeblichen Vorteil, Produkt einer Selbstevaluierung und kritischen Selbstvergewisserung des Faches zu sein, böte die Fiktion einer nahezu objektiven Bestandsaufnahme, die unvertretbaren Strukturentscheidungen den Anschein begründeter Sinnhaftigkeit verleihen würde. Wer wollte daran zweifeln, dass Universitätsleitungen begierig auf die Resultate einer derartigen Evaluation zurückgreifen, wenn es darum geht, Kürzungen und Umverteilungen vorzunehmen?

Folglich kann man von einer wissenschaftsethisch begründeten Pflicht sprechen, sich dieser Form von Evaluation zu verweigern. Forschungsqualität in der Geschichtswissenschaft besteht gerade auch in den lang anhaltenden Aktivitäten Einzelner, denen nach Jahren zeitaufwendiger Materialsammlung und analytischer Durchdringung des Materials der große Wurf in Form einer umfangreichen Monografie gelingt. Doch ausgerechnet diese Dokumente wahrer Exzellenz fallen durch das Raster von Gutachtern, die wissenschaftliche Produkte eines knappen Zeitraumes häppchenweise vorgesetzt bekommen. Überdies dürfte es noch schwieriger als im Fall der Soziologie sein, geeignete und hinreichend unbefangene Gutachter für das Fach Geschichte zu gewinnen, welches sich viel weniger homogen als die Soziologie darstellt. Erinnert sei an Bereiche wie die Alte Geschichte und die Osteuropäische, die Nordische oder die Außereuropäische Geschichte mit jeweils eigenen Sprachanforderungen sowie an Teildisziplinen wie die Wirtschafts- und Sozialgeschichte oder die Technikgeschichte.

Der Druck von außen ist enorm. Nicht anders als bei der Bolognareform sollen die Fachvertreter zum Mitmachen genötigt werden mit dem Argument, die Gestaltungskraft und die maßgeblichen Entscheidungen verblieben ja in den eigenen Händen. Bei Bologna haben alle mitgemacht und klagen nun lauthals über das Ergebnis. Es ist gut, dass die Historiker sich beim Forschungsrating als klüger erwiesen haben.

Über den Autor
Hartwin Brandt ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bamberg und war bis 2006 Mitglied im erweiterten Vorstand des Historikerverbandes.

Aus DIE ZEIT :: 06.08.2009

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