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Das Effizienz-Märchen

Von Thomas Assheuer

Die neoliberalen Reformen vertreiben den Geist aus den Universitäten.

Das Effizienz-Märchen: Neoliberale Reform© ravennce - stock.xchng
Stellen wir uns für einen Moment einmal vor, künftige Historiker würden eines fernen Tages in ihre Archive steigen, den Datenstaub vom Speichermedium pusten und das heutige Universitätsleben unvoreingenommen erforschen. Was würden Sie im Gewimmel dieser Jahre erkennen? Sie würden in den Universitäten einen beträchtlichen Reformeifer finden, ein großes Flügelschlagen, ein Buhlen und Werben um die ersten und die besten Plätze. Überall ist die Rede von Elite und Exzellenz, Evaluation und Zielvorgabe. Auch historische Filmdokumente fallen unseren künftigen Forschern in die Hände. Darauf sehen sie Universitätspräsidenten, die wie kleine Feldherren - Seite an Seite mit ihren Reformflügeladjutanten - das Schlachtfeld im Stellungskrieg um öffentliche Aufmerksamkeit abschreiten, die Lippen gespitzt zur liebsten akademischen Morgenfrage. "Kinder, sind wir gut aufgestellt?"

Doch die künftigen Wissenschaftshistoriker werden eine Entdeckung machen, bei der sie sich erstaunt die Augen reiben. Im Jahre 2007 verfallen einige bedeutende Stiftungen auf eine tolle Idee und gründen die Förderinitiative Pro Geisteswissenschaften. Warum? Um Forscher wieder die Möglichkeit zu geben, in Ruhe zu forschen und ihre Exzellenz außerhalb von Exzellenzinitiativen entfalten zu können. Abgeschirmt von selbstoptimierten Universitätspräsidenten, geschützt vor marktnahen Evaluationsverfahren und standortrelevanter Clusterbildung, soll der Wissenschaftler wieder das tun, was er in den alten, angeblich untauglichen Universitäten schon immer getan hat: Er soll nicht Anträge zur Förderungsantragsförderung schreiben, sondern Bücher; er soll Ideen haben, vor allem eigene. Er soll in Einsamkeit und Freiheit forschen dürfen, und zwar nicht im Dienste fremder Zwecke, sondern im Dienste der Wahrheit. Kurzum, der Forscher soll so arbeiten können wie in den alten "Pflanzschulen der Wissenschaft" - jener alten und von Herzen ungeliebten Humboldt- Universität, die von den Radikalreformern als Relikt belächelt und an allen Enden auseinandergeschraubt wurde, um sie "fit zu machen" für die harten Zeiten des globalisierten Wissenschaftsmarktes.

Stiftungen retten die Wissenschaftler vor den Reformen

Man sollte sich diesen lobenswerten Einfall zur Förderung der geisteswissenschaftlichen Einzelforschung ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn was muss bei der staatlich vorangetriebenen Universitätsreform nicht alles schiefgegangen sein, wenn Stiftungen sich genötigt sehen, Forschungen zu fördern, für die es früher nur einen natürlichen Ort gab, nämlich die Universität selbst? Wenn erst künstliche Paradiese geschaffen werden müssen, damit Wissenschaftler von der Reform verschont und wieder unbehelligt von zielvorgabenkompatiblen Drittmittelerhöhungsinitiativen ihrem erlernten Beruf nachgehen können?

Es hilft der Wahrheitsfindung, daran zu erinnern, dass die Reform der reformbedürftigen Universitäten nicht vom Himmel fiel. Sie war keine Laune gelangweilter Staatssekretäre und Bildungsbürokraten, die ihre innere Melancholie mit einem Feuerwerk äußerer Aktivitäten bekämpften. Die Reformagenda war Teil einer gesamtgesellschaftlichen Bewegung, die als "neoliberale Revolution" in die Geschichte eingehen wird. Zementierte wohlfahrtsstaatliche Strukturen sollten abgebaut und die Sphäre von Markt und Konkurrenz in das träge Herz der saturierten Gesellschaft hineingetrieben werden, um produktive Energie zu entfesseln und die Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes zu erhöhen. Dabei sollte es keine Schutzräume geben. Alle, auch die Universitäten, mussten mitmachen, niemand durfte sich auf seine Privilegien herausreden.
Anfangs hatte das Wort Reform einen durchaus verlockenden Klang. Vor allem die geisteswissenschaftlichen Fakultäten waren von vielen guten Geistern verlassen und von intellektueller Trübsal bedroht; auch die skandalös hohe Zahl von Studienabbrechern war ein Alarmsignal. Indes, die Euphorie über das Neue hielt nicht lange vor, denn der Geist der Reform war eben nicht nur - reformatorisch. Er führte "Zielvereinbarungen" im Schlepptau, die mit dem überkommenen Selbstverständnis der "alten" Universitäten schlichtweg unvereinbar waren. Viele Reformer verstanden die Universität nämlich als Dienstleistungsunternehmen, das nützliches, also: ökonomisch verwertbares Wissen produzieren und nach der Logik des Wirtschaftsmanagements geführt werden sollte.

Es liegt auf der Hand, dass der Typus des Einzelforschers, der mit schwer kontrollierbarem Eigensinn seinen Studien nachgeht, darin nicht mehr vorgesehen war. Er wurde durch den universalvernetzten Wissenschaftsunternehmer ersetzt, der sich exakt an Zielvorgaben hält und mit "bahnbrechenden Spitzenleistungen" einen Beitrag zur Konkurrenzfähigkeit der Gesellschaft leistet. Oder um Bielefelder Soziologen verständlich zu bleiben: Unter massivem Globalisierungsdruck sollte die Humboldtsche Kopplung von Staat und Wissenschaft aufgelöst und durch eine andere Kopplung ersetzt werden - die von Wirtschaft und Wissenschaft. Wer das für eine Polemik hält, der lese nur die Reformförderungs-Prosa, die die außerparlamentarische Bertelsmann-Stiftung in die Welt setzt und bei der man oft nicht weiß, ob damit ein undichtes Wasserwerk oder eine deutsche Universität repariert werden soll.

Einige Radikalreformer werden schon von Selbstzweifeln geplagt

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Kritik am Zustand des universitären Apparats war berechtigt, und viele seiner Insassen wissen von ihm ein traurig Lied zu singen. Auch spricht nichts gegen Exzellenzinitiativen und Cluster, in denen vereinsamte Experten kollektiv ins Gespräch kommen. Der Geburtsfehler der Reform besteht in der fixen Idee, man könne unter Vorgabe von Effizienzkriterien die Universität neu erfinden und dem Forscher die Idee des scharfen Wettbewerbs in die versponnene Seele pflanzen. Als hätte es nicht in der Wissenschaft schon immer eine funktionierende Ideenkonkurrenz gegeben, den "Kampf um Anerkennung", den Wettstreit um das zündendste Argument und die klügsten Bücher.

Es ist beruhigend, dass sich immer noch Widerstand gegen eine Reform artikuliert, die »mehr Freiheit« versprochen hatte, dabei aber nicht selten - wie die Universität Hamburg zeigt - von autoritären Anwandlungen heimgesucht wird. Noch beruhigender ist, dass einige Radikalreformer inzwischen von Selbstzweifeln geplagt werden. Sie fragen zu Recht, ob sich ihr Unternehmen nicht in der zähen Selbstorganisation von Exzellenz erschöpft und zarte Forschungspflänzchen nicht bei der ersten Blüte von den Monsterwellen der Evaluationsbürokratie hinweggeschwemmt werden. In einer interessanten Parallelbewegung zum Prestigeverlust des neoliberalen Heilsversprechens wächst bei ihnen die Sorge, dass die Universitätsreform ihre großen Ziele verschlingt wie einst Kronos seine kleinen Kinder. Lehrreich dürfte ein Blick auf ein viel gerühmtes angelsächsisches Land sein, auf Groß britan nien. Hier hat man der Dauer-Evolution von Forschern und Forschung Grenzen gesetzt, weil am Ende keine Zeit mehr blieb für die - Forschung.

Konservative Geister, die sich ein wohltuendes Misstrauen gegen die neoliberale Reform-Rhetorik bewahrt haben, sorgen sich neuerdings um den "Geist", erstaunlicherweise sogar um den kritischen. Die Sorge ist unnötig. Der Geist weht, wo er will, und wenn er in den exzellenten Elite-Universitäten neuen Typs nicht mehr heimisch wird, dann taucht er eben woanders auf, und zwar überall dort, wo Forschung nicht mit der administrativ stimulierten Erzeugung von Wissen zur effizienten Standortsicherung verwechselt wird. Und wo sollte das sein? Zum Beispiel in den Elfenbeintürmen der Akademien und wissenschaftlichen Instituten, in den intellektuellen Zirkeln der pädagogischen Provinz, bei störrischen Außenseitern, szientistischen Sonderlingen und anderen Emigranten aus der reformierten Universität. Vielleicht werden in diesen dissidenten Milieus originelle Köpfe neue Diskurswelten erobern, und vielleicht werden augenöffnende Bücher eines Tages von Forschern geschrieben werden, die nie eine Universität von innen gesehen haben. Übrigens auch ein schönes Thema für ein Exzellenzcluster.

Aus DIE ZEIT :: 17.01.2008

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