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Das ganze Land ein Geheimtipp

Von Jan-Martin Wiarda

Japans Universitäten sind Weltspitze. Doch Gaststudenten sind Mangelware. Eine Charmeoffensive soll das ändern.

Das ganze Land ein Geheimtipp© Daderot - Wikimedia CommonsDie Tokyoter Universität schafft es im viel beachteten Shanghai-Ranking unter die weltweiten Top 20
Nein, er ist kein Aussteiger. Auf diese Feststellung legt Alexander Rothkopf Wert, und er mag es auch nicht, wenn man ihm die immergleichen Klischees an den Kopf wirft: Japan? Das sei doch nur etwas für ein paar kulturbeflissene Japanologen, die gern Schriftzeichen pinseln und mit Stäbchen essen. Von wegen, sagt Rothkopf, Diplomphysiker, Doktorand und Mitglied einer Forschergruppe an der Tokyoter Universität. »Was die Japaner hier machen, ist weltweite Spitze. Das Problem ist, dass viele Deutsche das nicht merken.«

Tatsächlich ist es ein seltsamer Widerspruch: Japans Hochschulen liegen im internationalen Vergleich weit vorn, Rothkopfs Uni zum Beispiel schafft es im viel beachteten Shanghai-Ranking unter die weltweiten Top 20 - vor die ETH Zürich, vor sämtliche französischen Grandes Écoles und vor die besten deutschen Hochschulen sowieso. Und doch gelten die Universitäten von Tokyo, Kyoto und Osaka hierzulande als exotisch - bestenfalls. Der Normalfall ist, dass die meisten deutschen Studenten noch nie von ihrer Existenz gehört haben. Gerade mal 300 von ihnen kommen jedes Jahr zum Studium hierher, dazu knapp 300 Nachwuchswissenschaftler und ein paar Dutzend Professoren. In die USA zieht es rund 30-mal so viele Deutsche - die meisten an weit schlechtere Universitäten als die japanischen. Doch die Sprach- und Kulturbarriere, so scheint es, reicht einfach zu hoch auf dem Weg nach Ostasien.

Englischsprachige Programme

sollen die Ausländer anlocken Das könnte sich bald ändern: Die japanische Regierung hat das Imageproblem ihrer Hochschulen erkannt und ein ehrgeiziges Programm aufgelegt. Mithilfe von »Global 30« soll die Zahl ausländischer Studenten in Japan innerhalb weniger Jahre verdreifacht werden - eine enorme Steigerung um 200 000 Köpfe, die sich, wenn überhaupt, nur über eine Vervielfachung der englischsprachigen Vorlesungen erreichen lässt. Bis zu 30 Universitäten im Land sollen darum in den nächsten Jahren in großem Maßstab ihre Studienprogramme internationalisieren. Bislang sind bei der Ausschreibung um die Programm-Millionen 13 Hochschulen ausgezeichnet worden für ihre Konzepte, darunter, kaum überraschend, auch Tokyo, Kyoto und Osaka. Das Kalkül der Japaner: Hochgebildete Einwanderer sollen die Lücke füllen, die der enorme Geburtenschwund unter Fachkräften und Akademikern reißt. Damit sich weniger vermögende Ausländer die mehrere Tausend Euro hohen Studiengebühren leisten können, hat die Regierung neue Stipendienprogramme angekündigt. Wobei es Deutschen mangels breiten Interesses schon bislang nicht sonderlich schwerfiel, finanzielle Hilfen zu bekommen.

Haben die Ausländer sich erst mal an die Hochschulen des Inselstaates getraut, entwickeln sich viele von ihnen zu noch größeren Fans der japanischen Lebensart, als sie es vor ihrer Ankunft ohnehin schon waren. Was nicht heißt, dass sie ihre Schwärmereien nicht gern mit einer Reihe von Kopfschüttel-Geschichten beginnen. Alexander Rothkopf zum Beispiel erzählt dann von seiner Zimmersuche. Ein Mietvertrag mit einem Ausländer? Ohne japanischen Bürgen unmöglich. Viele Wohnungsanzeigen sind sogar von Anfang an mit Zusätzen wie »Ausländer nicht zugelassen« versehen. Der Lebensstil der Ausländer sei ja »so anders«, heißt es zur Begründung. Manchmal ist der Weg hin zu einer weltoffenen Gesellschaft für Japan eben noch weit - und die Global-30- Initiative der Regierung umso mutiger angesichts einer aktuellen Ausländerquote von landesweit um die drei Prozent.


Jetzt hockt Rothkopf in einem vollgestopften 10-Quadratmeter-Wohnheimzimmer für 700 Euro Miete, Waschmaschine und Dusche kosten extra. Dafür hat der 27-Jährige drei Minuten Fußweg zum Campus, der mit seinen altehrwürdigen Fassaden und dem Rasen wie eine britische Bilderbuch-Uni aussieht. Seit zwei Jahren lebt Rothkopf in der japanischen Hauptstadt, dieser Riesenmetropole für 33 Millionen Menschen, in der es keine Straßennamen gibt, dafür das größte U-Bahn-Netz der Welt und schier endlose unterirdische Passagen, in denen Neuankömmlinge zwischen nicht enden wollenden Pendlerströmen umherirren. »Die japanische Kultur scheint uns Europäern gelegentlich so widersprüchlich, darauf kann man sich gar nicht richtig einstellen, bevor man herkommt«, sagt Rothkopf, fast liebevoll. Zwar sei er im Land mit vielem nicht einverstanden, aber seine Uni sei super, vom Stipendium bis zur einmalig guten Ausstattung seiner Forschungsgruppe mit Büchern, Computertechnik und großzügigen Reisegeldern. Mit Englisch durchzukommen sei zumindest vom Masterlevel an kein Problem, versichert er, in der naturwissenschaftlichen Fakultät gebe es sogar ein eigenes Sekretariat für die Belange ausländischer Studenten. So viel zum Thema japanische Fremdenfeindlichkeit.

Auch Miriam Finkentey, 23, hat mit der japanischen Widersprüchlichkeit ihre Erfahrungen gemacht, und dabei dachte die Tochter eines Deutschen und einer Japanerin am Anfang ihres Auslandssemesters an der Tokyoter Uni, vor Überraschungen gefeit zu sein. Doch als sie zum ersten Mal mitten im Kurs einen ihrer Kommilitonen den Kopf auf den Tisch legen und in aller Seelenruhe einschlafen sah, musste auch sie schlucken. »Und die Professoren stört das nicht, sogar wenn einer in der ersten Reihe sitzt und schnarcht.« Es ist eine jener Beobachtungen, die Europäer schnell machen: Japaner klinken sich gern mal für ein Nickerchen aus. Den grundsätzlichen Klagen mancher Deutschen, die japanischen Studenten hätten keine Debattenkultur und bekämen zum Diskutieren die Zähne nicht auseinander, mag Finkentey indes nicht zustimmen. »Das kommt doch sehr auf den Kurs an«, sagt sie.

Der Staat hält sich zurück

Japans Hochschulsystem ist streng hierarchisch organisiert. Oben stehen die sieben ehemaligen »Kai ser lichen Universitäten« von Tokyo, Kyoto, Osaka, Hokkaido, Tohoku, Kyushu und Nagoya, aus deren Absolventen sich ein Großteil der Regierungs- und Wirtschaftselite rekrutiert. Zwar haben sich einige Privathochschulen, unter ihnen die Keio- und die Waseda- Universität, mittlerweile einen vergleichbaren Ruf erarbeitet. Die Mehrheit der nicht staatlichen Hochschulen gilt jedoch als eher mittelmäßig, zumal fast die Hälfte von ihnen ausschließlich zweijährige Kurzstudiengänge anbieten. So lenkt die auch international herausragende Stellung der sieben nationalen Forschungsuniversitäten den Blick von einem Missstand ab: Kaum ein Industrieland investiert so wenig staatliche Gelder in Lehre und Forschung wie Japan. Vier Fünftel der Hochschulen im Inselstaat sind in privater Trägerschaft und werden von fast 75 Prozent der Studenten besucht - mit entsprechend hohen Studiengebühren: 8500 US-Dollar pro Jahr sind an nicht staatlichen Unis der Schnitt, der Regelsatz staatlicher Hochschulen liegt bei immerhin 5360 Dollar. Hier ein Blick in die Fukubu Hall der Universität von Tokyo.
Überhaupt ist das mit den Stereotypen so eine Sache: Japaner gelten als strebsam und fleißig, doch im Bachelorstudium herrscht deutlich weniger Leistungsdruck als in Deutschland. Den wirklichen Stress haben die Japaner dann bereits hinter sich: die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium und, ein weiteres Mal, für die Universität. »Einen Hochschulabschluss machen hier zwei Drittel eines Jahrgangs«, sagt Holger Finken von der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Tokyo. »Die Frage ist nur, welchen Ruf die Universität und welchen Wert damit der Abschluss hat.« Der jahrelange Besuch von Nachhilfeschulen im Vorfeld der Aufnahmeprüfungen, oft bis in den späten Abend hinein, ist selbst für die guten Schüler die Regel. Die Besten berichten anschließend stolz, dass sie für die erfolgreiche Uni-Zulassung »nur ein Jahr« zur Nachhilfe mussten. Die sozialen Selektionseffekte dieses Systems sind enorm: Bildungsaufsteiger haben es in Japan ähnlich schwer wie in Deutschland.

Nach überstandenem Prüfungsstress gilt dann für die Studienanfänger erst mal die Devise: zurücklehnen. Diese »Belohnungssemes ter« hätten die Japaner dann auch dringend nötig, sagt Rothkopf, »eine letzte Verschnaufpause, bevor es in den rauen japanischen Arbeitsalltag geht«. Demgegenüber sei sein Grundstudium in Deutschland »eine einzige Aufnahmeprüfung« gewesen. Miriam Finkentey ergänzt: »Ich halte das entspannte Bachelorstudium in Japan für einen Vorteil. Man kann anspruchsvolle Kurse wählen, wenn man will. Man kann sich aber auch für leichtere entscheiden, etwa wenn man mehr Zeit fürs Sprachenlernen braucht.« Deutschen Studenten müssen Japans Universitäten damit fast wie die vermeintlich letzten Zufluchtsorte des Humboldtschen Studienideals erscheinen: Ohne Leistungsdruck können sie das studieren, was sie wirklich interessiert - mit der Intensität, die ihnen entspricht. Und den Preis brutaler Aufnahmeprüfungen haben sie nicht zahlen müssen.

Universitätsseminare können hier über vier Semester gehen

Eine Besonderheit des Studiums in Japan, die unter deutschen Studenten kaum einer kennt, ist das viersemestrige Universitätsseminar, das vor allem einige private Hochschulen bis zur Perfektion betreiben. Die private Keio-Universität, ewiger Lokalrivale der Universität Tokyo und ebenfalls Global-30-Gewinner, zum Beispiel: Der Jurist Philipp Osten leitet dort ein Seminar zum Internationalen Strafrecht, das sich über zwei Jahre streckt. Gerade war Osten, der womöglich einzige deutsche Professor mit Lebenszeitstellung in Japan, mit seinen Seminarteilnehmern auf einem Skiausflug. »Das gesamte soziale und akademische Leben im dritten und vierten Uni-Jahr dreht sich um das Seminar«, sagt Osten. Natürlich gibt es, typisch japanisch, auch für diese Art Seminar ein Bewerbungsverfahren. Allerdings übernehmen dabei die älteren Studenten die Auswahl. Anschließend bekommt jeder ein Amt: Die einen organisieren die Seminarfahrten, andere kümmern sich um die Publikation der Abschlussarbeiten, die als Teil des Seminars geschrieben werden. Wieder andere halten den Kontakt zum Ehemaligennetzwerk, denn natürlich hat jedes Seminar seine eigenen Alumni. »Die Old Boys des Seminars Osten«, sagt Philipp Osten, gerade 36, und grinst, »die spenden für die Aktivitäten ihrer Nachfolger.« Der Nebeneffekt der einmalig guten Betreuung durch den Professor: Gute Studienleistungen werden zur Ehrensache.

Je mehr englischsprachige Programme entstehen, desto mehr können auch Deutsche von diesem ganz anderen Studium an einigen der weltweit besten Universitäten profitieren. Wenn sie denn kommen. Umso größere Mühe gibt sich DAAD-Mann Finken, die exzellenten Karrierechancen anzupreisen, die ein Auslandsjahr gerade Nichtjapanologen eröffnet: »Nur über die Kultur und Sprache Bescheid zu wissen reicht oft nicht mehr. Wer gleichzeitig Experte in einem ganz anderen Fach ist, hat hervorragende Berufschancen überall dort, wo deutsche und japanische Unternehmen aufeinandertreffen. « Allerdings nehmen die Sorgen vor einem Rückfall Japans ins alte Isolationsdenken zu. Die neue Regierung muss sparen und hat den Wettbewerb um weitere Plätze im Global-30-Netzwerk auf Eis gelegt. Experten wie der Verwaltungswissenschaftler Koichiro Agata warnen bereits: »Die Global 30 darf nicht als Global 13 enden.« Agata, der in Speyer studiert und in Bonn gelehrt hat, baut an der bereits siegreichen Waseda-Uni ein viel beachtetes englischsprachiges Programm auf: Political Science and Economics, und das ganz ohne Global-30-Gelder. Doch Agata weiß: Für die akademische Öffnung Japans braucht es mehr als ein paar Idealisten wie ihn.

Miriam Finkentey geht demnächst zurück nach München - und in die Ungewissheit ihres Magisterstudiums. Manchmal wünscht sie sich, ein so klares Bild ihrer Zukunft vor Augen zu haben wie ihre japanischen Kommilitonen. »Dort bewirbt man sich zu Beginn des letzten Studienjahres um seinen ersten Job, die Firma kümmert sich um die weitere Ausbildung. « Dann wiederum erscheint Finkentey dieser vorgezeichnete Weg zu einfach, und sie lobt die Freiheit, die sie in Deutschland hat. »Am liebsten möchte ich immerzu zwischen beiden Welten wechseln«, sagt sie. Ihr Auslandsstudium hat sie diesem Wunsch ein entscheidendes Stück näher gebracht.

Aus DIE ZEIT :: 25.02.2010