Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Das große Campus-Chaos

Von Jan-Martin Wiarda

Die Hochschulen gehen in einer Bewerberflut unter. Jetzt soll die Studienplatzvergabe neu organisiert werden. Aber wie?

Das große Campus-Chaos : Studienplatzvergabe© Anjanette Cathey - iStockphoto.com
Das Chaos kam in Postsäcken. Fünfmal so viele Bewerbungen wie Studienplätze hatte die Uni Münster für dieses Wintersemester zu bewältigen, die Freie Universität in Berlin sogar neunmal so viele: 32.000 Anträge, 3400 Plätze. An der Mehrheit der deutschen Hochschulen sehen die Zahlen kaum besser aus. Und so warten, während die Vorlesungen starten, noch Tausende von Abiturienten auf ihre Zulassung. "Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt Joachim Weber von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Grund für die Misere ist die Flut an Mehrfachbewerbungen, die die Hochschulen seit Jahren in Atem hält. Genauer gesagt: Seit die Hochschulen die Mehrheit ihrer überlaufenen Studiengänge mit lokalen NCs dichtgemacht haben. Verschärfend kommt hinzu, dass die Dortmunder Zentralstelle für Studienplatzvergabe (ZVS) seit 2005 nur noch für eine Handvoll Fächer zuständig ist. Was an sich eine gute Nachricht war, schließlich können die Hochschulen ihre Bewerber jetzt größtenteils selbst auswählen. Doch haben all die lokalen Zulassungsbeschränkungen zu einem undurchsichtigen, ineffizienten Vergabesystem geführt - mit zum Teil absurden Folgen.

Jeden Sommer ist es das Gleiche: Hunderttausende Abiturienten schicken ihre Bewerbungen ab, allerdings nicht nur an eine, sondern, um sicher zu gehen, an drei, sechs, vielleicht sogar zwölf Universitäten. In den Immatrikulationsämtern der Republik herrscht dann Urlaubssperre. Alle verfügbaren Mitarbeiter kämpfen sich durch die Berge an Post, um ihre Favoriten herauszufiltern und möglichst schnell die Bescheide herauszuschicken. Sie wissen: Je länger sie warten, desto geringer ist die Chance, die gewünschten Bewerber abzubekommen. Denn die suchen sich ihre Lieblingsuni heraus und lassen die anderen auf ihren Zusagen sitzen.

In ihrer Not entwickeln sich die Sachbearbeiter unversehens zu Experten in der Chaostherie: Für jedes Fach errechnen sie eine wahrscheinliche Annahmequote unter den Studenten, denen eine Einschreibung angeboten wird - und überbuchen wie eine Airline die Studienplätze. Wer zum Beispiel in München Biologie auf Bachelor studieren will, konkurrierte in diesem Semester mit 1005 Bewerbern um 177 Plätze. Die Ludwig-Maximilians- Universität hat ihrer Formel entsprechend jedoch nicht 177 jungen Leuten einen Zulassungsbescheid geschickt, sondern 442. Anders formuliert: Die Uni erwartete, dass von allen erfolgreichen Bewerbern 40 Prozent auftauchen. Selbst diese Prognose erwies sich als zu optimistisch: Trotz des laufenden Nachrückverfahrens hatte die LMU Ende vergangener Woche noch 21 Plätze frei. Andere Universitäten haben die Zulassungen im Nachhinein bereits als wenig hilfreich abgeschafft . "Wir verlangen von den Bachelorstudenten, dass sie nur zweimal im Semester fehlen, und dann lassen wir sie mancherorts erst im November oder Dezember zu", sagt Martin Scholz, Studienberater an der Universität Vechta. "Das passt nicht zusammen."

Das Problem ist erkannt, doch hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Kampf um die Lösung. Im Zentrum steht einmal mehr die totgesagte ZVS. Die Behörde soll zu einer Servicestelle umgebaut werden, die die Bewerberflut koordiniert - ohne zur hoheitlichen Verteilungspraxis zurückzukehren, die jahrzehntelang als "Kinderlandverschickung" verschrien war. Nach langem Hin und Her haben sich HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) auf ein neues Vergabeverfahren geeinigt: Über eine Online-Datenbank könnten Bewerber und Hochschulen demnach direkt miteinander in Kontakt treten, die Datenbank würde für den Datenabgleich mit den anderen Hochschulen sorgen. So könnte sich jeder Studierwillige jederzeit über den Stand seiner Bewerbungen an allen Hochschulen informieren, während die Hochschulen sofort erfahren, wenn ein Bewerber einen Studienplatz annimmt. "Das wird so ähnlich laufen wie bei eBay", sagt Joachim Weber von der HRK.

Theoretisch eine klasse Idee: Sie schafft Transparenz, die Bewerber können sich weiter unter mehreren Zusagen entscheiden. Gleichzeitig können die Hochschulen eigene Aufnahmekriterien entwickeln, ohne sich an zentrale Standards halten zu müssen. Nachrückverfahren wären überflüssig. Doch die ZVS meldet seit Monaten Zweifel an der technischen Machbarkeit an, warnt vor neuem Chaos. "Das kommt dabei heraus, wenn sich Leute ein System überlegen, die keine Ahnung von der Praxis haben", sagt Behördenchef Ulf Bade.

Die Atmosphäre zwischen ZVS und HRK ist eisig. Um den Druck zu erhöhen, haben die Hochschulen Ende vergangenen Jahres einen weiteren Akteur ins Spiel geholt: uni-assist, gegründet von HRK und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). uni-assist vermittelt Studienplätze an ausländische Bewerber - mit einem Onlineverfahren, das in wesentlichen Zügen dem favorisierten Modell entspricht. "Natürlich ist das technisch machbar", sagt denn auch uni-assist-Geschäftsführer Thomas Liljeberg. Uniassist soll die ZVS bei der Software beraten, doch die Behörden-Oberen fühlen sich überfahren. "Was die für ein paar Tausend Ausländer machen, ist mit unserer Arbeit überhaupt nicht zu vergleichen", sagt Bade. "Zumal uni-assist keiner gerichtlichen Kontrolle gerecht werden muss."

Womöglich spielt bei seiner Kritik aber auch eine Rolle, dass für das Verfahren nur ein Bruchteil des Personals nötig wäre. Die ZVS beschäftigt 110 zum Teil verbeamtete Mitarbeiter und hat einen Etat von über neun Millionen Euro.

Alle bisherigen Gespräche zwischen ZVS und uniassist blieben ergebnislos. Doch die Zeit wird knapp, bald droht neues Chaos in noch mehr Postsäcken. Und eins steht schon jetzt fest: Ein Spiel auf Zeit ist ein Spiel mit der Lebenszeit der Studenten.

Aus DIE ZEIT :: 16.10.2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote