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Das heimliche Scheitern

Von Jan-Martin Wiarda

In Deutschland bleiben zu viele Doktoranden auf der Strecke. Die Bologna-Reform könnte das ändern - doch die Politik bremst.

Das heimliche Scheitern: bologa-reform© James Thew - Fotolia.com
Es ist ein Thema, bei dem Deutschlands Bildungspolitiker in Fahrt kommen. Ein Landesminister ereifert sich dann mit erhobenem Zeigefinger über »diesen unakzeptablen Missbrauch«, sein Kollege geißelt die »brutale Lebenszeitvergeudung«, und ein hoher Beamter im Bundesbildungsministerium erkennt ein »System geregelter Knechtschaft«. Doch nach der absehbaren Erregung kommt ebenso sicher der Punkt, an dem der Redner innehält und sagt: »Zitiert werden möchte ich damit nicht.« Der Missstand, über den so heftig geschimpft und so entschieden geschwiegen wird, ist eines der letzten Tabus im Bildungssystem: die alltäglichen Leiden und das massenhafte Scheitern deutscher Doktoranden. Das Tabu ist derart umfassend, dass selbst ein Anruf beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, das sonst so ziemlich alles zählt, erfolglos bleibt. Der Bierabsatz pro Kopf, die Kfz-Neu zulassun gen oder der jährliche Holzeinschlag? Jederzeit gern. Doch eine amtliche Doktorandenstatistik? »So was haben wir nicht«, sagt die zuständige Sachbearbeiterin. »Ist gesetzlich nicht vorgesehen.«

So absurd es klingen mag: Wie viele Menschen hierzulande tatsächlich an ihrer Doktorarbeit sitzen, wie viele daran scheitern - keiner weiß es genau. In Europa leistet sich neben Deutschland nur Slowenien eine solche Wissenslücke. »Die Verantwortlichen wollen es gar nicht genauer wissen«, sagt der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Klaus Landfried. »Und noch weniger wollen sie, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie schlimm die Lage wirklich ist.«

Jahrelange Verzögerungen bis zum Abschluss, ein Leben am Existenzminimum, die von Semester zu Semester wachsende Gefahr, das Projekt Doktorarbeit ganz aufgeben zu müssen - das sind Widrigkeiten, mit denen Tausende deutscher Promovenden zu kämpfen haben. Betroffen sind fast ausschließlich die Nachwuchswissenschaftler in der sogenannten Individualpromotion, einer immer noch weitverbreiteten deutschen Spezialität, die im Gegensatz zu den meist hocheffizienten Promotionsprogrammen als der eigentliche Doktorandenkiller gilt. Das darin vorgesehene einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Nachwuchswissenschaftler und Professor ist in seinem Ausmaß international tatsächlich fast einzigartig. Ein Abhängigkeitsverhältnis, das schon die Nomenklatur verrät: Die »Doktorväter« und »Doktormütter « sind Überfiguren und Mentoren, Chefs und Gönner, deren Wohlwollen zu verspielen für die Doktoranden häufig dem akademischen Selbstmord gleichkommt. Und dieses Wohlwollen gibt es nur für bedingungslose Pflichterfüllung, die allzu oft in Frondienste ausartet. Welche Folgen das auf die Promotionsdauer und die Abbrecherrate hat, kann wegen der fehlenden amtlichen Statistik nur vermutet werden: Hochschulexperten schätzen, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der Individualpromovenden irgendwann aufgeben.

Damit die wahre Dimension der Misere bekannt wird, hat Klaus Landfried schon vor Jahren, noch als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für den deutschen Bildungsbericht, für die Ergänzung der Hochschulstatistik um die Doktoranden gekämpft - und ist an der Verzögerungstaktik der Kultusminister gescheitert. Für deren konsequent ablehnende Haltung nennt der Ressortchef eines westlichen Bundeslandes einen recht kuriosen Grund: »Wir wissen doch auch so, wo das Problem liegt.«

Die einzigen bislang vorliegenden, halbwegs verlässlichen Daten über deutsche Doktoranden liefert jetzt eine Langzeitstudie des Hochschul-Infor mations- Systems (HIS) über den Uni-Absolventenjahrgang 1997: Fast 30 Prozent der Befragten haben demnach eine Promotion begonnen - doch jeder sechste Doktorand hat inzwischen wieder aufgegeben. Was auf den ersten Blick nach einer gerade noch akzeptablen Quote aussieht, enthüllt seine Brisanz erst beim Blick auf die einzelnen Fächer. Beispiel Jura und Ingenieurwissenschaften: Hier bricht jeder Vierte ab. Unter Pädagogen sogar jeder Dritte. Laut den HIS-Forschern sind die errechneten Abbrecherzahlen, da sie nur für einen Jahrgang gelten, allerdings mit Vorsicht zu genießen. »Hochgerechnet auf alle deutschen Doktoranden, sind sie nur eine Tendenz, aber eine sehr fundierte Tendenz«, sagt Gregor Fabian, einer der Autoren der Studie.

Die globalen HIS-Zahlen sind noch gut im Vergleich zu der Realität, die hinter ihnen verborgen bleibt: Denn die Dunkelziffer bei den Individualpromovenden ist riesig. So hat das an der TU Kaiserslautern zwischen 2005 und 2008 ansässige »Pilotzentrum Internationales Doktorandenforum« das bundesweit erste universitätsweite Erfassungssystem für Doktoranden entwickelt und exemplarisch umgesetzt - und in Kaiserslautern auf Anhieb viermal so viele Doktoranden entdeckt, wie in den offiziellen Hochschulakten verzeichnet waren. So fallen aus der Uni-Statistik ausgerechnet diejenigen heraus, unter denen die Abbrecherquote am höchsten ist: die Individualpromovenden, die bis zur Abgabe der Doktorarbeit oftmals nur ihrem Professor namentlich bekannt sind.

Diese Abhängigkeit sorgt zugleich dafür, dass die Betroffenen ebenso wenig wie die Politiker mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen möchten, wenn sie über das Tabuthema Promotion reden oder genauer: über ihren Alltag als wissenschaftliche Mitarbeiter ohne eines der noch immer viel zu wenigen staatlichen Promotionsstipendien. Menschen wie Jörg Uhl (Name geändert), 36, Doktorand an der Freien Universität Berlin, der sein Staatsexamen mit 1,4 gemacht hat. Die paar Hundert Euro netto, die er mit seinen knappen, jederzeit kündbaren Zeitverträgen verdient, reichen gerade für ein winziges Zimmer. Das wäre ja noch in Ordnung, hätte er eine Perspektive, einen Plan, eine Chance. Doch statt der offiziellen zehn Stunden in der Woche arbeitet er das Doppelte bis Dreifache, und immer ist da die Angst, dass es schon morgen vorbei sein kann. Nur nicht seinen Professor verärgern. Immer nett sein. Sonst geht dessen Daumen runter, und er ist draußen. Seit vier Jahren sitzt Uhl an seiner Promotion, und erst wenn er nach Hause kommt in sein Zimmer, wo sich zwischen Büchern die Staubmäuse sammeln, setzt er sich an seine Arbeit, so lange, bis die Müdigkeit seine Gedanken besiegt, selten vor drei Uhr morgens.

Ein seltener Extremfall? Von wegen. Vereinbarungen zwischen Professor und Doktorand, in denen Gehalt, Betreuung oder ein Zeitplan vertraglich geregelt werden, sind in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern noch längst nicht die Regel. Und so nehmen einige Professoren von ihren Doktoranden alles, doch zum Geben verpflichtet sie nichts. Das ist der Deal, wie er weitverbreitet ist und wie er seit vielen Wissenschaftlergenerationen in Deutschland funktioniert hat - aus Sicht der Professoren offenbar so gut, dass ihre Gewerkschaft, der Deutsche Hochschulverband, seine Mitglieder zwar eindrücklich zum Abschließen von Promotionsvereinbarungen auffordert, ansonsten aber die Politik vor Eingriffen warnt. Ein solcher Eingriff wäre die Übertragung des Bologna-Prozesses auf die Promotionsphase gewesen.

Doch glaubt man Klaus Landfried, so hat die Angst der Politik vor der Professorenlobby dazu geführt, dass sich Deutschland international isoliert. Tatsächlich wehren sich die Bildungsminister von Bund und Ländern im Gegensatz zu fast allen ihren Amtskollegen in Europa dagegen, die Studienreform nach der Einführung von Bachelor und Master jetzt auch auf die Dissertation auszudehnen. Denn das europäische Konzept eines strukturierten, vom einzelnen Professor unabhängigen Doktorandenstudiums mit Pflichtkursen und Credit Points klingt wie die Antithese der traditionellen Individualpromotion. Die übermäßige Strukturierung, fürchten die Deutschen, könnte das Ende des freiheitlichen humboldtschen Forscherideals bedeuten.

Die Argumente erinnern an den Streit bei der Einführung von Bachelor und Master, doch die Fronten verlaufen anders: Sogar die Hochschulrektorenkonferenz, die ansonsten zu den Verfechtern des Reformprozesses gehört, findet sich im Lager der Bologna-Gegner wieder. HRK-Präsidentin Margret Wintermantel wiederholt gebetsmühlenartig: »Die Promotion als dritte Studienphase im Bologna- Prozess lehnen wir ab. Die Promotion ist kein Studiengang. « Auch die Vergabe von Credit Points, wie sie bei Bachelor und Master längst üblich sind, will die HRK für die Promotion verhindern. Sie seien nicht vereinbar mit deren Wesen als forschende Tätigkeit. Hinter der zur Schau getragenen Ablehnung steckt nicht nur die Angst vor der Professorenlobby oder ehrliche Sorge um Humboldts Erbe, sondern vor allem die Absicht, den gleichen Fehler nicht zu wiederholen. Denn selbst die reformfreudigsten Hochschulrektoren haben aus der Imagekrise von Bachelor und Master gelernt: Mit der Brechstange geht hier nichts.

Ohne großes Aufheben haben die Unis längst mit der Reform begonnen

Und doch: Auf die Zwischentöne kommt es an. Die HRK-Präsidentin betont, strukturierte Programme als solche lehne sie keineswegs ab, und auch Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) ergänzt die Bologna-Ablehnung mit der Bemerkung, man wolle ein »Nebeneinander« traditioneller und reformierter Promotionswege. Tatsächlich hat abseits der programmatischen Rhetorik der Wandel längst begonnen: Überall in Deutschland entstehen derzeit strukturierte Promotionsstudiengänge und Graduiertenschulen, gefördert und beschlossen nicht zuletzt von jenen Politikern, die offiziell die vermeintlich unverzichtbare Tradition der Individualpromotion verteidigen - und insgeheim doch genau wissen, wie gewaltig der Reformbedarf ist.

Beispiel Humboldt-Universität (HU) in Berlin: Deren Präsident Christoph Markschies will bis 2012 eine Mischform zwischen alter und neuer Promotion etablieren - mit Pflicht zur Zulassung, Aufstellung eines Arbeitsplans und der Hinzunahme von mindestens einem zweiten Betreuer. »Das bedeutet aber keine totale Absage an die traditionelle Promotion!«, betont Markschies in der typischen Vorsicht der Reformer. Beispiel Göttingen: Die in der Exzellenzinitiative erfolgreiche Universität hat ihre Doktorandenausbildung schon vor Jahren in drei sogenannten Graduate Schools zusammengefasst - für die Sozialwissenschaften, die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften. Die größte mit rund 1000 Doktoranden ist die Georg-August-University School of Science (Gauss), deren Mitglieder in ihren Studiengängen über drei Jahre hinweg 20 ECTSCredits erwerben müssen - die gleiche Leistungswährung, wie sie Bachelor- und Masterstudenten auch haben. In Deutschland sind die Göttinger damit fast allein auf weiter Flur. Uni-Vizepräsident Wolfgang Lücke verteidigt dies mit dem Hinweis, dass ein Bachelorstudent im gleichen Zeitraum 180 Credits sammeln müsse. »Die Forschungsarbeit steht weiter ganz klar im Mittelpunkt.« Allzu sehr mag sich aber auch Lücke nicht als Bologna-Fan outen: Die Fächerkulturen seien unterschiedlich, daher werde die Universität besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften keinesfalls einen vergleichbaren Zwang zur Struktur ausüben. Dort existieren auch in Göttingen traditionelle und neue Promotionsverfahren nebeneinander, noch längst nicht alle Doktoranden sind Mitglieder in den Graduate Schools. Am Ende der Entwicklung aber, so hofft der Uni-Vizepräsident, werden 100 Prozent der Göttinger Promovierenden in Graduiertenschulen organisiert sein.

Während sich die Geister an den Kreditpunkten scheiden - die zentrale Neuerung haben alle Hochschulen durchgesetzt, die den alten Feudalstrukturen, wie halbherzig auch immer, den Kampf angesagt haben: An die Stelle eines Doktorvaters tritt ein sogenanntes Thesis Committee aus mindestens zwei Wissenschaftlern, die den Promovenden betreuen und so die einseitige Abhängigkeit verringern sollen. Es ist zweifellos die grundlegendste Reform. »Die Kurse sind hilfreich, und die Vernetzung mit den Mitdoktoranden ist hervorragend. Doch die wahre geistige Freiheit entsteht dadurch, drei Professoren als Ansprechpartner zu haben, sich mit ihnen austauschen zu können«, sagt Frederik Köpper, der an der Gauss im englischsprachigen internationalen Studiengang »Molecular Biology« studiert. Zu überzogene Erwartungen an die Effizienz der strukturierten Promotion sollten die Reformer allerdings womöglich auch nicht haben: Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben Forscher des Center for Higher Education Policy Studies (Cheps) an der Universität Twente die Leistung der besonders angesehenen DFG-Graduiertenkollegs untersucht. Seit 1990 fördert die DFG an den Hochschulen diese Promotionsprogramme, zurzeit deutschlandweit 229 - zum Beispiel auch in Göttingen. Das Ergebnis der Studie: Zwar berichten die knapp 1200 befragten ehemaligen Vollmitglieder der DFG-Graduiertenkollegs über bessere Betreuungsstrukturen als eine Vergleichsgruppe traditioneller Doktoranden und über eine verstärkte Teilnahme an Weiterbildungskursen und Konferenzen, sie schlossen ihre Dissertation auch häufiger mit der Bestnote ab. Allerdings lag die mittlere Promotionsdauer mit 3,6 Jahren nur geringfügig unterhalb der Vergleichsgruppe, auch waren sie im Schnitt nur ein halbes Jahr jünger als jene, die auf traditionelle Weise promovierten. »Der positive Effekt der Programme ist da, aber er ist nicht so stark, wie man hätte annehmen können«, sagt die Twenter Forscherin Andrea Kottmann.

Neue Studien sollen endlich Aufschluss geben

Wie viele Doktoranden insgesamt unterwegs auf der Strecke blieben, darüber macht allerdings auch die Cheps-Studie keine Aussage. Denn früher oder später stößt alle Doktorandenforschung an die Grenzen der fehlenden amtlichen Statistik, die wahre Dimension des Problems bleibt so weiter im Dunkeln. Immerhin: Die Chancen stehen so gut wie nie zuvor, dass sich das bald ändern könnte. Niedersachsen hat gesetzlich verankert, dass die Hochschulen ihre Promotionsstudenten erfassen sollen - allerdings ist der entsprechende Paragraf recht weich formuliert. Das Bundesbildungsministerium wiederum hat das Pilotzentrum und das HIS beauftragt, die in Kaiserslautern erprobte Methode der Doktorandenerfassung auf eine bundesweite Studie mit 20 weiteren Hochschulen zu übertragen. »Die Ergebnisse gibt es noch in diesem Jahr«, sagt die Leiterin des Pilotzentrums, Ulrike Senger. Vom Herbst an finanziert das Bildungsministerium zudem das Promovierendenpanel ProFile des Bonner Forschungsinstituts iFQ, das Doktoranden über Jahre hinweg begleiten und ihren Werdegang verfolgen soll. Bislang haben sich hier rund zehn große Hochschulen, darunter auch die HU, bereit erklärt, ihre Doktorandenstatistik für das Panel offenzulegen - ein sensationeller Schritt und ein komplizierter dazu, wie Christoph Markschies erklärt: »Die meisten Daten kennen wir ja bislang selbst nicht.«

Aus DIE ZEIT :: 14.05.2009

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