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Das verschwundene Department Chemie an der Universität Exeter

Von Claus Jacob

Wettbewerb, Evaluationsglaube, strategische Überlegungen verbunden mit einer forcierten Ausrichtung auf "sich rechnende" Studiengänge, führten an der Universität Exeter in Großbritannien zur Auflösung der chemischen Fakultät. Ein Fall, der über Fach und Ort hinaus ein Schlaglicht auf die Lage der Universitäten in Europa wirft.

Das verschwundene Department Chemie an der Universität Exeter© Dietmar Klement - iStockphoto.com
Im Juli 2005 verschwand das Department of Chemistry an der Universität Exeter in Großbritannien. Im Anschluss daran ist viel über die genauen Umstände diskutiert worden, nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Diese Diskussion war und ist oft geprägt durch die jeweilige länderspezifische Perspektive und den unterschwelligen Verdacht, dass da in Exeter irgendwas schief gelaufen sein muss. Tatsache ist, dass die Umstände, die in Kombination miteinander zu den Ereignissen vom Sommer 2005 geführt haben, komplexer sind als gemeinhin bekannt. In Exeter und anderswo in England ist seinerzeit eine Vielzahl an sich gesunder Einheiten einem unglücklichen Zusammenspiel von Wettbewerb, Evaluationsglaube und strategischen Überlegungen zum Opfer gefallen. Parallele Entwicklungen deuten sich, zeitlich versetzt, gegenwärtig auch in Deutschland an.

In England gibt es im Vergleich zu Deutschland eine beachtliche Anzahl an Universitäten, die oftmals relativ klein sind. In dieser Hochschullandschaft spielt ein (politisch gewollter) Wettbewerb eine entscheidende Rolle. Ausdruck dieses Wettbewerbs sind zum einen die weit verbreiteten Hochschul- Rankings (z.B. der Times), die in Großbritannien sehr ernst genommen werden und die die Zahl der Studienbewerber an einzelnen Universitäten wesentlich mit beeinflussen. Eine Universität, die in einem solchen Ranking gut abschneidet, erfreut sich einer Vielzahl an Bewerbern, kann sich folglich ihre Studierenden auswählen und bei Bedarf auch deren Zahl, und damit das Einkommen über Studiengebühren, erhöhen. Die Kehrseite dieser Medaille bedarf kaum einer Schilderung, auch nicht der Hinweis, dass es dabei zu einer regelrechten Aufwärts- als auch Abwärtsspirale kommen kann.

Das Department of Chemistry in Exeter ist daran nicht gescheitert. Bei Studierenden sehr beliebt, mit einem Rankingplatz im Mittelfeld und einer aktiven Rekrutierungsstrategie an Schulen konnte es zuletzt deutlich steigende Anfängerzahlen verzeichnen.

Die RAE-Evaluation

War es also die Forschung? Auch in diesem Bereich gibt es in Großbritannien eine regelmäßig stattfindende, offizielle nationale Evaluation, die Research Assessment Exercise (RAE), die es wirklich in sich hat. Als Teil dieser Evaluation werden alle Departments im Land erfasst, benotet und miteinander verglichen, alle spielen mit, von der kleinsten Provinzuniversität bis zu Oxbridge, vom einfachen Lecturer bis zum Professor. Die Ergebnisse (Bewertungen von 0 bis 5*) sind öffentlich zugänglich und haben enorme Auswirkungen. So wurden viele Departments mit drei Punkten und weniger in Folge der RAE 2001 geschlossen oder endeten als "no go areas" für Studierende, Lehrende und Forscher. Die Verteilung nationaler Geldmittel wurde (zum Teil) den Ergebnissen der RAE angepasst, wovon insbesondere Einheiten mit einer 5 und 5* profitierten. Ähnlich wie im Fußball kam es auch zu regelrechten "Transfers" von hochrang(k)igen Wissenschaftlern, wenn man es sich als Fakultät denn leisten konnte.

Das Department of Chemistry in Exeter hatte bei der RAE 2001 mit einer 4 "nur" einen Platz im besseren Mittelfeld erzielt (verglichen mit den 5 und 5* Departments). Dies war das Ergebnis eines personellen Umbruchs von 1995 bis 2002, bei dem durch Pensionierung und Neueinstellung das gesamte Department drastisch verändert und verjüngt worden war. Ab etwa 2003 war mit der neuen, nun eingespielten und vernetzten Mannschaft - darunter mehrere preisgekrönte Wissenschaftler und Nachwuchswissenschaftler, EPSRC Fellows und RSC Fellows - die Tendenz eindeutig steigend.

Kostspieliges Studium

Allerdings gab es auch gewisse, eher strategische Schwachstellen, die man im Department anfangs - etwas naiv - gar nicht als solche wahrgenommen hatte. Erstens, das Chemiestudium ist vergleichsweise kostspielig, was Probleme mit den Sozial- und Geisteswissenschaften wegen angeblicher Subventionierung der teuren Chemie Studienplätze durch andere Departments/deren Studierende verursachte - eine durchaus interessante Diskussion, seit Einführung der Studiengebühren übrigens auch in Deutschland. Zweitens hatte die RAE 2001 eine zum Teil hitzige Diskussion zwischen 5 und 5* Departments und "den anderen" um Resourcen losgetreten, kulminierend in Überlegungen, wie die mit 3 und 4 bewerteten Departments bis zur nächsten RAE "verschwinden" könnten (was sowohl eine Verbesserung in der Bewertung als auch einen Zusammenschluss oder die Schließung beinhalten könnte).

Diese "Besinnung auf die eigenen Stärken" (in Exeter seinerzeit bekannt als focus on our strengths exercise) wurde anfangs im Department nur am Rande wahrgenommen, war letztendlich aber der eigentliche Grund für das Ende der Chemie in Exeter. Für die Zukunft musste ein distinktives "Markenzeichen Exeter" her, in der Forschung wie auch in der Lehre: Weg mit den teuren Studiengängen, hin zu preiswerten, attraktiven Studienangeboten, d.h. Gewinnmaximierung im Bereich der Lehre. Konkret bedeutete dies zum Teil ausgefallene, aber populäre Studiengänge in bester geographischer Lage, oftmals mit Bezug zu Cornwall, dem Meer und der Küste, d.h. dem besonderen Standortvorteil dieser Universität. Dabei sind traditionelle, kostspielige Studiengänge wie Chemie wenig interessant. Ähnliche Überlegungen wurden auch für die Forschung angestellt. Es musste etwas her, was distinktiv nach Exeter roch, ein "Cluster of Excellence" im Bereich Life Sciences, am besten gemeinsam mit der neuen Peninsula Medical School.

Zusammenschluss

Der Rest ist Geschichte: Im Sommer 2003 wurden Chemie und Biologie zur School of Biological and Chemical Sciences zusammengeschlossen. Zugleich wurde eine permanente interne Evaluierungskommission zur Vorbereitung der RAE 2008 eingesetzt, um beispielsweise die Veröffentlichungen von Kollegen anhand eines Diamanten-Index von Zeitschriften (Impakt-Faktor) genau unter die Lupe nehmen und auf der Skala von 0 bis 5* (sic) benoten zu können. Nicht jeder in der neuen School verstand diese Art englischen Humors, Abwanderungen von Personal waren die Folge. Schließlich wurde aufgrund der oben erwähnten Strategie 2004 das Auslaufen des Studienganges "Chemie" verkündet. Kollegen, die sich nicht bereits mit aktuellen biologischen Themen beschäftigten, oder in Zukunft beschäftigen wollten, wurde der Abschied nahegelegt. De facto betraf dies fast die gesamte anorganische und physikalische Chemie, und auch einige Biologen. Es berührte aber nicht die organische oder biologische Chemie und den Studiengang "Biologische und Medizinische Chemie". Dennoch kam es in Folge 2004/2005 zu einem Exodus der Chemiker, so dass bis August 2005 fast alle Chemiker die nun School of Biosciences genannte Einheit verlassen hatten. Zurück blieben eine Handvoll biologischer Chemiker und Teaching Fellows, d.h. Dozenten ohne RAE Zwang, und eine School, die von nun an nur noch in der RAE-Kategorie "Biologie" um eine 5 oder 5* mitspielen musste.


Kontroverse Lehren

Die Lehren, die man aus dieser Episode ziehen mag, sind durchaus kontrovers. Am wichtigsten mag vielleicht die Erkenntnis sein, dass strategisches Kalkül mit einer gehörigen Prise ökonomischen Denkens ein an sich in Forschung und Lehre gesundes Department ausgelöscht hat.

Der Wettbewerb der Hochschulen um Studierende scheint in der Tat in Zukunft zu einer Diversifizierung an Studiengängen und zugleich einer Spezialisierung einzelner Universitäten zu führen. Nischen tun sich auf, wie etwa "Chemistry and Arabic Studies", ein durchaus ernst gemeinter Exeter-Vorschlag zur besseren Rekrutierung von Nicht-EU Studierenden (die in England im Vergleich zu EU Bürgern etwa das Fünffache an Studiengebühren zahlen). Regionale Standortvorteile, wie etwa Grenz- oder Küstennähe, können dabei mit eingebunden werden. Längerfristig werden nicht alle Universitäten auch alle gängigen Studienfächer anbieten (teure Studiengänge sind zuerst gefährdet). Argumente wie "Chemie ist wichtig für unsere Region" zählen in Zeiten zunehmender Mobilität ohnehin wenig.

Diese Entwicklung spiegelt sich im Bereich der Forschung wider. Anstelle eines breiten Fächerspektrums tritt, universitätsspezifisch, die Ansiedlung gewisser Exzellenzzentren. Auch hier kann das existierende Potential ausgeschöpft werden. Exzellenzinitiativen bieten in Deutschland dabei zurzeit einen Anreiz, irgendwann vielleicht einmal gefolgt von der für den Staat preiswerteren Version der RAE nach britischem Vorbild.

Solche Entwicklungen sind nicht immer positiv. Zwar sind naturwissenschaftliche Studien teuer und zeitweise vielleicht auch weniger attraktiv als beispielsweise "Golf course management studies", längerfristig dienen sie aber zur Sicherung von Wissenschaft - und wissenschaftlichem Nachwuchs - im Land. Neben der Royal Society of Chemistry (UK) waren es im "Fall Exeter" deshalb insbesondere Vertreter der chemischen Industrie, die vehement gegen das Verschwinden des Departments eingetreten sind. Und bei der Metamorphose vom Bettelstudenten zum König Kunde wird oft vergessen, dass die Popularität einzelner Studiengänge stark schwankt. Ironischerweise erlebt das Studienfach Chemie in England gerade wieder einen Aufschwung, an dem sich Exeter allerdings nicht mehr beteiligen kann.

Ähnliches gilt für die Forschung. In beiden Sparten, Forschung und Lehre, sind die meisten Wissenschaften ohnehin eng mit anderen verzahnt. Ist erst einmal die Chemie verschwunden, fallen auch ein Großteil der Analytik, Wirkstoffentwicklung, chemischen Biologie, medizinischen Chemie und Teile der Biochemie weg - Studiengänge, interdisziplinäre Forschung und Firmenausgründungen inklusive.

Ob die Universität Exeter es mittlerweile bereut hat? Wer weiß? Allerdings hat die damalige Vorgehensweise gegen dieses traditionsreiche, an sich gesunde Department in ganz England massive Proteste ausgelöst. Sie dient noch immer als Warnung für andere Universitäten und hat vielleicht damit auch die sich damals abzeichnende Welle von Schließungen "unrentabler" Departments etwas aufgehalten.

Bildung nicht berechenbar

Allmählich hat sich in England die Erkenntnis durchgesetzt, dass man Bildung eben nicht nur mit Geld berechnen kann. Und dass die Grundlagenforschung, gerade wie sie Universitäten bieten, eigentlich frei von "strategischen" oder ökonomischen Zwängen sein sollte - und nur dadurch einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann. Im Gegensatz zur RAE 2001 ist dieser ohnehin schlecht anhand von Impakt-Faktoren, Drittmittelkonten- Auszügen, Listen von Diamanten-Journals und ähnlichen scientometrischen Konstrukten zu quantifizieren. Deren Impakt auf die individuelle Forschungsleistung und Kreativität der einzelnen Forscher tendierte seinerzeit nämlich gegen Null, und nach all dem Evaluations- Schrecken wird die RAE 2008 wohl die letzte ihrer Art sein. Deren Ergebnisse werden übrigens voraussichtlich am 18. Dezember 2008 veröffentlicht www.rae.ac.uk».

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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