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Das Wunder von Mannheim: Eine geglückte Hochschulreform

Von Jan-Martin Wiarda

Der Rektor Hans-Wolfgang Arndt wollte seine Hochschule radikal umbauen. Doch die Geisteswissenschaftler gingen auf die Barrikaden. Herausgekommen ist eine vorbildliche Reform.

academics: Karriereportal der Wissenschaft und Forschung© M Rosley - Fotolia.com
Vielleicht war es ja eine Art Weihnachtswunder. Zumindest klingt es so, wenn sie an der Universität Mannheim vom vergangenen Dezember erzählen, als sei im alten Kurfürstenschloss etwas beinahe Mystisches geschehen. Erbitterte Auseinandersetzungen hatten die Hochschule zuvor erschüttert, Demonstrationen, Rücktritte und wütende Verlautbarungen über die Lokalpresse. Es ging um die Zukunft der Universität, für die Rektor Hans-Wolfgang Arndt große Pläne hatte, wie er fand, Pläne, die Mannheim in die Liga der besten Wirtschaftsuniversitäten weltweit katapultieren sollten. Heute sitzt Arndt in seinem Büro mit fünf Meter ho her Decke und leistet sich einen für ihn seltenen Augenblick der Nachdenklichkeit. "Sicher", sagt er leise, "am Anfang gab es persönliche Verletzungen auf beiden Seiten, die vorübergehend in eine Sprachlosigkeit mündeten." Pause. Dann geht ein Ruck durch Arndt, er knipst sein Lächeln an und dröhnt: "Aber seit Dezember liegt das hinter uns, und es sind keine negativen Emotionen geblieben!"

Kleinere Hochschulen müssen sich eine Nische zum Überleben suchen

Spätestens durch diese Auseinandersetzungen ist die Universität Mannheim ein Modell für die Zukunft geworden: Die Kämpfe, die sich die Reformer und ihre Gegner geliefert haben, sagen Experten auch anderen deutschen Universitäten voraus, die sie wie Mannheim mit seinen knapp 12.000 Studenten für zu klein halten, um neben den großen Volluniversitäten konkurrenzfähig bleiben zu können. Die kleinen Hochschulen müssten sich Nischen suchen, in denen sie erfolgreich sein könnten, anstatt wie die Großen alle Fächer anbieten zu wollen, aber naturgemäß in schlechterer Qualität. Die Nische der Mannheimer seien die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, sagt Arndt. "Wir brauchen die Profilschärfung, um zu überleben!"

Er hat es überall gesagt in den vergangenen zwei Jahren, manchmal hat er es auch herausgebrüllt, um gegen den Krach der Trillerpfeifen und Buhrufe anzukommen auf einer der Kundgebungen, die Studenten, Professoren und Dozenten gegen die Uni-Leitung organisiert haben. Man tut ihm, dem Juristen und Finanzexperten, sicher kein Unrecht mit der Feststellung, dass er polarisiert. Arndt, 63, ist der Typ Macher, der den Raum beherrscht, sobald er eintritt. Groß gewachsen, dazu seine tiefe, laute Stimme und das drängende "Ja?", mit dem er seine Sätze beendet, als dulde er keinen Widerspruch.

Er musste lernen, dass man den Widerstand derjenigen nicht unterschätzen sollte, für die Profilschärfung nur ein anderes Wort für Kürzung ist - derjenigen Fächer, die nach Ansicht der Verantwortlichen nicht zum Profil gehören. Der Asta- Vorsitzende Milos Milosevic bringt es auf den Punkt: "Strukturelle, fakultätsübergreifende Veränderungen ohne die Mitsprache aller Fakultäten, gerade der betroffenen, das geht nicht." Betroffen waren in Mannheim vor allem die Geisteswissenschaften, die Gerüchten zufolge sechs Lehrstühle, ein gutes Viertel, abgeben sollten. Die Uni- Leitung spricht nur von drei Professuren, die zur Disposition standen. Zudem sollten die Geisteswissenschaftler ihre Eigenständigkeit als Philosophische Fakultät einbüßen. Selbst der Mannheimer Bürgermeister protestierte.

Bemerkenswert bei den Auseinandersetzungen ist, dass sowohl Befürworter als auch Gegner der Reformpläne den guten Zustand der Universität für das beste Argument halten, dass sie recht haben. Im jüngst erschienenen CHE-Ranking schnitten die Mannheimer wieder einmal besser ab als jede andere deutsche Hochschule. Das Centrum für Hochschulentwicklung, das von der Bertelsmann Stiftung mitfinanziert wird, ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, Mannheims Ergebnisse seien "herausragend".

Mehr als 12,5 Millionen Euro an Spenden privater Unternehmen hat das Rektorat in den vergangenen zehn Jahren für die Renovierung der Hörsäle eingeworben, darunter eine Großspende des SAP-Gründers Hasso Plattner, mit der eine neue, baulich einzigartige Bibliothek im Dachstuhl des Schlossmittelbaus finanziert werden konnte. Das Land wiederum hat Fassade und Außenanlagen aufgehübscht, sodass die Mannheimer mit Recht behaupten können, an einer von Deutschlands schönsten Campus-Unis zu studieren.

Nach erbittertem Streit brachte ein einziges Gespräch den Wandel

Wozu noch mehr Veränderungen, sagten die Studentenvertreter und die Geisteswissenschaftler, die Ergebnisse und die Spenden zeigten doch, dass die Hochschule bereits extrem erfolgreich sei, übrigens auch und gerade in den Geisteswissenschaften. Gerade darum brauchen wir weitere Reformen, sagten Arndt und seine Kollegen im Rektorat: Die Erfolge bewiesen, dass der vor über zehn Jahren eingeschlagene Weg einer Konzentration auf die Stärken fortgesetzt werden müsse. Eine Einigung schien ausgeschlossen.

Doch dann kam der Dezember. Johannes Paulmann erinnert sich genau an den Tag, als er und ein paar weitere Professoren bei Rektor Arndt an die Tür klopften, in der Erwartung eines weiteren für beide Seiten frustrierenden Schlagabtauschs. "Doch was uns dann eröffnet wurde, hat uns die Sprache verschlagen", sagt Paulmann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte und seit dem Protestrücktritt seines Vorgängers Dekan der Philosophischen Fakultät. Anstatt weiter auf seiner Linie zu beharren, habe Arndt Kompromissvorschläge aus der Tasche gezogen, von denen sie nicht einmal mehr zu träumen gewagt hätten. Dazu sein Ton: versöhnlich, geradezu vorsichtig und ehrlich interessiert.

Vielleicht war es doch kein Weihnachtswunder. Vielleicht lag es auch am Einsatz des neuen Vorsitzenden des Universitätsrates, dem in Mannheim hoch geachteten Unternehmenspatriarchen Manfred Fuchs, von dem es hinter vorgehaltener Hand heißt, er habe "dem Arndt kräftig den Kopf gewaschen". Vielleicht waren es auch die unerwarteten Finanzspritzen aus dem Hochschulpakt 2020, die dem Rektor seine neue Großzügigkeit ermöglichten. Auf jeden Fall war es ein einziges Gespräch, das nach all den Monaten der Entfremdung den Wandel brachte.
Die geglückte Hochschulreform der Uni Mannheim

Johannes Paulmann, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim


Und fest steht auch: Das, was Universitätsrat und Senat in neuer Eintracht ohne Gegenstimme als "Struktur- und Entwicklungsplan" beschlossen haben, eröffnet der Universität neue Entfaltungsmöglichkeiten. Die Philosophische Fakultät wird zwar aufgelöst, aber die Lehrstühle werden nicht, wie zuvor geplant, einfach auf die anderen Fakultäten verteilt.

Stattdessen fusionieren die Geisteswissenschaften mit den Sozialwissenschaften zu einer neuen, größeren Fakultät. Nur eine Professur wird gestrichen, trotzdem bekommen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wie geplant sechs neue dazu. Von der Universität Heidelberg erhält Mannheim vier Lehrstühle, gibt dafür aber die technische Informatik ab, auch das der Schlusspunkt eines jahrelangen Streits.

Arndt sagt, er habe die wesentlichen Bestandteile seines Konzepts durchgebracht, es sei noch immer der große Wurf, als der es gedacht gewesen sei. Paulmann sagt, die Geisteswissenschaften gewönnen durch die Reform wieder "einen angemessenen Einfluss auf die Geschicke der Universität, der ihnen zuvor fast vollständig abgesprochen worden war". Milosevic vom Asta wünscht sich allerdings jetzt eine gründliche Evaluation, denn die Veränderungen müssten sich erst einmal bewähren.
Die geglückte Hochschulreform der Universität Mannheim

Milos Milosevic, Asta-Vorsitzender der Universität Mannheim


Doch nachdem die meisten personellen und strukturellen Fragen geklärt sind, fällt es den Beteiligten auf allen Seiten plötzlich leicht, von den Vorzügen des "Mannheimer Modells" zu schwärmen: Da ist zum Beispiel der neue BWL-Bachelor, der zu einem guten Stück auch aus geisteswissenschaftlichen Vorlesungen besteht und ein verpflichtendes Auslandssemester vorsieht.

"Führungskräfte von heute dürfen keine Fachidioten sein, keine kulturlosen Technokraten", sagt BWL-Dekan Hans Bauer. Umgekehrt werden die Geisteswissenschaftler nur noch zwei Bachelor anbieten, einer heißt Kultur und Gesellschaft und hat sozialwissenschaftliche Anteile. Der andere trägt den Namen Kultur und Wirtschaft und war schon in der Vergangenheit ein Renner. "Der BaKuWi ist mein Lieblingskind", sagt Rektor Arndt.

Das hat er auch schon früher gesagt, vor der Einigung. Aber da hat sich das für die Geisteswissenschaftler eher nach einer Drohung angehört. Die Juristen wiederum steuern den "Wirtschaftsjuristen" bei, der auch den Weg zum Staatsexamen ermöglicht und damit eine erste ernst zu nehmende Bachelor-Alternative zu den traditionellen Jura-Studiengängen werden könnte.
Die geglückte Hochschulreform der Uni Mannheim

Hans Bauer, BWL-Dekan der Universität Mannheim

Die neue Fakultät für Wirtschaftsinformatik, die gegründet werden soll, wird schließlich Wirtschaftsinformatiker, Mathematiker und Informatiker zusammenbringen. "Damit ist der beabsichtigte Brückenschlag zwischen den Disziplinen dann perfekt", sagt Rektor Arndt. So würde Johannes Paulmann das dann wohl doch nicht ausdrücken, aber dafür sagt er: "Natürlich müssen wir Geisteswissenschaftler uns an den Arbeitsmarktchancen unserer Absolventen messen lassen. Und die sind bestens, auch dank der engen Verzahnung mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften."

Es sieht fast so aus, als wäre Mannheim auch in dieser Hinsicht zum Modell geworden: dafür, wie man den bitteren Streit um die Zukunft einer Universität doch noch zu einem guten Ende führen kann.

Aus DIE ZEIT :: 12.06.2008

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