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Der Erfolg hat einen Preis

Von Martin Spiewak

Wer Deutschlands Bildungssystem voranbringen will, braucht staatliche Gelder - aber auch private. Eine Antwort auf Frank-Walter Steinmeiers Plädoyer gegen Studiengebühren.

Der Erfolg hat einen Preis, Studiengebühren, Bildungssystem© Franz Pfluegl - Fotolia.com
Aus kleinen Verhältnissen in die große Politik, aus dem lippischen Brakelsiek ins Außenministerium nach Berlin und bald wo mög lich an die Spitze des ganzen Landes - Frank-Walter Steinmeier hat es weit gebracht. Seinen Aufstieg verdanke der SPD-Spitzenkandidat, so schrieb er letzte Woche in der ZEIT Nr. 31/09, nicht nur weitblickenden Eltern und guten Lehrern, sondern ebenso dem gebührenfreien deutschen Bildungssystem. Genau deshalb ziehen Steinmeier und seine Partei mit dem Versprechen in den Wahlkampf, die Studienbeiträge abzuschaffen und den Kindergartenbesuch gebührenfrei zu stellen.

Biografisch mögen solche Forderungen folgerichtig sein, politisch weitsichtig sind sie jedoch nicht - sozial gerecht ebenso wenig. Die Bildungsausgaben in Deutschland müssen steigen, darüber sind sich alle einig. Gerade einmal 8,6 Prozent unseres Bruttosozialproduktes geben wir laut OECD zurzeit für unsere Kindergärten, Schulen und Universitäten aus. Die SPD möchte diesen Anteil auf über zehn Prozent steigern. Das Geld ist gut angelegt. Es reicht jedoch allenfalls, um die größten Löcher zu stopfen. Um Deutschland international an die Spitze zu bringen, sind weit mehr Ausgaben nötig, und zwar gerade am Anfang und am Ende der Bildungskette.

Doch wie soll bei uns die Lernoffensive gelingen, wenn die privaten Bildungsaufwendungen, so wie es die SPD wünscht, gleichzeitig sinken? Wie macht man den Bürgern klar, dass Bildung wertvoll ist, wenn man ihnen gleichzeitig verspricht, dass sie selbst dafür nichts bezahlen müssen? Der Bildungsboom kann nur dann gelingen, wenn das benötigte Geld nicht allein vom Staat kommt.

Dabei ist kaum ein Feld besser geeignet, die finanziellen Lasten zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft gerecht zu verteilen, als die Hochschulbildung. Akademiker beanspruchen mehrfache Vorteile: Als Studenten dürfen sie eine verlängerte Jugend genießen, als Berufstätige ein höheres Prestige. Sie verdienen deutlich mehr und werden nur halb so häufig arbeitslos wie Nichtakademiker.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass Hochschulabsolventen später höhere Steuern entrichten, zahlen sie den Preis ihres Studiums selten voll zurück. Lange Zeit war das Bewusstsein für den Wert eines Studiums nur schwach ausgeprägt. Weder hatten die Studenten Anlass, zügig zum Abschluss zu kommen, noch brachte es den Hochschulen viel, sie dabei zu unterstützen. Langsam ändert sich diese Mentalität - auch dank der erhobenen Studienbeiträge. Den Universitäten haben die Hochschulgebühren beträchtliche Mehreinnahmen beschert. Anders als viele Kritiker befürchteten, versickern sie nicht im Haushalt. Vielmehr investieren die meisten Hochschulen die Extramillionen in längere Öffnungszeiten der Bibliotheken, zusätzliche Bücher sowie in Tutoren und Lehrprofessuren. Vielerorts dürfen Studenten bei der Verwendung der Campusmaut mitbestimmen.
Zugegeben: In den meisten Bundesländern wurde die Campusmaut nicht so eingeführt, wie es sich die Befürworter gewünscht hätten. Sogenannte nachlaufende Gebühren, bei denen die Akademiker erst dann zur Kasse gebeten werden, wenn sie im Beruf Geld verdienen, gibt es bislang nur in Hamburg. Auch wenn die Gebühren nur moderat sind - das gesamte Bachelorstudium kostet 3000 Euro - und Bafög-Empfänger vielerorts befreit sind, wirken die Gebühren für einige Abiturienten abschreckend. Doch die Gruppe ist nicht groß. Die meisten Kinder aus einfachen Verhältnissen scheitern bereits in der Schule. Zudem lassen sich die Abschreckungseffekte durch ein Stipendiensystem abmildern. Dafür sollte die SPD kämpfen - und nicht dafür sorgen, dass Kinder von Ärzten, Anwälten und Journalisten in Zukunft gratis studieren.

Genau diese Gruppe profitiert auch vom zweiten Wahlkampfgeschenk der SPD am meisten: der Abschaffung der Kitagebühren. Bis zu 4000 Euro pro Kind würden Besserverdienende mit der SPD jährlich sparen. Zwar gilt die Gebührenpflicht auch für Bedürftige. Manche Eltern lassen ihr Kind zu Hause, weil sie selbst den Mindestbeitrag nicht bezahlen können. Doch auch ihre Zahl ist verschwindend gering. Als Berlin das letzte Kitajahr beitragsfrei stellte, lockte das nur 500 Kinder zusätzlich in die Einrichtungen - und kostete die Stadt 12 Millionen Euro. Einen ähnlichen Effekt hätte man jedoch gehabt, würde der Gebührenerlass nur für die unteren Einkommensgruppen gelten.

Das wäre auch aus pädagogischen Gründen sinnvoll. Denn das frühe Lernen in der Kita nutzt in erster Linie Kindern aus bildungsfernen Familien. Für sie verzinst sich jeder investierte Euro bis zu siebenmal, wie Ökonomen errechnet haben. »Die Mittelschichten aber sollen zahlen«, fordert etwa Nobelpreisträger James Heckmann, einer der vehementesten Befürworter der frühkindlichen Bildung. Unsere Kitas, Schulen und Universitäten können auf keinen Euro verzichten. Wer die Parole ausgibt: Bildung darf nichts kosten, hat das nicht verstanden.


Aus DIE ZEIT :: 30.07.2009

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