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Der erste Student der Freien Universität Berlin


Von Stefan Kesselhut

Wie Stanislaw Kubicki vor 60 Jahren mit Kommilitonen die Freie Universität Berlin gründete und ihr allererster Student wurde.

Der erste Student der Freien Universität Berlin© Universitätsarchiv FU BerlinStanislaw Karol Kubicki als Student
Viele Bücher stehen in Stanislaw Karol Kubickis Haus im Berliner Stadtteil Britz. So viele, dass sich alle Regalbretter bedrohlich weit durchgebogen haben. Kubicki sitzt im Wohnzimmer zwischen den Bücherregalen und muss nicht lange nachdenken, bis die Erinnerungen wieder präsent sind, die Geschichten und Anekdoten. Als wäre alles vor Kurzem passiert, nicht vor 60 Jahren. "Wenn ich zurückschaue, sieht vieles aus, als hätte es so laufen müssen. Dabei war das meiste Zufall und Glück, ich habe einfach manchmal im richtigen Moment zugegriffen", sagt Kubicki.

Ein Jahr nach Kriegsende, 1946, kam der damals 22-Jährige aus russischer Gefangenschaft wieder in seine Heimatstadt Berlin und schrieb sich an der Universität für Medizin ein. "Ich war nach den Einsätzen an der Ostfront und nach dem Ende der Diktatur froh, endlich zu studieren, endlich an die Uni zu kommen", sagt er.

Lange währte seine Freude über die neue Zeit nicht. Denn die Berliner Universität am Boulevard Unter den Linden, die später in Humboldt-Universität umbenannt wurde, lag in jenem Sektor der Stadt, der von den Sowjets besetzt war. Diese stellten die Hochschule unter staatliche Kontrolle und ließen sie in eine kommunistische Kaderschmiede für die entstehende DDR umbauen. Bald gingen die Studenten am Haupteingang an roten Fahnen und einem Emblem der gerade gegründeten SED vorbei. Und bei diesen äußerlich sichtbaren Veränderungen blieb es nicht.

"Wir merkten schnell, dass die Kommunisten an unserer Universität keine freie Wissenschaft zulassen wollten", erinnert sich Kubicki. Die Bewerber wurden von jetzt an politisch überprüft, später richtete man eine Arbeiter-und-Bauern-Fakultät ein. Die Dozenten wurden auf Linie gebracht. "Bei vielen Studenten und Professoren stimmte anscheinend vor allem das Parteibuch, die Leistung war wohl nicht so wichtig", sagt Kubicki. Er und seine Kommilitonen wollten sich damit nicht abfinden. Mit einigen älteren Studenten gründeten sie die Zeitschrift Colloquium, besorgten eine Lizenz der Amerikaner und schrieben an gegen Bevormundung und Politisierung in der Universität.

Die Verantwortlichen der Uni schauten sich das nicht lange an und suspendierten drei Redaktionsmitglieder vom Studium. Damit lösten sie einen Protest aus, an dessen Ende 1948 eine neue Universität in West-Berlin stand, die heutige Freie Universität (FU).

Der erste Student der Freien Universität BerlinStanislaw Karol Kubicki heute
Eine wichtige Station auf dem Weg zur neuen Hochschule war die Küche der Kubickis in Berlin-Britz. "Hier im Haus luden meine Mutter und ich oft zum Sonntagsfrühstück ein. Da waren viele dabei, die später die FU mitgründeten. Wir redeten über die aktuellen Ereignisse, die uns alle bewegten. Wir diskutierten, was nun zu tun sei, was wir tun könnten. Und manches, was wir damals besprochen haben, wurde später auch umgesetzt an der neuen Uni", sagt Kubicki. Zu diesem Zeitpunkt existierte eine neue, von politischen Zwängen freie Universität nur in den Köpfen der Redaktionsmitglieder des Colloquiums. Schnell aber wurde aus dem Traum ein konkretes Vorhaben.

Nach einer Demonstration mit mehr als 2000 Studenten bildeten die Wortführer des Protests einen Gründungs-Asta, in dem auch Kubicki saß und der zu einem großen Teil aus Colloquium- Redakteuren bestand. "Ohne uns Studenten, ohne den Druck, den wir gemacht haben, hätte die Uni nie gegründet werden können", sagt Kubicki. Sie planten und organisierten den Aufbau der neuen Universität, die Amerikaner und Berliner Politiker unterstützten sie.

Die Unterstützung der Amerikaner war besonders wichtig, denn offiziell ist eine Universitätsgründung erst, wenn der Staat die Hochschule anerkennt. Und der Staat, das waren damals die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Während die Sowjets die Stadt abriegelten und die Berlin- Blockade begann, schrieben die Gründer der FU eine Satzung, die als "Berliner Modell" bekannt wurde.

Die Uni wurde danach nicht dem Staat unterstellt, sondern verwaltete sich selbst, geleitet von einem Kuratorium, in dem neben Professoren und Politikern auch Studenten saßen. Mit dieser Selbstverwaltung wollte man verhindern, dass der Staat oder eine andere Interessengruppe zu viel Einfluss nimmt auf die Universität. Neben diesen grundsätzlichen Problemen mussten die Gründer auch praktische Fragen klären. "Wir Studenten haben anfangs viele Aufgaben übernommen, für die man eigentlich Verwaltungsleute braucht. Die hatten wir nicht, deshalb machten wir alles selbst", sagt Kubicki.

Er suchte ein Klinikum für die medizinische Fakultät, veranstaltete Bälle und verteilte die Ein nahmen an mittellose Studenten. Und war ver antwortlich für die "Quästur", das Immatrikulationsbüro. Im Herbst 1948 hatten er und ein Kommilitone den Auftrag, alle neuen Medizinstudenten einzuschreiben, deren Nachnamen mit A bis K begannen. "Diese Gelegenheit musste ich einfach nutzen, ich wollte der Student mit der Matrikelnummer 1 sein. Mein Mitstudent Koper wollte es auch, also haben wir eine Münze geworfen."

Kubicki gewann und schrieb seinen Namen ganz oben auf der ersten Seite des Matrikelbuches ein. Ohne Zufall geht es manchmal nicht, wenn man in die Geschichte eingehen will.

Aus DIE ZEIT :: 04.12.2008

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