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Der große Feldversuch

Von Manuel J. Hartung und Jan-Martin Wiarda

An den Hochschulen wird so viel reformiert wie nie zuvor. Das Ergebnis: Die deutsche Universität gibt es nicht mehr.

Der große Feldversuch: Reform der Universitäten© Andre Zelck - www.andre-zelck.comGermanistik-Student Daniel Adamczak
Manchmal fragt sich Daniel Adamczak, wie es wohl früher gewesen sein muss, damals, als die Studenten noch Zeit hatten. "Kein voll gestopfter Stundenplan, kein Klausurenmarathon, keine Studiengebühren", sagt er mit verklärtem Blick. Was für eine Vorstellung! Seine ältere Schwester hat die Zeit noch erlebt, damals, vor acht Jahren, vor einer Reform-Ewigkeit. Und heute? "Das ist kein Studium mehr, das ist eine Ausbildung." Er sagt es nicht wie einen Vorwurf, eher wie eine Feststellung. Adamczak ist 22 und macht seinen Bachelor in Germanistik an der Universität Duisburg-Essen, einer der größten im Land mit mehr als 30 000 Studenten. Und wie Adamczak da sitzt, in der überfüllten Cafeteria mitten auf dem Beton-Campus in Essen, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. "Sicher, es könnte weniger stressig sein", sagt er, "aber ein bisschen Druck kann ich gebrauchen." Plötzlich friert sein Lächeln ein. "Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu viel ist, dass ich kaputtgehe."

Es ist paradox: Einerseits schwärmt Adamczak von den alten Zeiten, die er nicht erlebt hat, und leidet unter dem permanenten Druck; andererseits fühlt er sich an der heutigen Uni wohl. Dieses "Sowohl- als-auch", dieses "Halbe-halbe", wie Adamczak sagt, ist typisch für die zwei Millionen Studenten in Deutschland. Sie alle sind Teil eines gigantischen Feldversuchs: denn die Universitäten verändern sich in so rascher Folge wie seit Jahrzehnten nicht. Seit den Reformen Wilhelm von Humboldts im frühen 19. Jahrhundert, so weit gehen manche Beobachter, hat es solche Umwälzungen nicht gegeben; nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nach dem Sputnik- Schock, nicht nach 1968, nicht nach der deutschen Einheit. "Jetzt stehen die Reformen auf der Tagesordnung, die wir jahrelang nicht angegangen sind", sagt der Germanist Wolfgang Frühwald, früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Ein Interview mit Wolfgang Frühwald finden Sie hier: "Wir sind zu kleinmütig").

Wenn ein Student wie Adamczak die Broschüre einer deutschen Universität aus dem Jahr 1998 in die Hand bekäme, würde sie ihm von einer völlig anderen Institution erzählen als jener, die er heute kennt: Damals gab es Magister und Diplom, heute gibt es Bachelor und Master. Damals zahlten die Studenten niedrige Verwaltungsbeiträge, heute fallen zusätzlich bis zu 500 Euro Studiengebühren im Semester an. Damals waren die Hochschulen wie nachgeordnete Behörden, den Wissenschaftsministerien bis hin zur Bestellung von Tafelkreide Rechenschaft schuldig; heute sind viele selbstständig, etwa als Stiftungen mit einem starken Präsidenten an der Spitze. Damals war es, zumindest der herrschenden Meinung nach, egal, an welcher Hochschule sich die Erstsemester einschrieben; heute differenziert sich die Hochschulwelt in Elite-Unis und solche ohne Prädikat, in Fachhochschulen, die sich Universities of Applied Sciences nennen, in Privat-Unis und Unternehmenshochschulen. (Eine Übersicht über Reformbaustellen finden Sie hier)

Während die Befürworter der Reformen sie für unabdingbar halten, damit Deutschland auf dem weltweiten Bildungsmarkt mithalten kann, verurteilen Kritiker die Veränderungen als wirtschaftsfreundlich, ja neoliberal. Einig sind sich beide Seiten nur in einem: Die Reformen markieren das Ende der deutschen Universität. Denn die deutsche Universität gibt es tatsächlich nicht mehr. Oder, wie der Philosophieprofessor Walter Ch. Zimmerli, neuer Präsident der TU Cottbus, sagt: Wer von ihr rede, müsse das künftig im Plural tun. "Wir alle leiden am Erbe des Platonismus, die Vielheit auf die Einheit reduzieren zu wollen", sagt Zimmerli. In einer Zeit, in der nicht mehr wie in den sechziger Jahren acht Prozent eines Altersjahrgangs studieren, sondern fast vierzig, muss es auch viele Typen von Universitäten geben.
Heute kann eine deutsche Universität darum so aussehen wie die von Daniel Adamczak: eine Uni, die eher Schule ist als Hochschule, mit fixem Stundenplan und ständig überprüftem Wissen. An der nicht das Ausmaß der Selbstfindung den Takt vorgibt, sondern der Blick auf die Gebührenrechnung. Sie kann aber auch so sein wie die von Sina-Victoria Barysch. Barysch ist gerade 25 Jahre alt geworden, sie sitzt in einem Seminarraum am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, vom Gang gehen Labore ab, und während sie sich über die langen blonden Haare streicht, sagt sie Sätze wie: "Elite? Warum sollte ich mich nicht wohl dabei fühlen?" Barysch ist gewissermaßen die Elite der Elite, sie belegt den Integrierten Master- und Promotionsstudiengang Molekularbiologie und erforscht Transportwege in Rattenzellen. Der Studiengang ist Teil einer Graduiertenschule, wird getragen von der Uni Göttingen, die kürzlich im Elitewettbewerb zu den Siegern zählte, drei Max-Planck-Instituten, den elitärsten Forschungseinrichtungen, die diese Republik zu bieten hat, und dem Primatenzentrum. Barysch übersprang wegen exzellenter Leistungen die Masterarbeit und fing gleich damit an, an der Dissertation zu arbeiten.

Als der Studiengang im Jahr 2000 erfunden wurde, zeigte er als eine Art Prototyp, wie deutsche Universitäten es in Zukunft an die internationale Spitze schaffen sollen: Die Macher legten Englisch als Unterrichtssprache fest und rekrutierten Studenten aus der ganzen Welt. An 50 Orten weltweit fanden die Auswahlverfahren statt, etwa in Indien und China; erst gab es Tests vor Ort, etwa in Goethe-Instituten, die Besten wurden nach Göttingen eingeladen; wer zu weit weg wohnte, wurde per Videokonferenz von bis zu sechs Prüfern befragt. Zwei Drittel der Studenten stammen aus dem Ausland, viele aus Osteuropa. Die Betreuung ist exzellent. "Die Kurse sind sehr klein, ich kann jederzeit mit meinen Professoren reden", sagt Barysch. Auch in Duisburg-Essen gibt es mittlerweile vier Graduiertenschulen, die allerdings nicht aus dem Exzellenzwettbewerb hervorgegangen sind, sondern von der DFG gefördert werden, dazu ein vom Land getragenes Forschungskolleg. Sie alle gehören zu dem Versuch, Exzellenz in einem Land zu etablieren, das von seinen Massenuniversitäten geprägt ist. Für Lothar Zechlin, den Rektor von Duisburg-Essen, gehört genau das zur komplizierten Wirklichkeit der deutschen Hochschulen. "Masse und Elite, das ist kein Gegensatz ", sagt er. "Wir brauchen die akademische Ausbildung für breite Bevölkerungskreise und, darauf aufbauend, Institutionen, die herausragende Talente verstärkt fördern und international ganz vorn mitspielen."

Es ist womöglich der beste Beleg für den krassen Wandel, den Deutschlands Universitäten durchlaufen: Solche Sätze von dem Rektor einer Hochschule zu hören, die erst kürzlich unter Schmerzen aus den Unis in Duisburg und Essen entstand; die wegen weniger Absolventen mit immer weniger Geld auskommen muss und bei der Exzellenzinitiative leer ausging. Der Glaube an Wettbewerb und Eliteförderung ist offenbar selbst jenen ins Blut gegangen, die gemeinhin als die Verlierer des Neuanfangs gelten, selbst wenn sie, wie Zechlin, den Elitewettbewerb kritisieren.

Die Gewinner sehen das verständlicherweise anders - und schwärmen von den Bedingungen. In Baryschs Göttinger Studiengang führen sie schon die Anfänger an die Spitzenforschung heran. Das mag zunächst wie eine Selbstverständlichkeit klingen, ist aber in Deutschland immer noch die Ausnahme: In Göttingen wurde die strikte Trennung zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung überwunden, eine Forderung, die Experten schon seit Langem erheben. Dichotom gesprochen, gab es in Deutschland lange Jahre chronisch unterfinanzierte Unis, die massenweise Studenten ausbilden sollten, während oft nur wenige Meter entfernt bestens ausgestattete Forschungsinstitute ein Heer von Eliteforschern beschäftigten. Beide Seiten beäugten sich streng. "Unser Studiengang war auch ein Experimentierkasten, um die Skepsis der Kollegen von außeruniversitären Einrichtungen zu überwinden", sagt Steffen Burkhardt, der Koordinator des Studiengangs, "es gibt diese Unterscheidung faktisch nicht mehr." Was vor einigen Jahren noch absolute Avantgarde war, wurde in der Ex zellenzinitiative ein Hebel zum Titel "Elite-Uni" - in Aachen und Karlsruhe führte ein solches Konzept der Koope ration zum Erfolg.

Sina-Victoria Barysch und Daniel Adamczak, Göttingen und Duisburg-Essen, illustrieren, mit welch großen Fliehkräften sich die einzelnen Universitäten von dem entfernen, was einmal der Kern der deutschen Universität gewesen ist - oder in der Vorstellung breiter Teile der Öffentlichkeit gewesen sein soll. Als universitas magistrorum et scholarium war sie gestartet, als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden; zum Beginn des 19. Jahrhunderts bildete sich aus, was hundert Jahre später als Humboldtsches Bildungsideal sprichwörtlich werden sollte: In Einsamkeit sollten Wissenschaftler forschen, in Freiheit sollten sie lehren und die Studenten lernen. Daraus verfestigte sich die Ansicht, dass die Ausbildung an den Hochschulen überall gleich gut und wertvoll sei - was sicher nie wirklich der Fall war.
Die Fixierung auf ein hehres Ideal ging dabei über viele Jahre an den Interessen der Studenten vorbei. In dem Maße, in dem die Hochschulen expandierten und neue Bevölkerungskreise aufnahmen, änderte sich auch die Zusammensetzung die Studentenschaft; viele Lehrende ignorierten das. Dabei sind die Absolventen von heute kaum vergleichbar mit den Akademikern der frühen Sechziger: Heute studiert nicht nur, wer Professor oder Anwalt, Lehrer oder Arzt werden will, sondern auch die PR-Assistentin oder der mittelständische Immobilienmakler. Doch die neuen Massen-Unis waren ohne Konzept, das Studium blieb, trotz aller vermeintlichen Reformen, im Grunde gleich: abgestimmt auf die Bedürfnisse jener acht Prozent Bil dungs oberschicht, die vor vierzig Jahren studierten, untauglich für die Ausbildung von Massen, ihre Qualifizierung für den Arbeitsmarkt.

Der akademische Stillstand verband sich mit der hartnäckigen Weigerung der Politik, die Hochschulen angesichts des Ansturms von Erstsemestern mit den nötigen Geldern auszustatten. Die Folgen: Viele Studenten brachen ab, drehten eine Semesterrunde nach der nächsten, waren beim Abschluss im Schnitt fast 30 Jahre alt. Doch diese Bankrotterklärung wurde auch zum Gründungsdokument des Neuanfangs; der Elitewettbewerb und die Einführung des Bachelors sind zwei Seiten einer Medaille. Jetzt endlich wollen die Universitäten beiden Gruppen gerecht werden: den paar Prozent jedes Altersjahrgangs, die heute so forschen können und wollen wie früher, und der großen Masse, die früher keine Chance auf ein Studium hatte, die heute aber eine fundierte akademische Ausbildung braucht, um einen guten Job zu finden.

Es wuselt auf der Reformbaustelle Universität, es kracht und knarzt, doch die Verunsicherung ist gewaltig, vielen fehlt die große Vision: Was ist das Ziel? Geben sich die Universitäten selbst auf, wenn sie für eine große Mehrheit der Studenten reine Ausbildungseinrichtungen sind und nicht mehr Ort der großen gesellschaftlichen Debatten von einst? Wie wird, wie soll die deutsche Universität, im Singular wie im Plural, aussehen in zehn Jahren, in 15, in 20? Hat der Germanist Frühwald recht, wenn er sagt, dass "die Mutter aller Reformen" noch bevorsteht? Vielleicht kann es die eine große Vision auch gar nicht geben, vielleicht ist gerade ihr Fehlen Ausdruck der Entwicklung hin zur Vielfalt, die die Hochschulen hinter sich haben. Ideen indes, wie die Universität der Zukunft aussehen sollte, gibt es viele. Wolfgang Frühwald glaubt, die Einführung des Bachelors werde zwangsläufig zur Trennung in Ausbildungsund Forschungseinrichtungen führen. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger prophezeit Universitäten, die den "verheißungsvollen, aber nicht einzulösenden Anspruch, alles gleich gut zu machen", durch eine klare Fokussierung auf ihre Exzellenzbereiche ersetzen. Uwe Wesel, einer der letzten gro ßen Linken der deutschen Universität, wünscht sich eine Uni versität, in der Lehre und Forschung im Gleich gewicht stehen, "ohne Projekte, Projekt verbindun gen, Sonderforschungsbereiche oder Exzellenzcluster, wofür zu viel Zeit bei Anträgen aufgewendet werden muss und hinterher noch mehr Arbeit erforderlich ist".

Ganz gleich, wie die Universität der Zukunft aussehen wird, ihr Wandel ist nicht mehr aufzuhalten. Abends, bevor Daniel Adamczak den Zug zurück nach Oberhausen nimmt, diskutieren er und seine Kommilitonen manchmal noch über Adorno, Nietzsche und die Dialektik, und irgendwann klagt dann einer von ihnen darüber, dass sie viel mehr pauken müssen als die verbliebenen Magisterstudenten, die letzten Zeugen einer untergehenden Hochschulwelt. Die Bachelorstudenten dagegen müssen alles unter einen Hut bringen: Uni, Nebenjob, Privatleben. Und in der Regelstudienzeit fertig werden. Es ist nicht nur der Druck von außen, der sie treibt: Sie sind aufgewachsen in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs, geprägt von der Angst vor Arbeitslosigkeit. Sie wissen, sie müssen sich anstrengen, um einen guten Job zu bekommen, und sie sind auch bereit dazu.

So fällt die Reform des Studiums, die Neudefinition dessen, was Universität heißt, zusammen mit einer neuen ehrgeizigen und zudem offenbar extrem unideologischen Studentengeneration: zwei Effekte, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. Adamczak verlässt morgens um acht das Haus, und oft wird es neun oder zehn Uhr abends, bis er wieder daheim ist. "Ich komme kaum noch zu etwas anderem als Studieren", sagt er. Sein Blick schweift über den nicht abreißenden Strom von Studenten, die sich mit einem Stück Kuchen eindecken, er grüßt eine vorübergehende Freundin, winkt dem Kumpel am Nebentisch - und lächelt. Da ist sie wieder, diese Mischung aus Kritik und Zufriedenheit. Dann sagt er, fast verwundert über sich selbst: "Die Uni ist mein Lebensmittelpunkt."

Aus DIE ZEIT :: 17.01.2008

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