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Der Moor-Mann: Über den Landschaftsökologen Michael Succow

Von Christiane Grefe

Michael Succow will als Landschaftsökologe wirtschaftliches und natürliches Wachstum unter einen Hut bringen.

Der Moor-Mann: Über den Landschaftsökologen Michael SuccowProf. Michael Succow
Ein »einzigartiger Charakter, in dem noch viel wilde, originale Natur verblieben ist«, so hieß es einst von dem amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau. Der Satz könnte auch auf Michael Succow gemünzt sein. Zwar lebt der Landschaftsökologe aus Greifswald nicht in einer Blockhütte in der Wildnis wie einst der Radikaldemokrat, sondern in einem Reihenhaus am Stadtrand. Aber urwüchsig wirkt er schon mit seinem Weihnachtsmannbart. Und wenn der unermüdliche 67-Jährige bei seinen Expeditionen Rast macht, sucht er sich nicht etwa einen Baumstumpf oder glatten Stein zum Verschnaufen. Er lässt sich einfach fallen, mitten hinein in den hohen Farn. Da liegt er dann, der weltweit anerkannte Naturschutzfunktionär, Moorforscher und Träger des Alternativen Nobelpreises, im feuchten Gras, Arme und Beine ausgebreitet, die Augen geschlossen, und hält »Zwiesprache mit der Natur«.

Die Naturverbundenheit habe er sich, erzählt er, aus seiner Kindheit bewahrt. Schon mit zehn Jahren erkundete Succow als Hütejunge einer großen Schafherde jedes Detail der brandenburgischen Äcker, Wiesen und Feuchtgebiete. Bis heute speist die »große Neugier auf alles Wissen um die Natur« die Ausdauer, mit der er überall in der Welt die letzten Wildnis-Inseln gegen den Angriff einer landschaftshungrigen Ökonomie verteidigt. Der gefährlichste Fehler dieser Wirtschaftsweise sei das »Verbrennen fossiler Reserven in Tateinheit mit der Zerstörung von Mooren und Wäldern als CO2- Senken«. Damit beraube sich die Ökonomie irreversibel ihrer eigenen Grundlagen.

Zumindest darin sei der Kapitalismus kaum anders als der Sozialismus, in dem Succow die längste Zeit gelebt hat. In den Ausnahmemonaten kurz vor der Wende gelang ihm noch schnell ein folgenreicher Coup: Als stellvertretender Umweltminister der Modrow-Regierung klopfte er damals in Windeseile ein umfassendes Nationalpark-Programm fest, gerade rechtzeitig zur letzten Sitzung des DDR-Ministerrats. Mehr als fünf Prozent der Fläche Ostdeutschlands stellte es vorbildhaft unter strengen Naturschutz. Im Nachhinein scheinen Succows DDR-Jahre wie eine Vorbereitung auf diesen Geniestreich. Gerade die Fesseln und Widerstände dort lehrten ihn, seine Ziele langfristig und notfalls auf Umwegen zu verfolgen, ohne sich in der Sache zu verbiegen. »Dann werd ich eben Schäfer« war immer seine Rückzugsoption, wenn er Gegenwind bekam.

Die Stasi hielt ihn für "verträumt, geschwätzig - unbrauchbar"

Zunächst schien alles glatt zu laufen. Zwar war der Hof seiner Eltern in den sechziger Jahren zwangskollektiviert worden, doch der »Kulakensohn « aus der »Ausbeuterklasse« stieg dadurch unverhofft zum privilegierten Förderobjekt des Arbeiter-und-Bauern-Staates auf. Sogar sein Traumstudium durfte er aufnehmen - Biologie an der Uni Greifswald. Dort gaben »zwei Herren « von der Partei dann zu erkennen, dass er ihnen Berichte über das sozialistische Fortkommen der Kommilitonen liefern solle. Obwohl Succow nicht mitspielte, ließ man ihn noch in Ruhe, wohl auch, weil er, derart begeistert von der Natur, laut Stasi-Akte als »verträumt, geschwätzig, unbrauchbar« galt. Als er sich jedoch nach dem Prager Frühling als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Botanischen Institut weigerte, sein Einverständnis mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zu bekunden (»Dann werd ich lieber Schäfer «), versagte man ihm nicht nur die dringend benötigte größere Wohnung.

Fortan sollte er überdies von vegetationskundlichen Studien in der Natur umsatteln auf mikrobiologische Forschung im Labor. »Immerhin - gekündigt haben sie mir nicht«, sagt er. Er ging von selbst. Zum Geldverdienen blieb ihm nur die Arbeit in der Agrarproduktion: der Flurbereinigung, die in der DDR ähnlich beschönigend wie im Westen »Melioration« genannt wurde. Sie führte Succow zurück in seine Heimatregion bei Bad Freienwalde; zunächst in ein Kombinat, dann ans Bodenkundliche Institut der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. Doch auch wenn er an keiner Hochschule mehr arbeiten durfte: Es gelang ihm, sein Lebensthema nebenher weiter zu verfolgen und über die Ökosysteme der Moore inoffiziell zu habilitieren; als Professor ohne Lehrstuhl. Unterstützung erfuhr er dabei von Naturschutzfreunden, die sich unter dem Dach des Kulturbundes versammelten und von denen viele wie er »die persönliche Freiheit vor die Karriere stellten«.

Er kritisiert den Wissenschaftsbetrieb als verkrustet, sich selbst bedienend

In den achtziger Jahren begeisterte Succow auf Vortragsreisen viele Menschen für Pflanzen, Tiere und Landschaften, gezielt warnte er auch vor den ökologischen Schäden der Intensivlandwirtschaft. Seiner breiten Anerkennung wegen sei er schwer mundtot zu machen, hätten nun auch die Informanten der Stasi befunden, erzählt er. Als der Biologe wachsenden Druck zu spüren bekam, er solle in die SED eintreten, zog er lieber für die Blockpartei LDPD in den Agrarausschuss der Volkskammer ein. Das verschaffte ihm nicht zuletzt Zugang zu verbotenen Grenzstreifen und Truppenübungsplätzen, die teilweise später zu Naturreservaten wurden.

Nach der Wende reiste Succow nach Osteuropa und in die früheren Sowjetrepubliken. Die Bilder von abgestorbenen Wäldern und vergifteten Gewässern ließen die schockierte Öffentlichkeit zu Beginn der neunziger Jahre oft vergessen, dass die Planwirtschaft nicht die ganzen Weiten von Georgien bis Sibirien hatte ausbeuten können. Succow und seine Mitstreiter nutzten nun auch in Kirgistan, Jakutien, Usbekistan und Aserbajdschan die Gunst der Stunde und halfen, Millionen von Hektar wilder Steppen, Seenlandschaften und Wüsten in Schutzgebiete umzuwandeln. Dass Nutzen und Schützen miteinander einhergehen müssen, ist heute ein Gemeinplatz; Michael Succow war seiner Zeit mit diesem Ansatz um Jahre voraus. Er prägte auch den Studiengang für Landschaftsökologie und Naturschutz, den er 1992 an der Universität Greifswald konzipierte. Mit dem Ruf dorthin, wo seine Laufbahn einst begonnen hatte, bekam er also doch noch jene akademische Chance, die ihm in der DDR verbaut war. Succows Studenten landen in NGOs, Ministerien und UNOrganisationen; von Kalimantan bis Feuerland spannen einige von ihnen ihren mittlerweile emeritierten Lehrer dabei ein, »die Welt zu verändern«. Aus dem Greifswalder Biotop hat er ihnen eine einzigartige interdisziplinäre Wissensmischung aus biologischen Disziplinen, Ökologie und Umweltethik, Landschaftsökonomie und internationalem Naturschutz auf den Weg gegeben.

Denn nicht auf das Zählen einzelner Arten komme es an, sagt er, sondern auf das Verständnis ganzer Ökosysteme. Manchen Fachkollegen ist Succows Ansatz zu politisch. Er kritisiert seinerseits den gängigen Wissenschaftsbetrieb. »Wie kann es sein, dass sich keine einzige Exzellenzinitiative dem Schlüsselthema Ökologie widmet?«, fragt er. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördere mit ihrer Fokussierung auf die Biotechnologien einen »verkrusteten, sich selbst bedienenden Apparat, der die Atomisierung der Wissenschaft immer noch weiter treibt«. Nach der Wende sieht sich der freundliche Rebell also erneut in der Opposition. Seine Erwartung nach dem Mauerfall, »dass sich der Fortschritt aus dem am höchsten entwickelten System weiter entfaltet «, sei »weitgehend ernüchtert«, sagt er. Enttäuscht vom Zögern der meisten Politiker angesichts des drohenden Klimawandels, setzt er wie früher vor allem auf die Zivilgesellschaft. Seine innovativen Lehrstühle wurden als Stiftungsprofessuren zunächst von privaten Geldgebern finanziert; darunter vom Hamburger Unternehmer Michael Otto, mit dem Succow gut befreundet ist und der zugleich Projekte seiner eigenen Michael Succow Stiftung fördert. Mittlerweile fließt aber auch Regierungsgeld aus dem Emissionshandel in Succows Naturschutzarbeit in aller Welt.

Wenn er nach der Rückkehr von einer Reise stundenlang Geschichten zum Besten gibt, wird deutlich, dass ihn auch eine gehörige Portion Abenteuerlust antreibt. In die Ferne hatte es Michael Succow bei aller Verwurzelung schon immer gezogen. »Ach, da könnte ich erzählen ...« Zum Beispiel, was ihm vor ein paar Monaten in Kanadas Wäldern passierte, als er bei Eiseskälte im Nebel die Hand nicht mehr vor Augen sah und auf eine vier Meter hohe Fichte klettern musste, um sich zu orientieren. »Weil ich zum Runterklettern zu schwach war, hab ich mich einfach fallen lassen.« Im hohen Norden wollte er für sein geplantes Buch über die Moore der Welt recherchieren. Und in Ruhe darüber nachdenken, wie die Menschheit von der Strategie der Natur lernen könnte, »zu wachsen und dabei immer komplexer und reicher zu werden, ohne pleite zu gehen«. Ohne die Hoffnung darauf, sagt Michael Succow, »würde ich schon längst Schafe hüten«.


Der Mensch und seine Idee
Der Bauernsohn Michael Succow wurde 1941 in Lüdersdorf bei Bad Freienwalde geboren. studierte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Nachdem er offen mit den Reformprozessen des Prager Frühlings sympathisiert hatte, musste er außerhalb der Hochschule als Bodenkundler arbeiten. 1987 konnte er sich dennoch habilitieren. Seine Typisierung der Moore gilt als Standardwerk. Für seine Verdienste um den Naturschutz in Osteuropa bekam er 1997 den Alternativen Nobelpreis. Succow ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Während der konventionelle Naturschutz den Menschen von Wäldern, Mooren und Küsten fernhalten will, verfolgte Succow schon früh das Bemühen, wirtschaftliche Nutzung, Naturparks und Wildnis in Einklang zu bringen. Für dieses Ziel arbeitet der Vizepräsident des Naturschutzbundes Nabu weltweit als Landschaftsökologe. Darauf ist der interdisziplinäre Studiengang, den er an der Uni Greifswald entwickelte, ebenso ausgerichtet wie die Michael-Succow-Stiftung zum Schutz der Natur, die jetzt im März ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

Aus DIE ZEIT :: 05.03.2009

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