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Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen: "Ich bin ein hartnäckiger Mensch"

Das Gespräch führte Hans Schuh

Der Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen über dringend benötigte Impfstoffe für die Entwicklungsländer, das Zögern der Pharmaindustrie und die Forscherkonkurrenz.

Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen : "Ich bin ein hartnäckiger Mensch"© DKFZ HeidelbergProf. Dr. Harald zur Hausen
DIE ZEIT: Zunächst herzlichen Glückwunsch!

HARALD ZUR HAUSEN: Vielen Dank!

ZEIT: Sie hatten sich gefreut, wieder in Ruhe forschen zu dürfen. Ist es damit jetzt vorbei?

ZUR HAUSEN: Ich hoffe, bald wieder zu meinem normalen Leben zurückkehren zu können.

ZEIT: Nobelpreisträger sind erfahrungsgemäß viel verpflichtete Botschafter der Wissenschaft.

ZUR HAUSEN: Dennoch wird das abebben. Und Sie wissen ja: Ich bin ein hartnäckiger Mensch...

ZEIT: ...auch im Kampf mit der Pharmaindustrie. Die beiden Impfstoffe gegen Gebärmutterhalskrebs, die auf Ihrer Forschung beruhen, sind viel zu teuer für Entwicklungsländer. Dort sind 80 Prozent der 274 000 Todesfälle pro Jahr zu beklagen. Zeichnet sich da eine Lösung ab?

ZUR HAUSEN: In China und Indien bauen Firmen eigene Impfstoffproduktionen auf. Das wird zwar noch einige Zeit dauern, weil sie klinische Tests durchlaufen müssen. Dann dürften die Preise purzeln und bald sehr viel niedriger liegen als heute.

ZEIT: Müssten die beiden Herstellerfirmen nicht jetzt schon Sonderkonditionen für Arme bieten?

ZUR HAUSEN: Es wurden bereits mit einigen Ländern Spezialverträge ausgehandelt. Auch die Firmen sehen, dass eine Preisreduktion zwingend ist.

ZEIT: Fordern Sie weiterhin, neben den Mädchen auch die Jungen zu impfen?

ZUR HAUSEN: Ja, denn die gleichen Viren, die Gebärmutterhalskrebs hervorrufen, verursachen bei Männern Krebse im After- und Genitalbereich, sogar häufiger als bei Frauen. Ferner treten Genitalwarzen mit unangenehmen und langwierigen Folgen auch bei Männern häufig auf. Der gleiche Virustyp verursacht zudem 25 bis 30 Prozent der Rachen- und Mundhöhlenkrebse. Und die Solidarität der Geschlechter erfordert es, gemeinsam die Infektionsquellen zu stoppen.

ZEIT: Wie lautet das wichtigste Gegenargument?

ZUR HAUSEN: Wenn 60 Prozent der Mädchen geimpft seien, reiche dies aus, um die Infektionskette zu unterbrechen.

ZEIT: Genügt Ihnen das nicht?

ZUR HAUSEN: Ich weiß nicht, wann diese Quote je erreicht wird, und plädiere lebhaft für einen höheren Schutz durch Impfung der Jungen.
ZEIT: Sind neue krebserregende Viren aufgetaucht?

ZUR HAUSEN: Ja, die Gruppe der Polyomaviren ist hinzugekommen und verdient außerordentliches Interesse. Anfang des Jahres wurde ein neues Polyomavirus nachgewiesen in Merkelzelltumoren.

ZEIT: Wen plagen diese?

ZUR HAUSEN: Sie bilden bösartige Hauttumoren vor allem bei Älteren unter Immunsuppression.

ZEIT: Sie fahnden nach Viren, die Leukämien und Lymphome verursachen können. Hat sich Ihr Verdacht verdichtet?

ZUR HAUSEN: Es gibt klare Hinweise, dass endogene Retroviren, die bereits in unserer Keimbahn vorhanden sind, bei einer Reihe leukämischer Erkrankungen aktiviert werden. Ob sie die Verursacher sind, wissen wir noch nicht.

ZEIT: Was halten Sie von den gehäuften Leukämiefällen in der Umgebung von Kernkraftwerken?

ZUR HAUSEN: Solche Cluster gibt es nicht nur bei Atomkraftwerken, sondern auch im Umfeld anderer industrieller Einrichtungen, etwa Ölförderungen, die Zuwanderer anziehen. Das hat ein britischer Epidemiologe gezeigt.

ZEIT: Spielen da Infektionen eine Rolle?

ZUR HAUSEN: Diese These vertritt der Brite. Mich interessiert vielmehr das Phänomen, dass offenbar Infektionen im ersten Lebensjahr einen Schutzeffekt auf Leukämien ausüben. Eine entsprechende Arbeit haben meine Frau und ich publiziert.

ZEIT: Hat es Sie überrascht, dass der amerikanische Aidsforscher Robert Gallo unberücksichtigt blieb?

ZUR HAUSEN: Ja, denn Gallo hat wichtige Beiträge zur Virus- und Aidsforschung geliefert. Leider hat es am Anfang Streit gegeben, was vermutlich dazu beitrug, dass er nicht berücksichtigt wurde. Offen gesagt tut mir das etwas leid.

ZEIT: US-Forscher haben Virenproben von Luc Montagnier und von Ihnen aggressiv genutzt, um Patente zu erlangen. Hat dies das Nobelkomitee abgehalten, exzellente Forscher auszuzeichnen?

ZUR HAUSEN: Ich gehe davon aus, dass das Komitee nach sorgfältiger Prüfung zu dieser Überzeugung gekommen ist.

Aus DIE ZEIT :: 09.10.2008

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