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Die Chance zum Kompromiss ist da

Von Julian Nida-Rümelin

Drei Vorschläge eines Bachelorkritikers, wie eine Reform der Reform den alten Grabenkampf beenden kann.

Die Chance zum Kompromiss ist da© David Schrader - iStockphoto.com
Der Bologna-Prozess war mir von Anbeginn suspekt. Er atmete den Geist von McKinsey und nicht den von Humboldt. Er präsentierte sich nicht als Fortschreibung der großartigen europäischen Wissenschaftsgeschichte seit der Renaissance, sondern als Kopie einer vermeintlich überlegenen transatlantischen Konkurrenz. Ihm fehlte eine überzeugende kulturelle Leitidee. Bis vor Kurzem schienen die Fronten verhärtet zwischen den Kritikern, unter ihnen die große Mehrheit der an den deutschen Universitäten Lehrenden, und den unverdrossen technokratisch agierenden Reformanhängern in Ministerien und Hochschulleitungen. Eine ganze Gene ration von Studierenden drohte dazwischen zermahlen zu werden - in fantasielosen, hochgradig verschulten Studiengängen, unterrichtet von frustrierten Professoren, die neben Gremiensitzungen und Prüfungsbelastungen, aber auch aus Ärger über eine aus ihrer Sicht verfehlte Reform keinen Esprit für eine forschungsorientierte Lehre mehr aufbringen.

Die Proteste der Studierenden haben alles geändert: Die Euphoriker der Reform räumen endlich ein, dass es ernste Probleme, wenn nicht im Konzeptionellen, so zumindest in der Umsetzung gebe. Sogar die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in ihrem jüngsten Beschluss eine vorsichtige Veränderungsbereitschaft signalisiert. Es wurde höchste Zeit. Ein Zurück zum Status quo ante kann es in der Tat nicht geben, Bologna ist Realität, und einige der Bologna-Ziele sind vernünftig. Beide Seiten, die der Kritiker, zu denen ich mich von Anbeginn zählte, wie der Befürworter müssen - und können offenbar, wie der KMK-Beschluss zeigt - jetzt aufeinander zugehen. Aber was hieße es, die Reform zu einem für alle Seiten guten Ende zu bringen? Ich möchte ein paar Vorschläge machen, mit denen sich sowohl bisherige Gegner als auch Befürworter des Bologna-Prozesses identifizieren können sollten. Sie setzen dort an, wo die Ziele der Reform eben nicht erreicht worden sind.

Erstens: Ein wesentliches Ziel der Reform war ein einheitlicher Europäischer Hochschulraum, der den internationalen Austausch der Studierenden erhöhen sollte. In der Realität wurde es verfehlt, wie auch die KMK einräumt. Wir können uns nicht damit abfinden, dass Bologna für das Gros der Studierenden, nämlich jene, die nur einen Bachelorabschluss machen, keinen Gewinn, sondern einen Verlust an innereuropäischer Mobilität bedeutet. Nur europaweite Vereinbarungen, die einen Universitätswechsel im Bachelorstudium ohne bürokratischen Aufwand ermöglichen, können das ändern. Erworbene ECTS-Punkte sollten weitgehend unabhängig von inhaltlichen Kriterien anerkannt werden. Die Studierenden werden, genau wie früher, selbst herausfinden, wie sie mit den jeweiligen Anforderungen an unterschiedlichen europäischen Universitäten zurechtkommen.

Zweitens: Bologna sollte die internationale Konkurrenzfähigkeit erhöhen. Die Realität: Die Reform hat in Deutschland international in hohem Maße konkurrenzfähige Abschlüsse, das Diplom in den Natur- und Technikwissenschaften und den Magister in den Geisteswissenschaften, abgeschafft und einen in der Regel dreijährigen Kurz-Bachelor eingeführt, der gegenüber dem amerikanischen Vierjahresmodell nicht konkurrenzfähig ist. Ein vierjähriger Bachelor würde es ermöglichen, das Niveau der alten Diplomund Magisterstudiengänge weitgehend wiederherzustellen. Der Einwand, er würde es den Universitäten erleichtern, alte Studiengänge umzuetikettieren, ist dann abwegig, wenn es sich bei diesen alten Studiengängen um international gerühmte Exportschlager handelte. Mit dieser Veränderung könnte zugleich ein sinnvolles Modell aus den USA übernommen werden: die Master- und Promotionsstudiengänge als eine Einheit zu sehen und das direkte Promotionsstudium nach dem Bachelor zu erlauben.
Drittens: Der Bachelor sollte die Berufsfähigkeit der Absolventen verbessern. Die Realität ist, dass sie ihre Karriere als schlecht verdienende Halbkönner starten. Um hier das tiefere Problem und eine Lösung zu skizzieren, muss ich etwas ausholen. Es geht um nichts Geringeres als die Vielfalt der Wissenschaftskulturen, ihren drohenden Verlust und die fatalen Folgen dieser Entwicklung ausgerechnet für die Berufsbefähigung. Ich möchte das anhand meines Faches, der Philosophie, demonstrieren: Philosophische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist ohne die intime Vertrautheit mit einem naturwissenschaftlichen Fach nicht seriös zu betreiben. Ähnliches gilt für die Logik. Das wünschenswerte Nebenfach oder zweite Hauptfach zur Philosophie ist für jene, die sich für Logik interessieren, die Mathematik. Da Nebenfächer und Hauptfächer nach dem Willen der Universitäts- und Ministerialbürokraten überschneidungsfrei studierbar sein müssen, kommen aber für jedes Hauptfach nur noch ein paar Nebenfächer infrage. Üblicherweise werden diejenigen Fächer als Optionen festgelegt, die bislang am häufigsten mit dem Hauptfach gewählt wurden. Damit sind die genannten und andere seltenere Kombinationen (Antike Philosophie und Altgriechisch etwa) nicht mehr möglich. Diese Normierung, angeblich im Geiste Bolognas, lässt keinen Spielraum für das Besondere, für interdisziplinäre Brückenschläge. Einige diffamieren das Plädoyer für die Rückkehr der akademischen Freiheit als »Nischenphilosophie«. Es geht aber nicht um Nischen fürs Bildungsbürgertum, sondern um die Leistungsfähigkeit und Kreativität unserer Universitäten insgesamt.

Das viel gelobte US-Universitätssystem kann auch hier den Weg zur Lösung weisen: Die vierjährigen Bachelorstudiengänge in den USA sind eben nicht ausbildungs-, sondern konsequent bildungsorientiert und ermöglichen in den ersten beiden Jahren eine Art Studium generale, in dem die Studenten eigene Interessen zur Geltung bringen können. Erst im dritten Jahr folgt eine Spezialisierung, ohne dass sich irgendjemand der Illusion hingibt, dass der Abschluss eine spezifische Berufsfertigkeit garantiere. Denn der amerikanische Typ des Bachelor ergibt nur Sinn in Kombination mit einer Praxis des learning on the job. Das Monstrum der überschneidungsfreien Studierbarkeit, Vereinheitlichung und Verkürzung muss da her fallen - zugunsten der Vervielfältigung der disziplinären Perspektiven und breiter Wahlmöglichkeiten. Genau hier liegt der Schlüssel zur Reform der Reform: Nur durch eine Rückbesinnung auf die Bildungsorientierung eines Studiums werden die Absolventen wirklich befähigt, im Arbeitsleben zu bestehen. Die Arbeitgeber, die sich besonders für den Bachelor stark gemacht haben, werden es zu schätzen wissen. Und die akademischen Arbeitnehmer der Zukunft werden weiter vom alten Geist Humboldts profitieren.

Aus DIE ZEIT :: 29.09.2009

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