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Die Exzellenzinitiative: Ein harter Wettbewerb um Gelder und Prestige

Von Martin Spiewak

In dieser Woche werden die Weichen für die Neuauflage der Exzellenzinitiative gestellt. Auch die bisher zu kurz Gekommenen wollen künftig von dem Geldsegen profitieren - in Forschung und Lehre.

Die Exzellenzinitiative: Ein harter Wettbewerb um Gelder und Prestige© Daniel Hurst Photogrpahy - iStockphoto.com
Wie die Exzellenzinitiative die deutsche Forschung voranbringt, kann bislang noch niemand sagen. Kein Exzellenzcluster hat schon zu wissenschaftlichen Ergebnissen geführt, keine der neun prämierten Eliteuniversitäten hat bereits den Wettkampf mit Harvard und Oxford aufgenommen. Noch beschäftigen sich ihre Präsidenten vor allem mit Personalgesprächen und Bauanträgen.

Dennoch präsentieren die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat an diesem Freitag bereits ihre Vorstellung, wie es mit dem Elitewettbewerb nach dem Jahr 2011 weitergehen soll. Auch Kultusminister und Hochschulspitzen werkeln hinter den Kulissen an einer Exzellenzinitiative 2.0. Hinter der Eile der Experten steht ein konkretes Angstszenario: Das wichtigste forschungspolitische Projekt der vergangenen Jahrzehnte gerät in den beginnenden Bundestagswahlkampf; seine Fortsetzung ist gefährdet.

Noch haben alle Beteiligten das Gezänk um die erste Exzellenzinitiative in böser Erinnerung. Zwei Jahre lang stritten sich Bund und Länder, Wissenschaft und Politik um Design und Durchführung des Wettbewerbs.

Anlass zur Sorge gibt es auch heute. In der ersten Runde hatten die süddeutschen Universitäten die meisten Forschungsgelder und Elitetitel an sich gezogen. Ein Drittel der insgesamt knapp zwei Milliarden Euro ging allein nach Baden-Württemberg. Die wichtigste Frage lautet deshalb: Wie werden sich die Verliererregionen verhalten, insbesondere Norddeutschland und der Osten?

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange verkündete im Februar, sie werde die Förderung von ganzen Universitäten nicht mehr unterstützen. Auch aus der Wissenschaft mehren sich die Stimmen nach Verteilungsgerechtigkeit.

Man müsse die "unterschiedlichen Ausgangsbedingungen" der Bewerber beachten, damit kleinere Hochschulen mit weniger Forschungsmacht nicht das Nachsehen haben, forderte Stephan Leibfried von der Universität Bremen in der FAZ.

Solchen Verwässerungstendenzen wollen DFG und Wissenschaftsrat von vornherein einen Riegel vorschieben. In einem gemeinsamen Papier plädieren sie dafür, die Exzellenzinitiative ohne große Veränderungen fortzusetzen. So sollen die Universitäten weiterhin in drei Kategorien miteinander konkurrieren: Graduiertenschulen, Forschungsverbünde (Cluster) sowie Strategiekonzepte für die Zukunft. Über die Qualität der Anträge entscheiden wie bisher internationale Gutachter - ohne Rücksicht auf Herkunft und Größe der Hochschule.

Ganz ohne die Politik wird es aber auch beim nächsten Mal nicht gehen. Zumindest über die Wackelkandidaten werden die Wissenschaftsminister am Ende mitreden können - ein Einfluss, der bei der vergangenen Runde unter anderem der Universität Göttingen und vielen geisteswissenschaftlichen Clustern Geld und Ruhm sicherte.

Auf Seiten der politisch Verantwortlichen hat das "Weiter so!" deshalb viele Anhänger. "Um glaubwürdig zu bleiben, können wir nicht plötzlich neue Spielregeln erfinden", sagt Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU). "Davon hängt die internationale Reputation ab."

Am wichtigsten jedoch ist den Wissenschaftsstrategen auf beiden Seiten, den Wettbewerbscharakter der Initiative für alle Projekte zu erhalten. Das heißt, wenn sie neues Geld haben möchten, müssen sich die Sieger der ersten Runde erneut dem Urteil der Experten stellen. "Es darf keine Erbhöfe geben", sagt Frankenberg.

Aufsteiger und Absteiger wie bei der Bundesliga


Fraglich ist jedoch, wie über alte und neue Anträge befunden wird. Viele Universitäten, die im Exzellenzclub bereits Mitglied sind, möchten, dass über Absteiger und Aufsteiger getrennt geurteilt wird. Von diesem Bundesligamodell erhoffen sie, dass höchstens ein oder zwei Unis ihren Elitestatus abgeben müssen. Viele Neulinge dagegen setzen darauf, dass sie mehr Chancen in einem gemeinsamen Verfahren haben. Dabei würde es wohl mehr Emporkömmlinge als Gescheiterte geben. Die Hochschulrektorenkonferenz verlangt für diesen Fall schon einmal prophylaktisch, die Exzellenzmittel um 50 Prozent aufzustocken.

Die Verfechter der Kontinuität haben gute Argumente. Denn kaum jemand bestreitet die positiven Wirkungen des ersten Wettbewerbs. Von "höherer Leistungsbereitschaft" seiner Professoren und einem "ungeheuren Imagegewinn" im Ausland schwärmt Burkhard Rauhut, Rektor der Exzellenzuniversität Aachen.

Selbst Hochschulen, die weitgehend leer ausgingen, finden nur Lob für das Elitecasting. "Der Wettbewerb hat bei uns neue Kräfte freigesetzt", sagt Hamburgs Universitätschefin Monika Auweter- Kurtz.

Um zu verhindern, dass ihre Hochschulen ins Hintertreffen geraten, haben mehrere Bundesländer - Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz - eigene lokale Förderprogramme aufgelegt. Und auch in den neuen Ländern sind die Klagen leiser geworden, nachdem Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan 45 Millionen Euro zusätzlicher Forschungsgelder für den Osten versprach.

Die größten Veränderungen dürfte es in den Details geben - die am Ende allerdings über Erfolg und Misserfolg entscheiden könnten: - Wollten Universitäten gemeinsam einen Forschungsverbund betreiben, mussten sie sich bislang auf eine "Sprecheruniversität" einigen. Dieser wurde der Cluster am Ende zugeschrieben.

Vielerorts hat diese Regel die Zusammenarbeit erschwert. Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, plädiert deshalb dafür, dass die Hochschulen gleichberechtigt einen Antrag stellen dürfen.

- Bisher erhielten alle Cluster mehr oder minder dieselbe Summe, rund sechs Millionen Euro. Was für die Naturwissenschaften mit ihren teuren Apparaturen eine angemessene Summe ist, erscheint vielen Geisteswissenschaftlern als zu viel Geld. Mehr Flexibilität wäre hier sinnvoll.

Jeder Antrag beschäftigte Präsidenten sowie die besten Wissenschaftler der Universität für viele Monate. Der neue Wettbewerb sollte den Aufwand reduzieren. So könnte man die zwei Runden der ersten Exzellenzinitiative auf eine reduzieren.

- Wissenschaftspolitisch heikler ist die Einbeziehung der Lehre. In der ersten Runde - der Föderalismusstreit stand auf seinem Höhepunkt - hatten die Länder den Universitäten verboten, das Wort in einem Antrag auch nur zu erwähnen.

Alles, was mit dem Studium zusammenhing, sollte für den Bund tabu sein. Mittlerweile haben sich die Fronten aufgelöst. "Eine Eliteuniversität muss belegen, dass sie auch die Verbesserung der Lehre im Blick hat", sagt etwa NRW-Minister Andreas Pinkwart (FDP).


"Brechen einer Universität die Studenten weg, hat sie niemals eine Chance"


Der Berliner Senator Jürgen Zöllner (SPD) hat ein weiteres, grundsätzliches Problem beobachtet: Während Bund und Länder immer neue Sondertöpfe hauptsächlich für die Forschung schaffen, stagnieren oder sinken in vielen Bundesländern die regulären Universitätshaushalte.

Am deutlichsten in Ostdeutschland: "Wenn in Leipzig ein Drittel der Studenten und damit das Budget der Universität wegbricht, hat sie niemals eine Chance, bei der Exzellenzinitiative mitzuhalten", sagt Zöllner. Er will seine Zustimmung zur nächsten Runde des Elitewettbewerbs "an eine Gesamtbetrachtung der Finanzierung des Wissenschaftssystems" knüpfen.

Darin steckt Sprengstoff. Denn in den reichen Ländern des Südens, die ihre Hochschulen üppiger alimentieren, sieht man keine Notwendigkeit, Wettbewerbsgelder und Normalbudgets zu vermengen. Besonders die Länder im Westen, die bislang weniger erfolgreich waren, müssten ihre Universitäten aus eigener Kraft besser finanzieren. Peter Frankenberg fordert: "Die sollten ihre Hausaufgaben machen."


Milliarden für die Forschung


Die Exzellenzinitiative verteilt 1,9 Milliarden Euro von Bund und Ländern auf drei Förderlinien. In 39 Graduate Schools sollen Nachwuchsforscher zu einem wissenschaftlichen Schwerpunkt promovieren. Bei den 37 Clustern handelt es sich um regionale Forschungsverbünde, die Hochschulen mit außeruniversitären Einrichtungen wie etwa Max-Planck-Instituten oder Unternehmen zu einem Thema eingehen. In der wichtigsten Förderlinie werden ganze Universitäten prämiert. Sie müssen darlegen, wie sie in den nächsten Jahren zur Weltspitze der Wissenschaft vorstoßen wollen. Bisher dürfen neun Hochschulen den Titel Exzellenzuniversität tragen (TU und LMU München, Heidelberg, Freiburg, Aachen, Karlsruhe, FU Berlin, Göttingen und Konstanz).

Aus DIE ZEIT :: 10.07.2008

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