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Die Gejagten - über Reform, Reformer und Studentenproteste

Von Felix Grigat

Vor dem Hintergrund der Studentenproteste überschlagen sich die Gremienereignisse. Kaum eine Woche scheint ohne Bildungsgipfel, ohne Beschlüsse zu einer Reform der Bolognareform zu vergehen. Was geschieht da? Weiß man noch, was man tut?

Die Gejagten - über Reform, Reformer und Studentenproteste© AM29 - iStockphoto.comOhne Reformen geht es nicht!
Alle mal herhören: Ohne Reformen geht es nicht! Erstens sind sie erregender als der Status quo, und das zählt heute viel. Zweitens, selbst wenn Ideen fehlen, kann man immer noch reformieren. Und drittens, auch wenn man Ideen hätte, würde man ihnen nicht zutrauen, dass sie sich selbst durchsetzen. Zutrauen hat man allein zu Reformen: Wundersam selbsttätig erzeugen sie stets Bedarf für weitere Reformen. Wie die "sich selbst mahlende Mühle" bei Novalis weder Müller noch Baumeister kennt, rotieren Alt- und Neureformen immer schneller umeinander und entwickeln dabei großen Appetit: "Wo bloße Wirklichkeit war, soll Reform werden" raunen sie einander zu. Die Selbstreferentialität der Reformen schließt Irritationen durch Proteste aus, die freudig mit dem Ruf "Es wird etwas geschehen, es muss etwas geschehen" dem Mahlwerk zugeführt werden. Dazu werden Reform- Semantiken gebildet, die die Vergangenheit schlecht, die Gegenwart als unbedingt zu reformierende und die Zukunft als das verheißene Land ("Einheitlicher Europäischer Hochschulraum") beschreiben.

Wie sehr die Sekundanten der Reform als wahre Utopisten in diesem zeitlichen "Nirgendwo" changieren, zeigt die Forderung, dass jetzt - zehn Jahre nach Reformbeginn - "entschieden" gehandelt werden müsse. Jetzt müsse "es richtig gemacht" werden, meint die Hochschulrektorenkonferenz. Dieses Jetzt aber spricht der Reform Ewigkeit zu. Wenn nicht nur zum Handeln aufgerufen, sondern auch noch gedacht werden soll, dann mit Vorliebe "neu", besonders "Humboldt". Die Folge davon ist, dass das "neu" dem Denken so zusetzt, dass von beiden nichts übrig bleibt. Sie scheinen allesamt Kinder der Power-Point-Generation zu sein. Dabei hält sich ja hartnäckig der Verdacht, dass sich in diesem Programm eine "geheime, gleichsam subversiv arbeitende Normierungsinstanz" verberge, die "jeden Gedanken so lange teilt, kürzt und verflacht, bis er sich in eine überschaubare Zahl sofort löslicher Brühwürfel" verwandelt (Thomas Steinfeld). Wie es mittlerweile "Power- Point-Karaoke" gibt, so ist ein "Bolognareform-Karaoke" ohne Schwierigkeit vorstellbar. Reformer verlieren nach der Einschätzung Luhmanns nie den Mut, sondern setzen nach einer Schwächephase sogleich neu an. Das mag damit zusammenhängen, dass die Strukturprobleme andauern. Auch werde meist rasch vergessen, dass das, was man vorhat, schon einmal (oder mehrmals) versucht worden und gescheitert ist. Die wichtigste Ressource der Reformer sei deshalb das Vergessen. Deshalb sind sie auch immun gegen nichterreichte Ziele.


Irritationssystem Universität

Es steht zu vermuten, dass Hochschulpolitiker, Funktionäre wie auch die oft allzu willfährig sekundierenden Erziehungswissenschaftler selbst nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen. Die Desorientierung der modernen Gesellschaft verwirrt auch sie und damit die Universität, die so zu einem "Irritationssystem" wird. Man könnte sich vielleicht ein wenig damit trösten, dass all die Reformen nicht wirklich an den individuellen Kern des Lernens und der Bildung herankommen können, dass sie Reformen der Organisation, nicht der Wissenschaft und der Lehre seien. Dass es das "Trotzdem" der Bildung gebe, das "autodidaktische Plus". Und doch kann Organisation hindern, einengen, kleinmachen, und zwar massiv.

Dagegen nun demonstrieren viele Studenten. Die Dürftigkeit ihrer intellektuellen Begründungen und das Ungehemmte einiger Forderungen ("Kapitalismuskritik") werden durchaus von Hochschulpolitikern und -funktionären unterboten, die nicht müde werden, ihren technokratischen Apparat als "auf dem richtigen Kurs" seiend zu verteidigen. Nach Ansicht der Reformer haben die protestierenden Studenten "leider" nicht so richtig verstanden, dass man ihnen doch nur Gutes will. Sieht man allerdings genau hin, dann haben sie verstanden: Sie wollen nämlich kein selbstlaufendes System und keine ewige Reformschleife, sie wollen etwas Wirkliches, sie wollen, dass sich etwas zum Besseren wendet.

Auch wenn sie Mitbestimmung fordern, gar Hörsäle besetzen, wollen sie nicht als "Apo 2.0" eine als konservativ bewertete bourgeoise Ordnung stürzen. Sie rebellieren gegen einen als modern behaupteten technokratischen Apparat. Dieser wurde über mehr als ein Jahrzehnt von dem Bologna-Establishment als eine dem Wettbewerb geschuldete Scharfmachung des Universitätssystems für den internationalen Markt verkauft. Dabei hatte man sich den Markt und die Hochschulen wie Behörden vorgestellt und glaubte, mit einem ziselierten Punktesystem, Workloads etc. erfolgreiche Kämpfer für den Wettbewerb auszubrüten. Man hat sich geirrt.

Die Studenten sind keine Maschinenstürmer, sondern fordern genau das, was den Universitäten durch den platten Utilitarismus der Reformer ("globale Wissensbedarfe") ausgetrieben werden sollte, die studentische Freiheit und die Bildung als ein Proprium der Universität. Verhältnisse, die den Menschen zwingen, sie nur hinzunehmen, können allerdings nach der gültigen Einsicht Wilhelm von Humboldts nicht dauern. Geltung könne nur fordern, was der Mensch in Freiheit annehme. Der wirklich freie Mensch habe es, so Schiller, nicht nötig, "fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu behaupten". In utopischer Konsequenz gingen einige Zeitgenossen Humboldts noch viel weiter als die heutigen Studenten und forderten, dass der Staat nicht mehr sein solle. Das Reich der Freiheit sollte zugleich das Reich der Bildung sein, da Bildung ohne Freiheit unmöglich, Freiheit ohne Bildung sinnlos sei.


Wirklichkeitsverlust

Wie wenig Interesse die Kultusminister an den Studenten haben, zeigt ihr jüngster Beschluss, nach zehn Jahren "studierendenzentrierter" Reform die "Studierbarkeit" als Kriterium von den Akkreditierungsagenturen zu fordern. Wirklichkeitsverlust eben. Mit der Bologna-Hochschule schuf man den präzisen Gegenentwurf zu einer Universität, die in einer Anthropologie der Freiheit gründet. In der Bologna-Hochschule sollte man wie in einer Lehranstalt nach dem Konzept der "simplen Übertragbarkeit des Wissens" lernen. Anwesenheitspflicht, dauernde Prüfungen, Mathematisierung der Ergebnisse sprechen für sich, aber nicht für mündige, erwachsene Menschen, in die man auch nur in ganz reduzierter Form Vertrauen hätte. Man kann das Ziel der ressourcenverschlingenden Reform auch als die Produktion von Trivialmaschinen oder, in älterem Sprachgebrauch, die von Bildungsphilistern benennen. Staat und Wirtschaft meinen offenbar, auf Intellektuelle verzichten zu können. "Davon, daß es noch möglich wäre, daß ein Mensch sich rein aus seinen eigenen Antrieben heraus bildete, davon ist längst keine Rede mehr. Die Not der Zeit ist zu groß, man kann die Menschen nicht mehr machen lassen, sie bedürfen eines allgemeinen Stempels, damit jeder in das Ungetüm, welches man das moderne Leben nennt, auf jeden Fall hineinpasse", schrieb Jakob Burckhardt 1846 an Kinkel.

Legitimationsdefizit

Universitäten waren einst Orte des Nachdenkens, der Kritik, der Distanz zu gesellschaftlichen und ökonomischen Avancen mit Muße für Fundamentaluntersuchungen. Deshalb ist es besonders peinlich, dass ausgerechnet die Großreform dieser Institution, die man ausschließlich als Organisation wahrnimmt, unter dem Namen Bologna meint, ohne Nachdenken und Legitimationen auskommen zu können. Es geht nicht nur um "völkerrechtlich verbindende Verträge" - die es nicht gibt. Nein, es geht um genau das, was Politik und Funktionärswesen als irrelevant ablehnen: die Fundamentaluntersuchung, die Legitimation der Verfahren durch Nachdenken. Metaphysische Prinzipien oder ein gründliches Nach-Denken der Tradition der Bildung taugen für die Reformer dabei selbstredend nicht zur Begründung. Eine Legitimation wird aber auch nicht auf andere Weise geleistet. Weil Begründung fehlt, werden in gehetzter Manier immer neue Methoden, Strategien und Reformen produziert. Damit allerdings rechtfertigt man nur politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich Gefordertes. Da sich aber die Gesellschaft immer rascher ändert, können und dürfen diese Rechtfertigungen nicht dauern. Sie müssen stetig verändert werden. Es geht nicht um Kontinuität von Inhalten, sondern um sich immer mehr beschleunigende rein formale Prozesse.

Die unselige Jagd

So jagen Politiker und Funktionäre von einer Reform zur nächsten, treiben Hochschullehrer und Studenten vor sich her und sind doch selbst Gejagte. Dabei warnen sie genau vor dem, was den Universitäten am meisten helfen würde, vor "Fundamentalkritik". Sie haben panische Angst vor dem Innehalten und dem Nachdenken. Das aber wäre das Einzige, was Wissenschaft und Bildung weiterbringen würde.

Über den Autor
Felix Grigat, M.A., ist verantwortlicher Redakteur von Forschung & Lehre.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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