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Die "Gesundheitsforschungsinitiative" der Helmholtz-Gemeinschaft

Von Josef Pfeilschifter

Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen erobern mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Bundes neue Geschäftsfelder, die vormals in der besonderen Verantwortung der deutschen Universitätsmedizin lagen. Aktuelles Beispiel sind die Gesundheitszentren der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF), die sich der Erforschung der großen Volkskrankheiten widmen. Kritische Anmerkungen zu dieser Neustrukturierung.

Die "Gesundheitsforschungsinitiative" der Helmholtz-Gemeinschaft© Edwin Verin - iStockphoto.comAußeruniversitäre Forschungseinrichtungen lösen die Universitätsmedizin ab
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg spielten Großforschungseinrichtungen in Fachgebieten wie der Kernforschung oder der Flug- und Weltraumforschung eine besondere Rolle. In den Großforschungseinrichtungen wurden Aufgaben wahrgenommen, die in den Bereich zwischen den traditionellen universitären und außeruniversitären Institutionen der Wissenschaft und denen der Industrie liegen. Entscheidend war dabei, dass die erforderliche Größe dieser Einrichtungen die Möglichkeiten der Universitäten und auch der Industrie überstieg. Daraus leitet sich auch ein besonderes Mitspracherecht des Staates innerhalb der Großforschung ab, in einem Umfang, der unvereinbar wäre mit der wissenschaftlichen Selbstverwaltung der Universitäten und der sonstigen klassischen Selbstverwaltungsorganisationen. Aus verschiedenen - auch politischen - Gründen, haben sich die Schwerpunkte der Großforschungseinrichtungen in ihrer Themenstellung geändert.

Der demographische und epidemiologische Wandel hin zum vermehrten Auftreten von chronischen und komplexen Krankheiten stellt für die Gesellschaft und für die von ihr geförderte Medizin eine gewaltige Herausforderung dar. Ausgehend von dieser Marktanalyse ist es nachvollziehbar, dass die Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) sich exzellent positioniert sieht, um, wie sie in ihrer Hochglanzbroschüre von 2009 mit dem Titel "Neue Impulse für die Gesundheitsforschung" ausführt: "... in der biomedizinischen Forschung zu den großen Volkskrankheiten Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Lungenerkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen sowie Infektionen die Rolle des nationalen Impulsgebers zu übernehmen...". Dieser Anspruch lässt aufhorchen. Die HGF als Impulsgeber der Gesundheitsforschung? Zur Zeit gibt sie etwa 15 Prozent ihres Budgets für medizinrelevante Forschung aus. Über den direkten Zugang zu Patienten verfügt sie so gut wie nicht. Auch in den Rankings der oben genannten Medizindisziplinen sind die Vertreter der Helmholtz-Gemeinschaft nicht prominent sichtbar.

Mittel für den Aufbau "strategischer Verbünde"

Die Bundesregierung hat beschlossen, in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro zusätzlich in den Bereich Bildung und Forschung zu investieren. Dies ist rundum zu begrüßen, bietet es doch gute Chancen für einen Qualitätssprung der biomedizinischen Forschung in Deutschland. Nicht zielführend erscheint hingegen die Absicht, diese Fördermittel primär der Programmforschung der HGF zukommen zu lassen für den Aufbau sog. strategischer Verbünde. Für die aktuelle Programmperiode ab 2009 hat die HGF sechs Forschungsprogramme konzipiert, die jeweils von einem Helmholtz-Zentrum federführend getragen werden sollen. Neben externen Kooperationen mit der Hochschulmedizin werden auch andere Partner in eine solche "translationale Kooperationseinheit" einbezogen.


Nicht unbescheiden, aber passend für diejenigen, die gewohnt sind "groß zu denken und zu handeln", entstehen so jeweils Deutsche Zentren für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE; Bonn), Diabetesforschung (DZD; München), Infektionsforschung (DZI; Braunschweig), Herz- und Kreislauferkrankungen (Berlin), Krebserkrankungen (Heidelberg) und die sog. Nationale Helmholtz-Kohorte. Während die Helmholtz-Zentren jeweils gesetzt sind und den weitaus größten Anteil der Fördermittel einstreichen sollen, durchlaufen die Partnerinstitutionen ein zweistufiges Auswahlverfahren mit internationaler Begutachtung, dessen Intransparenz bereits bei der Etablierung des DZNE und des DZD in München unter Beweis gestellt wurde.

Spontan fragt man sich, warum macht das nicht die DFG? Da stimmen Qualität und Transparenz des Begutachtungsverfahrens, zudem folgt es dem Prinzip der Bestenauslese und der effizienten Mittelverwendung. Und für die Translation der Grundlagenforschung in die klinische Forschung braucht die Universitätsmedizin die HGF nicht. Aus verfassungsund haushaltsrechtlichen Gründen glaubt man in Berlin, dass die zur Verfügung gestellten Finanzmittel als institutionelle Förderung, nach Art 91b des Grundgesetzes, über das BMBF an die jeweiligen Nationalen Zentren gehen müssten. Dagegen ist die projektbezogene Forschungsförderung auch für Hochschulen aber weiterhin möglich und wie die Exzellenzinitiative gezeigt hat, auch im Sinne einer Verstetigung der Förderung, quasi als "Modell der Zukunft" möglich. Die Einbeziehung der HGF ist dabei wünschenswert, aber verfassungsrechtlich keine zwingende Voraussetzung. Die im Kosten-Leistungsverhältnis effizientere Projektfinanzierung ermöglichte zudem bei der Gewährung von Overheadanteilen die Heranbildung eines flexiblen Wissenschaftssystems.

Kritik der Universitätsklinika

Nachdem Kritik am Vorgehen der HGF laut geworden war - keine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe, sondern Knebelverträge mit Etablierung unselbständiger Satelliteneinrichtungen, fehlende Transparenz der Prozesse, Aufbau und Führung der Zentren nicht kompetenzgeleitet - haben sich kürzlich auf Einladung des BMBF, der HGF, des Medizinischen Fakultätentages (MFT) und der WGL Vertreter universitärer und nicht-universitärer Forschungseinrichtungen, der DFG, der HRK, des WR, der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) sowie des Bundes und der Länder getroffen, um hier nachzubessern. Der Staat muss, wenn er seine Mittel fokussiert einsetzen will, Schwerpunkte festlegen und entscheiden, wo und wie er seine Mittel für die Forschung als Investitionen zur Sicherung der Zukunft unseres Landes anlegen will. Maßgeblich muss dabei sein, welche Institution die neue Aufgabe voraussichtlich mit größtem Erfolg und geringstem Mittelverbrauch realisieren kann. Das Thema des Jungbrunnens ist ein beliebtes Motiv im Spätmittelalter und in der Renaissance und zeigt den Menschheitstraum ewiger Jugend. Sein Geheimnis ist bisher nicht gelüftet worden. Gott sei es gedankt, möchte man anfügen. Ich habe Zweifel, ob wir den im letzten Jahrzehnt runderneuerten und programmatisch gelifteten Großforschungseinrichtungen auch noch die Steuerung der großen medizinischen Forschungsfelder überlassen sollten. Wir könnten am Ende vielleicht alle alt aussehen!


Über den Autor
Josef Pfeilschifter ist Professor und Direktor des Instituts für Allgemeine Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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