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Die Ordnungskraft - tagsüber Schulleiterin, abends Studentin

Von Judith Scholter

Tagsüber leitet Claudia Dreyer ein Gymnasium in Bremen. Abends absolviert sie ein Fernstudium an der Universität Kiel. Um das Unternehmen Schule noch besser zu managen.

Die Ordnungskraft - tagsüber Schulleiterin, abends Studentin: Fernstudium© MiquelMunill - iStockphoto.com
Es hat doch wieder alles geklappt heute. Den Hausmeister darauf angesprochen, dass es in die Schule regnet. Mit der Referendarin über den Titel der Examensarbeit diskutiert. Es pünktlich aus dem Unterricht in die Schulbehörde geschafft: »Fünf Minuten zu spät. Das geht grad noch.«

Jetzt ist Claudia Dreyer endlich zu Hause. Es ist acht Uhr abends. Und was macht die Schulleiterin aus Bremen-Nord? Sie zieht sich die Schuhe aus, köpft eine Limonade und geht zur Uni. Der orange-rote Teppichboden flauscht sich um die Füße, die Nachbarn schauen jetzt die Tagesschau. Die 37-Jährige hat den Computer eingeschaltet und sich eingeloggt. Einmal pro Woche trifft sie sich mit ihren Kommilitonen im virtuellen Hörsaal der Uni Kiel. Sie studiert im vierten Semester den Masterstudiengang »Schulmanagement und Qualitätsentwicklung«.

Claudia Dreyer hat schon immer gedacht, dass sie außer der Lehre auch mal andere Aufgaben übernehmen würde, darauf wollte sie vorbereitet sein. »Es stimmt ja nicht, dass Schulleiter Lehrer sind, die noch ein wenig Verwaltung machen«, sagt sie, »inzwischen führen wir richtige kleine Unternehmen.« Heute geht es um Mitarbeitergespräche, das Modul heißt »Personal führen«. Die Diskussion läuft über Lautsprecher und Mikrofon, und die 14 Kommilitonen sind sich nicht einig, wie gut Schüler über ihre Lehrer urteilen können.

»Jetzt muss ich aber mal eine Lanze für meine Schüler brechen«, sagt Claudia Dreyer, noch hören die anderen sie nicht. Sie meldet sich, hebt die Hand, ohne ihren Arm zu bewegen. Ein Klick genügt. Ihr Bild in der Liste der Seminarteilnehmer verschwindet, und an seiner Stelle erscheint die Handfläche - die Bitte um das Rederecht. »Frau Dreyer?«, die Professorin hat sie drangenommen. »Ja, es gibt eine große Übereinstimmung der Einschätzung von Schülern über ihre Lehrer mit meiner Einschätzung«, sagt Claudia Dreyer in das Mikrofon an ihrem Headset, »Schüler sind eine wichtige Informationsquelle für Mitarbeitergespräche, es ist mir ein Anliegen, das mitzubedenken.« Nah am Schüler möchte sie sein, und so führt Claudia Dreyer auch ihr Unternehmen Schule, den Gymnasialzweig des Schulzentrums in Bremen- Nord. Morgens heißt das - laufen. Es ist kurz nach acht Uhr, 12 Stunden bevor sie abends nach Hause und in die Uni gehen wird. Claudia Dreyer läuft mit schnellen Schritten durch die Flure in den ersten Stock, sie sucht einen Schüler, er müsste im Unterricht sitzen. Seit einer Woche kommt er hierher, obwohl er in Niedersachsen gemeldet ist, das ist ohne eine Freistellungserklärung nicht erlaubt. »Das geht nicht, da kann er sich nicht durchmogeln«, schimpft Dreyer, klopft an die Tür des Klassenzimmers, steckt den Kopf rein und muss unverrichteter Dinge wieder abziehen, durch das ganze Haus in den Verwaltungstrakt. Viel Zeit bleibt nicht, gleich ist ein Gespräch mit einem Lehrer anberaumt.

Claudia Dreyer ersetzt das grüne Magnet-Ampelmännchen an ihrer Tür durch das rote, in ihrem Büro herrscht Ordnung, wie in ihrem Alltag. Sie ist nie ohne ihren Kalender unterwegs, selbstsicher tritt sie auf. »Gerade als junge Frau ist es nicht immer leicht, Dinge, die schon lange laufen, neu zu organisieren.« Jetzt soll das Handbuch mit Leitfäden zu den internen Abläufen der Schule aktualisiert werden. Wie funktioniert die Öffentlichkeitsarbeit? Wie werden die Referendare und die Praktikanten betreut? »Schüler sind keine Kunden«, das sei der große Unterschied zwischen einem Wirtschaftsunternehmen und ihrem Gymnasium. Die Prozesse dagegen ähnelten sich längst. »So richtig weiter sind wir noch nicht gekommen«, sagt der Lehrer, der das Handbuch betreut. »Es gab ja auch die Projektarbeit auszuwerten«, sagt Claudia Dreyer.

Verständnis in Alltagssituationen, auch darum wird es heute Abend im Seminar gehen. Ob sie mit den Methoden aus dem Studium wirklich Erfolg hat, wird sich noch herausstellen. In einem Konflikt zwischen Schülern, Lehrern und Eltern hat sie zum ersten Mal Vorgespräche mit den Parteien geführt, darüber, was man im gemeinsamen Treffen erreichen kann. Das hat sie in der Einheit über Konfliktmanagement gelernt. »Bald treffen wir uns alle zusammen, dann werde ich sehen, ob es etwas gebracht hat.« Jetzt muss sie in den Unterricht. 12. Klasse Biologie, Aktionspotenziale in Nervenzellen. Es ist gleich halb zwei, außer einem Stück Apfelkuchen hat sie nicht viel gegessen heute. Noch sind es gut sechs Stunden, bis die Uni losgeht, und Claudia Dreyer muss noch zur Dienstbesprechung mit den Schulleiterkollegen, den Unterricht für morgen vorbereiten, einen Kinoabend organisieren. Ihr Mann, leitender Oberarzt in einer Bremer Klinik, wird erst um zehn heimkommen.

Zu Hause, im Hörsaal mit dem flauschigen Teppichboden, loggt Claudia Dreyer sich etwas früher ein auf der Studiengangs-Plattform.

Sie hat letzte Woche eine Klausur geschrieben, »mal schauen, ob sie schon korrigiert ist«. Keine neue Nachricht auf ihrer Seite. »Schade«, das wäre ihr als Lehrerin nicht passiert.

Aus DIE ZEIT :: 05.03.2009

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