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Die Rechtswissenschaft ist am Ende ihres Sonderwegs

Von Jan-Martin Wiarda

Lange haben die Juristen aller Bundesländer fast geschlossen gegen den Bachelorabschluss und für das Staatsexamen gekämpft. Nun schwindet der Widerstand.

Die Rechtswissenschaft ist am Ende ihres Sonderwegs© meg380 - iStockphoto.com
Der Beschluss kam im üblichen Bürokratendeutsch daher - so verschwurbelt, dass man fast die bildungspolitische Sensation übersehen konnte, die sich hinter den Worten verbarg: "Angesichts der aktuellen Diskussion" einigten sich die 16 Landesjustizminister auf ihrer Herbstkonferenz in Berlin darauf, "anhand unterschiedlicher Modelle Möglichkeiten und Konsequenzen einer Bachelor- Master-Struktur einschließlich der berufspraktischen Phase" untersuchen zu lassen. Was der Satz wirklich bedeutete: Eine der letzten Bastionen der Bologna-Gegner war gefallen.

Bologna, das ist das mittlerweile weit bekannte Synonym für eine der größten Umwälzungen, die Europas Hochschulen jemals erlebt haben. Innerhalb weniger Jahre sollen sie alle ihre Studien gänge auf die international vergleichbaren, aufeinander aufbauenden Abschlüsse Bachelor und Master umstellen, so haben es Vertreter Dutzender europäischer Staaten 1999 in der gleichnamigen italienischen Stadt vereinbart. Eine gewaltige logistische Herausforderung, die allerdings fast noch gemütlich wirkt angesichts der ideologischen Kämpfe, die besonders in Deutschland um Sinn und Unsinn der Reform entbrannten - zumal sich die mit ihr verbundenen Hoffnungen, mehr internationale Mobilität, ein schnelleres Studium, geringere Abbrecherquoten, bislang nur teilweise erfüllt haben. Professoren und Studenten spalteten sich in zwei Lager auf, durch Fakultäten und Hochschulen ging ein Riss, und während die einen sich übereifrig an den Umbau machten, hoben die anderen Verteidigungsgräben aus.

Die vermeintlich wirkungsvollste Abwehrstrategie ersannen die Juristen. Anstatt zu demonstrieren oder passiven Widerstand in irgendwelchen Hochschulgremien zu proben, setzten sie ihre mächtige Lobbymaschine in Gang: Kein anderes Fach verfügt über so viele Vertreter in den Parlamenten und Regierungen des Landes. Allein im Bundestag sitzen 143 Volljuristen, das ist fast jeder vierte Abgeordnete. Die zweitgrößte Berufsgruppe, die Gymnasiallehrer, stellt gerade mal 34 Volksvertreter. Das Ergebnis der Lobbyarbeit: Im Koalitionsvertrag der Großen Koa lition von 2005 steht zwar, dass der Bologna-Prozess ein »richtiger Schritt« sei, den es zu fördern gelte, in Bezug auf die Juristenausbildung aber heißt es lapidar: "kein Bedarf für neue Abschlüsse". Anders als die ähnlich widerspenstigen Mediziner und Ingenieure hatten sich Juristen damit eine einzigartige rechtliche Sonderstellung geschaffen, die ihnen Ruhe bis weit ins nächste Jahrzehnt hätte garantieren sollen. Doch es kam anders: Die Front der Bolog na-Gegner begann bereits kurz danach zu bröckeln, lange Zeit fast unmerklich, bis sich sogar die ersten Justizminister aus der Deckung wagten. Uwe Döring zum Beispiel, Ressortchef in Schleswig-Holstein. Der SPD-Politiker sagt heute: "Die Reform muss kommen. Je früher, desto besser."

Wer nach den Gründen für den überraschenden Gesinnungswandel sucht, stößt immer wieder auf die gleiche Adresse am Hamburger Rathausmarkt. Hier residiert der Notar Jens Jeep, ein großer, stämmiger Mann mit ausgeprägtem Willen. Seit Jahren geht er Freund und Feind auf die Nerven mit einer Flut von E-Mails, Anrufen und Modellvorlagen, in denen er für den Totalumbau der Studiengänge streitet - mit einer Leidenschaft, die selbst Minister Döring bei ihren Begegnungen mit den Augen rollen lässt. "Anfangs hat die Vorschläge niemand ernst genommen", sagt Jeep mit seiner dröhnenden Stimme. "Umso mehr freue ich mich, dass sie nun von so vielen vertreten werden. Schön wäre es natürlich, würden auch die Vorarbeiten entsprechend honoriert."

Jeep und andere Bologna-Überzeugungstäter haben geschickt die allmählich kippende Stimmung an den Hochschulen ausgenutzt. Während den Juristen, Medizinern und Ingenieuren für ihren Widerstandsgeist lange die Sympathien der weniger einflussreichen Fächer zuflogen, schlug das Wohlwollen in letzter Zeit mehr und mehr in Ärger und Unverständnis um: Wir müssen mit der Reform kämpfen, und die braten sich fleißig Extrawürste, schimpften viele Professoren anderer Fächer hinter vorgehaltener Hand. Gleichzeitig entwickelten einzelne Jurafakultäten im Alleingang neue, Bologna-konforme Programme, etwa die Universität Mannheim, an der Studenten schon jetzt über einen Bachelor zum Staatsexamen kommen können. So gerieten, je länger der Umbau an den Hochschulen bereits im Gang war, auch die Rechtswissenschaften immer stärker auf die Bologna-Rutschbahn - ein Effekt, den die Reformfans mit einer Vielzahl an Konferenzen, Symposien und Seminaren zu unterstützen wussten.
Der Vorschlag, den Uwe Döring vor zwei Monaten bei der Justizministerkonferenz im Gepäck hatte, erinnerte denn auch tatsächlich an das sogenannte Vierstufenmodell, mit dem Jens Jeep seit 2005 durch die Lande zieht. Die Grundidee: Ein vierjähriges, abgeschlossenes Bachelorstudium soll die Voraussetzung werden, um über eine staatliche Eingangsprüfung ins Referendariat zu kommen. Wer nicht an einem der reglementierten Berufe (Richter, Staatsanwalt und Anwalt) interessiert ist, könnte sich dann auch das Referendariat sparen und stattdessen einen Master machen. Der Deutsche Anwaltverein, die Be rufs ver tre tung der Anwälte, hat bereits offen seine Unterstützung für Dörings Vorschlag signalisiert.

Nur ist Schleswig-Holstein nicht gerade ein Schwergewicht in den Reihen der Bundesländer, zumal die mächtigen Bayern sich als Wahrer des traditionellen Staatsexamens positioniert haben.
Die Rechtswissenschaft ist am Ende ihres Sonderwegs

Dr. Jens Jeep

Dörings Vorstoß wäre unter den Justizministern wohl chancenlos geblieben, könnte er nicht auf mächtige Unterstützer zählen: Nordrhein-Westfalens christdemokratische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zum Beispiel oder die Kollegen Ulrich Goll (FDP) aus Baden-Württemberg und Geert Mackenroth (CDU) aus Sachsen. Zwar unterscheiden sich deren Reformkonzepte von Dörings Idee in vielen wichtigen Details von der Semesterzahl des Bachelorstudiums über die Rolle künftiger Staatsprüfungen bis hin zur möglichen kompletten Abschaffung des Referendariats. Doch die grundlegendste Frage, warum das alles?, beantworten sie fast wortgleich. Roswitha Müller-Piepenkötter sagt: "Nur durch die Studienreform bekommen die Studierenden endlich die nötige Vielzahl moderner Wahlmöglichkeiten für den Berufseinstieg."

Dieses Argument ist auch Uwe Döring stets das liebste. In Diskussionsrunden, in denen er für die Reform wirbt, kokettiert er mit dem Hinweis, er sei schließlich nicht nur Justiz-, sondern auch Arbeitsminister. "Und das Heer von Taxifahrern mit Juraabschluss ist erschreckend groß." Das traditionelle Studium sei zu sehr auf die drei reglementierten Berufe zugeschnitten, dabei lande nur noch die Minderheit der Absolventen in einem von ihnen. Dem widerspricht Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) mit Nachdruck: "Ich habe mit der Lupe nach all den angeblich Taxi fahrenden Juristen gesucht. Gefunden habe ich sie nirgendwo."

Spätestens seit der Berliner Justizministerkonferenz haben allerdings auch die glühendsten Verteidiger des Status quo die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Rhetorik angepasst. Zwar lässt Staatsministerin Merk immer noch keine Gelegenheit aus, gegen "die Fesseln von Bologna" zu wettern und zu bekräftigen, dass die Rechtswissenschaft die Umstellung nicht brauche. Doch für den Fall, dass sie die Reform nicht verhindern könne, fügt sie hinzu, werde sie zumindest peinlichst darauf achten, "dass die Ansprüche an die Qualität nicht auf gegeben werden".

Was nur zu verständlich wäre. Denn vielerorts ist von den hochfliegenden Träumen der Bologna-Fans in der Realität nicht viel übrig geblieben: Überregulierte, mit Stoff vollgestopfte Studienprogramme haben nach Daten des Hochschul-Informations- Systems (HIS) die Abbrecherquoten in einigen Fächern sogar in die Höhe getrieben, in ihrer zeitlichen und inhaltlichen Enge haben sie zudem die früher so beliebten Auslandssemester fast unmöglich gemacht. Natürlich gibt es auch viele Erfolgsbeispiele, doch selbst Minister Döring kann seiner Kollegin nicht widersprechen, wenn Beate Merk sagt: "Die Reformwirklichkeit an vielen Hochschulen spricht eine deutliche Sprache. Und zwar gegen die Reform." Darum übt Uwe Döring sich lieber in Optimismus: "Weil die Rechtswissenschaften die Reform so lange aufgeschoben haben, haben sie jetzt die Gelegenheit, von den Fehlern der anderen zu lernen und es von Anfang an besser zu machen."

Zeit zum Lernen bleibt noch genug. Bis "spätestens 2011", so beschlossen die Justizminister, soll der für die Juristenausbildung zuständige Koordinierungsausschuss seine Reformvorschläge vorlegen. Der wenig ehrgeizige Zeitplan war ein kleiner Sieg der Bologna-Gegner auf der Konferenz. Es dürfte ihr letzter gewesen sein.

Aus DIE ZEIT :: 22.01.2009

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