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Die Starthelfer

Von Sandra Schmid

Professionelle Mentoring-Programme sollen den Berufseinstieg erleichtern. Es gibt sie längst nicht mehr nur für Frauen.

Die Starthelfer© Godfried van Loo - Fotolia.comProfessionelle Mentoring-Programme geben Hilfe beim Berufseinstieg
Odysseus ernannte den besten Freund zum Beschützer seines Sohnes. Er sollte dem jungen Telemach während Odysseus' Abwesenheit zur Seite stehen. Der Name des Freundes: Mentor. Heute ist dieser Mentor aus Homers Epos zum Synonym und Ideal des älteren und wohlwollenden Beraters geworden. In allen Bereichen von Ausbildung und Beruf fand und findet man Förderer: Meister, Doktorväter - oder auch die sogenannten Alten Herren, die als Ehemalige nicht nur ihre frühere Studentenverbindung finanziell unterstützen, sondern auch den Verbindungsnachwuchs mit reichlich Vitamin B protegieren.

Ein System der Nachwuchs- und Karriereförderung allerdings, das jenseits von persönlicher Sympathie, gesellschaftlichem Status oder Zugehörigkeit zu einer Verbindung funktioniert, war bislang in deutschen Universitäten und Unternehmen kaum ausgebildet. Und: Seilschaften, die das Erklimmen der Karriereleiter in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik erleichtern, gab es oft nur für Männer. Professionelle Mentoring-Programme sollen das durchbrechen. »Wir wollen keine Mauschelei mehr, sondern eine Würdigung der Soft Skills«, sagt Christine Kurmeyer, Vorsitzende des »Forum Mentoring«. Ein Grund, weshalb sich die ersten universitären Projekte in Deutschland zu Beginn der neunziger Jahre ausschließlich an Frauen richteten. Sie sollten dabei unterstützt werden, endlich in traditionelle Männerdomänen wie die Naturwissenschaften oder gar in Führungspositionen vorzudringen. Auch viele Unternehmen erkannten die Vorteile des Mentoring: Siemens organisierte mit Yolante ein internes Programm, um hoffnungsvollen weiblichen Nachwuchskräften den Weg in die Führungsetage zu erleichtern. Andere kooperieren gezielt mit universitären Initiativen - wie etwa dem »MentorinnenNetzwerk«.

Inzwischen gibt es schätzungsweise zwischen 100 und 200 solcher Programme an deutschen Hochschulen - und längst nicht nur an so großen wie in Berlin oder München. Der Fokus ist unterschiedlich: Die einen sind weiterhin ausschließlich für Frauen gedacht, die anderen für beide Geschlechter. Manche Programme richten sich an alle Studierenden einer Uni, manche nur an die bestimmter Fachbereiche. Einige kooperieren mit anderen Hochschulen oder sogar Unternehmen. Die Mentoring-Landschaft ist aber auch aus einem anderen Grund unübersichtlich: Täglich entstehen neue Projekte, andere wiederum werden eingestellt. Insgesamt sei die Tendenz jedoch »stetig steigend«, sagt Christine Kurmeyer. Nicht zuletzt, weil viele Bundesländer und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft Mentoring mit speziellen Fördergeldern unterstützen.

Eine, die herausgefunden hat, was Mentoring bedeuten kann, ist Ilka Olbrich. Beim »Mentorinnen-Netzwerk«, das speziell den Berufseinstieg von Studentinnen aus naturwissenschaftlichen und technischen Fächern fördert, traf die 26-Jährige auf Gudrun Sauer. Diese war als Physikerin bei Fresenius tätig. »Ein irrer Glücksfall«, erzählt Ilka. Denn die 39-jährige Gudrun Sauer wurde nicht nur ihre Mentorin, sie setzte sich auch dafür ein, dass die Studentin ihre Diplomarbeit bei ihrer Firma schreiben konnte. Das Prinzip von Mentoring ist simpel. Jüngere profitieren von der Erfahrung und den Kontakten Älterer. Konkret bedeutet das: Eine Führungskraft begleitet einen Studenten oder Berufsanfänger in der Regel ein Jahr lang, meist in der entscheidenden Übergangsphase zwischen Uni-Abschluss und Berufseinstieg. Dies wird bei professionellen Programmen oft von zusätzlichen Veranstaltungen flankiert: Workshops zu Themen wie »Soft Skills« oder »Coaching« richten sich bewusst an Mentees und Mentoren: Schließlich braucht so manche Führungskraft mit Vollzeitjob eine Motivation, um sich zusätzlich zu engagieren.


Im Kern geht es beim Mentoring jedoch um den persönlichen Kontakt zwischen Mentor und Mentee: In regelmäßigen, vertraulichen Gesprächen ist Platz für ganz praktische Tipps zu Praktika oder Stellen, aber auch für die großen Fragen, etwa wohin es beruflich gehen soll. Weil alles unter vier Augen bleibt, kann offen geredet werden. So ist gerade ein Mentor in der Lage, etwas zu geben, was oft in der Uni oder am Arbeitsplatz zu kurz kommt: ein individuelles Feedback. Wie oft sich Mentor und Mentee treffen, hängt von dem einzelnen Tandem ab. Ilka Olbrich und ihre Mentorin Gudrun Sauer arbeiteten bei Fresenius Tür an Tür. »Da haben wir uns natürlich täglich gesehen«, sagt Olbrich. Die Mentorin war so jederzeit für sie erreichbar.

Doch nicht nur Diplomanden im Übergang in den Beruf profitieren von so einer Betreuung, sondern auch Studenten wie Stefan Jacob. Der 23-Jährige studiert im sechsten Semester Jura und überlegt, nach seinem Staatsexamen eine Laufbahn als Steuerberater einzuschlagen. Noch im Grundstudium bewarb er sich deshalb beim Mentoring-Programm der Universität Mannheim und suchte gezielt nach einer Mentorin aus dieser Branche. Eine, die aus der Praxis erzählen und Tipps geben kann, welche Schwerpunkte er in seinem Studium legen soll. Die Uni vermittelte ihm den Kontakt zu Katrin Müller. Die 34-Jährige ist Wirtschaftsprüferin und arbeitet bei Ernst & Young in Stuttgart. An ihr erstes Treffen erinnert sich Jacob noch genau: Sie gingen mexikanisch essen, und Müller bot ihm bald das Du an. »Das hat mich zwar überrascht«, sagt Jacob, »aber ich fand es besser so, vertrauter.« Aufgrund der Entfernung zwischen Stuttgart und Mannheim konnten sich die beiden nur selten sehen. Gestört hat es Jacob nicht: »Wir haben dafür mehr Mails geschrieben oder telefoniert.« In der Regel einmal im Monat, aber öfter, wenn Jacob Rat suchte. Inzwischen ist der offiziell auf ein Jahr geschlossene Mentoring-Vertrag beendet. Nicht aber der Kontakt: Sollte er seine Mentorin brauchen, hat er ihre Telefonnummer.

Und auch die Mentoren profitieren von dem Kontakt zu Jüngeren. Katrin Müllers Engagement als Mentorin beruht nicht allein auf der Vorgabe ihres Arbeitgebers: Die Prüfer- und Beraterfirma Ernst & Young knüpft zwar bewusst Kontakte zu Universitäten, um Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Doch auch Müller nützt der Austausch: Sie hilft Jacob, sich zu orientieren, kann dabei aber auch den eigenen Werdegang reflektieren. Wichtig aber: Immer ist es der Mentee, der sich selbst die Ziele stecken muss. Der Mentor kann ihn nur dabei unterstützen. Gudrun Sauer hat aber erlebt, dass manche Mentees gar nicht wussten, was sie wollten: »Da war unausgesprochen diese Bitte: 'Sag mir, was ich tun soll'«, erinnert sich Sauer.

Doch Lösungen vorzugeben oder gar psychische Probleme aufzufangen sei nicht ihre Aufgabe. Wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Beziehung zwischen Mentor und Mentee ist, dass die Chemie stimmt. Dann kann sich eine ganz persönliche Bindung entwickeln. »Sie füllt eine Lücke, die in modernen Arbeitsverhältnissen größer geworden ist«, sagt Christine Kurmeyer vom Forum Mentoring. E-Mails, SMS, Telefonkonferenzen - die Technisierung der Kommunikation verhindere oft den direkten Kontakt untereinander. Doch: »Das, was abfällig als 'Schmierstoff' zwischen den sachlichen Informationen wegrationalisiert wurde, ist anscheinend doch ein wesentliches Element des menschlichen Zusammenlebens.«

Aus DIE ZEIT :: 07.01.2010

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